article | Madeleine Londene

“Wenn Theater Brücken baut” – Kultur regional – Reutlinger General-Anzeiger – gea.de

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Wenn Theater Brücken baut

Warum ein Schauspieler im Rollstuhl die größte Bereicherung für das Tonne Theater Reutlingen ist.

 

„Your time is up, my time is now…“ Seyyahs Kopf wippt im Takt der Melodie mit „…You can’t see me, my time is now”. Seine Fäuste schnellen in die Luft, von rechts nach links, von unten nach oben. Boxbewegungen wecken den Körper auf, sagt der Schauspieler und grinst. Hinter der Bühne des Tonne Theaters ist es finster. Das Trampeln der Zuschauer nimmt zu, der Saal füllt sich. Seit Seyyah sich erinnern kann gehört das Einlauflied des weltberühmten Wrestlers John Cena zu seinem festen Vorbereitungsritual: „Vor jeder Vorstellung“ sagt Seyyah aufgeregt, seine Worte überschlagen sich „da spiele ich das Lied genau zweimal ab! Das bringt mich richtig in Stimmung. Ich fühle mich im Hier und Jetzt und gebe einfach alles“.  

 

Im Ruhezustand befindet sich das Gesicht des Schauspielers im Dauerlächeln. Sowieso lacht er, dessen großes Schauspielidol Denzel Washington ist, überdurchschnittlich viel. Und das auch, wenn das Leben manchmal schwer ist. 

 

Dass Seyyah großes Schauspieltalent hat erkennen seine Lehrer an der Steven Hawkin Gesamtschule in Neckar-Gmünd bereits früh. Sie alle sind sich einig: Der Junge gehört auf die Bühne. Auf deren Empfehlung tritt er in die Theater AG ein – und blüht auf. Zusammen mit anderen jungen Schauspielern, mit und ohne Behinderung, schreibt er ganze Theaterstücke. Seine erste Rolle: ein unglücklich verliebter Teenager. Doch die Pubertät wirft seiner Leidenschaft Steine in den Weg. Schauspielern ist viel, aber nicht cool. Auf dem Bolzplatz mit seinen Jungs kicken ist attraktiver, als jedes Wochenende mit Stellproben zu verbringen. Eine ganze Weile legt Seyyah das Theaterspielen auf Eis. Seine Leidenschaft dafür allerdings, verblasste nie.

 

Nach Seyyahs elftem Geburtstag trifft seine Mutter eine schwere Entscheidung. Hausarbeiten erledigen, Geld verdienen und drei Kinder großziehen – die Last wird zu groß:Seyyah muss von der Gesamtschule ins Internat wechseln.„Die Entscheidung einer Mutter ihr Kind abzugeben ist immer schwer. Für eine Mutter mit einem behinderten Kind vielleicht noch viel schwieriger. Das erfordert eine Menge Vertrauen und Mut.“ sagt Seyyah und wird still. Doch diese Entscheidung, sagt er bestimmt, habe ihn stark gemacht undzu der selbstbestimmten Person, die er heute ist. 

 

Nicht nur seine Mutter hat ihm den Weg in die Selbstständigkeit geebnet, auch seine Lehrer und Betreuer waren maßgeblich daran beteiligt: „das Leben wird nicht immer so cool sein wie hier“ haben sie Seyyah in warnendem Ton vorausgesagt „ihr müsst für euch einstehen, ihr müsst kämpfen!“.

 

Nach dem Abschließen der Gesamtschule wird Seyyahs Geduld auf die Probe gestellt. Sein Weg führt ihn nach Ludwigsburg, dort beginnt er eine Ausbildung als Bürohilfe. Für eine professionelle Schauspielkarriere sind seine Noten nicht gut genug. Theaterspielen betreibt Seyyah zu der Zeit als Nebentätigkeit, es fehlt ihm an Zeit und Muße. Darauf folgt eine Anstellung in einer Behindertenwerktstatt in Rabertshofen, heute Habila. Stundenlang ist er damit beschäftigt Stuhlprobenröhrchen für medizinische Firmen anzufertigen. Jeden Tag die gleiche Arbeit, jeden Tag derselbe Handgriff. Eine leidige, repetitive und schlichtweg nicht erfüllende Arbeit. „Ich hatte das Gefühl stehen zu bleiben“ Seyyahs Lächeln verschwindet schlagartig aus seinem Gesicht „kurz anzuhalten und sich zu orientieren, vielleicht auch eine Krise zu haben, ist okay. Aber Stillstand darf nie zu einer Dauersituation werden.“ 

 

Seyyah trifft eine folgenreiche Entscheidung: Er kündigt seinen Job, setzt alles auf eine Karte und widmet sich vollkommen dem Theaterspielen. „Ein behinderter Schauspieler? Keine Chance“ hatten viele zu ihm gesagt. „Ich habe eine ganze Weile den falschen Menschen und deren Meinungen vertraut. Dabei ist man den Meisten egal. Ich musste lernen meinen eigenen Weg zu gehen und wieder auf mich zu hören!“. 

