Guido Krawinkel
Die Welt muss romantisiert werden!
Die Jenaer Philharmonie unter der Leitung von Simon Gaudenz lädt beim 8. Donnerstagskonzert dazu ein, die Wirklichkeit für einen Abend aus dem Blickwinkel der Romantik zu sehen – sie zu „romantisieren“. Als eine der Geburtsstätten der Romantik hat Jena ein ganz besonderes Verhältnis zu dieser Epoche, der an diesem Abend mit einem Dreiklang aus Musik, Lyrik und hintergründigen Informationen nachgespürt werden soll.
Ouvertüren von Robert Schumann und Carl Maria von Weber, Lieder von Franz Schubert sowie Dichtungen von Novalis, Joseph von Eichendorff, Friedrich Schlegel und anderen treten in einen lebendigen Dialog. Klang und Wort öffnen einen Raum, in dem Sehnsucht, Subjektivität und poetische Freiheit Gestalt annehmen. Im Zentrum der zweiten Programmhälfte steht Felix Mendelssohn Bartholdys weltliche Kantate „Die erste Walpurgisnacht“ nach Johann Wolfgang von Goethes Ballade – ein machtvolles Erlebnis zwischen Mythos und Menschlichkeit. Der Musikwissenschaftler Guido Krawinkel sprach mit GMD Simon Gaudenz und Max Pommer, Leiter des Romantikerhauses Jena, über die Verbindung von Jenas geistesgeschichtlicher Tradition mit dem Programm des Abends.
Guido Krawinkel: Was hat Jena mit der Romantik zu tun? Welche Bedeutung hat die Stadt für die Romantik?
Max Pommer: Jena ist im Grunde die Wiege der Romantik. Hier versammeln sich um 1800 junge Intellektuelle, viele schon miteinander befreundet oder verheiratet. Sie kommen wegen der Strahlkraft der Universität in diese Stadt – und weil hier Größen wie Goethe, Schiller, Fichte oder die Humboldt-Brüder präsent sind. Wenn sie irgendeinen Intellektuellen um 1800 nehmen, ist die Wahrscheinlichkeit gar nicht so klein, dass er in Jena studiert, gelehrt oder zumindest eine Zeit lang hier gelebt hat. Dieses geistige Klima zieht später die sogenannten Frühromantiker an – damals nennen sie sich allerdings noch gar nicht Romantiker. In Jena beginnt sich das zu formieren, was sich im 19. Jahrhundert zur großen Romantik verdichtet. Die romantischen Ideen stammen im Kern aus Jena. Diese Ideen prägen unser Leben bis heute. Romantik ist eben nicht nur ein Bild von Caspar David Friedrich oder ein schwer lesbarer Text von Friedrich Schlegel, sondern ein Motor der modernen Kulturgeschichte, der unser Leben berührt – oft ohne dass wir es merken.
Sie haben es angedeutet: Irgendetwas ist „romantisch“. Aber was heißt das genau? Wie muss man sich das vorstellen, wie dachten die Menschen damals?
Max Pommer: Die jungen Romantiker sind Kinder der Aufklärung. Sie wachsen im 18. Jahrhundert auf, mit dessen Bildungsideal und mit der Grundüberzeugung, dass die Welt vernünftig erklärbar ist – genau wie wir heute. Wenn Sie Bauchschmerzen haben, gehen Sie ja auch nicht zum Pfarrer, sondern zum Arzt, der auf Basis von Fakten und Wissenschaft eine Diagnose stellt – das ist Aufklärung. Die Romantiker sagen nun: Wenn Aufklärung heißt, dass alles, was wir ernst nehmen, vernünftig begründbar und kausal erklärbar sein muss, dann haben wir ein Problem. Denn wir nehmen in unserem Leben Dinge wahr, die sich so nicht erklären lassen – etwa das, was wir Seele nennen. Gehen Sie mit der Frage nach Ihrer Seele zum Neurologen, wird er Ihnen etwas über elektrische Impulse im Gehirn erzählen – für Ihre Frage ist das eine eher unbefriedigende Antwort. Die Romantiker behaupten: Es gibt große Geheimnisse in der Welt, zu denen etwa auch das gehört, was die Romantiker das „Unbedingte“ nennen – etwas, das keinen Bedingungen unterliegt und nicht in physikalische Kausalitätsketten eingebunden ist. Sie sehen das Dilemma: In einer aufgeklärten Welt können wir eigentlich nur mit „Dingen“ umgehen, also mit etwas ‚Be-Dingtem‘. Wie nähern wir uns dann aber diesem Mysterium von Seele, Sinn oder Geheimnis an? Wie machen wir erfahrbar, dass da etwas ist, ohne es beweisen zu können? Die Antwort der Romantiker lautet: zum Beispiel durch Kunst. Daraus entsteht das bis heute vertraute Sprechen von der Kunst als Spiegel der Seele. Kunst ist ein Medium, in dem ein Geheimnis ahnbar wird, ohne dass wir es beweisen können – diesen Vorgang nennt man „romantisieren“.
