Post aus Polen: Białowieża, wo alle Krisen Europas kollidieren
Im polnischen Białowieża-Wald kollisieren Europas aktuelle Krisen: Migration, Sicherheit und Naturschutz. Stimmen aus dem Wald.
Selbst unter dem grauen Himmel behält der Białowieża-Wald seine herbstliche Pracht. Aus den Baumkronen, etwa dreißig Meter über dem Boden, leuchten die letzten verbliebenen Blätter in allen Orange- und Goldtönen. Es braucht nur eine leichte Brise, und schon regnet es Farben im Białowieża-Nationalpark. Wir, eine kleine Gruppe von Journalist*innen, schreiten in die geschützte Zone hinein – begleitet von unserem Waldführer, Joao Ferro. Das Leben mit einem großen L ist dort überall sichtbar. In jedem Rindenwinkel, unter jedem Stück Holz, auf jedem Bodenfleckchen.
Wir halten kurz auf dem Führungsweg, der durch das Waldlabyrinth führt. Allein oder gar außerhalb der Spur zu laufen, ist hier strengstens verboten. „Hier links seht ihr, es gibt keine Triebe, nur alte Stämme“, erklärt Ferro und zeigt dabei auf den schwarzen, humusreichen Boden. Die zarten Blätter sind wie Leckerbissen für die Rehe. Auf dieser Seite haben Bäumchen kaum eine Chance, zu überleben. „Rechts, im Gegensatz, gedeihen die jungen Bäume, denn da fängt das Jagdgebiet der Wölfe an. Die Pflanzenfresser bleiben davon fern, da sie keine Ausweichmöglichkeiten haben, und riskieren sonst, sich in den feinen Ästen zu verfangen.
So sorgen Wölfe dafür, dass sich der Wald regeneriert. Alle Tiere und Pflanzen spielen ihren Teil aus der großen Partitur des Waldes und halten dabei das Ökosystem im Gleichgewicht. Białowieża wird oft als der letzte Urwald Europas bezeichnet, doch dieser Titel ist nicht mehr unumstritten. Neulich haben Wissenschaftler*innen herausgefunden, dass, wo heute majestätische Bäume stehen, vor tausend Jahren Ackerflächen waren. Die Spuren sind sporadisch und räumlich sehr begrenzt, reichen dennoch aus, um die metaphysische Bezeichnung als Urwald ins Wanken zu bringen.
Mitten in einer humanitären Krise
Heutzutage ist Białowieża nicht nur ein wundervolles Orchester der Natur, sondern auch die Bühne einer bitteren Tragödie, einer humanitären Krise, die seit dem Frühling 2021 fortbesteht. Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Somalia, dem Sudan oder Eritrea suchen ihr Glück durch den Wald, um die belarussisch-polnische Grenze in die EU zu überqueren. In der Regel kommen sie mit dem Flugzeug über Minsk nach Europa. Aus Polen wird die Migrationsroute als Teil einer Destabilisierungsstrategie der belarussischen Regierung und als Vergeltungsmaßnahme dafür, dass Polen Belarussen aufgenommen hat, die nach den gewaltsam unterdrückten Protesten gegen die Wiederwahl des Präsidenten Alexander Lukaschenko 2020 aus dem Land geflohen sind.
„Gleich in Minsk angekommen, werden sie an die polnische Grenze gebracht, wo dann ein tödliches Spiel für sie anfängt“, erklärt Aleksandra Chrzanowska, aktives Mitglied des Vereins „Association für Legal Intervention“ (SIP). Zusammen mit mehreren Organisationen bildet er die Koalition „Grupa Granica“ (auf Deutsch etwa „Grenzgruppe“). Seit 20 Jahren hilft der SIP Menschen bei ihren Asylanträgen in Polen. Nun antwortet die Organisation auch auf Notrufe aus dem Wald.
Wenn sie Wache hält, sitzt Chrzanowska in Hajnowka am Waldrand und wartet auf den nächsten Anruf. Sobald das Telefon klingelt, beginnt ein schwieriges Katz-und-Maus-Spiel, denn die Flüchtlinge verstecken sich, um den Grenzsoldaten zu entkommen. „Früher meldeten sie sich bei uns, sobald sie die Grenze überschritten hatten, heute laufen sie noch einige Kilometer, bevor sie uns anrufen“, so Chrzanowska. Das erschwert die Suche.
103 Menschen sind seit 2021 ums Leben gekommen
Dem Bericht der Nichtregierungsorganisation „We are Monitoring“ zufolge unterstützte die Grenzgruppe im Jahr 2024 etwa 3400 Flüchtlinge. Bei 226 von ihnen handelte es sich um unbegleitete Minderjährige. „Für sie ist der Weg durch den Wald höchst gefährlich. Sowohl an der belarussischen als auch an der polnischen Seite erleben sie Gewalt von der Grenzwache. Zudem verletzten sich viele an der befestigten Grenze, die seit 2022 den ganzen Wald auf der polnischen Seite durchquert. 2024 kamen 15 Menschen im Grenzgebiet ums Leben – seit August 2021 insgesamt 103.
Die polnische Regierung unter Donald Tusk hat sich für noch mehr Repression entschieden. Sie setzte im Frühling dieses Jahres ein Gesetz zur Asylverweigerung für Menschen in Kraft, die die belarussisch-polnische Grenze überqueren. Die Rechtsprechung ließ nicht lange auf sich warten. Im letzten Oktober lehnte das Verwaltungsgericht von Białystok die Klage eines sudanesischen Staatsbürgers ab, dem das Recht auf internationalen Schutz verweigert wurde, weil er durch Białowieża ins Land eingetreten ist.
