coverage | Hannah El-Hitami

Syrische Kultur in Deutschland: Töne der Menschlichkeit bewahren

In Brandenburg erinnern sich syrische Oppositionelle an das gemeinsame Musizieren in den 80ern und 90ern in einem Gefängnis. Über die Kraft von Musik.

In Brandenburg erinnern sich syrische Oppositionelle an das gemeinsame Musizieren in den 80ern und 90ern in einem Gefängnis. Über die Kraft von Musik.

s ist ein sonniger Morgen Ende Juni in Reichenow-Möglin in Brandenburg. Zwischen ziegelroten mit Weinreben überwucherten Scheunen sitzt eine Gruppe von Männern unter einer Linde an einem Holztisch zusammen. Einer schlägt mit seiner Hand einen langsamen Rhythmus auf die Tischplatte, während die anderen dazu ein arabisches Lied singen. „Oh Fluss der Schuld, füttere mein Feuer nicht mit Flammen. Das Heulen des Zuckerrohrs übertraf meines nicht, und auch der Granatapfel blutete nicht wie ich.”

30 Jahre ist es her, dass diese Männer das letzte Mal zusammensaßen, und die Umgebung hätte unterschiedlicher nicht sein können. Anstatt in einem idyllischen Garten eines Künstlerkollektivs in Brandenburg begegneten sie sich damals zwischen den kalten Mauern eines Gefängnisses am Rande der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Und es ist nicht irgendein Gefängnis: sondern das Sednaya-Gefängnis, welches in den letzten Jahrzehnten durch Berichte über Folter und Massenhinrichtungen politischer Gefangener traurige Berühmtheit erlangt hat. 2017 bezeichnete Amnesty International Sednaya als „Schlachthaus für Menschen”. Zwischen 2011 und 2015 sollen laut der Menschenrechtsorganisation 5.000 bis 13.000 im Geheimen gehängt worden sein.

Kaum vorstellbar, dass in einer solchen Umgebung Musik gespielt wurde – erst recht nicht, dass es Konzerte, Musikunterricht und Soiréen mit Theater und Tanz gab. Doch tatsächlich baute eine Gruppe politischer Gefangener im Sednaya der 1980er und 90er Jahre eine lebhafte, klandestine Musikszene auf. Zahlreiche Lieder entstanden in der Finsternis ihrer Zellen: Liebeslieder, Protestlieder oder Popsongs des damaligen Mainstream.

Sie wurden gesungen oder geflüstert und von Instrumenten begleitet, die teilweise aus Pappe und Brot gebastelt worden waren. In Brandenburg sind einige der damaligen Insassen zusammengekommen, um sich an die Lieder von Sednaya zu erinnern und sie aufzunehmen. Ihre Erfahrung zeigt, wie Menschen gegen alle Widerstände nach Kreativität streben – und wie sie damit unter unmenschlichsten Bedingungen ihre Menschlichkeit bewahren.

Seit Baschar al-Assads Vater Hafis sich vor fünf Jahrzehnten an die Macht putschte, ist politische Haft in Syrien trauriger Alltag geworden. Viele Sy­re­r:in­nen rechnen damit, selbst einmal in den Haftanstalten des Regimes zu verschwinden, die meisten haben Fälle im Familien- oder Bekanntenkreis. Allein seit den Massenprotesten 2011 wurden mehr als 100.000 Menschen willkürlich festgenommen. In einem Staat, der seine Bür­ge­r:in­nen massenweise einsperrt, wird die Haft selbst zum Teil der nationalen Geschichte und Identität, sagt Eylaf Bader Eddin, ein Wissenschaftler am Syrasp-Projekt des Berliner Forums Transregionale Studien.

Der 37-Jährige hat zur Übersetzung der Sprache der syrischen Revolution promoviert und beschäftigt sich seit drei Jahren mit Gefängnismusik. Er glaubt, dass Gefängniskultur ein Teil des syrischen Kulturerbes ist und erhalten werden muss. „Wenn wir sie nicht dokumentieren, wird sie vergessen, und das ist es, was das Regime will. Seit 2011 führt es einen metaphorischen Krieg, um die Vergangenheit auszulöschen und neue Narrative darüber zu erschaffen, was in den letzten zehn Jahren passiert ist.”

