Bei einem Pressetermin des Bistums Köln Anfang des Jahres sollten Journalist:innen Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnen. Miese Pressearbeit, haben wir im Vorstand von Freischreiber, dem Berufsverband der freien Journalist:innen, damals gedacht. In einem Interview des Medienmagazins „Journalist“ (Ausgabe 10/21) mit dem Anwalt Carsten Brennecke erfahren wir nun, dass er Journalist:innen schon seit Jahren solche Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben, sich dann Zitate und verwendete Informationen zur Autorisierung vorlegen lässt. Das sei nicht unüblich, wird Brennecke (vermutlich autorisiert) zitiert.

Aus den Ausführungen lässt sich zudem schließen, dass all das nicht nur geschieht, um die Identität von Informant:innen zu schützen, sondern um Berichterstattung zu steuern, zu lenken und auch: um von Vorwürfen gegen eigene Mandant:innen abzulenken.

Uns im Vorstand von Freischreiber hat die Unverblümtheit, mit der ein Anwalt zugibt, Berichterstattung zu beeinflussen, schlicht fassungslos gemacht: Die Pressefreiheit, die Unabhängigkeit der Berichterstattung müssen in einer Demokratie für alle heilig sein. 

  • Wir fordern deshalb alle Kolleg:innen auf, es den Journalist:innen beim Pressetermin im Bistum Köln gleichzutun und solche „Deals“ strikt abzulehnen. 
  • Wir bitten unsere Auftraggeber:innen darum, sich vor uns zu stellen, damit wir deutlich „Nein“ sagen können. Wenn eine Geschichte dann stirbt, muss das in Ordnung sein!
  • Wir brauchen keine Anwaltskanzleien, die für uns – im Auftrag derjenigen, über die wir berichten – entscheiden, was in einem Beitrag stehen darf und was nicht. Die meisten Journalist:innen sind exzellent ausgebildet; der Schutz von Informant:innen ist für uns eine Selbstverständlichkeit.

Verschwiegenheitserklärungen, Abmahnungen, Drohungen

Ja, wir Journalist:innen nerven. Das muss so sein. Meinungsvielfalt und informierte Entscheidungen leben von korrekten Informationen und ihrer unbeeinflussten Einordnung. So manch Politiker:in wäre ohne Journalist:innen nie groß geworden. So manches Unternehmen wäre ohne Berichterstattung nichts wert. Und ja, ohne „die Medien“ wäre auch die eine oder andere Karriere nicht zu einem abrupten Ende gekommen. Das ist nicht unsere Schuld. Wir Journalist:innen machen nur unsere Arbeit. Und die muss zwingend frei von direkter und indirekter Einflussnahme bleiben. 

Das ist kein Einzelfall, der sich nur auf außergewöhnliche Enthüllungsgeschichten bezieht. Freischreiber ist ein Verband von fast 900 freien Journalist:innen. Die heutige Medienvielfalt lebt von den Möglichkeiten und Expertisen freier Journalist:innen. Doch viel zu viele unserer Mitglieder berichten uns, wie Unternehmen und Einzelpersonen selbst bei alltäglichen Geschichten versuchen, Inhalte zu steuern, mit Verschwiegenheitserklärungen, aber auch durch Abmahnungen oder Drohungen mit kostenintensiven rechtlichen Schritten. Wir hören, wie sich Redaktionen, Verlage und Sender raushalten. Und wir kennen den wirtschaftlichen Druck: Nur wer veröffentlicht, verdient. Das führt dazu, dass die eine oder der andere dann doch das Kleingedruckte unterschreibt und darauf hofft, dass es schon nicht so schlimm werden wird. Das darf nicht zur Normalität werden.

Denn tatsächlich bedrohen jedwede Methoden, die die Berichterstattung beeinflussen, die Pressefreiheit und damit auch die Demokratie. Wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dass im Hintergrund jemand anderes als die/der Journalist:in die Feder führt, ist die Konsequenz der Vertrauensverlust in die Pressearbeit. Wenn nicht mehr die ganze Geschichte berichtet werden kann, gerät die öffentliche Meinungsbildung in eine Schieflage. Welche Konsequenzen ein solcher Vertrauensverlust in die freie Berichterstattung hat, beobachten wir nicht erst seit der Corona-Pandemie. Begriffe wie „Lügenpresse“ und „Staatsfunk“ sind nur eine Facette, Angriffe auf Journalist:innen eine weitaus dramatischere. Auch das darf nicht zur Normalität werden.

Dafür brauchen vor allem wir freien Journalist:innen den Rückhalt unserer Auftraggeber:innen, damit wir auch beim nächsten Mal voller Überzeugung und ohne Angst „Nein“ sagen können. 

Freischreiber

[Hinweis: Wir haben den Link zum Interview ergänzt. (18.10.2021)]

#GrueneLaune strömte am Sonnabend durch ganz Deutschland: Die Berliner Regios kochten Pesto und schlürften Cocktails, Freischreiber in Frankfurt schnitzelten im Palmengarten, unsere Hamburger Gruppe kostete Bier aus Roggenbrot und Handcreme aus Hefematsch. Auch in München perlte Gold in den Gläsern. Die Provinz-Post wehte in einer grünen Brise sogar bis zum Gardasee.

Es war großartig, nach der digitalen Mitgliederversammlung „live“ mit euch zu schnacken und zu feiern. Sobald möglich planen wir ein Treffen mit allen gemeinsam. Spätestens bei dieser Gelegenheit werden auch unsere aus dem Vorstand verabschiedeten Freien erneut dabei sein.

Erst mal aber steht Arbeit an: Der neue Vorstand wählt Vorsitz, Stellvertretung und Finanzminister*in. Die Geschäftsstelle wirbelt zwischen Accounts und Listen. Freienbibel 2 und die neue Honorarseite rasen auf die Zielgerade. Weiter geht’s mit Frischluft – wir freuen uns drauf!

