Wir müssen über die Pressefreiheit reden. Ein Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums hat massive Einschränkungen von Journalist*innen und eine Enteignung ihres geistigen Eigentums gefordert; das Positionspapier war gut einen Monat öffentlich auf der Webseite des Ministeriums zugänglich. Unbemerkt vielleicht, aber in jedem Fall unwidersprochen. (Mehr dazu hier.)

Es reicht nicht, nun zu betonen, dass hier keinesfalls die Haltung des Ministeriums wiedergegeben worden sei, und das Dokument nun viel zu spät zu löschen. Die Bundesregierung muss endlich damit beginnen, die Belange von freien Journalist*innen zu berücksichtigen. 

Deshalb unsere Bitten an die Bundesregierung:

Sprechen Sie mit uns, hören Sie uns zu. Journalismus ist ein Pfeiler der Demokratie, der zwar oft stört, aber dennoch unverzichtbar ist. Setzen Sie einen ständigen Beirat von freien und festangestellten Journalist*innen ein, der Missstände und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. 

Schaffen Sie Rahmenbedingungen, die die Pressefreiheit auch in Krisenzeiten gewährleisten. Journalist*innen müssen berichten können, ohne Angst vor Bedrohungen und kostenintensiven Abmahnungen zu haben. Wir brauchen Bewegungsfreiheit. Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie dürfen die Arbeit von Journalist*innen nicht einschränken. Nicht zuletzt benötigen wir ein Urhebervertragsrecht, das freienJournalist*innen ein auskömmliches Einkommen zu allen Zeiten garantiert.

Auch an die Medienunternehmen haben wir eine Bitte:

Stellen Sie sich hinter ihre freien Journalist*innen; verzichten Sie auf Vertragsklauseln, die die Haftung für Berichte vollständig auf die freien Mitarbeiter*innen übertragen. 

Denn die Ereignisse der vergangenen Tage sind nur die vorerst letzten in einer immer länger werdenden Serie aus Vorkommnissen, die vor allem freien Journalist*innen die Arbeit schwer machen.

Viel zu oft versuchen Unternehmen, unliebsame Berichterstattung durch die Drohung mit juristischen Schritten zu verhindern. Ohne Rückhalt durch Politik und Auftraggeber*innen verhindert dies auch korrekte, berechtigte Beiträge. Immer wieder berichten Kolleg*innen, dass Polizeibeamt*innen oder Ordnungsbehörden die Privatadresse und den Inhalt der Berichterstattung erheben.

Wer als freie Journalist*in auf einer eigenen Homepage im Netz für die eigene Arbeit werben will, muss die eigene Adresse öffentlich machen, und dies in einer Zeit, in der Bedrohungen zunehmen. Bei der Überarbeitung des Urheberrechts sind indes zwar die Interessen von Presseverlagen umfangreich berücksichtigt worden. Freie Journalist*innen haben aber nach wie vor keine realistische Möglichkeit, auskömmliche Honorare und Verträge auf Augenhöhe durchzusetzen. Deutsche Auslandskorrespondent*innen, deren Berichterstattung eine Basis für die Gestaltung der deutschen Außenpolitik bildet, wurden bei den Hilfsmaßnahmen zur Milderung der Folgen der Corona-Pandemie völlig vergessen. 

Journalismus ist kein Luxus, auf den man in Krisenzeiten eben verzichten können muss, sondern eine Lebensnotwendigkeit. 

Freischreiber, der Berufsverband freier Journalist*innen, ist jederzeit zum Gespräch bereit.

Freischreiber setzt sich seit über zehn Jahren exklusiv für die Belange freier Journalist*innen ein. Wir streiten für ein Urheberrecht, das tatsächlich den Urheber*innen dient und nicht den Verwerter*innen, für bessere Verträge und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. 

Ausfallhonorare zahlen, Ersatzaufträge anbieten, Absicherung freier Journalist*innen verbessern: Freischreiber appelliert an die Solidarität der Redaktionen mit ihren freien Journalist*innen. (mehr …)

Manchmal gibt es das: Redaktionen, bei denen die freien Journalistinnen und Journalisten nicht gesichtslose Zulieferer sind, sondern Teil des Ganzen. Einmal im Jahr lädt die G+J Familienredaktion, zu der u.a. ELTERN, ELTERN FAMILY und URBIA gehören, alle Freien zum Autorentag ein. Zum Austausch, zum Kennenlernen und zum Diskutieren neuer Strategien. „Ohne Freie könnten wir unsere Hefte und Digitalangebote gar nicht herausgeben. Die Freien sind ein sehr wertvolles Kapital“, sagt Bernd Hellermann, Editorial Director der G+J Familienredaktion. Es ist also nur konsequent, dass ELTERN der Zusammenarbeit nun einen festen Rahmen verliehen hat.

