„Ich kann eine Zeile hinklatschen und bekomme am Ende das gleiche Geld wie jemand, der für diese Zeile zwei Stunden recherchieren musste“, sagt unsere Vorsitzende Sigrid März im kürzlich erschienenen Artikel „Samstag frei“ (Süddeutsche Zeitung). Es geht darin um Journalismus in der Pandemie und eine Branchen-Krankheit, die schon lange wuchert, durch die Krise aber noch krasser aus- und auffällt: die Prekarisierung des freien Journalismus.

Sigrid unterstreicht im Beitrag jene Forderung der Freischreiber, die wir seit Langem betonen und derer wir nicht müde werden: Honorare müssen sich nach dem Arbeitsaufwand richten! Nur so schaffen wir es, prekäre Verhältnisse freier Kolleg*innen aufzulösen.

Im Artikel kommt auch Freischreiberin Pascale Müller zu Wort. Ihr Beispiel verdeutlicht die Diagnose:

„Sie ist Anfang 30, Investigativ-Journalistin mit Vorzeige-CV, recherchiert zu Arbeitsausbeutung und sexualisierter Gewalt. 2019 gewann sie den Nannen-Preis für eine aufwendige Recherche über spanische Erntehelferinnen, die sexuell missbraucht wurden, und stand 2018 auf der ’30 unter 30′-Liste des Medium-Magazins, die junge Journalistinnen und Journalisten als neue Sterne am Medienhimmel adelt. Für eine Journalistin, könnte man meinen, können die Einstiegsjahre kaum besser laufen.

Aber mit ihrer investigativen, journalistischen Arbeit hat sie laut eigener Aussage im vergangenen Jahr monatlich gerade mal 800 Euro verdient. Damit lebt Müller deutlich unter dem Existenzminimum, ihr Stundensatz ist oft so niedrig, ‘dass man sich das besser nicht ausrechnet’, wie sie sagt. Müller nennt ihre Arbeit die ‘brotlose Kunst’ des Journalismus, der Aufwand für die Recherchen ist riesig, das Honorar verhältnismäßig gering.“

Den ganzen Artikel gibt es hier.

Der Landesmusikrat Baden-Württemberg hat mit einem Rundschreiben an Zeitungsredaktionen (s.u.) eine Debatte zum Thema Musikfeuilleton angestoßen. Allerdings habe der Musikrat die Perspektive des freien Journalismus und die besondere Rolle des Lokaljournalismus nicht berücksichtigt, sagt Freischreiber Sven Scherz-Schade.

Deshalb hat er eine Antwort verfasst und sie an uns weitergeleitet. Du findest sie in voller Länge als PDF weiter unten. Sven schreibt in ihr unter Anderem folgendes:

„Ich schreibe Ihnen, damit Sie in zukünftigen Debatten über Musikfeuilleton gerne mit beobachten, wie hoch der musikjournalistische Anteil freier Journalist*innen ist. Ich habe kein belastbares Datenmaterial dazu. Ich vermute, dass der Anteil im Print bei bestimmt 30 Prozent liegen dürfte, im öffentlich-rechtlichen Hörfunk dürfte er weit über 50 Prozent liegen.

In der Debatte sollte auch berücksichtigt werden, dass im gleichen Zeitraum der letzten Jahrzehnte, in denen das publizistisch freie Musikfeuilleton immer schwächer wurde, die publizistisch abhängige PR-Arbeit der Musikszene immer stärker geworden ist. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Musikszene haben zugenommen.

Es gibt zahlreiche Publikationen, Spielzeithefte, Magazine, Broschüren etc., in denen durchaus auch Musikjournalismus stattfindet, jedoch immer mit den bindenden Vorzeichen der PR. Auch dadurch droht der Musikszene die kritische Gegenmeinung verloren zu gehen, was ich fürs pluralistisch-demokratische Gefüge und die Willensbildung in unserem Land als schlimmen Verlust empfinde.“

Wir stellen euch heute und in den kommenden Tagen an dieser Stelle Aktionen, Hilfsangebote und weiterführende Informationen zusammen.

