Rezension | Tabea Hamperl

Die hohe Kunst der Zuversicht: Olaf Scholz trifft in Potsdam auf Juli Zeh

Juli Zeh und Olaf Scholz haben im Nikolaisaal über „Zeiten des Umbruchs" gesprochen. Größere Überraschungen blieben aus.

In die Potsdamer Tradition von Begegnungen zwischen Politikern und Intellektuellen wie Friedrich II. und Voltaire stellt Moderator Harald Asel das Gespräch zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Schriftstellerin Juli Zeh am Dienstag im Nikolaisaal. Und in der Tat verspricht es zunächst eine Begegnung zu werden, die dem sonst oft wortkargen Kanzler in der andersartigen Gesprächssituation Inhalte abseits des Bekannten entlockt.

 

Auf der Bühne sitzen sich zwei Wahl-Brandenburger gegenüber, beide mit juristischem Hintergrund, beide SPD-Mitglieder. Um „Risse und Spannungen in der Gesellschaft und das Verhältnis von Kunst und Politik” soll es gehen. Eingeladen hat das Brandenburgische Literaturbüro und das zeigt sich auch im Publikum: Der ausverkaufte Saal ist voll mit bildungsbürgerlichen Potsdamerinnen und Potsdamern, die Olaf Scholz anders als bei seinen zuletzt oft lautstark begleiteten Auftritten vorrangig wohlgesonnen sind. Er wird mit langem Applaus begrüßt, seine Scherze während des Abends werden honoriert.

Es sei ihr „eine große Ehre”, so Juli Zeh. Sie interessiere es, wie sein Leben als „meistgescholtener Mann der Republik” aussehe. Man müsse ja dankbar dafür sein, dass überhaupt Leute „diesen beschissenen Job machen”. Woher also die Zuversicht? „Zuversicht” ist wahrscheinlich das am häufigsten genutzte Wort des Abends, vor allem von Scholz selbst. Die brauche man, „wenn es stürmisch wird”. Wichtig sei auch ein „innerer Kompass, innere Ruhe”. Man brauche die Überzeugung, am Ende Unterstützung zu bekommen, wenn man wichtige Veränderungen auf den Weg bringe.

 

Durchaus „große Probleme, mit denen wir da gerade konfrontiert werden”, so Scholz. „Wir müssen richtig was tun, damit die Zukunft sicher ist”. Bis klar sei, dass es geklappt habe, gäbe es – gerade für ein so reiches Land wie Deutschland – genug Anhaltspunkte positiv zu bleiben. Großer Applaus.

 

„In Zeiten des Umbruchs”, das Thema ist offen gefasst. Am Ende geht es um die Energiewende, die Proteste in Deutschland, die Entfremdung zwischen Politik und Bürgern und die AfD. Durchaus ein großer Umbruch, nach 250 Jahren, mit der Tradition von Kohle, Gas und Öl zu brechen, so Scholz. Das Schlimmste, was man tun könne, wäre, das kleinzureden.

 

Aus Umbrüchen erwachsen gesellschaftliche Reibungen: Mit Blick auf die multiplen Krisen identifiziert Juli Zeh eine gewisse Politikverdrossenheit. Das Gefühl, dass ihnen die Politiker nicht gewachsen seien; die Sehnsucht nach einem autokratischen Sound. Scholz treibe das seit vielen Jahren um, sagt er. Manche bauten ganze Karrieren darauf auf. Dem verweigert er sich, gesteht aber ein, dass es „klare Worte brauche”.

 

Sprache, Juli Zehs Steckenpferd. Ihre wohl größte Kritik an Scholz und seiner Regierung betrifft deren Kommunikation: Manchmal erwecke sie den Eindruck, man müsse sich um die Bürger, gerade auf dem Land, kümmern wie um „verlorene Kinder, die aus der Kita nicht nach Hause finden” – ein Widerspruch zur demokratischen Idee. Ganz anders die Proteste in Deutschland, es stimme sie optimistisch, dass die Menschen ihr Mitspracherecht wahrnähmen, eine Chance für ein anderes Verhältnis zwischen Politik und Bürgern.

Juli Zeh lebt im Havelland, in einigen ihrer Romane befasst sie sich mit den Spannungen zwischen Stadt und Peripherie. Ihre „auf anekdotische Empirie” gestützte Analyse, der wirklich rechtsradikale Anteil im Ländlichen sei klein, auch wenn viele die AfD wählten, bringt das Publikum zum Zischen. Das Thema wird vor allem durch Fragen aus dem Publikum in das Gespräch gebracht: ein Schüler, der nach einem Besuch eines AfD-Politikers in seiner Schule Angst vor der Zukunft hat, eine verängstige Potsdamerin mit Migrationsgeschichte. Scholz findet die Entwicklungen um das Landhaus Adlon „erschreckend”. „Wir sollten uns nicht als Minderheit empfinden”, sagt er. „Wir sind mehr”.

 

Laut Zeh ist es ein „Analysefehler”, die Entwicklungen Richtung rechts als deutsches oder gar ostdeutsches Problem zu werten. Es gäbe „nicht die eine Stellschraube”. Auch mahnt sie, nicht alle, die sich während der Coronakrise kritisch äußerten oder die Unterstützung der Ukraine nicht befürworten, „einer gewissen Sorte Mensch zuzuschlagen”. Jeder habe die Berechtigung, Dinge anders zu sehen – auch im stark konservativen Spektrum. Scholz bekräftigte das. Viele seien nicht einverstanden mit politischen Entscheidungen und um die müsse man kämpfen.

 

Als „angriffsarm” bezeichnet eine Besucherin Juli Zehs Auftreten gegenüber Bundeskanzler Olaf Scholz nach der Veranstaltung. Und tatsächlich findet das Gespräch eher wohlwollend statt; Kontroversen bleiben aus. Ob Angriffe zum gewünschten Ergebnis geführt hätten, ist eine andere Frage; eine gewisse Überraschungsarmut ist jedoch da. Juli Zeh setzt durchaus Akzente, Scholz dagegen schließt sich meist dem Gesagten an oder spult im Politikersprech Erfolge seiner Partei herunter: Mindestlohn, Kindergeld, Wohngeld. Das Gespräch zerfasert in dem Dreieck aus Zeh, Scholz und Moderator Asel.

Oberflächlich betrachtet scheint er, der immer wieder betont, er sei nicht als Bundeskanzler, sondern als Abgeordneter seines Wahlkreises da, ein wenig lockerer als sonst; ein verschmitztes Lächeln verlässt selten sein Gesicht. Wirklich neue Erkenntnisse lassen sich an diesem Abend allerdings nicht gewinnen.

 

Auch, wenn sie sicherlich sorgfältig kuratiert wurden: Den tiefsten Einblick in den Kopf des Bundeskanzlers gewinnt man vielleicht draußen am Büchertisch, wo seine Lieblingsbücher ausgestellt werden: darunter Philip Roth, Simone de Beauvoir, Didier Eribon, Andreas Reckwitz, Steffen Mau, Karl Marx, Mohamed Mbougar Sarr und ein paar Romane von Siri Hustvedt und Christa Wolf.

via www.tagesspiegel.de