Um das zu verhindern, hat Bader Eddin begonnen, die musikalische Praxis in syrischen Gefängnissen von den 80er Jahren bis heute zu dokumentieren. Er hat zahlreiche ehemalige Gefangene interviewt, um die historischen Fakten aufzuzeichnen: wie sie Instrumente bauten, wann und wo sie diese nutzten. Und er hat die Lieder gesammelt, die sie spielten und sangen. In anderen Ländern wie Tunesien, der Türkei oder Ägypten gibt es längst eine Tradition von Gefängnisliedern. Doch syrische Gefängnismusik sei bisher kaum bekannt, sagt Bader Eddin und sieht mehrere Gründe dafür:

„Gefangene werden bei ihrer Freilassung davor gewarnt, über das zu sprechen, was sie im Gefängnis erlebt haben. Andernfalls riskieren sie, erneut inhaftiert zu werden. Und die Menschen draußen haben Angst davor, mit ehemaligen politischen Gefangenen zu sprechen. Sie fürchten, dass sie sich dadurch selbst verdächtig machen und im Gefängnis landen.” Vor allem, wenn Regime lange Zeit ohne Pause an der Macht bleiben, gebe es kaum Freiräume für die Dokumentation der Gefängniskultur – außer im Exil. Seit 2011 ist die syrische Diaspora rasant gewachsen. Dadurch ist ein beispielloser Raum für die Produktion und Dokumentation syrischer Kultur entstanden. Vor allem oppositionelle Kultur, die ein halbes Jahrhundert unter Assad kaum überlebt hat, floriert in dieser Umgebung.

Wie knapp eine Million weiterer Sy­re­r:in­nen lebt auch Bader Eddin heute in Deutschland. Die ehemaligen Gefangenen, die an seinem Projekt teilnehmen, haben Syrien ebenfalls verlassen und leben heute in verschiedenen Ländern Europas. Ende Juni 2023 folgten sie der Einladung von Bader Eddin, SYRASP und dem MENA Prison Forum nach Brandenburg, um an einem fünftägigen Workshop teilzunehmen. Dort sollten sie sich an eines der schmerzhaftesten Kapitel ihres Lebens erinnern und an die Lieder, die sie spielten, um es durchzustehen.

Bader Eddin will die Lieder aufnehmen und archivieren, damit sie nicht vergessen werden. Ein Album soll entstehen, ebenso wie Konzerte, um die Lieder mit der Öffentlichkeit zu teilen. „Wenn wir heute über syrische Gefängnisse sprechen, geht es meistens um Foltermethoden und Todeszahlen”, sagt Bader Eddin. „Ich möchte die Gefängniserfahrung auf keinen Fall romantisieren, aber ich glaube, dass es wichtig ist, sich auf die Menschen zu konzentrieren, die Individuen, die an diesem düsteren Ort lebten.” In seiner Recherche gehe es um deren Widerstand, sagt er.

Am ersten Tag des Workshops steigen die sieben Workshop-Teilnehmer die Stufen der Eisentreppe hinauf, die direkt vom Garten in den ersten Stock einer der Scheunen führt. Sie tragen kurzärmelige Hemden und funktionale Sandalen, sind zwischen Ende 50 und Anfang 70 Jahre alt. Alle waren in den 1970er und 80er Jahren politisch aktiv, alle wurden wegen ihrer Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei festgenommen. Manche blieben sieben Jahre in Haft, andere 14. In der geräumigen Scheunenetage, in der es eine Bar und eine Bühne gibt, stellen sie ein paar alte Sessel zu einem Stuhlkreis zusammen. Da ist Hassaan Abdelrahman, ein drahtiger 61-Jähriger mit jugendlicher Unbekümmertheit und einer von fünf Oud-Spielern in der Gruppe. In Sednaya lernte er das Notenlesen und die verschiedenen Tonleitern der klassischen nahöstlichen Musik.