Wir müssen über die Pressefreiheit reden. Ein Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums hat massive Einschränkungen von Journalist*innen und eine Enteignung ihres geistigen Eigentums gefordert; das Positionspapier war gut einen Monat öffentlich auf der Webseite des Ministeriums zugänglich. Unbemerkt vielleicht, aber in jedem Fall unwidersprochen. (Mehr dazu hier.)

Es reicht nicht, nun zu betonen, dass hier keinesfalls die Haltung des Ministeriums wiedergegeben worden sei, und das Dokument nun viel zu spät zu löschen. Die Bundesregierung muss endlich damit beginnen, die Belange von freien Journalist*innen zu berücksichtigen. 

Deshalb unsere Bitten an die Bundesregierung:

Sprechen Sie mit uns, hören Sie uns zu. Journalismus ist ein Pfeiler der Demokratie, der zwar oft stört, aber dennoch unverzichtbar ist. Setzen Sie einen ständigen Beirat von freien und festangestellten Journalist*innen ein, der Missstände und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. 

Schaffen Sie Rahmenbedingungen, die die Pressefreiheit auch in Krisenzeiten gewährleisten. Journalist*innen müssen berichten können, ohne Angst vor Bedrohungen und kostenintensiven Abmahnungen zu haben. Wir brauchen Bewegungsfreiheit. Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie dürfen die Arbeit von Journalist*innen nicht einschränken. Nicht zuletzt benötigen wir ein Urhebervertragsrecht, das freienJournalist*innen ein auskömmliches Einkommen zu allen Zeiten garantiert.

Auch an die Medienunternehmen haben wir eine Bitte:

Stellen Sie sich hinter ihre freien Journalist*innen; verzichten Sie auf Vertragsklauseln, die die Haftung für Berichte vollständig auf die freien Mitarbeiter*innen übertragen. 

Denn die Ereignisse der vergangenen Tage sind nur die vorerst letzten in einer immer länger werdenden Serie aus Vorkommnissen, die vor allem freien Journalist*innen die Arbeit schwer machen.

Viel zu oft versuchen Unternehmen, unliebsame Berichterstattung durch die Drohung mit juristischen Schritten zu verhindern. Ohne Rückhalt durch Politik und Auftraggeber*innen verhindert dies auch korrekte, berechtigte Beiträge. Immer wieder berichten Kolleg*innen, dass Polizeibeamt*innen oder Ordnungsbehörden die Privatadresse und den Inhalt der Berichterstattung erheben.

Wer als freie Journalist*in auf einer eigenen Homepage im Netz für die eigene Arbeit werben will, muss die eigene Adresse öffentlich machen, und dies in einer Zeit, in der Bedrohungen zunehmen. Bei der Überarbeitung des Urheberrechts sind indes zwar die Interessen von Presseverlagen umfangreich berücksichtigt worden. Freie Journalist*innen haben aber nach wie vor keine realistische Möglichkeit, auskömmliche Honorare und Verträge auf Augenhöhe durchzusetzen. Deutsche Auslandskorrespondent*innen, deren Berichterstattung eine Basis für die Gestaltung der deutschen Außenpolitik bildet, wurden bei den Hilfsmaßnahmen zur Milderung der Folgen der Corona-Pandemie völlig vergessen. 

Journalismus ist kein Luxus, auf den man in Krisenzeiten eben verzichten können muss, sondern eine Lebensnotwendigkeit. 

Freischreiber, der Berufsverband freier Journalist*innen, ist jederzeit zum Gespräch bereit.

Freischreiber setzt sich seit über zehn Jahren exklusiv für die Belange freier Journalist*innen ein. Wir streiten für ein Urheberrecht, das tatsächlich den Urheber*innen dient und nicht den Verwerter*innen, für bessere Verträge und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. 

Soeben haben wir der taz gemeinsam mit drei weiteren Verbänden ein Manifest übersandt, das „Manifest der taz-Freien“. Zu den Verfassern zählen neben uns FREELENS, ver.di, der Deutsche Journalisten-Verband DJV Berlin und der Journalistenverband Berlin-Brandenburg e.V. DJV Berlin – JVBB. Gemeinsam fordern wir die Zeitung auf, ihre Mindesthonorare für Freie zu erhöhen und an die Gehaltsentwicklung ihrer Festangestellten anzubinden. Über 130 taz-Freie und Korrespondent*innen haben das Manifest unterzeichnet.

Manifest der taz-Freien
Auch wir sind taz – Wir fordern Gleichbehandlung

Wir sind Korrespondent:innen der taz oder arbeiten auf andere Weise ohne Festanstellung regelmäßig für die taz. Wir identifizieren uns mit der taz, und wir werden auch in unseren Arbeitsfeldern als Gesichter der taz wahrgenommen.

Deshalb wollen wir in einem zentralen Punkt künftig mit unseren festangestellten Kolleg:innen gleichbehandelt werden: Wir wollen im gleichen Maß am Erfolg und am Aufschwung der taz teilhaben. Wenn die Gehälter der Festangestellten um 2,5 Prozent erhöht werden, sollen sich auch unsere Pauschalen, Zeilengelder, Bildhonorare und Tagessätze um 2,5 Prozent erhöhen. Wenn die Festangestellten einen Bonus oder eine einmalige Gehaltserhöhung erhalten, sollen auch wir in entsprechender Weise bedacht werden. Gleichbehandlung heißt für uns: den gleichen prozentualen Zuwachs zu erhalten, parallel und automatisch, ohne dass wir bitten und betteln müssen. Weil es eine Selbstverständlichkeit ist, weil es eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Leider war dies in den letzten Jahren nicht der Fall. In den letzten zehn Jahren (außer 2013) wurden die Gehälter der Festangestellten jeweils um 2,5 Prozent erhöht, während die Honorare der nichtangestellten Tazzler:innen in der Regel unverändert blieben. So hat die taz ihre Zeilengelder im selben Zeitraum nur einmal (2019) um zwei bzw. vier Cent erhöht. Das heißt: die Honorare der Festangestellten stiegen binnen 10 Jahren (mit 24,9 Prozent) zehn Mal so stark wie die meisten Zeilensätze der taz. Und dabei sind einmalige Gehaltserhöhungen wie Anfang 2021 noch nicht einmal mitgerechnet. Dass dies einseitig und nicht fair ist, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Dabei müssen wir alle inflationsbedingt fast jährlich einen realen Honorarverlust hinnehmen. Wer beispielsweise heute das selbe Honorar wie vor zehn Jahren bekommt, erhält damit nicht einmal mehr 85 Prozent der Kaufkraft von damals.