Die Kolleg:innen der russischen Nachrichtenredaktion Meduza brauchen unsere Hilfe: Der Kreml versucht, die Wahrheit über den Ukraine-Krieg zu verbergen. Meduza, eines der größten unabhängigen russischen Onlinemedien, wurde geblockt. Die Redaktion musste Russland verlassen. 
Meduza kann kein Geld mehr aus Russland erhalten. Deshalb wenden sich die Kolleg:innen an uns in Europa. Sie suchen 30.000 Unterstützer:innen, um weiterhin berichten zu können. Millionen von Leser:innen in Russland brauchen eine unabhängige Informationsquelle. Meduza könnte bald ihre letzte sein.

Heute, am 14.3., startet das Crowdfunding auf https://save.meduza.io/eu
Freischreiber unterstützt die Kampagne von Meduza in Kooperation mit Krautreporter.


„Journalist*innen, die über den Krieg in der Ukraine berichten, brauchen niederschwelligen Zugang zu psychologischer Hilfe“, schreibt Selbstlaut Kollektiv und hat gemeinsam mit Netzwerk Recherche und Dart Centre Europe eine Liste von Angebiten zusammengestellt: Trauma-Hilfe und Unterstützung für Journalist*innen in Not/Trauma relief and support for journalists in distress.


UNABHÄNGIGE MEDIEN in RUSSLAND und der UKRAINE, die zuverlässige, seriöse Informationen zum Krieg in der Ukraine veröffentlichen

  • The Kyiv Independent: unabhängige Zeitung aus der Ukraine
  • Novaya Gazeta: wichtigste unabhänige Zeitung in Russland, investigative Recherchen, Friedensnobelpreis 2021
  • Doshd bzw. TV Rain: unabhängiger, russischer TV-Sender mit kreml-kritischem Profil
  • Republic: privates, analytisches Online-Magazin; gemäßigt oppositionell und kremlkritisch
  • Snob: Magazin und Online-Projekt, das russischsprachigen Leser:innen in aller Welt Diskussionspalttform bieten will
  • Meduza: zweisprachige Online-Zeitung – Russisch, Englisch – mit Sitz in Lettland
  • AUSSERDEM: Dekoder.org – das deutsche Angebot dekoder übersetzt russische Stimmen aus unabhängigen Medien ins Deutsche. 

Weitere INFORMATIONEN:

HILFSANGEBOTE & SPENDENAUFRUFE (für Journalist:innen)

HILFSANGEBOTE & SPENDENAUFRUFE (allgemein)


(Presse-)Freiheit für die Ukraine

„Reporter ohne Grenzen (RSF) bereitet sich darauf vor, dass die russische Invasion in die Ukraine nicht nur die Berichterstattung der Medien, sondern auch die eigene Arbeit der Organisation in den Bereichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Nothilfe vor sehr große Herausforderungen stellen wird.

Journalistinnen und Journalisten vor Ort müssen derzeit entscheiden, ob sie bleiben oder wo sie Zuflucht suchen. Am gefährlichsten ist offenbar die Lage in den schon lange umkämpften Gebieten in der Südost-Ukraine. Hier gibt es Nachrichten über Journalistinnen und Journalisten, die versuchen, nach Kiew zu kommen. Unabhängige Berichterstattung ohne Schutz durch eine der Kriegsparteien ist aller Erfahrung nach nicht möglich.

Zudem zeichnet sich auch eine Fluchtbewegung von Zivilistinnen und Zivilisten aus Kiew heraus ab, die auch Medienschaffende betreffen dürfte. Sie können nach Auffassung von RSF nur selber – und möglichst in Abstimmung mit ihren Redaktionen – entscheiden, wo sie am sichersten sind. RSF betont wie stets die Verantwortung, die die den Auftrag erteilenden Medien eingehen – auch für Freelancerinnen und Freelancer.