Am Freitag, dem 11. Oktober 2018, unterschrieb die G+J Familienredaktion den Code of Fairness von Freischreiber. Der Code ist eine freiwillige Selbstverpflichtung für den fairen Umgang zwischen Redaktion und freien Journalistinnen und Journalisten. Er umfasst zehn Punkte, zu denen unter anderem angemessene Honorare, fristgerechte Bezahlung und die verbindliche Abnahme von Beiträgen gehören.

Zum Unterzeichnungstermin erschien fast die gesamte Führung: Bernd Hellermann, die Redaktionsleiterinnen Rosa Wetscher und Franziska Klingspor sowie Managing Editor Oliver Steinbach. „Wir freuen uns sehr, dass ELTERN sich dazu entschlossen hat, den Code zu unterzeichnen“, sagt Freischreiber-Vorstandsvorsitzende Carola Dorner. „Von unseren Mitgliedern haben wir bislang nur Gutes über die Zusammenarbeit gehört.“

Gegenseitige Wertschätzung ist leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Umso mehr freuen wir uns, dass einige Redaktionen mit gutem Beispiel vorangehen. Bisher haben Die Zeit, Krautreporter, Der Freitag und die P.M.-Gruppe den Code of Fairness unterschrieben.

Hier geht es zur Pressemitteilung als pdf, hier zum Freischreiberlogo in der Druck– und in der digitalen Version und hier zum Bild der Unterzeichner.

16. Oktober 2018

Auch eine Ombudsfrau für die Freien wurde ernannt.

Das sind mal richtig gute Nachrichten aus dem Hause Gruner+Jahr: Jens Schröder, Chefredakteur der P.M.-Gruppe (P.M., P.M. History und P.M. Fragen & Antworten) und von National Geographic, hat am 21. August 2018 unseren Code of Fairness unterzeichnet. Damit verpflichten sich die genannten Redaktionen zu einer fairen Zusammenarbeit mit freien Journalisten. Der Code of Fairness umfasst zehn Punkte, darunter: angemessene Honorare, fristgerechte Bezahlung, verbindliche Abnahme von Beiträgen sowie die Beteiligung an Erlösen bei Weiterverkäufen (diesen Punkt regeln übergeordnet die Rahmenverträge des Verlages Gruner+Jahr). Schwergefallen ist Jens Schröder dieser Schritt nicht. Seine Redaktionen halten sich seit Langem an die Vorgaben des Code of Fairness. Nun folgt mit der Unterzeichnung jedoch die Zustimmung ganz offiziell. Wir freuen uns sehr darüber!

Und es gibt noch einen weiteren Grund zur Freude: Sollte es in der Zusammenarbeit zwischen den Redaktion und ihren freien Journalisten doch einmal knirschen, können sich die Freien nun an eine Ombudsfrau wenden: Christiane Löll, Leitende Redakteurin von P.M. Fragen & Antworten. Den Hamburger Freischreibern ist sie noch in bester Erinnerung als ehemalige Regiogruppen-Leiterin. Heute ist sie Freischreiber-Fördermitglied – und nun Ombudsfrau. Eine bessere hätten wir uns nicht wünschen können.

Die Redaktionen der P.M.-Gruppe und von National Geographic gehen nun mit gutem Beispiel voran, wie auch die CoF-Unterzeichner Krautreporter, Die Zeit und Der Freitag. Ombudsleute konnten wir bereits bei Spiegel Online und Die Zeit implementieren. Freischreiber wünscht sich, dass noch viele diesen Pionieren folgen werden. Denn ohne faire Zusammenarbeit zwischen Festen und Freien ist guter Journalismus nicht möglich. Und den brauchen wir in diesen Zeiten mehr denn je.

