Klima und Landwirtschaft: Trauben des Zorns, Pistazien der Hoffnung
Ein jüngster Bericht des europäischen Wetterdienstes bestätigt, dass sich Europa doppelt so schnell erwärmt wie der Rest der Welt. Eine unmittelbare Bedrohung für Winzer*innen, deren Trauben unter trockenen Sommern und immer häufigeren Hitzewellen leiden. Für einige ist noch Zeit, sich anzupassen und sich mit klimaresistenten Pflanzen wie Pistazien zu diversifizieren.
Ein Stück Zukunft der Landwirtschaft liegt zwischen reifen Trauben im Hinterland von Marseille. Am unteren Ende einer staubigen Straße, in einem versteckt gelegenen Lagerhaus im provenzalischen Dorf Ansouis, liegen sie: eine traktorgetriebene Schälmaschine und eine kleine Trocknungsanlage.
Die erste Pistazienverarbeitungsanlage Frankreichs, laut ihrer Besitzer*innen, Fabien und Emilie Fiorito. Am DIY-Charakter ihrer Einrichtung sollte die Zukunft jedenfalls nicht scheitern, denn das Landwirtspaar möchte damit an der Entwicklung der Pistazienbranche in Frankreich beitragen.
Sie selbst besitzen eine kleine Pistazienplantage von 2 Hektar am Rand von Ansouis. „Früher gab es da Weinreben“ erklärt Emilie, „doch Weinanbau war uns zu viel, denn Landwirtschaft ist nur ein Teil unseres Geschäfts.“ Da der Mann von Emilie Fiorito, Fabien, hauptberuflich Landschaftsgärtner ist, fiel ihnen die Entscheidung etwas leichter, als sie vor fünf Jahren die Weinreben herausgerissen und Pistazienbäume gepflanzt haben. Erst seit letztem Jahr tragen sie Früchte.
Ein hitzebeständiger Baum
Pistazien stammen ursprünglich aus Zentralasien und wachsen unter halbwüstenartigen Bedingungen. Neben trockenen Böden benötigen sie auch eine gute Windexposition für die Bestäubung im Frühling. Alle diese Klimabedingungen machen Spanien, Italien und Griechenland zu hervorragenden Standorten für den Pistazienanbau. Aufgrund des Temperaturanstiegs erstreckt sich nun das potenzielle Anbaugebiet der grünen Steinfrucht bis in den Süden Frankreichs.
In den letzten zehn Jahren haben sich die Wetterbedingungen in Südfrankreich verschlechtert. Heiße Sommer, Hitzewellen und Wassermangel haben die Weinproduktion stark beeinträchtigt. Aus diesen Gründen verzeichneten beispielsweise die Winzer aus dem Rhônetal 2024 ihre schlechteste Ernte seit 2012.
Hinzu kommt, dass sich französischer Wein nicht mehr so leicht verkauft wie früher. Auch deshalb geben viele Landwirte ihre Weinberge auf. Insgesamt wurden in diesem Jahr in Frankreich 20.000 Hektar Rebfläche gerodet. „Der Weinsektor befindet sich derzeit in einer Krise, deshalb müssen wir unsere Produktion wirklich diversifizieren“, fasst Aurélien Tellier, Winzer aus einem Nachbardorf von Ansouis, zusammen.
Die Nachfrage steigt weltweit
Im Gegensatz dazu steigt die Nachfrage nach Pistazien global – vor allem in Europa. Zudem hat der Dubai-Schokolade-Hype sie noch weiter verschärft. 2024 importierten die EU-Staaten zusammen mehr als 150.000 Tonnen Pistazien. Das sind 56 Prozent mehr als im Vorjahr.
Deshalb haben Emilie und Fabien Fiorito hoffnungsvoll aus eigener Tasche in die Trocknungsanlage investiert. Heute ist Aurélien Tellier mit ein paar Kisten frisch geernteter Pistazien im Kofferraum seines Autos zu ihnen gekommen. Dieses Jahr hat er auf zwei Hektar rund 120 Kilo Pistazien geerntet. Ein bescheidener, dennoch vielversprechender Ertrag, da es erst das zweite Anbaujahr ist. Im vergangenen Jahr waren es nicht einmal 50 Kilo gewesen.