Reporter ohne Grenzen wird sich bemühen, in den nächsten Tagen fortlaufend möglichst viele Informationen zur Verfügung zu stellen. Das RSF-Nothilfereferat ist ansprechbar für Anfragen von Kolleginnen und Kollegen, die Schutz und Unterstützung brauchen. Für internationale Berichterstatterinnen und Berichterstatter bietet RSF einen Versicherungsschutz für Kriegs- und Krisengebiete (mehr Informationen unter assistance@rsf.org). Kugelsichere Westen und Helme können im Internationalen Sekretariat von Reporter ohne Grenzen in Paris ausgeliehen werden (kein Versand möglich). Voraussetzung für beides ist eine Mitgliedschaft bei RSF.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht die Ukraine auf Platz 97, Russland auf Platz 150 von 180 Staaten.“

PM der RoG vom 24.2.22


         

Am 10. und 11. Dezember geht’s in der Mitgliederversammlung der VG Wort um die Höhe der Verlagsbeteiligung. In den meisten Bereichen sollen erst mal vorläufige Prozentsätze festgelegt, im zweiten Schritt über die endgültigen Höhen verhandelt werden. Die vorläufigen Quoten sollen sich aber schon jetzt am oberen Rand des gesetzlich Zulässigen bewegen, so der Plan. Bei Tageszeitungen will die VG Wort bereits eine endgültige Verlagsbeteiligung von 30 Prozent festlegen. 

Wir sind damit nicht einverstanden. Unsere Positionen:

  1. Die Höhe der Verlagsbeteiligung in der Presserepro muss ebenfalls befristet, über die endgültige Höhe gesprochen werden. Warum? Früher haben die Zeitungsverlage das Geld nie selbst bekommen. Es floss in eine Einrichtung, die es nicht mehr gibt: die Akademie Berufliche Bildung der deutschen Zeitungsverlage (ABZV). Das gemeinnützige Werk bildete Journalist*innen aus und fort. Warum sollten diese Gelder in unveränderter Höhe ohne Diskussion nun direkt in die Kassen der Verlage fließen?
  2. Die vielbeschworene „Einheit von Verlagen und Urheber*innen“ gibt es im Pressebereich nicht, im Gegenteil: Nirgendwo sonst sind Urheber*innen und Verwerter*innen so weit voneinander entfernt. Die Presseverlage haben sich bisher nicht maßgeblich in die VG Wort eingebracht. Gesprächen über angemessene Vergütungen verweigern sie sich. Die vorläufigen Quoten in der Presse-Repro, für Metis und bei den Fachzeitschriften müssen deshalb am unteren, nicht am oberen Rand angesiedelt werden. Sonst gibt es keinen Anreiz für die Verlage, innerhalb und außerhalb der VG Wort ernsthafte Gespräche zu führen.
  3. An den Gesprächen über die endgültige Höhe der Verlagsbeteiligung müssen sich alle Interessengruppen beteiligen können. Die Zusammensetzung des Verwaltungsrats bildet die Urheber*innengruppen nur unzureichend ab, einen Informationsaustausch gibt es kaum.

Du bist Mitglied der VG Wort und teilst unsere Positionen? Dann stimm am 10. und 11. Dezember für sie ab – #gemeinsamstatteinsam für die Rechte von Freien.

Mitglieder finden im internen Bereich weitere Hintergrundinfos zur Verlagsbeteiligung.

Freischreiber unterstützt die „Meldestelle Misogynie”. Die Initiative kritisiert das „Zögern der Social-Media-Plattformen, entschiedene Maßnahmen zur Verringerung geschlechtsspezifischer digitaler Gewalt zu ergreifen”. Das habe „nicht nur reale Auswirkungen auf die Opfer selbst, sondern auch auf die Demokratie, die Meinungsfreiheit und die Gleichstellung der Geschlechter”.