Die ZEIT hat vor ein paar Jahren den Code of Fairness unterschrieben, und darüber freuen wir uns sehr. Mit der freiwilligen Selbstverpflichtung kommen wir den guten Arbeitsbedingungen für freie Journalisten einen entscheidenden Schritt näher. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen es knirscht zwischen den Freien und ihren Auftraggebern – auch bei der ZEIT. Deshalb haben wir uns dafür stark gemacht, dass ein Ombudsmann oder eine Ombudsfrau eingesetzt wird, bei dem oder der sich Freie bei Problemen in der Zusammenarbeit künftig melden können. Wir haben mit unserer Idee offene Türen eingerannt und präsentieren heute froh die Freien-Ombudsfrau Iris Mainka. Sie ist Chefin vom Dienst, praktisch immer erreichbar und hat ein offenes Ohr und eine Mailadresse (iris.mainka-at-zeit.de) für freie Journalisten.

8. März 2018

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Jakob Augstein, Chefredakteur der Wochenzeitung Der Freitag, hat den Code of Fairness unterzeichnet. Der Code umfasst zehn Regeln für den fairen Umgang mit freien Journalisten. Er ist eine freiwillige Selbstverpflichtung, auf die sich die freien Autoren des Freitag in Zukunft berufen können, wenn es zwischen der Redaktion und den freien Schreibern hakt.

Noch im April 2017 hatte Freischreiber den Freitag für den Höllepreis nominiert, weil er der freien Autorin und Freischreiberin Petra Reski in einem Rechtsstreit jede Hilfe versagt hatte. Reski hatte in einem Artikel im Freitag den Namen eines mutmaßlichen Mafiosos genannt, der sie daraufhin auf Unterlassung verklagt hatte. Der Fall landete vor Gericht, der Freitag distanzierte sich von der Autorin. In den sozialen Medien wurde reichlich dreckige Wäsche gewaschen, und Jakob Augstein und Petra Reski ringen heute noch um eine Einigung.

„Freie Journalistinnen und Journalisten brauchen Redaktionen und Verleger, die zu ihnen stehen“, sagt Dr. Carola Dorner, Vorsitzende von Freischreiber e. V., „gerade dann, wenn es mal brenzlig wird.“ Für den Freitag blieb es bei der Nominierung. Der Höllepreis 2017 ging an die Süddeutsche Zeitung, deren Chefredaktion sich bis heute einem Gespräch verweigert.

„Freischreiber vergibt Preise und Nominierungen nicht, um Verlage zu verurteilen, sondern um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und um die Situation für freie Autorinnen und Autoren zu verbessern“, sagt Dorner. Genau das ist mit dem Freitag nun passiert: Kurz nach der Preisverleihung im Frühjahr 2017 trafen wir uns mit Jakob Augstein zum Gespräch über den angemessenen Umgang mit freien Journalisten – und über die zehn Punkte in unserem Code of Fairness.

„Den Code of Fairness der Freischreiber zu unterzeichnen war uns ein großes Anliegen, um die bereits bestehende gute Zusammenarbeit zwischen der „Freitag“-Redaktion und unseren freien Autorinnen und Autoren noch transparenter und verbindlicher zu gestalten,“ erklärt Augstein am Freitag in Berlin.

„Man kann Jakob Augstein für vieles kritisieren, was im Fall Reski schieflief – und das haben wir auch deutlich getan“, sagt Dorner. „Heute freuen wir uns aber über das Bekenntnis der Redaktion zum Code of Fairness, und wir begrüßen es ausdrücklich, dass ein Verleger und Chefredakteur den Schritt wagt, eine freiwillige Selbstverpflichtung zu unterschreiben und es in Zukunft besser zu machen.“

Mit freundlichen Grüßen

die :Freischreiber
23. Oktober 2017

 

Freischreiber wurde 2008 von freien Journalistinnen und Journalisten gegründet, setzt sich für angemessene Arbeitsbedingungen für Freie in der Medienbranche ein. Der Verband hat heute rund 700 Mitglieder.

………………..

:Freischreiber e. V.
Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten
Kontakt: Yvonne Pöppelbaum,
Telefon: 040 / 22 86 71 52, kontakt@freischreiber.de
Webseite: www.freischreiber.de

Hölle-Preis an „Tagesspiegel“ übergeben.

Heiß stellten wir es uns in der Hölle vor. Und dann war es dort aber gar nicht so unangenehm an diesem mittelwarmen Sommertag im Juli. Weil Lorenz Maroldt zur Preisvergabe im April nicht nach Hamburg kommen konnte, kam der Preis jetzt in Begleitung der Vorstände Benno Stieber und Carola Dorner zum „Tagesspiegel“ nach Berlin.