Heute leben wir in einer Zeit, in der sich vieles beweisen lässt, was die Romantiker noch nicht beweisen konnten. Vieles scheint offensichtlich, man hält einfach die Kamera drauf – und schon ist es „wahr“. Ist die Romantik damit überflüssig geworden, hat sie uns überhaupt noch etwas zu sagen?
Max Pommer: Und wie. Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach Hause und sagen: „Schatz, ich liebe dich.“ Ihre Frau kann Ihnen das glauben – mehr aber auch nicht. Es bleibt eine Frage des Glaubens. Wahrscheinlich sagt sie: „Sag das nicht nur, zeig es mir – mach den Abwasch.“ Sie können Liebe nur zeigen, nicht beweisen. Sie inszenieren vielleicht einen romantischen Abend, um etwas sichtbar zu machen, das sich nicht festhalten lässt. Eine Kamera hilft Ihnen da nicht weiter, auch Ihre Seele lässt sich nicht abfilmen. Selbst das Kunstwerk kann die Seele nicht beweisen, nur spürbar machen. Genau deshalb hat die Romantik uns heute noch viel zu sagen: Wir spüren in unserem Leben etwas Existenzielles, das wir nicht naturwissenschaftlich beweisen können, das sich aber unserem Zugriff entzieht und trotzdem ungeheuer wichtig ist. Dieses Spannungsverhältnis ist ein Grunddilemma der Moderne – und die Romantiker sind Zeitgenossen dieser Moderne. Sie sagen: Nur weil ihr Liebe, Seele oder Sinn nicht beweisen könnt, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Wir spüren sie – und das Bedürfnis, Liebe, Emotionalität oder Kreativität auszudrücken, ist allgegenwärtig. Die Romantiker entdecken dieses Problem und machen es zu einer Kategorie der Kunst. Wenn wir heute in einem Sinfoniekonzert sitzen und wenig von Musiktheorie verstehen, aber sagen: „Ich brauche das, das drückt etwas aus, ich komme mit etwas Emotionalem in Kontakt“, dann ist dieses Kunstverständnis in hohem Maß auch ein Erbe der Romantik.
Vielleicht gibt es da noch eine weitere Gemeinsamkeit: Wir leben in einer Zeit, in der Subjektivität zum Maßstab geworden ist. Und die spielte ja auch in der Romantik eine zentrale Rolle. Kann man das auf diesen Nenner bringen: Subjektivität?
Max Pommer: Ja, das hängt eng zusammen. Sie erleben Ihre Seele ja nur als Subjekt, Sie können nicht die Seele eines anderen fühlen. Zunächst einmal müssen Sie sich, im Fahrwasser der Aufklärung, überhaupt als Subjekt und Individuum begreifen. Daraus ergeben sich dann Folgefragen: Was heißt es, ein ‚Ich‘ zu sein? Was bedeutet es, subjektiv zu sein? Welche Möglichkeiten haben wir, Subjektivität auszudrücken? Klar ist auch: Was Sie fühlen, ist nicht allein gemeingültig, es sind Ihre Gefühle. Und selbst für uns ist es schwer, mit den eigenen Gefühlen klarzukommen, herauszufinden, was da in uns passiert und wie wir das ausdrücken können. Vor Allgemeinurteilen muss man sich hüten. Subjektivität gehört also unbedingt dazu: Erst wenn es das Individuum gibt, kann dieses Subjekt fragen, was in ihm pulsiert, wie es das artikulieren kann – und wie wir uns über Kunst oder Musik, über unsere Gefühle austauschen und sie füreinander sichtbar machen.
Dieser Austausch findet im Sinfoniekonzert ja ganz praktisch statt. Mich würde interessieren: Wie ist es überhaupt zu diesem Austausch gekommen? Von wem ging die Initiative aus, und wie haben Sie das Programm entwickelt?
