[Der :Freischreiber-Newsletter]

vom 23.05.2017

Liebe Freischreiber und Freischreiberinnen, liebe Kolleginnen und Kollegen,
 
ein extra Newsletter! Denn die mit Spannung erwartete Mitgliederversammlung der VG Wort hat in München getagt. Und? Na, es ist in etwa so wie bei Bundestagswahlen: Alle haben gewonnen!

Gelegenheit daher, uns mal die Feinheiten anzuschauen – also die Ergebnisse.
Und ein solches wichtiges ist erst mal, dass die VG wieder einen rechtskräftigen Verteilungsplan hat – beschlossen mit großer Mehrheit. Und dieser Plan sieht vor, dass die Autoren und Autorinnen selbst entscheiden können, ob sie den Verlagen gegenüber, für die sie schreiben und arbeiten, auf die Anteile verzichten, die die Verlage für sich beanspruchen. Anders gesagt: Ist man mit seinem Verlag zufrieden und vielleicht auch mehr als das, tritt man diesem gegenüber Ansprüche ab.
Ist man nicht zufrieden (oder weniger als das), oder ist man grundsätzlich der Meinung, dass die Ausschüttungen der VG allein den Autorinnen und Autoren zustehen und eben nicht den Verlagen, da diese keine Urheber im eigentlichen Sinne sind, dann verzichtet man nicht. Und da das Verfahren weiterhin anonymisiert ist, erfährt auch kein Verlag, wer von seinen Autoren auf seine Ansprüche verzichtet hat oder wer nicht.

„Mit dem neuen Verteilungsplan ergibt sich für Urheber eine ideale Situation“, urteilt unsere neue Freischreiber-Vorsitzende Carola Dorner. Und weiter: „Mit der freiwilligen Abtretung muss sich die behauptete Gemeinschaft zwischen Urheber und Verleger immer wieder aufs Neue beweisen. Eine faire Regelung für beide Seiten.“ Die Freischreiber-Presseerklärung in vollendeter Schönheit gibt es hier.

Und so bewertet die VG Wort selbst in einer Presseerklärung das Ergebnis: „Mit den neuen Verteilungsplanregelungen wurde die Grundlage dafür geschaffen, dass die VG WORT die gemeinsame – sehr erfolgreiche – Rechtewahrnehmung für Urheber und Verlage fortsetzen kann. Ein wichtiger Schritt in die Zukunft ist gelungen.“ Auf Uebermedien kommt Freischreiber Stefan Niggemeier zu folgendem, etwas anderem Schluss: „Der nun beschlossene Verteilungsplan ist insofern tatsächlich ein drastischer Bruch mit der früheren Praxis: Jeder Urheber in der VG Wort bekommt 100 Prozent dessen, worauf er gesetzlich einen Anspruch hat, es sei denn, er verzichtet einzeln, ausdrücklich und (zumindest formal) freiwillig darauf.“ Und er bietet auch eine schöne atmosphärische Beschreibung: „Hinrich Schmidt-Henkel vom Verband der Literaturübersetzer war ganz ergriffen von dieser Revolution. „Das ist eine unglaubliche Sache“, rief er in den Saal. Der ehemalige Freischreiber-Vorsitzende Benno Stieber wies ihn darauf hin, dass diese unglaubliche Sache schlicht geltendem Recht entspreche, das nun endlich auch der Verteilungsplan widerspiegele. Zu verdanken sei dies Martin Vogel.“ Der äußert sich übrigens auch sehr lesenswert bei übermedien.de in den Kommentaren.
 
Der VG-Wort-kritische Blog vginfo.org bleibt kritisch und schreibt:  „Genauer wollte offenbar kaum einer hinschauen, zum Beispiel auf die konkreten Quoten, nach denen Verlage im Falle einer solchen Zustimmung beteiligt werden sollen. Je nach Ausschüttungsart werden die Verleger dabei in Zukunft bis zu 75 Prozent des auf ein bestimmtes Werk entfallenden Gesamtbetrags erhalten. Auch die an den Verhandlungen beteiligten Vertreter hatten sich, wie sie auf der Versammlung freimütig einräumten, für solche Details nicht sonderlich interessiert. Dass die Urheber zukünftig selbst entscheiden können, ob sie überhaupt etwas abgeben wollen oder nicht, reichte den meisten. Hinzu kam die Sorge, mit einem neuen Streit die geplanten Ausschüttungen weiter zu verzögern.“
 
Nicht uninteressant wie der Börsenverein – grob: die Interessenvertretung der Verlage – die Versammlung bilanziert: „Das heute vorgestellte Ergebnis ist ein starkes Zeichen der Solidarität. Es beweist, wie eng und symbiotisch das Verhältnis von Buch- und Zeitschriftenautoren zu ihren Verlagen ist und wie sehr sie die Leistungen der Verlage schätzen. Die Zahl ist beachtlich, zumal geschätzt nur etwa jeder siebte wahrnehmungsberechtigte Verlag Verzichtserklärungen bei seinen Autoren eingeholt hat bzw. die Möglichkeit dazu hatte“, so Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins.
 