Dort wurde er freundlich entgegengenommen. Normalerweise rechnen wir mit Widerrede, Lamento, Beteuerungen. Beim „Tagesspiegel“ erlebten wir nichts davon. Ein einsichtiger Chefredakteur Maroldt erklärte uns, wie es zur Katastrophe kam, die dazu führte, dass die „Tagesspiegel“-Freien von heute auf morgen im Regen standen. Es war nämlich eine Anweisung des Verlages. Den Negativ-Preis müsse er dann ja wohl entgegennehmen, sagte Maroldt.

Aber ein Weg aus der Hölle ist möglich. Vielleicht auch für den „Tagesspiegel“. Tatsächlich macht man sich dort Gedanken über alternative Vergütungsmodelle, um die Zusammenarbeit mit den Freien zu optimieren. Unseren Code of Fairness haben wir Lorenz Maroldt als Anregung dagelassen. Wir sind gespannt, wie es weitergeht.

Juli 2016

Die Redaktion bekennt sich damit zu einem fairen Umgang mit Freien Autoren. „Ein Signal für die gesamte Branche“

Hamburg 25.03.2015. Die Chefredaktion der ZEIT unterzeichnet neun von zehn Punkten unseres Code of Fairness. Damit bekennt sich die Wochenzeitung als erste große Redaktion zu verbindlichen, wiewohl juristisch nicht einklagbaren Kriterien für einen fairen Zusammenarbeit mit freien Autoren.

Moritz Müller-Wirth, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT erklärt: “Der Großteil der Punkte des Code of Fairness war in unserem Haus ohnehin gut geübte Praxis. In anderen, wie zum Beispiel die Bezahlung eines Beitrages bei seiner verbindlichen Annahme und nicht erst bei Abdruck haben wir uns gerne den Bedürfnissen der Freien Autoren angepasst”

„Wir freuen uns sehr, dass sich gerade die renommierte Wochenzeitung damit öffentlich zur fairen Zusammenarbeit bekennt“, sagt Benno Stieber, Vorsitzender des Verbands. „Das ist gerade in Krisenzeiten ein wichtiges Signal für die gesamte Branche“.

Die Printredaktion der ZEIT ist damit die zweite Redaktion, die den Code of Fairness von Freischreiber unterzeichnet. Zuvor hatte bereits das Online-Magazin Krautreporter den Code unterschrieben. Anders als Krautreporter bekennt sich DIE ZEIT zu neun von zehn Punkten. Eine Klausel, die garantiert, dass freie Autoren an allen Erlösen ihrer Werke finanziell beteiligt werden, wollte die Redaktion aussparen. Moritz Müller-Wirth, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT, erklärt dazu: „Da DIE ZEIT Vereinbarungen über die Weiterverwertung der Werke der Autoren nach individuellen Kriterien trifft, wurde der 10. Punkt aus der Vereinbarung ausgenommen.“

Der Code of Fairness regelt die Zusammenarbeit zwischen festen Redakteuren und freien Autoren. Er umfasst journalistische Grundsätze, faire Honorierung, Zahlungstermine und den transparenten Umgang mit Themenideen. Benno Stieber:

„Wir freuen uns über jede Redaktion, die dem Beispiel der ZEIT und von Krautreporter folgt.“

Die Vereinbarung gilt nur für die Printausgabe der ZEIT.

Freischreiber freut sich über die erfolgreiche Finanzierung der „Krautreporter“ und deren Unterzeichnung des „Code of Fairness“.

Freischreiber, der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten, freut sich über den Finanzierungs-Erfolg der „Krautreporter“ und wünscht den 25 beteiligten Kolleginnen und Kollegen viel Erfolg für ihre ambitionierte journalistische Unternehmung. Besonders freuen wir uns über die Unterzeichnung des Code of Fairness.

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Mit dem Erreichen des selbstgesteckten Ziels, mittels einer Crowdfunding-Kampagne mindestens 900.000 Euro zu bekommen, haben die Krautreporter-Journalisten nun eine Grundlage, um ihr Projekt eines täglichen, werbefreien Online-Magazins umzusetzen.