Neben ihm sitzt Asaad Shlash, sein damaliger Lehrer. Beim ersten Konzert nach Abschluss seines Musikstudiums 1987 war er mit der Oud in der Hand festgenommen worden. Die Oud ist eine Art Laute und eines der zentralen Instrumente der arabischen Musik. Der stille 69-Jährige organisierte in Sednaya zeitweise täglichen Oud-Unterricht für bis zu 40 Personen. Weitere seiner damaligen Schüler sitzen im Stuhlkreis: Kisra Kurdi, der bei seiner Festnahme 1987 gerade mal 18 Jahre alt war, und Ibrahim Bayraqdar, ein In­genieur, der 1984 inhaftiert wurde und im Gefängnis zum ersten Mal in seinem Leben ein Instrument spielte.

Andere in der Gruppe beschreiben ihn als den fleißigsten Schüler, der als Einziger alle Lieder auswendig konnte. Mit ihm inhaftiert war sein Bruder, der berühmte Dichter Faraj Bayraqdar. Er schrieb die Texte für zahlreiche Gefängnislieder. Wenn seine Mitgefangenen ihm eine Melodie vorsummten, überlegte er sich die passenden Worte dazu. Eines seiner Lieder ist das über den Fluss der Schuld, das er gemeinsam mit seinen Kameraden am Morgen unter der Linde gesungen hat.

Nicht alle Teilnehmer des Workshops waren auf musikalische Weise an der Kulturproduktion Sednayas beteiligt. Da ist zum Beispiel Badr Zakariya, ein strahlender, exzentrischer Theatermacher, der jede Gelegenheit nutzt, um einen kleinen Tanz aufzuführen. In Sednaya veranstaltete er satirische Tanz- und Theaterperformances. Wie auch die Musikkurse und Konzerte fanden sie am Ende eines langen Flurs statt, wo selten Wachen vorbeikamen. Einmal begann er mitten in der Nacht zu bellen und zu jaulen, um seiner Schwermut Ausdruck zu verleihen und die Wachen zu irritieren.

Nach und nach stimmten andere Gefangene ein, bis eine „gebellte Symphonie” mit mehr als 50 Teilnehmern entstand. Unterstützt wurde er bei seinen Theaterstücken immer wieder von Haytham Qatrib, einem Sänger aus einer Familie von Sänger:innen. Qatrib ist der Einzige, der die meisten aus der Gruppe bis zum Workshop in Brandenburg noch nie persönlich getroffen hatte. Er war in einem anderen Flügel Sednayas inhaftiert und spielte dort alleine Oud, oft mehrere Stunden am Tag.

Wer war noch dabei? Wie hieß der noch mal? In welchem Jahr war das? Fragen füllen den Raum, als die sieben Männer versuchen sich zu erinnern, wie genau es damals in Sednaya war. Ihr Gespräch zeigt deutlich, wie lückenhaft das Gedächtnis des Einzelnen sein kann und wie viele Fehler sich in individuelle Erinnerungen einschleichen. In der Gruppe korrigieren sie sich gegenseitig, bis ein klareres Bild der gemeinsamen Zeit im Gefängnis entsteht. Schließlich sind sich alle einig, dass der „Höhepunkt der musikalischen Welle im dritten Stock links” stattfand, zwischen 1988 und 1992. In den Folgejahren ebbte die Welle wieder ab, da manche Insassen verlegt und alle nach und nach freigelassen wurden. Gegen Ende ihrer Haft ­begannen die Männer, vom Leben in Freiheit zu träumen und sich mental darauf vorzubereiten, anstatt sich darauf zu konzentrieren, ihr Leben in Gefangenschaft erträglicher zu machen.

Es heißt, dass der Mensch die Haft nur aushalten kann, wenn er sein bisheriges Leben völlig ausblendet und ein ganz neues im Gefängnis aufbaut. Der syrische Schriftsteller Yassin Haj Saleh hat dafür einen Begriff entwickelt: „Istihbas”, ins Deutsche vielleicht am ehesten als „Haftifizierung” übersetzbar, bezeichnet den Vorgang der Eingewöhnung eines Gefangenen in seiner neuen Umgebung. Der oder die Gefangene macht es sich quasi gemütlich, findet sich in sein neues Zuhause ein, und „Zeit spielt keine Rolle mehr”. Eylaf Bader Eddin beobachtet in den Anfängen von Sednaya, das seit 1987 existiert, einen kulturellen „istihbas”. Die Gefangenen hätten nicht nur im Bereich Essen, Hygiene oder Sozialleben Routinen entwickelt, sondern „sie fingen auch an, Instrumente zu bauen und eine kulturelle Routine innerhalb des Gefängnisses zu etablieren”.

