Dein Bibel-Adventskalender

Advent, Advent, die zweite Kerze brennt! Hinter diesem Kalendertürchen versteckt sich ein Interview, das Freienbibel 2-Redaktionsmitglied Katharina Jakob mit Nora Saager, Textredakteurin von P.M., geführt hat. In dem Beitrag erfahrt ihr, wie ihr euch geschickt an neue Auftraggeber:innen heranpirscht — und die Redaktion auch langfristig von euch überzeugt. Und weil nicht nur Nora, sondern auch Katharina viel zu erzählen hat, darf Nora ihr am Ende auch noch zwei Fragen stellen. (Spoiler: Das innovative Wendejacken-Interviewformat wird euch in der gedruckten Freienbibel öfter begegnen.) Nun aber: Kerzenlicht an und Vorhang auf für Text zwei!

5+2-Reverse-Interview: Einen Draht zur Redaktion aufbauen

Autorin: Katharina Jakob

5 Fragen an und 2 Fragen von: Nora Saager, Textredakteurin P.M./COI Wissen (Community of Interest) bei Gruner + Jahr. Wie kommt man rein, wie bleibt man drin?

1: Wie kommt eine freie Kollegin, die in der Redaktion niemanden kennt, bei euch zu Aufträgen?

Nora Saager: Wenn du keinen bestehenden Kontakt hast, schick eine Bewerbung direkt an einen Redakteur oder eine Redakteurin. Da sind die Chancen höher, dass deine Mail nicht untergeht. Außerdem werden solche Nachrichten in der Regel an uns weitergereicht. Am besten hängst du ein, zwei Arbeitsproben an, damit wir eine Vorstellung davon haben, wie du arbeitest. Wenn du bestimmte Qualifikationen hast, beispielsweise ein Studium in Molekularbiologie, schreib das dazu, wir machen ja Wissensmagazine. Und idealerweise schickst du gut zum Heft passende Themenvorschläge. Die Zeit, die wir haben, um selbst Geschichten zu entwickeln, wird zusehends weniger. Das heißt also: Gute Vorschläge sind die allerbeste Chance, für uns zu schreiben. Die meisten Themen, die wir für P.M. beauftragen, basieren auf Vorschlägen von Freien.

2: Wie bleibt man drin, auch auf Dauer?

Erst einmal natürlich, indem man gut und sauber arbeitet. Und indem man regelmäßig Themenvorschläge macht. Selbst wenn sie nicht alle genommen werden: So bleibt man präsent. Hilfreich ist außerdem, einen fachlichen Schwerpunkt zu haben. Wenn wir Autor*innen für Bereiche wie Weltraum, Fahrzeugtechnik, Psychologie oder Biomedizin suchen, haben wir sofort Kolleg*innen im Kopf, die sich damit super auskennen – und die wir dann bevorzugt fragen. Solche Leute verfolgen die aktuelle Forschung und verfügen über ein Netzwerk guter Ansprechpartner*innen. Eine unserer Autor*innen schickt immer Quellenlisten mit, das ist prima für die Verifikation.

3: Welche Fehler dürfen Freie nicht machen?

Was ich persönlich wirklich nicht leiden kann: wenn Leute faul sind, wenn sie schlampig recherchieren, wenn ich feststelle, jemand hat sich keine Mühe gegeben. Zu dem Thema hätte man zwei, drei Expert*innen fragen sollen – gefragt wurde aber maximal eine*r, oder es gab eine komplette Kaltrecherche aus Sekundärquellen. Oder es wurden Pressemitteilungen abgeschrieben und nur halb verstanden. Liefert jemand regelmäßig Artikel ab, bei denen er oder sie nicht sauber gearbeitet hat, dann ärgert mich das wirklich. Wir haben uns über die Jahre von einigen Autor*innen getrennt, die unseren Recherche-Ansprüchen nicht gerecht geworden sind. Es waren zum Glück aber sehr wenige. Inzwischen haben wir einen soliden Stamm toller, kompetenter, gewissenhafter freier Kolleg*innen.

Eine andere Sache, die wirklich schwierig ist: wenn Freie chronisch Deadlines reißen. Wir sind sehr verständnisvoll, wenn etwas dazwischenkommt, aber es sollte nicht zur Regel werden.

Und das Dritte, was mich ärgert, ist, wenn Autor*innen patzig werden, sobald ich Anmerkungen oder Überarbeitungswünsche habe. Es hat sich schon mal jemand beim Chefredakteur beschwert, wie ich es wagen könne, in seinem Text herumzufuhrwerken. Das ist ein hundertprozentig sicherer Weg, sich ins Aus zu befördern.

4: Eines der Hauptprobleme zwischen Freien und Redaktionen ist das mangelnde Feedback. Wenn ihr mal nicht auf E-Mails antwortet – woran liegt das dann?

Ich bemühe mich sehr, direkt zu antworten. Manchmal ist das nur eine kurze Bestätigung, dass die Mail angekommen ist und ich mich wieder melde. Dann nehme ich das Thema mit in die Themenkonferenz. Aber manchmal dauert es, bis wieder eine stattfindet. Auch werden solche Konferenzen gern mal verschoben, das wissen wir, aber ihr natürlich nicht.

Ich sage meinen Freien: Wenn sie mir einen Themenvorschlag schicken und ich nicht reagiere, dann sollen sie nachfragen, auch zweimal. Denn natürlich gehen mir Sachen unter. Wenn wir Geschichten bekommen, bemühen wir uns, dass sie nicht lange liegen, sondern wir schnell Feedback geben. Was wir mit Sicherheit noch besser machen können, ist, den Leuten zu sagen, wann ihre Geschichten tatsächlich gedruckt werden.