Viele unserer Mitglieder kennen diese Auswirkungen allzu gut. Unsere Vorsitzende Sigrid März sagt: „Journalist:innen erfahren nicht nur in der analogen Welt Anfeindungen und Übergriffe. Hetze und Drohungen im Netz sind längst Alltag. Freien fehlen der Rückhalt und Schutz einer Redaktion, sie stehen oft allein da. Freie, unbeeinflusste Berichterstattung ist aber eine tragende Säule der Demokratie. Dazu gehört, dass Journalist:innen ohne Angst vor Gewalt und Hass arbeiten können.“

Gerade Frauen erfahren online, was es bedeutet, belästigt, beleidigt und bedroht zu werden. „Ganz normal finden das anscheinend Politik und die – in Anführungszeichen – sozialen Netzwerke”, so die Meldestelle Misogynie. „Dabei sind gerade Politiker:innen ebenfalls stark betroffen. Derweil verdienen Zuckerberg und Co. ordentlich Geld mit dem Hass.

Bis die Verantwortlichen endlich handeln, nehmen wir die Sache in die Hand! Denn sexualisierte Gewalt ist nicht nur ekelerregend – sie verletzt auch die Demokratie, indem sie kluge, kritische und empathische Stimmen zum Verstummen bringt.

Das darf nicht so weitergehen. Also sagen wir: #WEGMITDEMHASS. Zusammen wollen wir aktiv werden. Die Politik muss die Demokratie im Netz schützen. Helft uns und schickt den Offenen Brief an eure Wahlkreisabgeordneten.”

Bei einem Pressetermin des Bistums Köln Anfang des Jahres sollten Journalist:innen Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnen. Miese Pressearbeit, haben wir im Vorstand von Freischreiber, dem Berufsverband der freien Journalist:innen, damals gedacht. In einem Interview des Medienmagazins „Journalist“ (Ausgabe 10/21) mit dem Anwalt Carsten Brennecke erfahren wir nun, dass er Journalist:innen schon seit Jahren solche Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben, sich dann Zitate und verwendete Informationen zur Autorisierung vorlegen lässt. Das sei nicht unüblich, wird Brennecke (vermutlich autorisiert) zitiert.

Aus den Ausführungen lässt sich zudem schließen, dass all das nicht nur geschieht, um die Identität von Informant:innen zu schützen, sondern um Berichterstattung zu steuern, zu lenken und auch: um von Vorwürfen gegen eigene Mandant:innen abzulenken.

Uns im Vorstand von Freischreiber hat die Unverblümtheit, mit der ein Anwalt zugibt, Berichterstattung zu beeinflussen, schlicht fassungslos gemacht: Die Pressefreiheit, die Unabhängigkeit der Berichterstattung müssen in einer Demokratie für alle heilig sein. 

  • Wir fordern deshalb alle Kolleg:innen auf, es den Journalist:innen beim Pressetermin im Bistum Köln gleichzutun und solche „Deals“ strikt abzulehnen. 
  • Wir bitten unsere Auftraggeber:innen darum, sich vor uns zu stellen, damit wir deutlich „Nein“ sagen können. Wenn eine Geschichte dann stirbt, muss das in Ordnung sein!
  • Wir brauchen keine Anwaltskanzleien, die für uns – im Auftrag derjenigen, über die wir berichten – entscheiden, was in einem Beitrag stehen darf und was nicht. Die meisten Journalist:innen sind exzellent ausgebildet; der Schutz von Informant:innen ist für uns eine Selbstverständlichkeit.

Verschwiegenheitserklärungen, Abmahnungen, Drohungen

Ja, wir Journalist:innen nerven. Das muss so sein. Meinungsvielfalt und informierte Entscheidungen leben von korrekten Informationen und ihrer unbeeinflussten Einordnung. So manch Politiker:in wäre ohne Journalist:innen nie groß geworden. So manches Unternehmen wäre ohne Berichterstattung nichts wert. Und ja, ohne „die Medien“ wäre auch die eine oder andere Karriere nicht zu einem abrupten Ende gekommen. Das ist nicht unsere Schuld. Wir Journalist:innen machen nur unsere Arbeit. Und die muss zwingend frei von direkter und indirekter Einflussnahme bleiben. 