„Dieses Konzept eines unabhängigen journalistischen Kollektivs und eines selbstbestimmten Journalismus halten wir Freischreiber für einen richtigen und wichtigen Weg“, kommentiert Frank Keil, Mitglied des Freischreiber-Vorstands, den Krautreporter-Start. „Allein, dass sie ihr Vorhaben nun in die Praxis umsetzen und dort beweisen können, sehen wir als kräftigen Impuls für alle freiberuflichen Journalisten, nicht nur von eigenen Projekten zu träumen, sondern sie auch anzupacken.“ Daher wünschen die Freischreiber den Krautreportern und ihrem Magazin viel Erfolg.

Besonders erfreut sind die Freischreiber darüber, dass die Krautreporter den „Code of Fairness“ unterzeichneten, der zehn Regeln für eine gute Zusammenarbeit mit freien Autoren enthält – als erste Redaktion überhaupt. „Das ist genau die richtige Botschaft der Krautreporter, um zu zeigen, dass sie es mit der von ihnen angekündigten Erneuerung des Online-Journalismus ernst meinen und dies auch auf den Umgang mit externen Mitarbeitern beziehen“,  sagt Keil. „Wir werden sie im Laufe der kommenden Monate auch daran messen.“

Unter den 25 Krautreportern sind auch Freischreiber-Mitglieder. Zahlreiche Freischreiber-Mitglieder gehören zu den Unterstützern und Abonnenten der Krautreporter.

Für weitere Information steht Ihnen Frank Keil aus dem Freischreiber-Vorstand gern zur Verfügung: frank.keil@freischreiber.de

Mehr zum Code of Fairness lesen Sie hier.

Alternativ erreichen Sie Geschäftsstelle: 040-64 88 93 04, kontakt@freischreiber.de

Der Gründer von Freischreiber Kai Schächtele hat die 12 Thesen zum Journalismus in der aktuellen Zeit gelesen und fand: Da fehlt doch was! Wir kaufen ein paar Vokale und veröffentlichen den Text, mit  einem freundlichem Verweis auf sein Blog Der Aufreger.

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT haben Jochen Wegner und Bernd Ulrich zwölf lesens- und bedenkenswerte Thesen zu Print und Online zusammengetragen. Man sollte jede deutsche Redaktion zwingen, sie gleich heute morgen lutheresk an ihre Eingangstür zu hämmern. Mir fehlt allerdings ein Aspekt, weshalb ich eine 13. These hinzufügen möchte:
Debatten zur Zukunft des Journalismus sind wie Thsn hn Vkl, solange sie Geld aussparen (Ich möchte vier e, zwei o und ein a kaufen und lösen.).

Es hat keinen Sinn, über die Zukunft zu sprechen, wenn wir nicht endlich damit beginnen, gemeinsam zwischen Print und Online konstruktiv über Geld zu sprechen. Sonst lässt sich die Diskussion nicht vernünftig führen. Ich möchte das klar machen an dem Fall von Moritz Gathmann, der vor zwei Wochen Schlagzeilen gemacht hat. ZEIT Online hat die Zusammenarbeit mit ihm beendet, nachdem bekannt geworden war, dass der freie Journalist auch für die vom russischen Staat finanzierte Beilage „Russland heute“ gearbeitet hat.

Das Motiv hinter der Trennung ist völlig richtig: Es beschädigt die Arbeit eines unabhängigen Journalisten, wenn allein der Anschein aufkommt, dass seine Beobachtungen und Analysen von Interessen Dritter getrübt sein könnten. Viel souveräner aber und im Sinne der zwölf Thesen, nach denen wir alle zusammen mit Leidenschaft an der Zukunft unseres Berufs arbeiten sollten, wäre es gewesen, genau andersherum zu verfahren, Gathmann nämlich aufzufordern, die Zusammenarbeit mit „Russland heute“ umgehend einzustellen, und mit der Redaktion darüber zu sprechen, unter welchen Bedingungen er weiter professionell aus der Ukraine berichten kann. Und zwar über den aktuellen Konflikt hinaus. Mit einem dauerhaften Verdienst von 150 Euro für 5000 Zeichen geht das jedenfalls nicht.

Jochen Wegner hat sich in flankierenden Interviews auf einen Ethikcode berufen, der diesem Vorgehen entgegen gestanden hätte. Danach muss jeder Journalist eine längere Pause einlegen, wenn er für einen Auftraggeber in einem Aufgabengebiet gearbeitet hat, über das er später berichten möchte. Auch dieser Code ist sinnvoll und nachvollziehbar. Nur plädiere ich dafür, darin einen weiteren Punkt aufzunehmen:

Jeder, der für die ZEIT oder ZEIT Online schreibt, muss mit den Einkünften vernünftig wirtschaften können.