Für Tellier begann alles vor etwa fünf Jahren, als er auf der Suche nach einer neuen Kulturpflanze für ein trockenes Stück Brachland war. Seine Herausforderung: Die am besten geeignete Pflanze für extreme Wetterbedingungen zu finden. Eine, die keine Bewässerung benötigt, starke Winde und eine sengende Sommersonne verträgt. Als er von einem Projekt zur Entwicklung des Pistazienanbaus in Südfrankreich hörte, beschloss er, es damit zu probieren.
„Ich habe daran geglaubt, weil Pistazien widerstandsfähig gegen Trockenheit sind und es eine gewisse Nachfrage auf dem Markt gibt“, erklärt Aurélien. Nun zählt er auf Emilies und Fabiens Engagement. Sie sind auch Mitglieder des regionalen Vereins Pistache de Provence und nehmen aktiv an der Arbeit des Berufsverbandes France Pistache teil.
Als technischer Experte berät Fabien andere Landwirte, die sich für diesen Anbau interessieren. Zudem sammelt das Paar Daten auf seiner Fläche. „Wir messen regelmäßig die Wasserverfügbarkeit in den Bäumen“, erläutert Emilie „damit möchten wir erheben, wie viel Wasser sie brauchen.“ Neue Erkenntnisse werden dann im Netzwerk von France Pistache geteilt.
Strukturierung der Branche
Die französische Pistazienindustrie nimmt in der Provence und in der Okzitanien allmählich Gestalt an. Um ihre Entstehung zu unterstützen, wurde 2021 der Berufsverband „France Pistache“ ins Leben gerufen. „Wir haben derzeit etwa 500 Hektar Pistazienanbaufläche in Frankreich, aber wir streben in zehn Jahren eine Zahl von etwa 3000 Hektar an“, erklärt Emilie Fiorito. Beim derzeitigen Tempo von 80 Hektar pro Jahr ist das zwar ein ehrgeiziges Ziel, aber das Interesse unter den Landwirten ist gegeben. Eine Wertschöpfungskette muss dafür aber entwickelt werden.
Dabei lautet das Motto: Qualität vor Quantität. „Wir arbeiten derzeit daran, ein Qualitätssiegel für unsere Pistazien zu bekommen“, sagt Emilie Fiorito. Was das Marketing angeht, legt die neue Branche Wert auf ein hochwertiges Markenimage. 2025 sind zwischen Aix-en-Provence und Lyon drei sogenannte „Maisons de la Pistache“ entstanden, deren Innenausstattung an eine Luxusparfümerie erinnert. Eine Selbstverständlichkeit für Olivier Baussan, den Mann hinter diesen Läden und Gründer der weltweit erfolgreichen Kosmetikmarke „L’Occitane“.
Da die Pistazie eine Dauerkultur ist, brauchen die Bäume noch einige Jahre bis sie volle Ernteerträge liefern. „Bis zum 12. Jahr steigen die Erträge, danach stagnieren sie“, erklärt Emilie. Und wenn Schwierigkeiten auftauchen, kann sich der Berufsverband France Pistache auf seine Kontakte zu erfahrenen Landwirten in Spanien verlassen.
Denn auch dort tauschen Landwirte ihre Weinreben gegen die grünen Kerne ein. Tatsächlich hat sich die Fläche der Pistazienanbaugebiete zwischen 2010 und 2020 um das 36‑Fache auf 44 000 Hektar vergrößert. Jedes Jahr werden etwa 7000 Hektar neu bepflanzt. Wie in Südfrankreich sind auch dort Dürre und Wassermangel zu einem großen Problem für den Weinanbau geworden.
Anders als in Spanien, wo hauptsächlich Monokultur herrscht, setzt die französische Branche auf Agroökologie. Dafür kann sie auf das Landwirtschaftsministerium zählen. Vor einigen Monaten wurde der Berufsverband France Pistache zusammen mit anderen Branchen wie France Grenade, der französische Granatapfel-Verband, im Rahmen eines Förderprogramms für die Landwirtschaft an der Mittelmeerküste als „Gebiet für eine klimaresiliente Landwirtschaft“ ausgewiesen. Denn eines ist sicher: Ohne staatliche Hilfe ist es nahezu unmöglich, eine neue Kulturpflanze dauerhaft zu etablieren.