Die ersten Ouds in Sednaya bestanden aus einer klebrigen Mischung aus nassem Brot und Pappe. Sie wurde geschichtet und getrocknet, bis sie den runden Hohlkörper formte, der nötig ist, um die Schwingung der Saiten zu verstärken. Da es keine Saiten gab, lösten die Männer die Gummibänder ihrer Socken und Spannbetttücher auf und ­flochten daraus dünne Schnüre. Die Wirbel, mit denen das Gerät gestimmt wird, fertigten sie aus Obststängeln. „Stell dir vor, du bist sehr, sehr hungrig, so hungrig, wie ein Mensch nur sein kann. In dem Moment bietet dir jemand ein Stück Kuchen an. Es ist zwar alt und vergammelt, aber in diesem Moment ist es die größte Köstlichkeit, die du dir vorstellen kannst. Genauso waren diese Instrumente für uns im Gefängnis”, erklärt Badr Zakariya.

Später begann die Gruppe Teile aus den Holzkisten zu lösen, in denen die Wachen ihnen Obst und Gemüse brachten. Eine ganze Kiste zu behalten wäre zu auffällig gewesen, doch sie sammelten die besten Stücke, bis sie genug hatten, um Instrumente daraus zu bauen. Sie versteckten sie in ihren Zellen und fertigten sie teilweise so, dass man sie leicht auseinander- und wieder zusammenbauen konnte. Asaad Shlash, der Musiklehrer, baute schließlich die erste Oud aus Holz in Sednaya. Zwar war sie anders als normale Ouds nicht rund, sondern rechteckig, doch ihr Klang war für die Gefangenen genau richtig. Als er längst wieder frei war, Syrien verlassen hatte und in Europa lebte, baute Shlash das Instrument noch einmal nach. Er hat die eckige Oud nach Brandenburg mitgebracht und spielt darauf mit geschlossenen Augen.

Manche von den Männern haben noch nie zusammen gespielt. Bei anderen ist es mehr als drei Jahrzehnte her, dass sie gemeinsam musiziert haben. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase klingen die vier Lauten und sieben Stimmen dennoch harmonisch. Der jugendliche Hassaan Abdelrahman gibt mit der Trommel den Takt an und organisiert die Reihenfolge der Lieder. Sänger Haytham Qatrib übernimmt die Rolle des Vorsängers, die anderen folgen ihm im Chor. Faraj Bayraqdar, der Poet, achtet auf die korrekte Aussprache der arabischen Wörter. Und Theatermacher Badr Zakariya klatscht nach jedem gelungenen Lied mit leuchtenden Augen in die Hände und ruft: „Wie schön!”

Die Lieder, die die sieben Männer während der Zeit in Sednaya und wieder beim Workshop spielten, lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Lieder, die die Gefangenen schon vor ihrer Festnahme kannten und die sie im Gefängnis spielten; bekannte Lieder, deren Musik oder Texte sie abwandelten; und Lieder, die in Sednaya komplett neu komponiert wurden. Für Wissenschaftler Bader Eddin gehören all diese Lieder zu einem Genre, das er „Sijniya” nennt, abgeleitet von dem arabischen Wort „sijn” für Gefängnis.

„Ich denke, dass es einen Unterschied macht, ob man einen Song von Britney Spears in einer Disco singt oder als Migrant, der gerade versucht, die Grenze nach Europa zu überwinden. Die Aussage des Liedes ändert sich je nach Kontext. Wenn ein Lied im Gefängniskontext gespielt wird, dann wird es ein Gefängnislied”, sagt er und weist darauf hin, dass die Musiker aus Sednaya selbst heute, in der weitläufigen Landschaft Brandenburgs, nicht dazu in der Lage seien, ihre Lieder laut zu spielen. Sie singen stattdessen mit zurückhaltender Stimme, ihre Hände berühren die Instrumente nur sanft, als müssten sie ihre Musik noch immer vor den Gefängniswärtern verstecken.