Das ist kein Einzelfall, der sich nur auf außergewöhnliche Enthüllungsgeschichten bezieht. Freischreiber ist ein Verband von fast 900 freien Journalist:innen. Die heutige Medienvielfalt lebt von den Möglichkeiten und Expertisen freier Journalist:innen. Doch viel zu viele unserer Mitglieder berichten uns, wie Unternehmen und Einzelpersonen selbst bei alltäglichen Geschichten versuchen, Inhalte zu steuern, mit Verschwiegenheitserklärungen, aber auch durch Abmahnungen oder Drohungen mit kostenintensiven rechtlichen Schritten. Wir hören, wie sich Redaktionen, Verlage und Sender raushalten. Und wir kennen den wirtschaftlichen Druck: Nur wer veröffentlicht, verdient. Das führt dazu, dass die eine oder der andere dann doch das Kleingedruckte unterschreibt und darauf hofft, dass es schon nicht so schlimm werden wird. Das darf nicht zur Normalität werden.

Denn tatsächlich bedrohen jedwede Methoden, die die Berichterstattung beeinflussen, die Pressefreiheit und damit auch die Demokratie. Wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dass im Hintergrund jemand anderes als die/der Journalist:in die Feder führt, ist die Konsequenz der Vertrauensverlust in die Pressearbeit. Wenn nicht mehr die ganze Geschichte berichtet werden kann, gerät die öffentliche Meinungsbildung in eine Schieflage. Welche Konsequenzen ein solcher Vertrauensverlust in die freie Berichterstattung hat, beobachten wir nicht erst seit der Corona-Pandemie. Begriffe wie „Lügenpresse“ und „Staatsfunk“ sind nur eine Facette, Angriffe auf Journalist:innen eine weitaus dramatischere. Auch das darf nicht zur Normalität werden.

Dafür brauchen vor allem wir freien Journalist:innen den Rückhalt unserer Auftraggeber:innen, damit wir auch beim nächsten Mal voller Überzeugung und ohne Angst „Nein“ sagen können. 

Freischreiber

[Hinweis: Wir haben den Link zum Interview ergänzt. (18.10.2021)]

#GrueneLaune strömte am Sonnabend durch ganz Deutschland: Die Berliner Regios kochten Pesto und schlürften Cocktails, Freischreiber in Frankfurt schnitzelten im Palmengarten, unsere Hamburger Gruppe kostete Bier aus Roggenbrot und Handcreme aus Hefematsch. Auch in München perlte Gold in den Gläsern. Die Provinz-Post wehte in einer grünen Brise sogar bis zum Gardasee.

Es war großartig, nach der digitalen Mitgliederversammlung “live” mit euch zu schnacken und zu feiern. Sobald möglich planen wir ein Treffen mit allen gemeinsam. Spätestens bei dieser Gelegenheit werden auch unsere aus dem Vorstand verabschiedeten Freien erneut dabei sein.

Erst mal aber steht Arbeit an: Der neue Vorstand wählt Vorsitz, Stellvertretung und Finanzminister*in. Die Geschäftsstelle wirbelt zwischen Accounts und Listen. Freienbibel 2 und die neue Honorarseite rasen auf die Zielgerade. Weiter geht’s mit Frischluft – wir freuen uns drauf!

Wir müssen über die Pressefreiheit reden. Ein Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums hat massive Einschränkungen von Journalist*innen und eine Enteignung ihres geistigen Eigentums gefordert; das Positionspapier war gut einen Monat öffentlich auf der Webseite des Ministeriums zugänglich. Unbemerkt vielleicht, aber in jedem Fall unwidersprochen. (Mehr dazu hier.)

Es reicht nicht, nun zu betonen, dass hier keinesfalls die Haltung des Ministeriums wiedergegeben worden sei, und das Dokument nun viel zu spät zu löschen. Die Bundesregierung muss endlich damit beginnen, die Belange von freien Journalist*innen zu berücksichtigen. 

