Suche nach einem Standort für das Atommüll-Endlager: Könnte es schneller gehen?
Die Bundesgesellschaft für Endlagerung sucht seit acht Jahren nach einem geeigneten Endlager für hoch radioaktive Abfälle. Doch diese Suche könnte bis zum Jahr 2075 dauern. Während des „Forum Endlagersuche“ am 21. und 22. November 2025, gab das Umweltministerium seine Absicht bekannt, den Prozess zu beschleunigen. Wie aber soll das gehen?
Es herrschte frostiges Novemberwetter, doch die Temperaturen hielten eine große Zahl Interessierter nicht davon ab, das diesjährige „Forum Endlagersuche“ zu besuchen: Etwa 330 Teilnehmer und Teilnehmerinnen kamen zum vierten Treffen, das – nach Mainz, Halle und Würzburg – 2025 in Hannover stattfand. Weitere 200 Interessierte aus der Wissenschaft beteiligten sich online. Das Forum Endlagersuche ist eine offene Gesprächsplattform und begleitet die erste Phase der Suche nach einem geeigneten Standort für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle für eine Million Jahre.
Organisiert und moderiert wurde die Veranstaltung vom Planungsteam Forum Endlagersuche (PFE), in dem Akteur*innen aus Wissenschaft, Kommunalpolitik, sozialen Organisationen, Bürger*innen und Vertreter*innen der jüngeren Generation zusammenarbeiten. „Das Forum steht symbolisch für den Wandel von Konfrontation zur Kooperation, vom Konflikt zu Gesprächen“, betonte Christian Kühn, der Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), in seiner Eröffnungsrede. Er erinnerte dabei an die holprige Geschichte des ersten Endlagerprojekts, die ein Fiasko war.
1977 erklärte die niedersächsische Landesregierung Gorleben, eine kleine DDR-nahe niedersächsische Gemeinde an der Elbe, zum Standort eines „nuklearen Entsorgungszentrums“ für Abfälle von Brennelementen. Jahrzehntelang wehrten sich die Menschen aus der Region gemeinsam mit Tausenden Atomkraftgegnern aus der Bundesrepublik dagegen. So entstand die Republik (Freies) Wendland – deren grünes Wappen bis heute ein Symbol der Anti-Atomkraftbewegung ist. 43 Jahre später, im September 2020, gab die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) bekannt, dass der Salzstock in Gorleben nicht als Standort für ein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll infrage kommt. Die Auffüllung des unterirdischen Lagers mit Salz hat im November letzten Jahres begonnen.
Kein Endlager vor dem Jahrhundertende?
Seit 2017 sucht die BGE nach einem neuen Standort, und stützt sich dabei auf den juristischen und zeitlichen Rahmen des Standortauswahlgesetzes (StandAG). Das Verfahren befindet sich noch in der ersten Phase der Suche. Dem letzten Bericht der BGE zufolge sind nur noch 25 % des gesamten deutschen Gebiets im Rennen. Die Bundesgesellschaft hat auf ihrer aktualisierten Karte alle Regionen in Türkis eingefärbt, die bisher alle Prüfschritte erfolgreich bestanden haben. In den grauen Gebieten geht die Suche weiter. Bis Juni 2026 sollen alle potenziellen Regionen vollständig analysiert werden.
Das Verfahren dauert jedoch deutlich länger als geplant. Ursprünglich hatte das Standortauswahlgesetz festgelegt, bis 2031 solle ein Standort gefunden werden. Nun aber rechnet das Bundesamt für Sicherheit der nuklearen Entsorgung mit einer Entscheidung frühestens im Jahr 2074. Die Hauptgründe dafür sind administrative und rechtliche Probleme, die mit Beginn der zweiten Phase und damit der Felduntersuchung auftauchen werden. Berücksichtigt man die Bauzeit und die Genehmigungsfristen, würden die ersten Atommüllbehälter erst zu Beginn des nächsten Jahrhunderts in einem Endlager eintreffen.
Das Umweltministerium möchte den Prozess beschleunigen
Das Thema „Beschleunigung des Auswahlverfahrens“ stand daher im Mittelpunkt der Diskussionen des diesjährigen Forums für Endlagersuche. Und trotz der fleißigen und konsensorientierten Arbeitsatmosphäre der Veranstaltung war die Beschleunigung auch Anlass für Streit.
Gleich zum Auftakt des Forums stellte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) eine klare Vision dar: „Eine deutliche Beschleunigung (des Standortauswahlverfahrens) ist möglich und nötig“, betonte er, „zügig soll es gehen!“ Die Regierung arbeite an einem umfangreichen rechtlichen Rahmen, der die Standortsuche optimieren solle. Dafür möchte das Ministerium gleich fünf Gesetze ändern – unter anderem das Bundesnaturschutzgesetz, das Bundesberggesetz sowie das StandortAG. Dabei stützt sich der Minister auf die Vorschläge von BGE und BASE.