 

Sein Mut wird belohnt: das Theater die Tonne erkennt sein großes Talent und vermacht ihm – als einzigen Schauspieler mit Behinderung – eine Festanstellung, wo er nun seit acht Jahren seine Zuschauer und Kollegen in den verschiedensten Rollen, besonders als geldgieriger Oberbürgermeister in „der Besuch der alten Dame“, begeistert.

 

Egal ob bei Poetry Slams im franz K oder im Tonne Theater Reutlingen: wenn Seyyah auf der Bühne steht ist er in seinem Element. „Er tut unserem Haus gut“ erzählt die Dramaturgin Karen Schultze, Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. Dienstag und Donnerstag sind Seyyahs feste Arbeitstage. Sechs Stunden am Stück verbringt er mit Konzeptproben und Kostümanpassungen. Seine Figur in dem neuesten Stück „Spielen Sie doch mal einen Tango, Maestro!“ ist Seyyahs bisher herausfordernste Rolle. Seyyah spielt darin den argentinischen Bandoneon-Spieler und Komponist Astor Piazzolla, der einen Schlaganfall erleidet und daraufhin gelähmt ist. „Ich spiele vollkommen ohne Text, die Körperhaltung und der Blick Piazzollas bleiben fast immer gleich“ sagt Seyyah, der Abdruck des Plastikschlauchs, der als Requisite dient, sind noch an seiner Wange zu sehen „je weniger Piazzolla tut, desto intensiver ist es, wenn etwas passiert! Ein Blinzeln, ein Zucken in der Hand oder am Mundwinkel erwecken die Person zum Leben.“  

 

Seyyah begeistert die Menschen nicht nur im Zuschauerraum, sondern beweist sich auch als Soffleur hinter den Kulissen. Damit trägt er nicht nur für sich eine große Verantwortung, sondern für das gesamte Stück. Ein Soffleur muss zu jeder Zeit Aufmerksam sein, er muss jeden Satz jedes einzelnen Schauspielers auswendig widergeben können. Seyyah verbringt Tage damit die Einsätze seiner Kollegen auf Abruf parat haben zu können. Beim Cafe machen in der Früh, auf dem Weg zur Theaterprobe – Zeile für Zeile geht er in seinem Kopf durch, widerholt Worte und Sätze wie ein Mantra. Seine Theaterkollegen wissen seine mühsame Arbeit zu schätzen und setzen jede Aufführung erneut ihr vollstes Vertrauen in ihn.

 

Wenn Seyyah nicht im Theater ist, verbringt er viel Zeit mit Freunden, am liebsten in der kleinen Beach-Bar Mauritius in der Kaiserpassage, die auf bunten Plastikstühlen Pizza und Fischstäbchen serviert. Dort oder im Kino bei einem guten Film, sagt er, kann er entspannen. Obwohl sich Seyyah generell nicht benachteiligt fühlt, muss auch die Stadt Reutlingen an ihrer Behindertengerechtigkeit – besonders was das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel betrifft – arbeiten: „Jedes Mal, wenn ich mit meinen Kumpels feiern gehe und um sechs Uhr früh nach Hause möchte habe ich im Hinterkopf: komme ich überhaupt wieder heim?“ erzählt der Schauspieler. Entmutigt wirkt er trotzdem nicht: „Einmal wollte ich in der Früh in die Innenstadt fahren. Insgesamt zwei Stunden habe ich an der Haltestelle gewartet und bin letztendlich wieder nach Hause gegangen. Es kam kein einziger Bus mit Rampe.“ 

 

Seine Unabhängigkeit hat Seyyah sich hart erkämpft. „Viele Menschen mit Handicap trauen sich zu wenig zu“ betont der Schauspieler „ich sage ihnen dann immer, du kannst so viel mehr, als du denkst!“. Den nächsten Schritt den Seyyah gehen möchte, ist raus aus seiner Wohngemeinschaft und in eine eigene Wohnung ziehen. „Natürlich ist die Angst da: Was ist, wenn ich etwas dringend brauche und keiner ist vor Ort, um mir zu helfen? Deshalb möchte ich erst einmal Probewohnen. Aber probieren werde ich es auf jeden Fall.“ Seyyah zuckt mit den Schultern und grinst „zurück kann man doch immer?“.

 

Mit seinem Engagement und seiner Courage ist Seyyah ein Vorbild für Menschen mit und ohne Behinderung. Er zeigt, dass Leidenschaft zum Beruf werden kann und Träume zu Realität. 

via www.gea.de