Max Pommer: Ich habe mir irgendwann ein Herz gefasst und Simon Gaudenz geschrieben – nach einigem Zögern, denn die Jenaer Philharmonie hat natürlich ein ganz anderes Standing als unser kleines Romantikerhaus. Ich dachte mir: Wenn wir schon in der Stadt der Frühromantik leben, müsste sich doch etwas zusammen machen lassen, zumal der Zusammenhang von Romantik und Musik auf der Hand liegt. Also habe ich Simon angeschrieben und sehr freundlich und schnell Antwort bekommen.
Simon Gaudenz: Bei mir reicht das noch zurück zu meinen Anfängen in Jena. Ich wollte von Beginn an mit anderen Institutionen der Stadt kooperieren – nicht nur mit Kultureinrichtungen, sondern etwa auch mit der Volkshochschule, Sportvereinen oder Kinderzirkusprojekten. Das Romantikerhaus stand von Anfang an auf meiner Liste, und dann kam Corona. Umso mehr habe ich mich über die Anfrage gefreut. Fest stand damals schon Mendelssohns „Walpurgisnacht“, die wir unbedingt aufführen wollten. Mir ging es darum, ein homogenes Programm zu bauen, in das man wirklich eintauchen kann – nicht im ersten Teil Prokofjews „Symphonie classique“ und noch ein Klavierkonzert, sondern konsequent eine Welt. Heute verbinden wir mit Romantik oft Candlelight-Dinner-Niveau, aber sie ist so viel mehr. Eine gute Einstiegslinie bietet der berühmte Novalis-Satz: „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“ Mich interessiert besonders der Übergang in diese Sphäre des Unbedingten, des Nicht-Greifbaren. Viele Menschen, gerade Kinder – auch meine – kommen sehr gern ins Konzert, weil die Musik zu ihnen kommt. Für ein Museum braucht es eine andere Art von Aktivität, da sind die Anforderungen an abstraktes Denken höher als im Konzert. Hier kann Musik ein wunderbarer Türöffner sein: Bei Schumann reicht manchmal ein einziger Akkord, und man ist in dieser Welt, wenn man sich nur ein wenig öffnet. Man spürt bei Schumann immer das Poetische, auch weil er literarisch sehr versiert war und nicht „nur“ Musik konnte. Genau das interessiert mich: mit Musik die Tür zum Wort zu öffnen. Wort und Musik habe ich immer faszinirend gefunden – das eine erklärt das andere nicht, aber es regt an, genauer hinzuhören.
Wenn man das Programm anschaut, weicht es deutlich vom üblichen Konzertschema ab. Was haben Sie sich konkret bei diesem Programm gedacht?
Simon Gaudenz: Naheliegend ist zunächst das Lied. Bei einem musikalisch-literarischen Abend ist es das verbindende Element: der lyrische Text, der gesungen, gesprochen oder halbszenisch gespielt werden kann. Insgesamt wollte ich einen Bogen schlagen. Das, was ich vorhin das Ungreifbare nannte, lässt sich gut über das Motiv des Übersinnlichen fassen: Im „Erlkönig“ ist jemand da, der doch nicht da ist; in der „Walpurgisnacht“ begegnen wir heidnischen Bräuchen. Das alles spielt mit dem Bruch der Konvention – die „Walpurgisnacht“ ist ein Stück mit leicht Gruseligem, das aber nicht im großen „Halleluja“ endet. Oder der „Erlkönig“: Das Übersinnliche wird nicht simpel religiös gedeutet nach dem Motto „komm zu uns, dann bist du gerettet“, sondern bleibt offen. Und genau diese Offenheit öffnet die Tür, diese Reise weiterzudenken.
Sie sagten, die „Walpurgisnacht“ war so etwas wie der Kern des Programms. Wie haben Sie dann die anderen Werke darum herum gesucht?