So kann und darf es nicht weitergehen. Die ungleiche Entwicklung bei den Einkommenszuwächsen muss aufhören. Wir wollen nicht mehr Tazzler:innen zweiter Klasse sein. Wir tragen unseren Teil zum Erfolg der taz bei, deshalb wollen wir auch gerecht am wirtschaftlichen Erfolg der taz teilhaben. Und falls harte Zeiten kommen, dann müssen wir genauso auf Zuwächse verzichten wie die Festangestellten. Wir wollen Gleichbehandlung – in guten und in schlechten Zeiten.

Das Hauptargument gegen unseren Wunsch war bisher: Die taz kann sich das nicht leisten, es ist nicht genug Geld da. Wir halten eine solche Argumentation für empörend. Niemand käme auf die Idee, z.B. den Teilzeitbeschäftigten die Gehaltserhöhung zu versagen, weil es nur für die Vollzeitbeschäftigten reicht. Niemand würde wagen, Frauen von Erhöhungen auszuschließen, weil es nur für Männer reicht. Die Budgets der Redaktionen müssen so bemessen sein, dass Gleichbehandlung möglich ist. Die Erhöhung muss allen zugute kommen, die dazu gehören. Und wir gehören dazu.

Als ein Grund für die Einkommenszuwächse der Festangestellten wurde auch die Verdichtung der Arbeit durch die Digitalisierung genannt: Es müssen immer mehr Kanäle beschickt werden, immer mehr Absprachen sind nötig, immer mehr Verwaltungsaufgaben kommen hinzu. Ja, so ist es. Aber das gilt für uns genauso! Auch wir müssen Print- und Online-Versionen liefern. Wir müssen Absprachen doppelt und dreifach treffen und zugleich den immens angewachsenen digitalen Informationsfluss bewältigen. Unsere Arbeit hat sich genauso verdichtet wie die der Festangestellten.

Früher hieß es oft, die Freien haben noch andere, potentere Auftraggeber, die Freien brauchen die

Honorarerhöhungen der taz gar nicht. Das war bereits damals ein seltsames Argument, denn die taz wollte unsere Arbeit und Kreativität schon immer gerne vorrangig. Aber das Argument wird durch die Medienkrise von Jahr zu Jahr haltloser. Schließlich kommen andere Medien oftmals schlechter durch die Krise als die taz und sparen dann häufig an den Freien. Die taz und das Einkommen von der taz wird für die nicht-angestellten Tazzler:innen also nicht unwichtiger, sondern im Gegenteil immer wichtiger.

Natürlich sind die Verhältnisse der freien Tazzler:innen sehr unterschiedlich. Manche verdienen unter dem Strich ganz gut, andere kratzen am Elend. Das darf aber nicht dazu führen, dass es Honorarerhöhungen nur für die Ärmsten der Armen unter den taz-Freien gibt. Gleichbehandlung heißt, dass wir keine Bedürftigkeitsprüfung über uns ergehen lassen müssen, bevor wir die für alle vorgesehene Honorarerhöhung erhalten. Bei Festangestellten wird auch nicht kontrolliert, ob sie geerbt haben oder ob ihre Partner:innen bereits gut verdienen. Gleichbehandlung ist Gleichbehandlung und kein Almosen.

Die Situation der prekär beschäftigten und besonders schlecht bezahlten freien Tazzler:innen muss anders verbessert werden. Die Gewerkschaften und Berufsverbände werden der taz Vorschläge für eine Anhebung der Mindest-Zeilengelder (auf 65 Cent), der Mindest-Tagespauschalen (auf 160 Euro) und der Mindest-Fotohonorare (auf 35 Euro Print/25 Euro Online/Tagesauftrag 105 Euro) machen. Diese Vorschläge unterstützen wir ausdrücklich.

Die Forderung nach Gleichbehandlung bei Einkommenssteigerungen ist hierauf aber nicht anrechenbar, sondern steht für sich. Es ist eine Schande, dass wir dies überhaupt einfordern müssen. Wir suchen deshalb des Gespräch mit Chefredaktion, Geschäftsführung, Redaktionsrat, Betriebsrat, Aufsichtsrat und nicht zuletzt mit der Genossenschaft. Als Journalist:innen liegt uns auch der Gang in die mediale Öffentlichkeit nicht fern.

Unsere Forderung ist so einfach, gerecht und nachvollziehbar, dass die taz sie nicht ablehnen kann.

„Warum unterschreiben wir erst jetzt –  und warum machen das nicht viel mehr Redaktionen?“, fragen sich Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz an einem glühendheißen Morgen in Berlin Prenzlauer Berg. Da sind sie wieder, die Rätsel unserer Zeit. Sei‘s drum. Versäumnisse kann man nachholen. Das hat Übermedien jetzt gemacht: Der Code of Fairness ist unterschrieben. 

Der Code, das ist unser Freischreiber-Regelwerk zum fairen Umgang zwischen Redaktionen und freien Journalistinnen und Journalisten. Manchmal wissen Redaktionen wirklich nicht, wie sie es besser machen können, manchmal machen sie es schon gut und wollen sich mit dem Code eine Richtlinie geben. Mehr Struktur in den Umgang bringen. 

