4. September 2013

Können freie Journalisten ihre Geschichten in Zukunft direkt vermarkten?

Nach Songs und Filmen sind jetzt die Texte an der Reihe: Auf die Internet-Plattform scribd.com können Bücher, Artikel, Forschungsberichte und Seminararbeiten hochgeladen werden. Die Software iPaper transformiert die pdf-, Word- oder PowerPoint-Dokumente dann problemlos ins Web. War Scribd bislang – nach eigenen Angaben – die größte „social publishing company“ der Welt, die das Publizieren und Textnutzen für jedermann verbilligen und „demokratisieren“ wollte, so wird sie nun, in einem zweiten Schritt, Texte von Autoren und Verlagen auch verkaufen. Scribd tritt damit in Konkurrenz zu Google und zum Online-Buchhändler amazon. Mit seinen 60 Millionen Besuchern pro Monat und einem Textangebot von 35 Milliarden Wörtern (in bislang 90 verschiedenen Sprachen) wird das in San Francisco ansässige Portal bereits als „iTunes für Texte“ und „YouTube for Print“ gehandelt. Genauso leicht soll es sein, einen (kostenlosen oder gekauften) Text in die eigene Website zu integrieren. Nach Angaben von Scribd wächst das Archiv täglich um 50.000 neue Texte. Wenn das neue Geschäftsmodell Erfolg hat, könnte es den Markt für Autoren radikal verändern. Das Prinzip ist denkbar einfach. Jeder Autor kann eigene Texte auf die Plattform hoch laden, mit einem Preisschild (und eventuellem Kopierschutz sowie abgestuften Nutzungsrechten) versehen, und erhält dann pro Download 80 Prozent des Verkaufspreises auf sein Konto. 20 Prozent behält Scribd für sich. Wer ein Buch für 3 Euro anbietet, kassiert also pro Download 2,40 Euro. Das ist mehr, als er bei einem herkömmlichen Verlag erzielen kann (wo der Autor in der Regel 10 Prozent vom Laden-Nettopreises erhält).* Verlage wie Random House und Zeitungshäuser wie die New York Times sollen an Scribd bereits interessiert sein (z.B. als möglicher Werbeplattform für die eigenen Produkte). Auch auf E-Reader und iPhones könnten die Texte geladen werden. Mit Scribd bekommt die Text-Branche auch die gleichen Probleme, wie sie Musik- und Filmindustrie bereits haben: das praktisch aussichtslose Konkurrieren mit „Raubkopien“. Bestsellerautoren wie J.K.Rowling und Ken Follet haben bereits gegen illegale uploads ihrer Werke protestiert. Doch Scribd will die rechtliche Situation durch die regelmäßige Prüfung der uploads in den Griff bekommen (das Weitergeben der Downloads gegen die ausdrücklichen Nutzungsvorgaben der Autoren können sie allerdings nicht verhindern). Welche Folgen wird das neue iText-Modell haben? Können Bücher überhaupt noch hohe Bezahl-Auflagen erzielen oder werden Hacker den Kopierschutz bereits nach den ersten Downloads knacken? Was wird aus Verlagen, Redaktionen, Lektoren, Autoren, Buchhändlern und Kiosken? Werden künftig alle Texte ungeprüft in die Welt gepustet? Wird es, außer der Quote, noch Qualitätsmaßstäbe geben? Wird aus Scribd eine Art Google-Textsuche großer Verlage? Wir wissen es nicht. Noch nicht. Auf jeden Fall wird Kurt Tucholskys alte Forderung: „Macht unsere Bücher billiger!“ ganz neue Aktualität gewinnen.


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