Zum Jahresbeginn hatten die BGE und das BASE bekanntgegeben, welche Optimierungspotentiale sie in erster Linie in Betracht ziehen möchten. Dazu gehörten „moderne Erkundungsverfahren und Bohrtechniken“, um komplette Erkundungsbergwerke wie in Gorleben zu vermeiden. So könnten die Phase II und III verzahnt werden. Zudem raten sie, nach Abschluss der ersten Phase die Auswahl auf sechs Standortregionen zu beschränken.
„Die Standortauswahl für das Endlager für hochradioaktive Abfälle ist ein hochkomplexes Verfahren, aber es ist immer noch möglich, bis Mitte dieses Jahrhunderts einen Standort festgelegt zu haben“, fasste die BGE-Geschäftsführerin Iris Graffunder im März 2025 zuversichtlich zusammen. Die Gesetzesänderungen sollen bis zum Abschluss der ersten Erkundungsphase Ende 2027 verabschiedet werden.
Kritische Stimme aus der Bürgerbewegung
Diese Entwicklung zur Beschleunigung sieht die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, einer der Hauptakteure des Widerstands gegen das Endlager in Gorleben, zum Teil kritisch. Wolfgang Ehmke sagte für die Bürgerinitiative während des Forums, der Optimierungsvorschlag stelle den Grundkonsens des Gesetzestextes infrage.
Weshalb auf Erkundungsbergwerke in Salzstöcken verzichtet werde, sei schwer zu verstehen, sagte Ehmke: „Jahrzehntelang wurde uns erklärt, welche vorteilhaften Eigenschaften Salzstöcke als Endlagermedium haben und dass es ohne ein Erkundungsbergwerk wie in Gorleben nicht ginge“, so der Sprecher der Bürgerinitiative, und wunderte sich: „Jetzt wird die Erkundung von Salzstöcken durch ein Erkundungsbergwerk nur noch als optional angesehen.“
Außerdem fürchtet die BI Lüchow-Dannenberg, dass die geplante Optimierung zu einer Priorisierung der infrage kommenden Gesteine führt. Bei der Suche konzentriert sich die BGE auf drei Gesteinsarten: Tonstein, der durch Sedimentation entstanden ist, Steinsalz, das sich durch die Verdunstung von Flüssen und Gewässern gebildet hat, und kristallines Gestein wie Granit.
Die Folgen der Prozessoptimierung sind für Ehmke klar: „Salz in steiler Lagerung und Kristallin könnten nur deshalb aussortiert werden, um Zeit zu sparen.“ Er fordert das Umweltministerium deswegen auf, sich an dem im StandAG festgelegten Prinzip einer gleichrangigen, wissenschaftsbasierten Betrachtung aller drei Endlagergesteine zu halten.
Nun bleibt noch die Frage der Zwischenlager
Aber selbst wenn bis zur Jahrhundertmitte ein Standort gefunden würde, stellt sich weiterhin die Frage der Zwischenlagerung. Derzeit werden in Deutschland hochradioaktive Abfälle in 16 Zwischenlagern gelagert. In den meisten Fällen befinden sie sich neben dem Reaktor, aus dem sie stammen. Ausnahmen sind die zentralen Zwischenlager in Lubmin, Gorleben und Ahaus. Das Problem? Für die meisten Zwischenlager läuft die Lagergenehmigung noch vor 2050 aus.
In Jülich, westlich von Köln, und in Brunsbüttel an der Elbmündung, sind die Genehmigungen sogar schon 2015 und 2013 ausgelaufen. Während die 152 Jülicher Atommüllbehälter bald nach Ahaus transportiert werden sollen, bleibt Brunsbüttel weiterhin genehmigungslos. „Alle Projekte, die wir gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern betreiben, dienen dem Nachweis, dass die sichere Zwischenlagerung auch deutlich über einen Zeitraum von 40 Jahren hinaus möglich ist“, versicherte Dr. Jörn Becker, Leiter der BGZ-Forschungsabteilung, während des Fachworkshops Zwischenlagerung Ende November.
Die BGZ geht davon aus, dass die Zwischenlager vor Ablauf der bestehenden eine neue Genehmigung bekommen werden. Zu diesem Zweck betreibt sie seit 2022 ein umfangreiches Forschungsprogramm, das wissenschaftliche Beweise für die Sicherheit der Lagerstätten liefern soll. Nun, eines bleibt sicher: Sei es Zwischen- oder Endlagerung, es wird noch einige Jahre dauern, bis endgültige Antworten auf die offenen Fragen kommen.