Faire Honorare
3. April 2011

Rekordergebnisse bei den Presse-Verlagen – doch die Freien gehen leer aus

Die viertel- oder halbjährliche Präsentation von Umsatz- und Gewinnzahlen durch die Verlagsbranche ist ein ganz besonderes Ritual, eröffnet es den Managern doch die Chance, die eigene Arbeit mal so richtig über den grünen Klee zu loben. Niemand kann Auflagenrückgänge überzeugender in „organisches Wachstum“ umdeuten oder Ideenmangel mit Gewinnsprüngen und anderen Operating-Workflow-Floskeln zudecken. Nach Springer-Vorstand Matthias Döpfner und ZEIT-Geschäftsführer Rainer Esser legte nun Bernd Buchholz, Vorstandsvorsitzender von Gruner & Jahr, seine Rekord-Zahlen vor. Danach erzielte der Hamburger Verlag im vergangenen Jahr zwar nur „ein leichtes, weitgehend organisches“ Umsatzwachstum von 1,6 Prozent, aber die Rendite stieg trotz fallender Vertriebserlöse auf den phänomenalen Wert von 11,2 Prozent. Das bedeutet: Die Zitrone wurde noch etwas stärker ausgepresst als sonst. Beziehungsweise: Die Kostensenkungsmaßnahmen haben gegriffen. Gruner & Jahr ist laut Vorstand „finanziell kerngesund“, frei von Schulden, mit einer „komfortablen Cash-Position“ versehen und „voll investitionsbereit“. Buchholz: „Wir sind erfolgreich, weil wir uns in vielen Bereichen konsequent verändert und den Status Quo in Frage gestellt haben.“ Da die Mitarbeiter des Verlags an der Infragestellung ihres Status Quo stark beteiligt waren, bekommen sie zum Dank auch etwas davon ab. Der Verlag schüttet für 2010 Gewinnbeteiligungen in Höhe von über 20 Millionen Euro an seine 13.337 Mitarbeiter aus. Das sind – im Schnitt – pro Nase 1500 Euro. Allerdings hat Gruner & Jahr die vielen freien Mitarbeiter, die zum „Erfolg“ des Verlages beigetragen haben – und von Kostensenkungsmaßnahmen überproportional betroffen waren -, von der Gewinnbeteiligung ausgenommen. Auch eine Erhöhung der Honorarsätze blieb bislang aus. Wir finden: Das ist ein Skandal. Denn ein guter Verleger würde die freien Mitarbeiter an „Rekord-Renditen“ beteiligen. Und ein guter Betriebsrat würde das Verhalten des Verlages gegenüber seinen freien Mitarbeitern auf die Tagesordnung setzen.


Verwandte Artikel

Faire Honorare
Faire Honorare
15. Juli 2020

Macht mit: Umfrage unter Freien im Lokalen

Die Technische Universität Dortmund interessiert sich für die Arbeitsbedingungen von freien Mitarbeiter*innen, die für lokale Zeitungsausgaben arbeiten – passend zu unserem diesjährigen Fokus des Honorarreports.... Weiterlesen
Freischreiber-Honorarreport 2020
Andere über uns
19. Juni 2020

Freischreiber-Honorarreport 2020

Nennt es nicht Honorar! Taschengeld für freie Lokaljournalist*innen. Hamburg, 19.06.2020: Freischreiber sammelt seit Oktober 2018 über das Honorartool www.wasjournalistenverdienen.de anonyme Angaben zu Honoraren und Gehältern... Weiterlesen
Fair auf Augenhöhe
05. Mai 2020

Seid solidarisch!

Ausfallhonorare zahlen, Ersatzaufträge anbieten, Absicherung freier Journalist*innen verbessern: Freischreiber appelliert an die Solidarität der Redaktionen mit ihren freien Journalist*innen. Wir freien Journalist*innen sind eine tragende... Weiterlesen
Andere über uns
25. September 2019

Von aussterbenden Arbeitstieren und fehlender Wertschätzung

Sterben die Arbeitstiere in den Medien aus? Oder fehlt es Redakteuren und Freien gegenüber an Wertschätzung? Christian Lindner schrieb in seiner kress-Kolumne "Personalfragen"  vom 19.... Weiterlesen