Artikel | Tabea Hamperl

Potsdamer Kunstschaffende zur Polykrise: „Können wir, kann ich einfach so weitermachen wie bisher?”

Kann man angesichts der vielen Krisen so weitermachen wie bisher, fragt Monika Funke Sterns neuer Film. Potsdamer Kunstschaffende antworten darauf.

Kunst, vor allem Konzeptkunst, sei eine Blackbox ihrer Zeit, schreibt die Künstlerin Silvia Klara Breitwieser im Manifest ihres Projektes „Die Entsorgung” von 2018. Beim Absturz einer Epoche und Gesellschaft behalte sie Auskunfts- und Erkenntniswert. Was also würde zeitgenössische Kunst in der Zukunft über gegenwärtigen Probleme und Krisen verraten? Lässt sich vor dem Hintergrund von Krieg, Pandemie, Identitätskrise und weltweitem Demokratieschwund überhaupt noch Kunst schaffen?

 

In ihrem neuen Film „Können wir, kann ich einfach so weitermachen wie bisher” geht die Potsdamer Künstlerin Monika Funke Stern dieser Frage auf der Grundlage von Interviews nach. Zu Wort kommen dafür 14 Künstlerinnen und Künstler, die wie sie im Neuen Atelierhaus Panzerhalle (NAP) in Groß Glienicke/Potsdam arbeiten: Julia Antonia, Silvia Klara Breitwieser, Birgit Cauer, Monika Funke Stern, Beret Hamann, Carsten Hensel, Stephanie Imbeau, Katrin von Lehmann, Vera Oxfort, Sarah Riviere, Bettina Schilling, Su Weiss, Sibylla Weissweiler und Ilse Winckler.

 

Der Film ist aus ihrem kollektiven Wunsch heraus entstanden, einen Film zu drehen. Die Inhalte zum gemeinsam entwickelten Thema dann zwischen Februar und August 2023 – unter dem frischen Eindruck von Russlands Überfall auf die Ukraine, den Auswirkungen der Pandemie und der Klimakatastrophe. „Vielleicht erklärt sich damit auch, dass die jetzt anstehenden lokalpolitischen Wahlen damals nicht das drängendste Thema waren”, so Funke Stern.

 

Können wir, kann ich einfach so weitermachen wie bisher

Episodenfilm, 2023, 60 min, HD Regie/Kamera/Schnitt: Monika Funke Stern Idee und Drehbuch: 14 Künstlerinnen und Künstler des Neuen Atelierhaus Panzerhalle (NAP)

Der Film wird am 21. Januar beim Neujahrsempfang im NAP gezeigt und ist auf Youtube verfügbar.

 

Wenn man Kunst als Dialog zwischen Kunstschaffenden und Welt begreift, reichen die gezeigten Reaktionen von Sprachlosigkeit, dem Ausdruck von Verzweiflung über die vertiefte künstlerische Beschäftigung mit den Themen bis hin zum völligen Abbruch der Konversation. Su Weiss’ Beitrag zeigt ein leeres Atelier, ein Gemälde hängt an der Wand, ein weiteres lehnt daran. Die Vögel zwitschern, weiter nichts.

 

„Ich bin so erschöpft. Ich bin so entmutigt. Ich kann mit den Ereignissen nicht Schritt halten.” Nackte Füße und ein Körper ohne Torso neben einem überdimensionalen Seil-Knäuel bei Carsten Hensel. Darüber ein Monolog. „Es ist notwendig, die Aufmerksamkeit zu bewahren”, etwas später: „Gib deiner Zeit einen Wert. Du musst den Wert deiner Frustration erkennen.”

 

Für Katrin von Lehmann ist das die Transformation von Situationen. Ihr Impuls, künstlerisch zu arbeiten, speist sich meist aus Beunruhigendem oder Unklarem. Die rund 20 gefällten Bäume neben dem Atelierhaus sind so etwas: Von Lehmann, die mit Papier arbeitet, webt Bahnen um Bahnen zwischen die am Boden liegenden Äste und Stämme; das Papier soll zu seinem Ursprung zurückgeführt werden. Um ihren Kopf kreisen Fragen zum Klimawandel und Ressourcenknappheit: Was bedeutet es für ihre künstlerische Praxis, wenn das Material nicht mehr existiert oder zu teuer wird?

 

Sich wörtlich in die Materie zu begeben, ist Birgit Cauers Ansatz. Sie möchte den respektvollen Umgang mit dem Fremden und Anderssein lernen. Dafür bohrt sie hier Löcher in einen Stein, führt Schläuche bis ins Innerste und bohrt es hinaus. Manchmal mit überraschendem Ergebnis, wie bei dem von ihr bearbeiteten Kalkstein. Sie zündet die herausgefilterten Ablagerungen an, sie rauchen: Die Materie ist organisch; sie besteht aus Schalen von Krustentieren und Würmern.

 

Krieg und das Atelierhaus mit seiner Geschichte als ehemalige Panzerkaserne des NS-Regimes ist immer wieder Thema. Bettina Schillings „Cut-Outs” zum Beispiel entstehen als Reaktion auf die Spuren der ehemaligen Soldaten in ihrem Atelier. Unfähig, zu malen, beginnt sie Figuren aus Pappe auszuschneiden und an den „morbiden Wänden” zu installieren.

 

Wie schafft man es, neben Arbeit und Haushalt noch politisch zu sein, wenn sie doch oft viel zu müde ist, um noch aktiv zu sein, fragt Sibylla Weisweiler sich. Auch sie wandelt für sie schwierige Situationen in ihrer Kunst um: Dass das Digitale ein großer Teil ihres Alltags ist, kann sie nicht ändern. Also übersetzt sie die pixeligen Oberflächen durch gemalte Raster ins Analoge. Ihre Lösung dafür, Malerei mit ihrem Geruch in ihrer Einzigartigkeit mit dem Digitalen zu verbinden.

 

In einer Zeit, in der es um schnelles Konsumieren geht, formt sich Anerkennung oft langsam. Wie also den eigenen Wert beweisen, fragt sich Stephanie Imbeau. Wie den eigenen Platz finden und die Sicherheit eines erschwinglichen Ateliers? Mit der Materialität von Ton, Pappe und Textilien steht „Placemaking” im Fokus ihrer Praxis: Orte kollektiv neu zu denken und darüber die Identifikation der Menschen mit ihnen zu stärken.

 

Vera Oxfort verliert während der Corona-Krise ihr Identifikationsgefühl mit der Gesellschaft, es wird zum Endpunkt ihrer Kunst. Zu ernüchtert ist sie damals über den ihrer Ansicht nach ausbleibenden Aufschrei von Kunstschaffenden und beginnt mit ihrer künstlerischen Aussage zu hadern: „Bin ich oder will ich Künstlerin sein? Braucht es meine Kunst?” Sie lässt die Kunst hinter sich.

 

Die Architektin Sarah Rivière dringt mit ihrer Antwort zum Kern sämtlicher Problemstellungen vor: Wie wollen wir miteinander leben? Mehr Aufmerksamkeit, mehr Ressourcen, mehr Zeit müsse darauf verwendet werden, die Räume kooperativen Austauschs zu gestalten, meint Rivière: Wo Dissens willkommen ist, Eskalation vermieden werde und das gemeinsame Streben nach einem lebendigen, kreativen, sich gegenseitig unterstützenden Zusammenlebens verwirklicht werden kann.

via www.tagesspiegel.de