Übermedien ist nun alles andere als ratlos, was den Umgang angeht. Die meisten Code-Regeln werden ohnehin befolgt. An einem Punkt hakte es bisher noch: Schriftlich sollen Aufträge bestätigt werden mit Umfang, Inhalt und Honorar, damit es am Ende keine Missverständnisse gibt. Kein Problem, ab sofort wird das gemacht. Schon hat der Code geholfen. 

Dass ein mündlicher Auftrag auch funktionieren kann, wissen wir alle. Besser und übersichtlicher ist es für alle Beteiligten, wenn jeder noch mal nachsehen kann: Wie war das noch mal, wann die Abgebe, wie hoch die Zeichenzahl? Ein schönes Beispiel, wie Fairness noch besser funktionieren kann. Der Code soll kein Korsett sein, sondern ein Hilfsmittel. Und die Regeln sind beim genauen Hinschauen so selbstverständlich, dass allein ein Rätsel stehenbleibt: Warum unterschreiben eigentlich nicht alle? 

Foto: Sabine Gudath

Eigentlich wollten wir an einem November-Wochenende mit euch feiern und tanzen. In einem wunderschönen, grün dekorierten Raum in Hamburg. Wir wollten Reden halten, uns auf Podien fetzen, alte Bekannte und Freundinnen so richtig feste in die Arme nehmen, Sekt und grüne Cocktails mit euch trinken, mit schweren Beinen, einem Kopf voller Ideen und viel, viel Wumms nach Hause wanken.

Eigentlich wollten wir Preise verleihen! Den Himmelpreis für vorbildlich faires und den Höllepreis für ekliges Verhalten. Unsere schönen Skulpturen aus Porzellanpapier, die immer im Atomkoffer unendlich vorsichtig durch Deutschland transportiert werden müssen. Sonst gibt es Scherben ohne Glück.

Erst haben wir uns überlegt, ob wir eine andere Präsenz-Veranstaltung planen wollen. Irgendwo draußen mit grünen Masken im Gesicht. Aber dafür die Freischreiber zweimal durch die Republik schicken? Nein. Irgendein neues Digitalformat ausprobieren? Eine Preisverleihung ohne Publikum, ohne Reden, ohne Applaus? Nee. Das wollen wir nicht. Wir brauchen die Veranstaltung, wir brauchen euch alle an einem Ort. Wir brauchen die Freischreiberinnen und die Freischreiber. Es ist großartig, euch in den digitalen Mittagspausen und in den Webinaren zu sehen, Freie in ganz Deutschland und auf der ganzen Welt. Aber eine Preisverleihung? Digital? Das ist wie doppelt aufgegossener Tee, dünner Kaffee, Reden durch Filter. Wir brauchen die Preisverleihung in ECHT.

Das Besser-als-Nichts-Jahr
Ihr ahnt es schon: Es ist – wie alles – anders in diesem Jahr. Als wir euch um eure Vorschläge gebeten haben, dachten wir noch, das könnte klappen mit einer Preisverleihung im Herbst. Der Optimismus stirbt beim Freischreiber bekanntermaßen zuletzt. Nun fragt ihr euch: „Was ist aus meinem Vorschlag geworden?“ Keine Sorge. Er war nicht umsonst.
Wir haben uns eure Vorschläge genau angesehen. Wir haben sie daraufhin überprüft, ob sie einen Corona-Bezug haben, denn das war in diesem Jahr das Thema. Wir haben keinen Vorschlag vergessen. Wir haben nachgefragt und Beweise gesucht. Immer wieder nachgefragt und immer wieder gemerkt: Wenn es darum geht, dass noch jemand die Hand hebt und einen Vorwurf bekräftigt, dann kam ganz, ganz wenig.

Wir können eine Hölle-Nominierung nicht auf einer einzigen Beschwerde aufbauen. Wir brauchen zweite und dritte Quellen, Beweise, Veröffentlichungen. Wir haben unseren Quellen zugesichert, dass niemand ihren Namen erfährt. Aber wieder kam da nichts bis wenig. Keine freien Kolleg*innen, die gesagt hätten, bei mir war das auch so.
Wir kennen das Problem. Uns ist schon so mancher Höllekandidat von der Schaufel gesprungen, weil die Vorwürfe stark und die Beweise mau waren. Das ist jedes Mal schade und frustrierend – für uns und für euch. In diesem Jahr stehen viele Freie in einem ganz anderen Maß als sonst mit dem Rücken zur Wand. Viele Kolleginnen und Kollegen haben Auftraggeber und sehr viele Aufträge verloren. Weniger Präsenztermine, weniger Seminare, weniger Geld auf dem Konto. Dafür mehr Druck.

Zum Teufel mit ihnen?
Viele halten gerade jetzt zu Auftraggebern, die sie eigentlich zum Teufel schicken sollten. Es ist nicht an uns, das zu verurteilen. Wir verstehen, dass viele ihren Bestand mit allen Mitteln sichern müssen. Auch wenn es den Höllepreis kostet.
Einige hoffnungsvolle Höllekandidaten haben sich im Laufe dieses Höllejahrs wohl auch gebessert. Auch das gibt es. Vielleicht nicht vom Saulus zum Paulus, aber dennoch aus der Hölle Richtung Fegefeuer. Einige Redaktionen und Auftraggeber hatten sich am Anfang der Corona-Krise von ihrer miesesten, höllischen Seite gezeigt. Da wurden Aufträge eingefroren, Honorare gedeckelt, Tagessätze unterboten, Freie abgewickelt, die nicht einmal gesagt bekamen, was da läuft. Als wir später noch ein paar Mal nachfragten, um Höllekandidat*innen nominierungsfein zu machen, hieß es: Die Lage hat sich entspannt, es läuft wieder. Das freut uns natürlich für jeden Auftrag und für jede Zusammenarbeit, die euch über Wasser hält. Aber das bedeutet für dieses bizarre Jahr:

2020, in diesem durchweg höllischen Jahr, wird es keinen Höllepreis geben!