Simon Gaudenz: Das war gar nicht so leicht. Max kann den Kreis der Jenaer Romantiker sicher gleich noch etwas genauer umreißen. Die hatten viele Verbindungen in alle Welt, aber der tatsächliche Jenaer Kernkreis ist überschaubar, und die Schnittmenge mit Musik ist begrenzt. Goethe ist selbstverständlich allgegenwärtig, gehört aber nicht direkt zu diesem Kreis. Schubert hat zwar etwas mehr als zehn Gedichte von Friedrich Schlegel vertont, aber die sind – meiner Meinung nach – weder seine stärksten Lieder noch die stärksten Texte. Außerdem gibt es keine Orchesterfassungen, man müsste sie eigens orchestrieren. Ich wollte jedoch Orchestrierungen, die in der Musikgeschichte ihren Platz haben, etwa von Reger oder Brahms. Wir mussten also entscheiden, welche Texte wir nehmen. Am Ende ist die Welt der gesprochenen Texte näher an Jena als die der vertonten. Webers „Freischütz“-Ouvertüre fügt sich thematisch sehr schön ein. Und mit Schumanns „Genoveva“-Ouvertüre wollte ich einen Auftakt setzen, der dieses Verbindende in seiner Musik betont – nicht den Stoff der „Genoveva“ selbst. Bei Schumann habe ich das Gefühl, dass immer mehr da ist als nur Musik; er erzählt gewissermaßen mit Worten, auch wenn keine gesprochen werden.
Apropos „Freischütz“: In der Romantik spielt ja nicht nur Subjektivität, sondern auch Freiheit eine große Rolle – letztlich auch die politische Freiheit. Wie kann man das einordnen?
Max Pommer: Zunächst ist das Schöne an diesem Programm, dass sowohl Simon bei der Musik als auch ich bei den Texten relativ viel Bewegungsfreiheit haben – dank des glücklichen Umstands, dass Jena die Geburtsstätte der Romantik ist. So können wir etwa Gedichte von Joseph von Eichendorff einbeziehen, der nie in Jena war, aber die Ideen in sich trägt, die hier ihren Ursprung haben. Für die Musik gilt Ähnliches: Wir können Weber spielen, auch ohne „Jena-Bezug“ im engeren Sinn, weil die Grundideen passen. Unsere Epoche, die europäische Moderne, beginnt um 1800 mit Aufklärung und Romantik. Diese beiden Strömungen bringen die Moderne hervor. Dazu gehört neben einem neuen Verständnis von Subjektivität auch ein neues Verständnis von Freiheit. Damit meine ich nicht nur die politische Freiheit der Paulskirche, der napoleonischen Kriege und der späteren Nationalbewegungen, sondern auch ein philosophisches Nachdenken über Freiheit. Ich sitze hier in meinem Büro im ehemaligen Wohnhaus Johann Gottlieb Fichtes, der mit den Romantikern befreundet war und über Freiheit ganz neu nachgedacht hat. Die Frühromantik in Jena ist vor allem mit philosophischer, individueller Freiheit befasst. Die politische Dimension, auf die sie anspielen, entfaltet sich vor allem später, auch im Zusammenhang mit der napoleonischen Besetzung und den Befreiungskriegen. Da wird dann in vielen Strömungen auch das Nationalbewusstsein gestärkt – dazu braucht es nicht unbedingt die Romantik. Für unser Programm und die Jenaer Romantik spielt politische Freiheit zwar eine gewisse Rolle, aber nicht die allergrößte.
Simon Gaudenz: Ein Aspekt ist für mich auch das Selbstbewusstsein. Einerseits gibt es dieses Sich-Zurückziehen in die eigene Welt – das Abendrot, das Alleinsein. Andererseits aber Freiheit im Sinne von Selbstbewusstsein: sich seines Fühlens bewusst zu werden und dazu zu stehen. Schön finde ich in unserem Programm auch, dass alle Komponisten sehr prominent sind, wir aber – mit Ausnahme des „Freischütz“ – Stücke wählen, die nicht ständig im Vordergrund stehen: weder den „Sommernachtstraum“ noch Schumanns Klavierkonzert, weder Schuberts „Große C-Dur“ noch die „Unvollendete“.
Eine Frage noch zum „Erlkönig“, der ja auch einen Jena-Bezug haben soll, wie ich gelesen habe – wenn auch nur als Anekdote.
Max Pommer: Genau, als Anekdote – historisch ist das kaum belegbar, eher unwahrscheinlich. Es gibt bei Jena das Dorf Kunitz, etwa vier Kilometer entfernt, an der Saale entlang, mit Wiesen und vielen Weiden. Dort hält sich hartnäckig das Gerücht – und wird natürlich gepflegt –, Goethe habe in Jena die Geschichte eines Bauern gehört, der nachts mit seinem kranken Sohn von Kunitz nach Jena ritt, um einen Arzt aufzusuchen. Der Arzt habe aber nicht helfen können und das Kind sei noch auf dem Rückweg verstorben. Der Vater und das sterbende Kind, Nebel über der Saale, der Ritt durch die Nacht – daraus sei Goethe auf den „Erlkönig“ gekommen. Eine schöne Anekdote mit hübschem Lokalbezug. Aber dass sie historisch stimmt, glaube ich nicht.
