Interview | Tabea Hamperl

„An den Brandenburger Seen zu leben macht sicher glücklich”: Mailin Modrack über das Glück

Mailin Modrack ist Trainerin und Dozentin für Positive Psychologie. Im Interview spricht sie über die Säulen eines zufriedenen Lebens und wie es gelingt positiver auf das neue Jahr zu schauen.

Frau Modrack, bei Brecht heißt es „Ja, renn nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr, denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.” Kann man sich Glück vornehmen? 

Wenn wir uns in der westlichen Kultur mit Glück beschäftigen, haben wir oft eine natürliche Skepsis, die evolutionär in uns angelegt ist. Wir sind erstmal darauf gepolt, in Habachtstellung zu sein und das ist auch gesund. Früher war es eben wichtig für uns Menschen, dass wir schnell wegkommen, wenn wir ein Mammut sehen. Tatsächlich ist Glück ein großes Stück weit mehr gestalt- und erlernbar als wir jahrelang für möglich gehalten haben.

 

Was gehört ganz konkret zu einem zufriedenen Leben? 

Es gibt verschiedene wissenschaftliche Modelle. Das populärste ist das PERMA-Modell von Prof. Martin Seligman: „P” steht für positive Emotionen, „E” für Engagement, also das Gefühl, irgendwo einen wichtigen Beitrag zu leisten. „R” für „Relations”, gute Beziehungen. „M” für „Meaning”, das Sinnerleben und „Accomplishment”, das Erreichen von Zielen. In jüngeren Jahren ist es ergänzt worden durch die Säule „H” für „Health”, also Gesundheit, als eine der tragenden Säulen von menschlicher Zufriedenheit. Wissenschaftlich gesehen haben alle Aktivitäten, die auf diese Säulen einzahlen, Einfluss auf unsere Zufriedenheit.

 

Welche Formen von Glück gibt es? 

Die Wissenschaft unterscheidet streng zwischen dem hedonistischen und dem eudaimonischen Glück. Das hedonistische Glück nennen wir auch „Wohlfühlglück”. Das bedeutet so etwas wie „Ich kann meine Freizeit so gestalten, wie es sich für mich gut anfühlt. Ich habe einen Beruf, der mich glücklich macht.” Und dann gibt es das eudaimonische Glück, das auch als „Werteglück” bezeichnet wird. Also die Frage „Wie sind meine Werte gelagert? Finde ich die in meinem Beruf oder meiner Partnerschaft wieder?” Das ist die zweite, tiefere Ebene. Beide sind maßgeblich an unserer Zufriedenheit beteiligt.

 

Es scheint als hätten manche Menschen bessere Voraussetzungen zum Glücklichsein. Bestimmen äußere Faktoren die Fähigkeit dafür? 

Das ist eine total relevante Frage. Zum Zusammenhang von Geld und Glück gibt es beispielsweise Studien, die zeigen, dass unsere Zufriedenheit etwa bis zu einem Jahresbruttoeinkommen von 60.000 Dollar linear wächst. Danach ist der Zusammenhang deutlich schwächer. Wir sehen ihn dann zwar auch noch, aber ab da trägt er nicht mehr so stark zu unserem Wohlbefinden bei.

Oder berufliche Erfolge: Es gibt eine spannende Studie der Harvard University zum Zufriedenheitslevel von Assistenzprofessoren. Von einer Gruppe wurde eine Hälfte befördert und in die Professur gehoben – was sich alle in diesem Feld vorgenommen hatten. Die andere Hälfte ist im Assistenz-Status verblieben. Man hat die Zufriedenheitswerte vor und nach der Beförderung genommen und gesehen, dass sie nach nur sechs Wochen schon wieder angeglichen waren. Häufig gehen wir von Fehlannahmen aus, was Glück wirklich meint. Ein bisschen anders ist es beim Thema Gesundheit; der Faktor zahlt natürlich maßgeblich in unsere Zufriedenheit ein.