Ein Blick in den Himmel
Wir hatten euch um Einreichungen gebeten zu Redaktionen und Redakteur*innen, die im Laufe der Krise zu euch gestanden haben, die euch unterstützt haben, die gezeigt haben, dass der Freie nicht der Sandsack ist, der schnell mal abgeworfen werden kann, wenn es eng wird. Wir kommen durch dieses Jahr nur, wenn wir zusammenhalten. Freie und Freie. Freie und Feste. Das klingt nach Himmel? Das sollte nach Normalität klingen.

Wir haben Himmelpreis-Einreichungen bekommen, da ging es um Dinge, die so selbstverständlich sind, dass wir wirklich manchmal Angst bekommen; wenn das schon himmelpreiswürdig ist. Redaktionen, die pünktlich bezahlen wurden genannt, Redaktionen, die freundlich sind, Redaktionen, die auf Mails antworten oder ans Telefon gehen. Herrjeh. Wir freuen uns um jeden guten und unkomplizierten Umgang. Aber ist das schon der Himmel?

Zwei Einreichungen fanden wir dann doch himmlisch herausragend. Deshalb gibt es in diesem verrückten Jahr zwei Himmelpreise.

Dem Himmel so nah
Ein Himmelpreis geht an eine Zeitung, die sich von jeher der Solidarität und der Loyalität verschrieben hat. Schon oft haben wir Gutes gehört, schon oft mussten wir sagen, Himmel geht trotzdem nicht, weil das Honorar, mit dem Freie abgespeist werden, unterhalb jeder Grenze liegt. Oder wie es ein Kollege in unserem Honorartool auf den Punkt brachte: Nette Betreuung, mieses Honorar.

Ihr wisst, um wen es geht? Klar. Es geht um die taz. Denn die taz hat in diesem Jahr etwas gemacht, was in Krisenzeiten unschätzbar wertvoll ist: Sie hat an ihre freien Korrespondent*innen und an einige regelmäßige Autor*innen einen dicken fetten Bonus ausgezahlt. Ein dreizehntes Monatshonorar. Nicht zu Weihnachten, sondern zur Krise. Weil die Unsicherheit groß und die Motivation nötig war.

Die ersten Fragen im „Pandemie-Stab“ des Hauses hätten gelautet: „Wie geht es wem? Wie unterstützen wir unsere Freien?“, sagt Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Andreas Marggraf. Die Redaktion schrieb daraufhin an ihre Freien: „Niemand weiß, wie lange die Corona-Krise noch andauern wird. Fest steht nur, dass sie noch lange nicht überstanden ist. Fest steht allerdings auch, dass es die taz in und nach der Krise weiter braucht. Und das heißt auch: Die taz braucht Euch! Vielen Dank für Eure tolle Arbeit in der Vergangenheit, in der Gegenwart – und in der Zukunft!“

Wow. So etwas wollen wir öfter lesen. Und dann auch noch eine Extra-Zahlung. Wenn die Honorare nicht so mau wären, müssten wir alle jetzt zusammenpacken und auf geht’s zur taz. Aber da gibt es noch ein Problem: Etwa 40 Euro für 1.000 Zeichen? taz, ihr seid so gut. Da gibt es – eigentlich – noch etwas Luft bis zum Himmel. Aber ihr bekommt für diesen Schritt dennoch den Himmelpreis der Freischreiber. Herzlichen Glückwunsch!

Himmel!
Den anderen Himmelpreis bekommt in diesem Jahr mal wieder ein Einzelner. Manchmal ist es so; da funkeln die Solitäre mehr als das Ganze. Besonders ist uns das Funkeln in diesem Jahr bei einem Redakteur der Welt aufgefallen. Klaus Geiger wurde gleich mehrfach in den Himmel gelobt. Der Chef der Politik Ausland „antwortet schnell und ausführlich“ (sollte normal sein), „zahlt immer pünktlich“ (sollte auch normal sein), „bietet regelmäßig Feedbackgespräche an und nimmt sich dafür eine Stunde Zeit“ (Holla), „dankt seinen Freien regelmäßig“ (ok), „zahlt extra Geld für minimale Mehrarbeit“ (Potzblitz).

Da mussten wir doch mal nachfragen. Klaus Geiger meint selbst, dass das, was vielen so auffällt, doch eigentlich normal sein sollte. „Vertrauen und Fairness“ müssten stets die Prinzipien sein. Sein ganzes Team handle nach ihnen. „Wir haben schon immer nach Aufwand honoriert.“ Mit und ohne Krise. Zudem sei es für seine Redaktion und ihn wichtig, „im Gespräch zu bleiben über die aktuelle persönliche Lage jedes Mitarbeiters und die Frage, was gerade leistbar ist. Das war in der Corona-Situation noch zentraler“. Das denken wir auch.
Deshalb haben wir mal ausprobiert, ob das auch wirklich so stimmt mit dem tollen Umgang. Es stimmt. Der Auftrag kam prompt, fair, klar. Himmlisch. Gerade in einer Zeit, in der sich viele um ihre Verantwortung drücken und Freie weit von sich schieben, brauchen wir solche Solitäre. Deshalb verleihen wir Klaus Geiger den Himmelpreis 2020. Herzlichen Glückwunsch!

Klaus Geiger von der Welt und Andreas Marggraf aus dem Vorstand der taz: Im Sommer erscheint unser neuestes Werk, die Freienbibel 2. Sie wissen schon so viel über die Freien, sonst hätten Sie den Himmelpreis nicht bekommen. Wenn im Sommer das Buch erscheint, wartet auf Sie die schönste, edelste und persönlichste Ausgabe unserer Freiebibel. Mit gedruckter Widmung, mit Gedicht, gebunden in Leinen. Sobald sie gedruckt ist, treffen wir uns zu einer Veranstaltung im Freien. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir unsere Preise nicht auch noch in echt verleihen könnten.

