column | Lena Bammert

Die Suche nach dem Rausch

Es wird sie geben, eine Zeit nach Corona - bis dahin halten unsere Autoren und Autorinnen hier fest, was sie besonders vermissen und worauf sie sich am meisten freuen. von Lena Bammert Corona scheint an der Uhr zu drehen.

Es wird sie geben, eine Zeit nach Corona – bis dahin halten unsere Autoren und Autorinnen hier fest, was sie besonders vermissen und worauf sie sich am meisten freuen. von Lena Bammert

Corona scheint an der Uhr zu drehen. Kein Bier vor vier – diese inoffizielle Regel wird in Corona und Home-Office Zeiten einfach weggetrunken, das ergibt zumindest mein repräsentativer Blick auf die Instagram-Stories meiner Freunde. Alle sind am Trinken, nie alleine, denn immer mit dabei: Wand, Wand, Wand, Wand. Meistens vier, weil so Zimmer funktionieren.

Vor Corona konnte man noch in Bars trinken, die haben zwar auch Wände, aber oft mehr als vier und generell auch so viel mehr als nur. Die hatten fremde Menschen, die ganz schnell nicht mehr fremd waren, Magie und Momente, in die ich mich immer wieder verliebt habe. Wenn die perfekte Menge an Alkohol meine Seele berührt und mich ein kleiner Cocktail aus berauschten Stimmen und zu lauter Musik umgeben hat, dann kam da immer dieser eine flüssige Moment, in dem die ganze Welt voller Möglichkeiten erschien und das Wort Scheitern komplett an Bedeutung verlor, zumindest für die nächsten paar trunkenen Stunden.

Ich vermisse dieses Gefühl und die dazugehörigen Bars und Menschen total, und das obwohl ich in einer Münchner Villa mit neun Zimmern wohne. Gut, ich wohne hier nicht alleine sondern mit zwei Mitbewohnern und meiner Avocado Pflanze. Und ja, Makler würden dazu nicht Villa mit neun Zimmern sagen. Sie würden es wohl eher als „einfache 3-Zimmer Wohnung” beschreiben. Aber wir haben eben auch noch eine Abstellkammer, Küche, Bad, WC, Balkon und einen Küchenbalkon. Das sind für mich neun Zimmer, für die Makler vielleicht nicht, aber für mich schon. Außerdem herrschen wie gesagt Corona und Ausgangssperre, ich brauche jetzt neun Zimmer und nicht drei.

Ich gehe heute nämlich mit meinen Mitbewohnern auf Bartour. Und eine Bartour funktioniert mit drei Zimmern nun mal nicht. Eigentlich funktioniert eine Bartour ohne Bar sondern nur mit Zimmern sowieso nicht, ich weiß ja. Aber in der Not frisst der Teufel eben Fliegen, oder trinken die Rausch-Suchenden Shots vor dem WC-Waschbecken. Oder Bier auf dem Balkon. Oder Maibowle in meinem Zimmer, stilecht mit Glas-Strohhalmen, beleuchtet von einer grünen LED Lichterkette für maximale Frühlingsstimmung. Gut angeheitert diskutiere ich mit meinen Mitbewohnern anschließend in welche Bar es denn weiter gehen soll. Wir stehen ratlos im Gang, blicken hinauf zum Himmel, sehen stattdessen unsere Wohnungsdecke und den weißen Rauchmelder und tun daraufhin erstmal alle so, als würden wir Zigaretten rauchen.

Es schlängelt sich zwar kein Rauch aus unseren Fingern nach oben, unser Adrenalin geht dafür aber fast durch die Decke. Wir müssen uns jetzt nämlich entscheiden, nehmen wir die linke oder die rechte Zimmertür. Gehen wir in die russische Spelunke und exen einen Porno-Vodka (Vodka Shots mit Ahoi Brause) oder schauen wir zuerst in der Karibik Bar vorbei, inklusive Cuba Libre und Windbeuteln. (Ich bin mir bewusst, dass Windbeutel nicht in der Karibik erfunden wurden, aber unsere Gefriertruhe ist solchen geografisch-kulinarischen Geschichten gegenüber einfach eiskalt ignorant).

Am Ende sind wir promillemäßig genau so betrunken wie auf einer normalen Bartour, der Weg zum Essen (in die Küche) und ins Bett ist sogar nur einige Schritte weit. Aber trotzdem fühlt es sich einfach anders an, weniger magisch, weniger luftig, weniger dreckig, zu hell, zu berechenbar, nicht frei genug. Neue Menschen haben wir auch nicht kennengelernt, obwohl wir wie wild Zac Efron zugewunken haben, während er in seiner High School getanzt hat.

Aber Corona wird irgendwann vorbei sein, wir werden unsere Wände und Zimmer hinter uns lassen, frische, ja, auch versiffte Luft einatmen und am Ende doch in der ersten Bar sitzen bleiben, weil wir, der Alkohol und die anderen Menschen so toll sind, sich alles in pure Magie verwandelt und München eben München ist, und man deshalb nie einen guten Barplatz aufgeben sollte. Aber immerhin hätte man die Möglichkeit weiterzuziehen, wenn man denn wollen würde. Die Chance auf neue, magische Wände, darauf freue ich mich nach Corona.

via jungeleute.sueddeutsche.de