Sednaya war in den 80er Jahren noch nicht das „Schlachthaus für Menschen”, zu dem es heute geworden ist. Damals war das Gefängnis noch neu und wurde als moderne, humanere Alternative zu den unterirdischen Kerkern von Gefängnissen wie Tadmor oder den Haftanstalten der Geheimdienste gesehen. In Sednaya durften die Gefangenen Besuch empfangen und sich außerhalb ihrer Zellen bewegen, es gab gewisse Annehmlichkeiten wie Papier, Stifte und Bücher.

Dennoch war die Erfahrung der jahrelangen politischen Gefangenschaft für viele Betroffene traumatisch. Und Strafen gab es auch in Sednaya, „wenn man die Regeln nicht befolgte”, sagt der Dichter Faraj Bayraqdar. Er erinnert sich daran, was seinem jüngeren Bruder Ibrahim widerfuhr, als dieser beim Spielen der Oud erwischt wurde: Die Wachen zertrümmerten das kostbare Instrument, „dann steckten sie ihn in Isolationshaft sechs Stockwerke unter der Erde”. Auch Asaad Shlash, der Lehrer, wurde auf diese Weise bestraft. „In der Isolationszelle war es komplett dunkel und so feucht, dass seine Kleidung sich auflöste.”

Einen ganzen Monat verbrachte Ibrahim Bayraqdar ohne jeglichen menschlichen Kontakt. Nur zweimal am Tag schoben die Wachen ihm etwas zu essen unter der Tür hindurch. Doch Ibrahim erinnert sich daran, wie er selbst unter diesen Bedingungen alleine Dabke tanzte, tagelang sang und schrie, um sich der Stille und Isolation zu widersetzen, die seine Strafe sein sollte. „Die Musik war eine starke Stütze, die uns durch all diese Jahre beschützte und uns half durchzuhalten”, sagt er. Die Musik habe ihn stolz und optimistisch gemacht, erinnert sich auch Hassaan Abdelrahman. „Wir hatten ein Ziel, das wir in Gefangenschaft verfolgen konnten.” Allerdings habe sich das immer wieder gewandelt. In depressiven Phasen spielte er manchmal monatelang nicht auf der Oud. Wenn seine Stimmung sich besserte, fing er wieder an.

Beim Mittagessen erzählt Badr Zakariya, der Theatermacher, von seiner Festnahme 1987. Es war nicht seine erste, doch es würde die längste werden. Mit eindrücklicher Gestik beschreibt Zakariya, wie die Soldaten sein Haus umstellten und ihn von seiner Wohnung im fünften Stock nach unten auf die Straße zerrten. Ganz der Theatermacher, imitiert er den Dialekt der Soldaten, die ihn nach seinen „roten Büchern” fragten: Marx, Lenin und so, erklärt er mit einem verschwörerischen Grinsen. „Der Offizier befahl einem seiner Soldaten, den kleinen Esel – gemeint war ich – mit nach oben zu nehmen, um die Bücher aus meiner Wohnung zu holen”, sagt Zakariya grinsend, als würde er einen Witz erzählen, dessen Pointe kurz bevorstehe.

Doch als seine Geschichte sich dem Ende nähert, erinnert er sich plötzlich an etwas anderes: wie er mit dem Soldaten an seiner Wohnungstür ankam und wie dort seine Frau im Türrahmen lehnte. Seine Hand beschreibt einen großen Bauch, sie war damals im siebten Monat schwanger, und die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sein Kind würde Zakariya erst sieben Jahre später in Freiheit sehen. An diesem Punkt der Geschichte zögert er und kämpft mit den Tränen. Er scheint selbst überrascht über die Erinnerung zu sein, auf die er gerade gestoßen ist, und widmet sich schweigend seinem Mittagessen.