Und jetzt: Zur Hölle mit dem ganzen Jahr 2020 – und in den Himmel mit unseren Himmelpreisträgern, die uns zeigen, dass es im Höllenjahr auch noch etwas Positives geben kann.

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Freischreiber-Himmel-Preis 2020 from Freischreiber on Vimeo

9. Dezember 2020

Nach langem Warten und vielen Diskussionen haben sich die Gesetzgeber*innen mitten in der Pandemie an die Umsetzung von großen Teilen der europäischen Urheberrechtsrichtlinie in deutsches Recht gemacht. Mit dabei: Die Verlagsbeteiligung, das Leistungsschutzrecht und das Urhebervertragsrecht.

Unsere Meinung zum aktuellen Entwurf kurz und knapp:

das Urhebervertragsrecht – alt wie neu – geht an den Bedürfnissen von freien Journalist*innen vorbei; wir appellieren deshalb an die Gesetzgeber*innen, (jetzt) auch die Besonderheiten von journalistischen Werken zu berücksichtigen
 
–       Es muss klargestellt werden, dass sich die angemessene Vergütung von freien Journalist*innen nach Zeit und Aufwand zu richten hat und nicht, wie es bisher der Fall ist, nach der Auflage oder der Reichweite von Auftraggeber*innen
–       Gemeinsame Vergütungsregeln, das zeigen die Erfahrungen der Vergangenheit, ergeben nur Sinn, wenn Verhandlungen und ihre/deren Ergebnisse für alle Beteiligten verpflichtend sind.
–       Zudem fordern wir ein Verbandsklagerecht, damit wir zusammen gegen unrechtes Verhalten von Auftraggebern vorgehen können.

Bezüglich der Verlagsbeteiligung an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort)fordern wir weiterhin die Zustimmungslösung. Jede*r Journalist*in selbst soll darüber entscheiden können, ob er als Urheber*in Verlagen Geld schenken will. Wenn die Beteiligung dennoch gesetzlich festgeschrieben werden sollte, fordern wir, diese auf maximal ein Drittel festzulegen.

Das Leistungsschutzrecht halten wir weiterhin für unnötig, weil die zu erwartenden Einnahmen für alle Beteiligten gering sind. Wenn  darauf bestanden wird, dann sollte wenigstens darauf geachtet werden, dass die Sichtbarkeit von freien Journalist*innen im Netz nicht eingeschränkt wird. Sie sind darauf angewiesen, ihre Arbeit präsentieren zu können.

Freischreiber e. V. ist der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten. Unsere Mitglieder stehen unter einem extremen finanziellen Druck: Viele freie Kolleginnen und Kollegen arbeiten für ein Honorar noch unterhalb des Mindestlohns. Dies führt inzwischen zu einem Braindrain innerhalb der Medienlandschaft, da immer mehr Freischaffende den Journalismus aufgeben (Freischreiber-Honorarreport 2019:; Dissertation von Thomas Schnedler: Prekäre Arbeit im Journalismus, Hamburg 2017).

Dabei sind deutsche Medien auf erfahrene Freie angewiesen. Sie sind es, die die Inhalte von Tageszeitungen, Rundfunk und Magazinen erstellen. Die lang anhaltende Medienkrise hat Redaktionen und Sender übermäßig ausgedünnt. In der Realität liefern Freie die Beiträge, Redaktionen nehmen sie ab.

Um die Vielfalt der deutschen Medienlandschaft zu erhalten, müssen freie Journalistinnen und Journalisten von ihrer Arbeit leben können. Sie sind für die Demokratie unverzichtbar. Dafür braucht es ein faires Urheberrecht.

Und jetzt im Detail:

Während wir uns durch die vielen Seiten des Referent*innenentwurfs gearbeitet haben, wurde für uns als Verband freier Journalist*innen erneut deutlich: Von der kleinen Nachricht im Live-Ticker bis hin zur großen Reportage; unsere Beiträge sind anders als die Werke von Belletristiker*innen, Musik- oder Filmschaffenden. Vor allem anderen sind sie ein Massen- und Alltagsgeschäft: Journalist*innen schaffen täglich aufs Neue große und kleine Werke.

Als die Autorin Kristina Bach das Musikstück „Atemlos“ textete, konnte sie nicht wissen, dass das Lied ein solcher (wirtschaftlicher) Erfolg werden würde. Der Journalist, der sich mit der Apnoe befasst, weiß hingegen, dass dieser Text immer nur ein von Anfang an eingrenzbares Publikum auf einer begrenzten Zahl an Nutzungswegen erreichen wird – und der veröffentlichende Verlag wie viel Geld er mit dem Beitrag verdienen wird. Die Zahl der Verwertungsmöglichkeiten für uns freie Journalist*innen hat sich in den vergangenen Jahren sogar verringert: Durch das Internet und Redaktionsnetzwerke ist es heute nur noch begrenzt möglich, einen Text an mehrere Medien zur Veröffentlichung zu geben, und durch die Summe der Honorare das erforderliche Einkommen zu generieren.

Dennoch wirft das Urheberrecht alle in einen Topf, obwohl die Autor*innen von Atemlos und Apnoe  nur eine Gemeinsamkeit haben: Sie wollen planbar und gut von ihrem Werk, ihrer Arbeit leben können.

Für uns freie Journalist*innen, die Dutzende, teilweise auch Hunderte Werke im Jahr schaffen, sind die Regelungen nicht mehr geeignet/zeitgemäß. Man kann die Bezahlung für einen journalistischen Text nicht von Auflage oder Reichweite des*der Abnehmer*in abhängig machen. Eine Mehrfachverwertung ist aus den genannten Gründen nicht möglich und von den geringen Honoraren (vgl. unser Honorarreport) kann man nicht leben. Völlig unklar ist außerdem, was denn nun dafür/was für ein Honorar im Sinne des Gesetzes „angemessen“ ist.