Deshalb unsere Bitten an die Bundesregierung:

Sprechen Sie mit uns, hören Sie uns zu. Journalismus ist ein Pfeiler der Demokratie, der zwar oft stört, aber dennoch unverzichtbar ist. Setzen Sie einen ständigen Beirat von freien und festangestellten Journalist*innen ein, der Missstände und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. 

Schaffen Sie Rahmenbedingungen, die die Pressefreiheit auch in Krisenzeiten gewährleisten. Journalist*innen müssen berichten können, ohne Angst vor Bedrohungen und kostenintensiven Abmahnungen zu haben. Wir brauchen Bewegungsfreiheit. Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie dürfen die Arbeit von Journalist*innen nicht einschränken. Nicht zuletzt benötigen wir ein Urhebervertragsrecht, das freienJournalist*innen ein auskömmliches Einkommen zu allen Zeiten garantiert.

Auch an die Medienunternehmen haben wir eine Bitte:

Stellen Sie sich hinter ihre freien Journalist*innen; verzichten Sie auf Vertragsklauseln, die die Haftung für Berichte vollständig auf die freien Mitarbeiter*innen übertragen. 

Denn die Ereignisse der vergangenen Tage sind nur die vorerst letzten in einer immer länger werdenden Serie aus Vorkommnissen, die vor allem freien Journalist*innen die Arbeit schwer machen.

Viel zu oft versuchen Unternehmen, unliebsame Berichterstattung durch die Drohung mit juristischen Schritten zu verhindern. Ohne Rückhalt durch Politik und Auftraggeber*innen verhindert dies auch korrekte, berechtigte Beiträge. Immer wieder berichten Kolleg*innen, dass Polizeibeamt*innen oder Ordnungsbehörden die Privatadresse und den Inhalt der Berichterstattung erheben.

Wer als freie Journalist*in auf einer eigenen Homepage im Netz für die eigene Arbeit werben will, muss die eigene Adresse öffentlich machen, und dies in einer Zeit, in der Bedrohungen zunehmen. Bei der Überarbeitung des Urheberrechts sind indes zwar die Interessen von Presseverlagen umfangreich berücksichtigt worden. Freie Journalist*innen haben aber nach wie vor keine realistische Möglichkeit, auskömmliche Honorare und Verträge auf Augenhöhe durchzusetzen. Deutsche Auslandskorrespondent*innen, deren Berichterstattung eine Basis für die Gestaltung der deutschen Außenpolitik bildet, wurden bei den Hilfsmaßnahmen zur Milderung der Folgen der Corona-Pandemie völlig vergessen. 

Journalismus ist kein Luxus, auf den man in Krisenzeiten eben verzichten können muss, sondern eine Lebensnotwendigkeit. 

Freischreiber, der Berufsverband freier Journalist*innen, ist jederzeit zum Gespräch bereit.

Freischreiber setzt sich seit über zehn Jahren exklusiv für die Belange freier Journalist*innen ein. Wir streiten für ein Urheberrecht, das tatsächlich den Urheber*innen dient und nicht den Verwerter*innen, für bessere Verträge und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. 

Soeben haben wir der taz gemeinsam mit drei weiteren Verbänden ein Manifest übersandt, das “Manifest der taz-Freien”. Zu den Verfassern zählen neben uns FREELENS, ver.di, der Deutsche Journalisten-Verband DJV Berlin und der Journalistenverband Berlin-Brandenburg e.V. DJV Berlin – JVBB. Gemeinsam fordern wir die Zeitung auf, ihre Mindesthonorare für Freie zu erhöhen und an die Gehaltsentwicklung ihrer Festangestellten anzubinden. Über 130 taz-Freie und Korrespondent*innen haben das Manifest unterzeichnet.

Manifest der taz-Freien
Auch wir sind taz – Wir fordern Gleichbehandlung

Wir sind Korrespondent:innen der taz oder arbeiten auf andere Weise ohne Festanstellung regelmäßig für die taz. Wir identifizieren uns mit der taz, und wir werden auch in unseren Arbeitsfeldern als Gesichter der taz wahrgenommen.