Das ist nicht viel verlangt von einer Redaktion, die verdientermaßen regelmäßig Rekordergebnisse einfährt und in der so viel Wirtschaftskompetenz versammelt ist, wie man sie jede Woche in der gedruckten und kontinuierlich in der Online-Ausgabe nachlesen kann.

Ich weiß, dass mich nun viele insgeheim für die ZEIT Magazin-Rubrik „Ich habe einen Traum“ vorschlagen. Gerade bei der ZEIT herrscht immer noch die Meinung vor, dass es eine Ehre ist, als Externer für das Blatt arbeiten zu dürfen. Wir sind nur inzwischen in einer Phase angekommen, in der viele Selbständige die eine Ehre mit der anderen quersubventionieren sollen. Und die Folgen sind zumindest in meinem Umfeld längst offensichtlich: Viele, von denen ich behaupte, dass sie mit ihrer Leidenschaft für den Journalismus, ihrer Umsetzungskompetenz und dem Pfeffer im Hintern einen unschätzbaren Wert für die Branche hätten, verlassen den Beruf und wechseln in die PR oder die Wirtschaft. Das ist nicht nur, wie ich weiß, für die Kollegen selbst ein kleines Drama, weil sie eigentlich nichts lieber täten als jeden Tag unabhängigen, informativen, leidenschaftlichen Journalismus zu produzieren.

Es ist auch verlagsökonomisch ziemlicher Unsinn: Viele meiner Kollegen haben Journalistenschulen besucht oder Volontariate absolviert. Das heißt, Verlage haben viel Zeit und Geld in ihre Ausbildung gesteckt. Und jetzt lassen sie zu, dass die abwandern? Das ist, als würde ein Staat ein universitäres System finanzieren und dann dabei zusehen, wie die Leute der Reihe nach das Land verlassen. In einigen Staaten in Osteuropa geschieht das ja und diese Staaten leiden enorm unter dem Verlust an ihrer eigenen Zukunft. Lasst uns doch gemeinsam verhindern, dass dies auch in unserer Branche passiert.

Ich nehme niemandem persönlich übel, dass die Dinge gerade so stehen, wie sie stehen. Jochen Wegner zum Beispiel sagte in einem der Interviews:

„Zeit Online ist ein tagesaktuelles Medium und unsere Honorare sind in diesem Feld konkurrenzfähig. Dass ein Chefredakteur Autoren und Redakteure gerne grundsätzlich besser bezahlt sähe, versteht sich von selbst.“

Ich kann mir vorstellen, wie schwer jemandem eine solche Antwort fallen muss, der vor einigen Jahren noch selbst eine Firma gegründet hat, mit der er innovative Kraft in die Branche pumpen wollte. Und es wäre absurd zu erwarten, dass jemand als Chefredakteur antritt mit der Ankündigung: “So, jetzt verdoppeln wir erstmal alle Honorare.” Wir alle hatten die Hoffnung, dass die Transformationen viel schneller gehen würden, die unsere Branche gerade so durcheinander bringen. Was wir deshalb brauchen, sind systemische Antworten auf die Fragen: Wie wollen wir in Zukunft Journalismus finanzieren? Und: Wie wollen wir das Geld künftig verteilen, das er noch einspielen kann? Ich weiß, dass das utopisch klingt, weil das schmerzhafte Verteilungskämpfe und den Abschied von liebgewonnenen Gewohnheiten bedeuten würde.

Aber dadurch, dass diese Fragen im Moment in keinem der vielen Beiträge zur Zukunft wirklich gestellt werden, werden die Folgen auf den Schultern der Freien abgeladen, die gezwungen sind, in sich selbst ihren eigenen Corporate-Zweig aufzubauen – und dann mitunter genau deshalb gefeuert werden. Wann, wenn nicht jetzt wollen wir damit anfangen, diese Fragen zu stellen, wo doch offensichtlich viele Verlage sehr konkret an Bezahlmodellen arbeiten?

Ich habe neulich meine Vermieterin gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn ich, solange die Branche die Fragen nach dem Geld verschämt verschweigt, meine Miete von meiner Leidenschaft bezahlte. Klar, hat sie geantwortet, aber nur, wenn ich damit einverstanden sei, dass sie meine Wohnung bis dahin mit Liebe heizt.