„Polen reagiert leider genau so, wie es sich Belarus vorgestellt hat“, so die Menschenrechtsaktivistin Aleksandra Chrzanowska. Und die Opposition stumpfe sich ab. „Als die Konservativen regierten, genossen wir noch die Unterstützung eines Teiles der Bevölkerung“, erklärt sie, „nun ignorieren sie uns oder rechtfertigen die neuen Maßnahmen.“
Stattdessen sind alle Augen im Land auf den östlichen Nachbarn gerichtet. Die jüngsten gemeinsamen Militärübungen zwischen Moskau und Minsk im vergangenen September, „Zapad-2025“, haben in Polen Erinnerungen an den Februar 2022 wachgerufen. Damals war Russland im Anschluss an eine ähnliche Übung in die Ukraine einmarschiert.
Das grüne Ostschild
„Tarcza Wschód“ heißt die Antwort auf die Sorgen des Landes. Der „Ostschild“ ist eine Verteidigungsinfrastruktur, die sich nach ihrer Fertigstellung im Jahr 2028 über 800 Kilometer durch das Land erstrecken soll. Beton-Tetrapoden, Gräben, Stacheldraht und ein digitales Überwachungssystem für geschätzte 2,3 Milliarden Euro.
Der Leiter des Instituts für Säugetierforschung im Białowieża-Wald, Michał Żmihorski, würde andere Pläne für die Region bevorzugen. „Wir müssen unsere Grenze renaturieren“, sagt er. Zusammen mit dem Ökologen Wiktor Kotowski und dem Ornithologen Przemysław Chylarecki hat er im Januar 2025 dem polnischen Verteidigungsministerium einen Bericht über die Machbarkeit eines sogenannten „grünen Ostschilds“ vorgelegt. Ihre Empfehlungen: Moore wiedervernässen, natürliche Wälder schützen, keinen Kahlschlag im Wald und das Straßennetz – vor allem in Białowieża – auf ein Minimum reduzieren. „Die große Mehrheit der Straßen im Wald sind einfach unnötig“, betont Żmihorski.
Zu seiner Überraschung hielt das Verteidigungsministerium die Idee für interessant und befasst sich seitdem ernsthaft mit dieser Frage. Ein tragischer Unfall in Litauen im vergangenen April hat dem Biologen recht gegeben. Drei Soldaten des NATO-Bündnisses kamen an der Grenze zu Belarus ums Leben, nachdem ihr Panzer in einem Sumpf stecken geblieben war. Nach intensiven Sucharbeiten wurde der Panzer unter 4,5 Metern Wasser gefunden. Ein weiteres Beispiel ist die Überschwemmung des Irpin-Beckens nördlich von Kyiw. Als Russland angriff, sprengten ukrainische Soldaten den zwischen Irpin und Dnipro errichteten Damm. Das daraus resultierende Sumpfgebiet half dabei, die Progression der Russen zu halten und die ukrainische Hauptstadt zu schützen.
Michał Żmihorski führt eine regelrechte Lobbyarbeit fürs „grüne Ostschild“. An einem Tag nimmt er an einer TV-Debatte teil, am nächsten beantwortet er die Fragen einer überregionalen Zeitung. Außerdem bleibt er aktiv auf X, wo er regelmäßig seine Beobachtungen aus Białowieża und Vorschläge für Renaturierungsmaßnahmen teilt. Und das hat Wirkung. Es scheint sich ein Konsens über das grüne Ostschild abzuzeichnen.
„Nur bei den Wasser- und Forstmanagementbehörden spüre ich Widerstände“, sagt Żmihorski. „Sie möchten den Wald so gut es geht bewirtschaften, aber wenn wir die Entwässerungsgräben nicht wieder auffüllen, dann können ihre Fahrzeuge nicht ungehindert fahren.“ Die Regionaldirektion Umweltschutz in Bialystok hat es aber gezeigt: Auch da gibt es Verhandlungsspielraum.
Ende November gab sie bekannt, dass sie an einigen Punkten eines natürlichen Verteidigungsplans in der Woiwodschaft Podlachien – in der der Wald von Białowieża liegt – arbeitet. Sie fordert etwa Forstunternehmen auf, auf Kahlschlag zu verzichten und Moorwälder unberührt zu lassen. In Verhandlungen mit den Förster*innen wurde auch eine jährliche Obergrenze von 2500 Baumfällungen an den Straßenrändern festgelegt. Darüber hinaus möchte die regionale Behörde die Fläche der Naturschutzgebiete weiter vergrößern. Die Idee des grünen Ostschildes wird konkreter.
Białowieża birgt in sich brennende Fragen, die ganz Europa heutzutage beschäftigen: die humanitäre Krise der Minsker Migrationsroute und die Gefahr eines russischen Angriffs. In beiden Fällen waren die bisherigen Antworten nicht nur menschen-, sondern auch naturverachtend.
In der Renaturierung des Grenzgebietes liegt der Beginn eines ganz anderen Paradigmas. Das grüne Ostschild bringt die Idee einer Geopolitik der Natur hervor, die ganz im Gegenteil zu Beton-Tetrapoden und Stacheldrähten die Basis einer zukünftigen „Diplomatie des Naturschutzes“ in Zeiten des Klimawandels bereitstellt.