Es ist nicht einfach, sich an die Jahre in Gefangenschaft zu erinnern. Darum ist die jordanische Traumatherapeutin Islam al-Aqeel an allen fünf Tagen des Workshops dabei. Sie will dafür sorgen, dass die Männer, „ihre Erinnerungen an Sednaya hervorholen können, ohne dass jemand verletzt wird”. Zwischen den Gesprächen sorgt sie mit Atem- und Bewegungsübungen dafür, dass die Teilnehmer zurück ins Hier und Jetzt finden. Was die Männer machen, wenn es ihnen schlecht geht, will sie zu Beginn des Workshops wissen.

„Schreiben”, sagt Badr Zakariya. „Mit einem Freund reden”, sagt Haytham Qatrib. Und Hassaan Abdelrahman spielt auf seiner Tamburin und raucht. Al-Aqeel ist auf Therapie für Folterüberlebende spezialisiert und führt Gruppentherapien vor allem für Sy­re­r:in­nen im Exil durch. „Wenn man mit Menschen zusammen ist, die man versteht, die einen verstehen, die auch nur die gleiche Sprache sprechen, dann kann das schon sehr helfen”, weiß sie aus Erfahrung. Manchmal sei die Sprache ehemaliger Gefangener wie das Gezwitscher von Vögeln, sagt sie. „Sie wissen genau, wovon sie reden, weil sie alle diese traumatische Erfahrung geteilt haben. Aber für Außenstehende kann es schwierig sein zu folgen.”

Musizieren als Therapie

Für die ehemaligen Insassen Sednayas waren das Wiedersehen und das gemeinsame Musizieren wie eine Therapie, sagen sie. „Wir haben eine besondere Verbindung, die mit keiner anderen vergleichbar ist”, sagt Hassaan Abdelrahman. „Wir haben zusammen gute und schlechte Zeiten durchlebt. Wir haben die Jahre unserer Jugend geteilt.” Am letzten Tag des Workshops eilen die Männer vom Mittagessen zurück in den Proberaum. Sie wollen keine Sekunde der gemeinsamen Zeit verlieren und spielen fast ohne Pause die zwölf Lieder durch, die sie als Album aufnehmen wollen. Am Abend geben sie den anderen Künst­le­r:in­nen und den Angestellten auf dem Brandenburger Gutshof ein Konzert.

Es ist ein besonderer Moment: einige von ihnen haben noch nie vor einem Publikum gespielt, das aus freien Menschen bestand. Das wollen sie nun öfter tun: Ende des Jahres ist ein Konzert in dem Theater Hebbel am Ufer in Berlin geplant. Außerdem hat der Workshop die Männer inspiriert, sich öfter zu treffen, mehr Lieder einzuüben und Konzerte in ganz Europa zu spielen.

Auch Bader Eddin will weiter forschen. Die Gefängnislieder der 1980er hat er betrachtet, weil damals Sednaya eröffnete, ein Meilenstein in der syrischen Gefängnisgeschichte. Doch er will noch mehr über die nachfolgenden Generationen von Gefängnisliedern erfahren, vor allem seit 2011. Vor seiner Arbeit für SYRASP hat er bereits eine kleine Studie hat mit ehemaligen Insassinnen der sogenannten Todesabteilung des Geheimdienstes in Damaskus durchgeführt. Die Frauen saßen zwischen 2014 und 2015 für mehrere Monate dort ein. Was sie erzählten, überraschte Bader Eddin: „Ich hatte damit gerechnet, dass sie Revolutions- und Protestlieder gesungen haben, doch es fanden sich überhaupt gar keine regimekritischen Lieder.”

In den Geheimdienstabteilungen sind die Gefangenen noch nicht verurteilt. „Sie versuchen noch zu beweisen, dass sie keinerlei politischer Aktivität schuldig sind.” Allerdings hätten sie symbolische Lieder gesungen, wie das Liebeslied „Ich und Leyla”, das eigentlich von Herzschmerz handelt. An einer Stelle singt der Sänger Kadim al-Saher: „Fremde kamen in meine Heimat und raubten alles Schöne.” Im Gefängnis hätten die Frauen diese scheinbar unschuldige Zeile mehrfach wiederholt, so Bader Eddin. „Und sie brüllten sie, anstatt sie zu singen.”

via taz.de