Rezension | Tabea Hamperl

Was bleibt: Brandenburger Kunst im Potsdamer Landtag

Bis Ende des Jahres sind im Landtag mehr als 100 Werke regionaler Künstlerinnen und Künstler zu sehen. Das Ziel: ein Kernbestandsdepot in öffentlicher Hand.

Im dritten Stock des Brandenburger Landtages hängen 88 leere, weiße Bilderrahmen. Jeder von ihnen ist einem oder einer Abgeordneten zugeordnet, denn die dazugehörige Ausstellung hat eine Agenda. Thomas Kumlehn und Liane Burkhardt vom Verein Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg haben sie kuratiert, um auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen und privaten Künstlernachlässen ein Depot in öffentlicher Hand zu erkämpfen. Damit sollen regionale Kunstschätze bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

 

Ein Aha-Effekt von „[K]ein Kernbestandsdepot für Künstlernachlässe im Land Brandenburg”: Wie viele Kunstwerke oft unbekannter verstorbener Brandenburger Künstler lagern vielleicht noch unentdeckt auf einem Dachboden oder in einer Privatwohnung? Und was bedeutet das für das kulturelle Gedächtnis und die Identität einer Region? Fragen, die sich die Kunstwissenschaftlerin und der Kulturarbeiterin 2009 beim Kuratieren einer Ausstellung für das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte auch stellten.

Seit 2010 arbeiten Burkhardt und Kumlehn deshalb daran, Privatleute dabei zu unterstützen, solche Werke zu erfassen und in einer öffentlich zugänglichen Online-Datenbank zu bündeln. Nur so, sagen sie, ist es möglich, sich eine Übersicht über einen Nachlass zu verschaffen und den Kernbestand durch eine Fachjury zu bestimmen: die fünf bis zehn Prozent eines Werkbestands mit der höchsten Qualität.

 

Die ausdrucksstarken, metaphernreichen Gemälde von Philipp Schack gehören zum ersten Werkverzeichnis, das Kumlehn und Burkhardt 2014 online stellen. Ein Beispiel dafür, wie sehr ihre Arbeit manchmal einer Schatzsuche ähnelt: Schacks Eltern gingen von etwa 100 entstandenen Werken aus; nach einer umfangreichen Europa-Recherche waren es dann aber doch knapp 300. Oder Margarete Martus: Ihre Landschaftsdarstellungen zwischen Realismus und Freilichtmalerei wurden nicht als Nachlass vererbt. Ein Glücksfall, dass eine Regionalhistorikerin in ihrer späten Heimat Geltow zufällig darauf aufmerksam wurde.

Kunst im gesamten Landtag

Die Ausstellung bespielt ein Jahr lang mit mehr als 100 Werken von 18 verstorbenen regionalen Künstlerinnen und Künstlern den gesamten Landtag. „Ein Ritterschlag für unsere bisherige Arbeit”, so Kumlehn. Das Umfeld wirkt etwas steril, es ist eben kein Ausstellungshaus. Auch der Zugang ist eher umständlich; wenn das Plenum tagt, ist beispielsweise ein Teil geschlossen.

Doch die Kuratorin und der Kurator wählen für die Ausstellungen des Vereins bewusst Orte wie Verwaltungseinrichtungen, um die für sie wichtigen Leute zu erreichen. Die große Bandbreite an Brandenburger Kunst im politischen Zentrum Brandenburgs ist durchaus beeindruckend. Darunter zum Beispiel der Bildhauer Christian Roehl, dessen markante Karl-Foerster-Skulptur auf der Freundschaftsinsel zu sehen ist. Über QR-Codes findet man zu ihm und allen ausgestellten Werken umfangreiche Informationen in der Online-Datenbank.

 

Die Ausstellung

[K]ein Kernbestandsdepot für Künstlernachlässe im Land Brandenburg ist bis zum 20. Dezember, Montag bis Samstag von 8 bis 18 Uhr außer an gesetzlichen Feiertagen im Landtag zu sehen. Wenn das Plenum tagt, sind nur Teile der Ausstellung zu besichtigen. Kuratiert wurde sie von Thomas Kumlehn und Liane Burkhardt. Der Eintritt ist frei.

 

Ebenfalls beeindruckend: Wie Kumlehn und Burkhardt es geschafft haben, den politischen Entscheiderinnen und Entscheidern das Thema wörtlich vor die Nase zu setzen. Die Abgeordneten, die ein Jahr lang jeden Tag an den ausgestellten Kunstwerken und Statements von Unterstützern vorbeilaufen, werden dazu aufgefordert, Antworten auf die in der Ausstellung gestellten Fragen zu finden, auch nach regionaler Verantwortung für die Sicherung von Kunst. Veröffentlicht werden diese dann nach und nach in den noch leeren Bilderrahmen.

 

Der Wunsch nach einem Kunst-Depot ist nicht neu; das geplante Zentraldepot beschäftigt seit 2017 die Potsdamer Kunstwelt. Sind Synergien denkbar? „Teil des Zentraldepots zu werden, wäre toll”, so Burkhardt.

 

Ein smarter Griff, die beiden Welten so direkt zusammenzubringen. Unweigerlich fragt man sich, was es für die Kultur bedeuten würde, bewahrheitete sich die Prognose, die AfD könne bei der diesjährigen Landtagswahl in Brandenburg stärkste Kraft werden. Kumlehn und Burkhardt wollen sich dazu nicht äußern. Auch zu der Auswahl der Arbeiten im AfD-Zugang nicht.

 

Dort hängt Kunst der klassischen Moderne; beim näheren Hinsehen Arbeiten, deren Geschichten sich mit der rechten Gesinnung der Partei reiben. Magda Langenstraß-Uhlig beispielsweise: Obwohl sie als eine der Wegbereiterinnen der Moderne gilt, ist ihr Werk nur wenigen bekannt. Sie studiert am Bauhaus bei Paul Klee und Wassily Kandinsky und entdeckt dort abstrakte Malerei für sich. Parallel arbeitet sie in großformatigen Porträts und Selbstporträts im Stil der Neuen Sachlichkeit. Während der NS-Zeit darf sie ihre Gemälde nicht mehr öffentlich zeigen; erst in den 1970er-Jahren wird sie wiederentdeckt.

Der kommunistische Bildhauer Heinz Worner arbeitete unter anderem mit Käthe Kollwitz in der Ateliergemeinschaft Klosterstraße und empfängt dort illegale Kuriere der KPD. 1937 muss er deshalb vor den Nationalsozialisten flüchten und dokumentierte von außen den Widerstand seiner Landsleute.

 

Und wie geht es abseits des Depots perspektivisch weiter mit dem Verein? Bisher fehlt ihm trotz der langjährigen Förderung durch das Kulturministerium die nötige Finanzierung für einen Relaunch der Datenbank und die Anpassung für ihre mobile Nutzung. Ein nötiger Schritt, um weiterhin kostenfrei bei der wissenschaftlichen Erschließung regionaler Bestände für den Kunstbetrieb zu unterstützen.

via www.tagesspiegel.de