Artikel | Tabea Hamperl

Rausch der Farben: Vlaminck kommt 2024 nach Potsdam ins Barberini

Der Fauvist Maurice de Vlaminck war künstlerisch seiner Zeit voraus. 2024 zeigt das Barberini seine erste umfassende Retrospektive in Deutschland.

Von Maurice de Vlaminck heißt es, er sei ein großer, imposanter Mann mit exzentrischem Auftreten gewesen. Um den Hals habe er eine aus Holz geschnitzte Krawatte getragen, mit der er gern auf den Tisch klopfte, um seiner Meinung Nachdruck zu verleihen. Seinen mageren Lebensunterhalt verdiente er als Radrennfahrer, Boxer und Violinist – berühmt wurde er allerdings als Maler, eher zufällig. Dass seine Bedeutung für den Fauvismus nicht hoch genug einzuschätzen sei, war für Vlaminck sicher; seine Zeitgenossen waren sich in dieser Frage eher uneins. Zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten, wird seine künstlerische Vorreiterrolle 2024 im Barberini untersucht.

 

Erste umfassende Retrospektive in Deutschland

Das Museum widmet dem französischen Avantgardisten in Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Von der Heydt-Museum nach eigenen Angaben die erste umfassende Retrospektive in Deutschland. „Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne” wird vom 14. September 2024 bis zum 12. Januar 2025 in Potsdam zu sehen sein. Vorbereitet wurde die Ausstellung Anfang Dezember mit einem öffentlichen Symposium im Barberini, während dem internationale Expertinnen und Experten ihre Forschungsergebnisse präsentierten.

 

„Als die Sammlung Hasso Plattner im September 2020 dauerhaft ans Museum Barberini kam, waren die Vlaminck-Arbeiten für mich die größte Überraschung. Die vier Arbeiten aus seiner fauvistischen Hochphase sind herausragende Werke, farbgewaltige Kompositionen auf Augenhöhe mit unseren Monets, Renoirs und Signacs”, so Dr. Daniel Zamani, der die Ausstellung gemeinsam mit Dr. Anna Storm (Von der Heydt-Museum) kuratiert hat.

 

Zur Ausstellung

Das Museum Barberini zeigt vom 14. September 2024 bis zum 12. Januar 2025 „ Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne “.

 

Schnelle, energische, pastos aufgetragene Pinselstriche, Farbe „comme elle sort du tube”, „so wie sie aus der Tube kommt”. Unverdünnt und unvermischt direkt auf die Leinwand gedrückt, gehört Maurice de Vlaminck zu den ersten Künstlern, die gezielt mit der Stofflichkeit der Farbe arbeiteten, nachdem die Erfindung der Farbtuben die Malerei demokratisiert hatte. 1928 schreibt er in einem seiner zahlreichen Texte „Mit meinen Kobalt- und Zinnoberfarben wollte ich die École des Beaux-Arts niederbrennen und meine Gefühle mit Hilfe meiner Pinsel ausdrücken, ohne mich darum zu kümmern, wie die Malerei vor mir war.”

 

Als „Wilde” verhöhnt

1905 stellt Maurice de Vlaminck zusammen mit Henri Matisse, André Derain und anderen Künstlern beim Pariser „Salon d’Automne” aus. Die Zufallsbegegnung mit Derain war es auch gewesen, die Vlaminck zur Kunst gebracht hatte. Auf Heimaturlaub hatte Vlaminck ihn nach einem Zugunglück auf der Strecke von Paris nach Chatou kennengelernt; er führte ihn auch in die Pariser Kunstszene um Matisse ein. Der Salon also: Die Kritiker zerrissen die antiakademischen, scheinbar unfertigen Kunstwerke mit ihren leuchtenden Farben; der konservative Kunstkritiker Louis Vauxcelles verhöhnte die Künstler gar als „Fauves”, Wilde.

 

Während viele Fauvisten die Zuschreibung ablehnten, identifizierte Vlaminck sich wie kein anderer mit dem Attribut der Wildheit: „Ich übertrieb alle Töne. Ich verwandelte alle mir irgend wahrnehmbaren Gefühle in einen Rausch reiner Farben. Ich komponierte aus dem Instinkt.” Als einer der Hauptvertreter des Fauvismus inszenierte er sich immer wieder als Autodidakt und moderner Künstlerrebell, der seine anarchistischen Überzeugungen in Kunst übersetzte und mit Farbe zu einer befreiten Welt beitrug.

 

Für Zamani war Vlaminck malerisch seiner Zeit voraus; seine fauvistischen Landschaftsbilder machen ihn zu einem der wichtigsten Vorreiter des Expressionismus. Vlamincks Erzählung, er habe seine Malerei frei von jedem Einfluss entwickelt, ist jedoch ebenfalls Teil seiner Inszenierung: Neben seiner offenen Bewunderung für Van Goghs Arbeit dürfte er laut Kuratorin Dr. Anna Storm auch von Cézannes Kunst beeinflusst worden sein.

 

Nach Claude Monet und Alfred Sisley stellen Vlamincks Kunstwerke den größten Anteil der Sammlung Hasso Plattner, deutschlandweit der größe Bestand an Vlaminck-Arbeiten. Zwar wurde der Avantgardist in Deutschland schon früh als Wegbereiter der Moderne gefeiert, doch nachdem seine Kunst 1937 nach dem nationalsozialistischen Bildersturm als „entartet” verfemt und aus deutschen Museen entfernt worden war, ist sein Oeuvre mittlerweile international verstreut.

 

In der Ausstellung werden die neun Arbeiten aus der Sammlung in Dialog mit Arbeiten von 40 internationalen Leihgebern wie der Londoner Tate Modern, dem Pariser Centre Pompidou und dem New Yorker Metropolitan Museum of Art (MET) gesetzt. Mit ihnen zeigt das Barberini einen Überblick über Vlamincks künstlerisches Schaffen: von seinen ersten Kompositionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts über seine von Cézanne und Picasso inspirierten Kubismus-Experimente bis hin zu seinen letzten Landschaftsbildern. Besonders freut sich Kurator Zamani dabei auf die „herausragenden Arbeiten aus US-amerikanischen Museums- und Privatsammlungen, die in Europa sonst kaum zu sehen sind”.

via www.tagesspiegel.de