5: Freie befürchten, dass ihre Themen geklaut werden. Die Redaktion lehnt ihr Exposé ab, und trotzdem steht die Geschichte kurz darauf im Blatt, geschrieben von einem Redakteur. Wie können wir uns davor schützen?

Ich hoffe, diese unangenehme Erfahrung hat bei uns noch niemand gemacht. Natürlich ist jeder Themenvorschlag, den ihr uns schickt, ein Vertrauensvorschuss. Und dieses Vertrauen missbrauchen wir nicht. Manchmal sieht unglückliches Timing vielleicht wie Ideenklau aus – jemand schlägt ein Thema vor, das bei uns schon auf der To-do-Liste steht oder im Stehsatz liegt. Wir Redakteure haben gelegentlich Herzensthemen, bei denen wir sehr lange auf ein Zeitfenster warten, um sie aufschreiben zu können. Das sagen wir dann aber auch sofort. Wer Sorge hat, dass eine Redaktion sich seiner oder ihrer Recherche bedient, kann die Themenvorschläge natürlich möglichst knapp halten und für ein detailliertes Exposé einen Vorschuss verhandeln. Aber ganz ohne Vertrauen geht es nicht. Wer eine schlechte Erfahrung macht, sollte das auf jeden Fall ansprechen – vielleicht war es nur ein Fall von miesem Timing und mieser Kommunikation. Hat man bei einer Redaktion grundsätzlich ein schlechtes Gefühl, ist es wahrscheinlich Zeit, sich neue Auftraggeber* innen zu suchen.

An dieser Stelle drehen wir den Spieß um und lassen uns fragen. Was will eine Redakteurin von Freien wissen? Zwei Fragen von Nora Saager:

1: Welcher Anteil eurer Zeit geht für Akquise drauf? Wie wichtig ist „Markenbildung“?

Katharina Jakob: Wenn wir es richtig machen wollen, müssten wir für die Akquise einen Tag pro Woche einplanen. Mit Akquise meine ich: Themen suchen, Vorschläge ausarbeiten, überzeugend aufbereiten. Und sie dann anbieten. Also das, was die Grundlage unseres Freien-Daseins ist. Allerdings kenne ich kaum Freie, die so viel Zeit dafür aufwenden, weil das eben auch bedeutet: ein Tag ohne Einkünfte. Ein großes Problem von Freien ist ja, dass sie zu viel für die falschen Auftraggeber:innen arbeiten. Das heißt, sie nehmen zu viele Aufträge an, die sie nicht ernähren, und vernachlässigen die Medien, die ihre gute Arbeit honorieren. Das ist leider ein Kardinalfehler, konsequente Akquise könnte das verhindern. Ergo: Gut wäre ein Tag pro Woche, in der Realität ist es meistens weit weniger.

Markenbildung ist extrem wichtig. Der alte Bauchladen funktioniert meiner Meinung nach kaum noch. Freie können sich am Markt nur durchsetzen, wenn sie gefragt sind. Und gefragt sind Spezialistinnen und Spezialisten, Autor:innen, die so tief in einem Thema drin sind, dass sie dort auch die Themen finden, auf die sonst niemand kommt.

2: Was können wir tun, um die Zusammenarbeit möglichst geschmeidig zu gestalten? Was treibt euch in den Wahnsinn?

Zwei Dinge könnt ihr unmittelbar tun: auf dem Zettel haben, dass wir in eure Redaktionen nicht hineinschauen können. Wir wissen nicht, wann Themen geschoben werden oder Konferenzen ausfallen. Also: Sprecht mit uns, kommuniziert mit uns, ein Einzeiler genügt. Der zweite Punkt ist ganz ähnlich: Feedback. Wir wollen wissen, ob ihr das mögt, was wir euch liefern, oder ob ihr Fragen habt. Sehr oft schicken wir unsere Arbeit in eine Art Nirwana und hören wochenlang nichts. Bis plötzlich eine hektische Mail aufschlägt mit Änderungswünschen, aber bitte asap, spätestens bis morgen. Morgen könnten wir allerdings unterwegs sein wegen einer Recherche. Dass auch wir einen Vorlauf brauchen, haben die wenigsten Redakteur:innen auf dem Schirm.

Was mich persönlich in den Wahnsinn treibt, sind Redaktionen, die Honorare kürzen. Die nonchalant davon ausgehen, dass man dieselbe Qualität auch billiger haben kann. Nein, kann man nicht. Entweder brennen Freie aus, weil sie immer länger für weniger Geld arbeiten. Oder sie werden schlampig. Oder sie steigen aus und machen besser bezahlte PR. Das kann nicht in eurem Sinne sein. Und deshalb finde ich, seid auch ihr in den Redaktionen gefragt: Nicht immer durchwinken, was Verlagsleitungen so anordnen, sondern auch mal gegenhalten und euren Freien den Rücken stärken.

Und was ist eigentlich mit der Freienbibel?

Die gute Nachricht: Das gute Stück mit seinen 500 Seiten ist auf der Zielgeraden. Die schlechte: Bis Weihnachten wird das Buch nicht mehr fertig. Denn weil wir das Layout geschenkt bekommen haben, hat es etwas länger als kalkuliert gedauert. Und dann ist unser kleiner starker Verband in den Strudel der Globalisierung geraten: Alle Welt will Holz, und darum ist Papier gerade teuer und knapp. Das bedeutet: Die frisch nach Druckfarbe duftende Bibel kommt erst Ende Januar raus. Gutscheine gibt es allerdings schon jetzt – und zwar hier.