Reportage | Katrin Groth

Wie ein Hafen in Georgien der Geopolitik zum Opfer fiel

China, Russland oder die USA? Eigentlich sollte Georgien längst seinen ersten Tiefseehafen haben. Stattdessen wurde ein Dorf im Westen des Landes zum Schauplatz eines Kampfes um die geostrategische Vorherrschaft im Kaukasus.

Von Katrin Groth, (Text) und Tako Robakidze (Foto), Anaklia

An einer Schranke am Schwarzen Meer stehen vier Lastwagen und warten. Schwere Steine türmen sich hinter den Fahrerhäuschen. Die Fahrer lungern am Strassenrand, lachen laut und rauchen viel. Hinter ihnen ragt eine Betonruine in den grauen, windigen Himmel, ein bröckelnder Pier führt über den Strand ins Meer. Hier liegen die Überreste von Anaklias Vergangenheit.

Jenseits der Schranke liegt die Zukunft des Tausend-Seelen-Ortes: Wo sich derzeit eine mehrere Fussballfelder grosse Baustelle befindet, soll in den kommenden Jahren ein Tiefseehafen entstehen. An den Steinen, die jetzt auf den Ladeflächen der Lkws liegen, sollen dann die Bugwellen einfahrender Containerschiffe brechen.

Der Hafen von Anaklia, Georgiens erster Tiefseehafen, soll die Kaukasusrepublik zum zentralen Umschlagplatz auf der Handelsroute zwischen Asien und Europa machen. Im Vergleich zum nördlichen Weg durch das kriegstreibende Russland und zum südlichen durch den Suezkanal gilt der «Mittelkorridor» durch das Kaspische und das Schwarze Meer als kürzer, schneller und sicherer. Das Handelsvolumen entlang dieser Route könnte sich bis 2030 verdreifachen und auf zehn Millionen Tonnen jährlich steigen, schätzt die Weltbank. Wer diese Route beherrscht, beherrscht also eine der wichtigsten Achsen der Globalisierung. Anaklia ist so etwas wie ihr Flaschenhals.

Auflösung im Fernsehen

Wäre alles nach Plan gelaufen, würden hier heute bereits Containerschiffe festmachen. 2016 hatte ein Konsortium aus US-amerikanischen, georgischen und europäischen Investor:innen ein chinesisches Angebot ausgestochen. Der Hafenbau begann ­– und endete abrupt, wurde kurze Zeit später erneut ausgeschrieben. Der Grund: Das politische Klima im Land hatte sich gewandelt. Und die Frage, wer den Hafen baut, wurde für Georgien zur Grundsatzentscheidung: Ost oder West? China oder die USA?

[…]

via www.woz.ch