Die gemeinsamen Vergütungsregeln für Tageszeitungen, die Anfang 2010 nach jahrelangen Verhandlungen unterzeichnet wurden, sind das beste Beispiel dafür, wie unbrauchbar das Urhebervertragsrecht im journalistischen Bereich ist. Die vereinbarten Sätze pro Zeile richteten sich nach den gedruckten Auflagen der Zeitungen, ließen Online-Nutzungen außen vor und waren schon damals so niedrig, dass man davon nicht leben konnte. Zudem hat sich auch kaum ein Verlag daran gehalten; Klagen und Debatten waren die Folge, in denen es ausschließlich darum ging, an Stelle von viel zu niedrigen Honoraren immer noch zu niedrige Honorare durchzusetzen. Wie viel freie Journalist*innen tatsächlich für einen Text erhalten müssten, um ein Einkommen zu erzielen, das ihrer Qualifikation entspricht, ging dabei völlig unter.

Unsere Meinung ist deshalb: „Angemessen“ muss bei freien Journalist*innen „auskömmlich“ bedeuten, ohne Umwege über Mehrfachverwertungen, alte und neue Nutzungswege. Und was „auskömmlich“ ist, sollte klar definiert sein. Deshalb schlagen wir vor, gesetzlich festzuschreiben, dass sich die angemessene Vergütung bei freien Journalist*innen nach Zeit und Aufwand zu richten hat, so dass nicht nur die Verlage, sondern auch die freien Journalist*innen verlässlich kalkulieren können.

Denn es reicht nicht, sich nur um den Erhalt von Zeitungen und Zeitschriften zu bemühen. Damit Medien überleben können, brauchen sie interessante, fundierte Inhalte, die nur freie Journalist*innen liefern können. Dies ist aber nur dauerhaft möglich, wenn die Kasse stimmt.

Und damit zu einem weiteren Ohrwurm aus dem vergangenen Jahrzehnt: der Verlagsbeteiligung an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft Wort. Auch hier wurde viel diskutiert und geschrieben, und auch hier müssen wir jetzt mal das Gespräch abrupt auf uns freie Journalist*innen bringen.

Wie bekommen immer wieder gespiegelt, dass die Welt da draußen annimmt, Verlage würden sich gut um ihre freien Journalistinnen und Journalisten kümmern. Das gibt es auch. Häufiger erleben wir allerdings Folgendes: unsere Beiträge werden schlecht bezahlt, in Verträgen werden uns die Möglichkeiten genommen, unsere Werke weiterzuverwerten und dann wird auch noch über die Verlegerbeteiligung daran gearbeitet, dass von den VG-Wort-Ausschüttungen weniger bei uns ankommt. Verleger sind keine Urheber und haben deswegen kein Recht darauf, Ausschüttungen der VG Wort zu erhalten. Das hat 2015 der Europäische Gerichtshof entschieden, 2016 der Bundesgerichtshof. Aufgrund der teilweise extrem niedrigen Honorare sind freie Journalistinnen und Journalisten auf die Ausschüttungen angewiesen (Honorarreport 2019).

Deshalb wollen wir die Zustimmungslösung im journalistischen Bereich erhalten. Sollte dies nicht möglich sein, ist es unbedingt erforderlich, die Beteiligung von Verlagen auf maximal ein Drittel zu beschränken, mit Betonung auf „maximal“, denn es ist auch erforderlich, Urheber*innen und Verlagen im Rahmen der Verwertungsgesellschaften die Möglichkeit zu eröffnen, geringere Verlagsbeteiligungen auszuhandeln, die den Anforderungen und jeweiligen Besonderheiten des entsprechenden Ausschüttungsbereichs gerecht wird. Gerne hätten wir auch, dass Verlage und Autor*innen eine Verlagsbeteiligung vertraglich ganz ausschließen können. In einem Diskussionsentwurf vom Januar 2020 war dies noch so vorgesehen, und die damals geänderten Rahmenverträge, die uns von unseren Mitgliedern zur Ansicht übersandt wurden, zeigen auch, dass eine ganze Reihe von Presse-Verlagen sogar von sich aus vertraglich auf die Verlagsbeteiligung verzichtet hätten.

Die EU-Copyright-Reform hat, wie schon die letzte Reform des deutschen Urheberrechtsgesetzes, die Rahmenbedingungen kreativen Schaffens deutlich zugunsten der Verwerter verschoben. Für freie Journalistinnen und Journalisten ist es von existenzieller Bedeutung, dass bei der jetzigen Ausgestaltung die Interessen der Kreativen nicht erneut auf der Strecke bleiben.

Der freie Journalismus braucht den Rückhalt des Gesetzgebers, um frei und unabhängig bleiben zu können. In Deutschland arbeiten mehrere Zehntausend freie Journalistinnen und Journalisten. Sie sind für die Demokratie unverzichtbar.

Unsere offizielle Stellungnahme könnt ihr hier lesen (PDF).

6.11.2020

Wir haben gestern diesen Appell mit drei Forderungen zur besseren Unterstützung von Solo-Selbständigen und Freiberufler*innen unterzeichnet.

Initiiert von Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, wird die Bundesregierung aufgefordert, die Belange der Solo-Selbstständigen und Freiberufler endlich ernst zu nehmen. „Deswegen fordern wir die Bundesregierung auf:

1. Die Belange der Solo-Selbständigen und Freiberufler endlich ernst zu nehmen und sie auch auf höchster Ebene gleichberechtigt mit anderen Wirtschaftsverbänden bei der Ausgestaltung und Nachbesserung von Hilfsprogrammen zu konsultieren.