 

 

Kann man Glücklichsein wie einen Muskel trainieren? 

Glücklich sein an sich nicht. Was man trainieren kann, sind einzelne Konstrukte. Ein gutes Verständnis für die eigenen Stärken zu haben, Optimismus, Dankbarkeit. Das hört bei systemischen Kontexten auf. Wenn jemand in seinem Beruf unglücklich ist, kann man ihm helfen, ein anderes Gefühl dazu zu entwickeln. Wenn die Herausforderung der Arbeitgeber ist, stoßen wir an eine Grenze.

 

Positive Psychologie

Positive Psychologie ist die Wissenschaft des gelingenden Lebens. Im Gegensatz zur klinischen Psychologie, die sich meist mit psychischen Krankheiten befasst, steht bei der Positiven Psychologie die empirische Erforschung von menschlichen Ressourcen, Stärken und Potenzialen, sowie des Wohlbefindens im Fokus.

 

Und wie trainiere ich? 

Mit Reflexionsarbeit, allein oder begleitet. Nach guten Beziehungen schauen: „An wen würde ich mich wenden, wenn ich Trost brauche? Wer gibt mir Energie?” Die Positive Psychologie hat einen Grundsatz, der „Build what’s strong statt Fix what’s wrong” heißt. Also „Bau das aus, was tragfähig in deinem Leben ist”. Auch in Bezug auf positive Emotionen: „Was bringt mir Freude? Wann geht es mir so richtig gut?” Und für die dritte Dimension die Frage nach Lebenssinn, das ist die komplexeste. Die kleinste Frage, die man sich selbst dazu stellen kann, ist die Frage „Was ist mir bedeutsam?”

 

Wenn man sich in den sozialen Medien umschaut, bekommt man fast das Gefühl, es gebe mittlerweile das Diktat, glücklich zu sein. Kann man es damit auch übertreiben? 

Ja, auf jeden Fall. Das kennen wir als toxische Positivität. Es ist gefährlich, dass viele nicht ausgebildete Menschen damit Geld verdienen. Positive Psychologie, meine Disziplin, zum Beispiel ist kein Glücksdiktat. Sie negiert keine negativen Phänomene. Die sind wichtig, die gehören zum Leben.

 

Welche Auswirkungen von toxischer Positivität sehen Sie? 

Ich beobachte zum Beispiel, dass Menschen es nicht mehr aushalten, wenn über negative Emotionen gesprochen wird; ein permanentes Jagen nach dem nächsten positiven Effekt; Negieren oder Kleinmachen von schwierigen Ereignissen. Wenn Sie sich zum Beispiel Ihrer besten Freundin mit einem Problem anvertrauen und sie stülpt Ihnen gleich eine positive Perspektive über und sagt „Schau mal, wofür das gut sein kann”. Es wird schwierig, wenn kein Raum dafür da ist, auch Negatives abzuarbeiten.

 

Sie selbst leben in Potsdam. Hat Potsdam als Stadt die Voraussetzungen dafür, glücklich zu machen? 

Einen Aspekt erfüllt sie ganz sicher: das Leben nahe der Natur. Es ist vielfach belegt, dass sich das positiv auf Zufriedenheit, Gesundheit, alle möglichen Aspekte auswirkt. Das Leben an den Seen in Brandenburg ist sicher etwas, was glücklich macht.

 

Viele Menschen schauen angesichts der aktuellen Weltlage eher besorgt auf das neue Jahr. Was geben Sie Ihnen mit? 

Die Aufgabe, zu überlegen, welche Bereiche in ihrem Leben Quellen von Hoffnung sein können. Eine Übung dazu wäre, einen Brief aus jetziger Perspektive an das zukünftige Ich zu schreiben. Sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen und zu überlegen „Was kann 2024 passieren, damit ich ein gutes Jahr habe?”, damit sich mein Alltag gut entwickelt und ich so etwas wie einen optimistischeren Blick für das Jahr entwickeln kann.

via www.tagesspiegel.de