4. September 2013

M. DuMont Schaubergs Zeitungsladen

Eine Wissenschaftsseite ist eine Wissenschaftsseite? Mitnichten. Die Berliner Zeitung hat eine Wissenschaftsseite, die Frankfurter Rundschau auch. Das waren aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Die Mediengruppe M. DuMont Schauberg (MDS) hat sich jetzt entschieden, die Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung abzuschaffen. Die Inhalte sollen künftig von der Frankfurter Rundschau zugeliefert werden. MDS kann das tun, weil sich das in Köln ansässige Unternehmen einen Zeitungsladen zusammen gekauft hat und nun auf Einheitsbrei Synergien setzt. Betroffen sind offenbar auch andere Ressorts: Die FR soll die Medienseiten beider Blätter füllen und für Wirtschaft zuständig sein, ein Politikressort in Berlin soll Berliner Zeitung, FR und andere MDS-Zeitungen beliefern. Die Redaktion der Berliner Zeitung protestiert dagegen mit einem offenen Brief an die Verlagsspitze. Darin heißt es;0;21;0;0;Eine Umsetzung der Pläne würde die Redaktion im Kern treffen, die Substanz der führenden Hauptstadtzeitung gefährden und die Marke Berliner Zeitung mit ihrer engen Leser-Blatt-Bindung beschädigen. (…) Der Vorbesitzer Mecom hat die Zeitung ‚ausgequetscht wie eine Zitrone‘, so hat es Chefredakteur Vorkötter Ende Juni formuliert. Wir haben uns aber nicht drei Jahre den Zumutungen David Montgomerys und seines Statthalters Josef Depenbrock widersetzt, um nun ähnliche Pläne erneut vorgesetzt zu bekommen. (…) Eine Berliner Zeitung ohne eigenes, in die Redaktion integriertes Bundesbüro, ohne komplettes Wirtschaftsressort und eigenen Wissenschaftsteil ist undenkbar – ebenso wie Frankfurter Rundschau, Kölner Stadtanzeiger oder Mitteldeutsche Zeitung ohne unabhängige Politikberichterstattung. (…) Journalistischer Einheitsbrei führt zum Verlust publizistischer Vielfalt und zum Mittelmaß. Daran kann ein Verlag, dessen Ziel der langfristige Erfolg ist, kein Interesse haben.“ M. DuMont Schauberg zerstört publizistische Vielfalt? Wir können es beweisen. Wer sich die Wissenschaftsseiten der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau anschaut, wird feststellen, dass sie sich grundlegend unterscheiden. Für seine Diplomarbeit* hat Freischreiber-Mitglied Jakob Vicari beide Redaktionen eine Woche beobachtet. In beiden Redaktionen wurde 2007 mit vier Festangestellten aktuelle Wissenschaftsberichterstattung gemacht. Der direkte Vergleich zeigt, wie mit gleicher Personalausstattung und ähnlicher Erscheinungsweise ganz unterschiedlich umgegangen werden kann. Die Folgen für das Produkt sind offensichtlich. Ein Beispiel unter vielen: Während die Wissenschaftsseite der Frankfurter Rundschau viel mit Kolumnen und Serien arbeitet, ist das bei der Berliner Zeitung vollkommen unüblich. Ressortleiterin Lilo Berg und ihr Team ziehen es vor, den Platz für Aktuelles frei zu halten. Aktualität und penibles Fact-Checking ist kennzeichnend für die Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung. Jakob Vicaris Studie zeigt: Mit der Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung geht nichts Doppeltes verloren, sondern ein Stück publizistischer Vielfalt. Dass publizistischer Einheitsbrei unerwünschte Folgen haben kann, kann MDS bei den Kollegen der WAZ erfragen: Dort sind laut taz nach Zusammenlegung diverser Redaktionen die Abozahlen eingebrochen. * Die komplette Arbeit „Unter Wissensmachern“ von Jakob Vicari gibt es hier: epub.ub.uni-muenchen.de/2114/


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