2. Die bestehenden Überbrückungshilfen nicht erst im Januar sondern unverzüglich zu entbürokratisieren und diese wie auch die Notfallhilfen für mehr Betroffene zugänglich zu machen.

3. Den Weg für einen Unternehmer*innenlohn endlich frei zu machen. Betroffenen damit Unterstützung bei den Kosten ihres Lebensunterhalts zukommen zu lassen und drohende Altersarmut zu verhindern.“

Wir wünschen diesem Appell den Erfolg, den es braucht, damit die Belange der Soloselbstständigen endlich ernst genommen werden. Teilt diesen Appell! #DurchDieKriseNurGemeinsam

4. November 2020

Wir müssen mal wieder über das Leistungsschutzrecht reden. Vorweg: Wir Freischreiber sind immer noch dagegen. Es bringt kein Geld und verringert die Sichtbarkeit für freie Journalist*innen und deren Berichte.

Zudem nimmt Google jetzt auch noch die Umleitung: Der Internetkonzern will eine Milliarde US-Dollar an Presseverlage in Deutschland und Brasilien zahlen, um deren Angebote kostenlos zugänglich zu machen. Mit an Bord sind einige der größten deutschen Zeitungs-, Magazin- und Onlineverlage. Bemerkenswert ist das, weil die deutschen Gesetzgeber*innen gerade dabei sind, das Leistungsschutzrecht neu zu regeln, das den Verlagen übrigens in der alten Version nur sehr, sehr wenig Geld eingebracht hat: In Vergangenheit und Zukunft sollen Suchmaschinenanbieter*innen dafür zahlen, wenn die Länge von Textausschnitten und die Größe von Bildern, die in Suchergebnissen angezeigt werden, einen bestimmten Umfang überschreiten. Funktioniert hat das nie und wird es wohl auch nie. Zumal durch den Google-Deal das Leistungsschutzrecht nun vollständig umgangen wird.

Bevor jetzt alle ausschließlich über Verlage reden, und darüber, wie wichtig neue Einnahmequellen sind, um Qualitätsjournalismus in Deutschland zu erhalten, möchten wir daran erinnern, dass wir freien Journalist*innen es sind, die Tag für Tag diesen Qualitätsjournalismus produzieren. Und das, wie unser Honorarreport zeigt, viel zu oft für viel zu wenig Geld.

Deshalb unser Appell an die Presseverlage: Denkt daran, dass wir die Inhalte liefern, die ihr braucht, um hübsch fürs Internet zu sein. Investiert das Geld in eine Bezahlung nach Zeit und Aufwand. Und damit in richtig guten Journalismus. Lasst uns gemeinsam neue Wege finden. Wir Freischreiber vertreten rund 800 freie Journalist*innen, wir wissen, wovon wir reden. Wir sind jederzeit ansprechbar.

Und ein Hinweis an die Politik: Streichen Sie „Leistungsschutzrecht im Pressebereich“ aus den Gesetzesentwürfen zur Umsetzung der CDSM-Richtlinie in deutsches Recht. Es hat nicht funktioniert, und es wird nicht funktionieren: Sehr wenig Geld hat das Leistungsschutzrecht in der Vergangenheit in die Kassen gespült, wenig wird es mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft sein. Der Google-Deal zeigt zudem, wie leicht es ist, die Regelungen zu umgehen.

Zum Hintergrund: Eigentlich sollen Urheber*innen künftig mindestens ein Drittel der Einnahmen aus dem Leistungsschutzrecht erhalten, und Verlage maximal ein Drittel aus den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften. Wir Freischreiber sind gegen beides, aus gutem Grund: Warum sollten Presseverlage, die ihren freien Journalist*innen zunehmend ein Taschengeld anstatt eines Honorars zahlen, auch noch einen Teil von den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften bekommen? Beim Leistungsschutzrecht ist und bleibt die Realität: Ein Drittel von wenig ergibt immer weniger. Und noch viel weniger, wenn die Einnahmen, wie nun beim Google-Deal, gar nicht über das Leistungsschutzrecht fließen. Die ausgesprochen restriktiven Regelungen dafür, was eine Suchmaschine kostenfrei anzeigen darf, beschneiden auch noch die Möglichkeiten jener Journalist*innen, die unabhängige, digitale Wege gehen: Wenn Suchmaschinen weniger anzeigen, um nicht zahlen zu müssen, verlieren Podcaster*innen, Blogger*innen und journalistische Projekte wie die Riffreporter an Sichtbarkeit im Netz. Und die Öffentlichkeit verliert die Möglichkeit, neue, interessante Inhalte zu finden.

Der Text als pdf.

15. Oktober 2020

 

Die Technische Universität Dortmund interessiert sich für die Arbeitsbedingungen von freien Mitarbeiter*innen, die für lokale Zeitungsausgaben arbeiten – passend zu unserem diesjährigen Fokus des Honorarreports.

Unter welchen Bedingungen arbeiten freie Journalist*innen im Lokalen? Darum hat sich die Wissenschaft bisher viel zu wenig gekümmert. Diese Lücke soll durch eine Studie der TU Dortmund geschlossen werden, denn für die Berichterstattung im Lokalen spielen die Freien eine zentrale Rolle. In der Umfrage geht es um konkrete Tätigkeiten, die Zusammenarbeit mit der Redaktion, aber auch persönliche Ansichten. Die Wissenschaftler wollen dabei nur die Zusammenarbeit mit lokalen Zeitungsausgaben untersuchen.

Hier geht es zur Umfrage: https://ww2.unipark.de/uc/Freie_im_Lokalen/

Die Befragung ist anonym und dauert etwa 25 Minuten, eine Teilnahme ist bis Ende August 2020 möglich. Sie richtet sich an haupt-und nebenberufliche Journalisten. Nähere Informationen zum Projekt finden sich hier.