Deshalb wollen wir in einem zentralen Punkt künftig mit unseren festangestellten Kolleg:innen gleichbehandelt werden: Wir wollen im gleichen Maß am Erfolg und am Aufschwung der taz teilhaben. Wenn die Gehälter der Festangestellten um 2,5 Prozent erhöht werden, sollen sich auch unsere Pauschalen, Zeilengelder, Bildhonorare und Tagessätze um 2,5 Prozent erhöhen. Wenn die Festangestellten einen Bonus oder eine einmalige Gehaltserhöhung erhalten, sollen auch wir in entsprechender Weise bedacht werden. Gleichbehandlung heißt für uns: den gleichen prozentualen Zuwachs zu erhalten, parallel und automatisch, ohne dass wir bitten und betteln müssen. Weil es eine Selbstverständlichkeit ist, weil es eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Leider war dies in den letzten Jahren nicht der Fall. In den letzten zehn Jahren (außer 2013) wurden die Gehälter der Festangestellten jeweils um 2,5 Prozent erhöht, während die Honorare der nichtangestellten Tazzler:innen in der Regel unverändert blieben. So hat die taz ihre Zeilengelder im selben Zeitraum nur einmal (2019) um zwei bzw. vier Cent erhöht. Das heißt: die Honorare der Festangestellten stiegen binnen 10 Jahren (mit 24,9 Prozent) zehn Mal so stark wie die meisten Zeilensätze der taz. Und dabei sind einmalige Gehaltserhöhungen wie Anfang 2021 noch nicht einmal mitgerechnet. Dass dies einseitig und nicht fair ist, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Dabei müssen wir alle inflationsbedingt fast jährlich einen realen Honorarverlust hinnehmen. Wer beispielsweise heute das selbe Honorar wie vor zehn Jahren bekommt, erhält damit nicht einmal mehr 85 Prozent der Kaufkraft von damals.

So kann und darf es nicht weitergehen. Die ungleiche Entwicklung bei den Einkommenszuwächsen muss aufhören. Wir wollen nicht mehr Tazzler:innen zweiter Klasse sein. Wir tragen unseren Teil zum Erfolg der taz bei, deshalb wollen wir auch gerecht am wirtschaftlichen Erfolg der taz teilhaben. Und falls harte Zeiten kommen, dann müssen wir genauso auf Zuwächse verzichten wie die Festangestellten. Wir wollen Gleichbehandlung – in guten und in schlechten Zeiten.

Das Hauptargument gegen unseren Wunsch war bisher: Die taz kann sich das nicht leisten, es ist nicht genug Geld da. Wir halten eine solche Argumentation für empörend. Niemand käme auf die Idee, z.B. den Teilzeitbeschäftigten die Gehaltserhöhung zu versagen, weil es nur für die Vollzeitbeschäftigten reicht. Niemand würde wagen, Frauen von Erhöhungen auszuschließen, weil es nur für Männer reicht. Die Budgets der Redaktionen müssen so bemessen sein, dass Gleichbehandlung möglich ist. Die Erhöhung muss allen zugute kommen, die dazu gehören. Und wir gehören dazu.

Als ein Grund für die Einkommenszuwächse der Festangestellten wurde auch die Verdichtung der Arbeit durch die Digitalisierung genannt: Es müssen immer mehr Kanäle beschickt werden, immer mehr Absprachen sind nötig, immer mehr Verwaltungsaufgaben kommen hinzu. Ja, so ist es. Aber das gilt für uns genauso! Auch wir müssen Print- und Online-Versionen liefern. Wir müssen Absprachen doppelt und dreifach treffen und zugleich den immens angewachsenen digitalen Informationsfluss bewältigen. Unsere Arbeit hat sich genauso verdichtet wie die der Festangestellten.

Früher hieß es oft, die Freien haben noch andere, potentere Auftraggeber, die Freien brauchen die

Honorarerhöhungen der taz gar nicht. Das war bereits damals ein seltsames Argument, denn die taz wollte unsere Arbeit und Kreativität schon immer gerne vorrangig. Aber das Argument wird durch die Medienkrise von Jahr zu Jahr haltloser. Schließlich kommen andere Medien oftmals schlechter durch die Krise als die taz und sparen dann häufig an den Freien. Die taz und das Einkommen von der taz wird für die nicht-angestellten Tazzler:innen also nicht unwichtiger, sondern im Gegenteil immer wichtiger.