Wenn man über Begriffe wie „Un-Be-Dingtes“ und „Selbst-Bewusstsein“ nachzudenken beginnt – also nicht Selbstbewusstsein im Sinne von Selbstsicherheit, sondern im Sinne von Bewusstsein, das sich nicht in Dinge auflösen lässt, wird es spannend. Inwiefern spielt die Sprache eine Rolle?
Max Pommer: Die Sprache spielt da eine große Rolle. Aus diesem Nachdenken kommt das große Motiv der Sehnsucht. Wenn Sie ahnen, dass es das Unbedingte gibt, aber zugleich merken, dass Sie immer an den Dingen hängen und da nie ganz hinkommen, bleibt nur Sehnsucht: danach, ihrer Liebe habhaft zu werden, am „Nirwana“ teilzuhaben, ohne es zu erreichen. Der Romantiker weiß, dass er das Unbedingte nicht erreichen kann. Aber man kann es erahnen, etwa in der Begegnung mit einem Kunstwerk. Das ist dieser Zauber des Konzertbesuchs – E. T. A. Hoffmann spricht bei Beethoven vom „Geisterreich der Töne“. Wir überschreiten dabei aber keine metaphysische Grenze, wir bleiben beim Kunstgenuss. Das ist freilich etwas anderes, als eine heilsgeschichtliche Offenbarung oder Erlösung und auch aus dem Konzert werden die Leute nicht „erlöst“ hinausgehen, aber vielleicht mit dem Gefühl, etwas Emotionales erlebt zu haben. Und das gibt unserem Leben Wert.
Simon Gaudenz: Und dieses Bewusstmachen lässt sich durch die Verbindung von Wort und Musik stark unterstützen. Ich bin sicher, es gibt Musik, die es einem schwerer macht, in eine andere Welt einzutreten – und andere, bei der man sofort drin ist. Schubert ist für mich so ein Fall. Schumann hat seine „Große C-Dur“-Sinfonie die „mit den himmlischen Längen“ genannt – sie ist länger als Beethovens Neunte und arbeitet viel mit Wiederholung. Wenn eine Aufführung gelingt, driftet man richtig weg, gerät in eine Art Trance. Über diese Repetition, dieses Hineingesogenwerden, landet man in einer anderen Welt. In gewisser Weise ist das eine romantische Vorform von „Minimal Music“. Und das Repetitive kennen wir auch im „Erlkönig“ – dort als Getrappel und Getriebensein.
Über dem Konzert steht das Motto „Die Welt muss romantisiert werden“. Warum?
Simon Gaudenz: Ich sehe das, vielleicht etwas schlicht formuliert, als Ermutigung, Gefühle wieder zuzulassen. Verletzlich sein zu dürfen, ohne alles sofort ironisch zu brechen. Man darf sich mit seinen Gefühlen öffnen – im Wissen, dass man sich damit angreifbar macht –, und es trotzdem mit Selbstbewusstsein tun. Diese Musik und diese Texte können – richtig verstanden – dazu ermutigen.
Max Pommer: Ich würde mit der Fortsetzung des Novalis-Zitats antworten: „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder.“ Wenn wir die Welt nicht romantisieren, fällt sie in einen bloß rationalistischen Zustand zurück. Dann wären wir letztlich zufällig entstandene Eiweißhaufen, unser Fühlen und Denken nur elektrische Signale. Wenn wir die naturwissenschaftliche Undurchführbarkeit eines Seelenbeweises so deuten, dass es die Seele gar nicht gibt, wird die Welt kalt. Wollen wir das nicht akzeptieren, müssen wir romantisieren: Wir spüren unsere Seele, wir drücken sie aus, erleben sie in der Kunst – und das ist für uns ein Hinweis darauf, dass es sie gibt. Romantisieren wir die Welt nicht, wird sie kalt und sinnlos – dann könnten wir uns, überspitzt gesagt, gleich in die Saale stürzen. Aber wir entscheiden uns für die Romantik und damit für Sinnstiftung in einer rationalen Moderne.
via www.jenaer-philharmonie.de