Natürlich sind die Verhältnisse der freien Tazzler:innen sehr unterschiedlich. Manche verdienen unter dem Strich ganz gut, andere kratzen am Elend. Das darf aber nicht dazu führen, dass es Honorarerhöhungen nur für die Ärmsten der Armen unter den taz-Freien gibt. Gleichbehandlung heißt, dass wir keine Bedürftigkeitsprüfung über uns ergehen lassen müssen, bevor wir die für alle vorgesehene Honorarerhöhung erhalten. Bei Festangestellten wird auch nicht kontrolliert, ob sie geerbt haben oder ob ihre Partner:innen bereits gut verdienen. Gleichbehandlung ist Gleichbehandlung und kein Almosen.

Die Situation der prekär beschäftigten und besonders schlecht bezahlten freien Tazzler:innen muss anders verbessert werden. Die Gewerkschaften und Berufsverbände werden der taz Vorschläge für eine Anhebung der Mindest-Zeilengelder (auf 65 Cent), der Mindest-Tagespauschalen (auf 160 Euro) und der Mindest-Fotohonorare (auf 35 Euro Print/25 Euro Online/Tagesauftrag 105 Euro) machen. Diese Vorschläge unterstützen wir ausdrücklich.

Die Forderung nach Gleichbehandlung bei Einkommenssteigerungen ist hierauf aber nicht anrechenbar, sondern steht für sich. Es ist eine Schande, dass wir dies überhaupt einfordern müssen. Wir suchen deshalb des Gespräch mit Chefredaktion, Geschäftsführung, Redaktionsrat, Betriebsrat, Aufsichtsrat und nicht zuletzt mit der Genossenschaft. Als Journalist:innen liegt uns auch der Gang in die mediale Öffentlichkeit nicht fern.

Unsere Forderung ist so einfach, gerecht und nachvollziehbar, dass die taz sie nicht ablehnen kann.

„Warum unterschreiben wir erst jetzt –  und warum machen das nicht viel mehr Redaktionen?“, fragen sich Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz an einem glühendheißen Morgen in Berlin Prenzlauer Berg. Da sind sie wieder, die Rätsel unserer Zeit. Sei‘s drum. Versäumnisse kann man nachholen. Das hat Übermedien jetzt gemacht: Der Code of Fairness ist unterschrieben. 

Der Code, das ist unser Freischreiber-Regelwerk zum fairen Umgang zwischen Redaktionen und freien Journalistinnen und Journalisten. Manchmal wissen Redaktionen wirklich nicht, wie sie es besser machen können, manchmal machen sie es schon gut und wollen sich mit dem Code eine Richtlinie geben. Mehr Struktur in den Umgang bringen. 

Übermedien ist nun alles andere als ratlos, was den Umgang angeht. Die meisten Code-Regeln werden ohnehin befolgt. An einem Punkt hakte es bisher noch: Schriftlich sollen Aufträge bestätigt werden mit Umfang, Inhalt und Honorar, damit es am Ende keine Missverständnisse gibt. Kein Problem, ab sofort wird das gemacht. Schon hat der Code geholfen. 

Dass ein mündlicher Auftrag auch funktionieren kann, wissen wir alle. Besser und übersichtlicher ist es für alle Beteiligten, wenn jeder noch mal nachsehen kann: Wie war das noch mal, wann die Abgebe, wie hoch die Zeichenzahl? Ein schönes Beispiel, wie Fairness noch besser funktionieren kann. Der Code soll kein Korsett sein, sondern ein Hilfsmittel. Und die Regeln sind beim genauen Hinschauen so selbstverständlich, dass allein ein Rätsel stehenbleibt: Warum unterschreiben eigentlich nicht alle? 

Foto: Sabine Gudath