„Symbiotisch“ – ob dieses Adjektiv wohl von vielen Autoren und Autorinnen mitgetragen wird? Der Börsenverein argumentiert da wie folgt: „26.079 Autorinnen und Autoren hätten auf Nachausschüttungen von Geldern verzichtet, um ihre Verlage von Rückforderungen der VG Wort aufgrund einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom April 2016 zu bewahren.“
 
Nun – unser zweiter Vorname ist „Recherche“ und wir haben mal eben recherchiert: Gibt es doch, konservativ geschätzt, aktuell rund 150.000 wahrnehmungsberechtigte Autoren und Autorinnen. Da haben also gut 124.000 nicht auf ihre Ansprüche verzichtet. Oder rechnen wir da irgendwie falsch?
 
Wie auch immer: Es wird noch ein wenig dauern, bis das Geld, das nun nach der erfolgten Einigung ausgeschüttet werden kann, auch ausgeschüttet wird. Für das vergangene Jahr – also 2016 – etwa gilt Folgendes: „Der Übergangs- und Ergänzungsverteilungsplan sieht für die Ausschüttungen in 2017 (für 2016) vor, dass bei gesetzlichen Vergütungsansprüchen die Autoren zunächst eine Abschlagszahlung erhalten. Danach können die Ausschüttungsempfänger bis zum 30.9.2017 entscheiden, ob ihr jeweiliger Verlag beteiligt werden soll und ggf. eine entsprechende Zustimmung gegenüber der VG WORT erklären. Erfolgt keine Zustimmungserklärung, erhält der Autor anschließend noch den zu 100 % fehlenden Anteil auf der Grundlage der neuen Verteilungsplanregelungen. Stimmt der Autor der Verlegerbeteiligung zu, erhält der Verlag seinen Anteil auf der Grundlage der im Verteilungsplan festgelegten Quoten.“
 
Und ansonsten, etwa was die Rückzahlung der jahrelang fälschlich ausgezahlten Ausschüttungen an die Verlage betrifft, die nun den Autoren zustehen: „Detaillierte Informationen u. a. zu den diesjährigen Ausschüttungsquoten sowie zum Stand der Rückforderungen gegenüber Verlagen werden in Kürze auf der Homepage veröffentlicht und mittels Newsletter ausgesandt.“ Es wird also noch etwas dauern, bis der von FAZ prognostizierte Geldsegen von einer halben Milliarde auf uns alle herniederprasselt.

Wer sich übrigens für den aktuellen Geschäftsbericht der VG Wort interessiert, hier findet er sich herunterladbar.
 
Und nun kommt noch ein „Aber“, denn es gibt ein weiteres „Aber“: Es ist zu erwarten, dass die Verlage in Berlin und noch mehr auf EU-Ebene versuchen, die soeben getroffene Entscheidung wieder zu verändern – hin zu einer festzuschreibenden Quote an Ausschüttungsanteilen für die Verlage (die dann nicht mehr freiwillig vonseiten der Autoren wären). Und der Börsenverein klingt da schon ganz rollig, wenn er verkündet:  „Von dem neuen, in München beschlossenen Verteilungsplan werden die Verlage erst dann in vollem Umfang profitieren können, wenn der europäische und der nationale Gesetzgeber die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesgerichtshofs zur Unzulässigkeit einer pauschalen Verlegerbeteiligung an den Ausschüttungen von Verwertungsgesellschaften korrigiert haben“, so deren Justiziar Christian Sprang. „Damit sei voraussichtlich im Jahr 2018 zu rechnen.“ Und damit wiederum hat die „Revolution“ bei der VG Wort ein eingebautes Verfallsdatum, wie Wolfgang Michal hier treffend beschreibt: „Die Hoffnung mancher Autorenverbände, sie könnten jetzt noch Einfluss nehmen, ist unrealistisch. Ihre Einwände kommen zu spät. Und die zuständigen Gewerkschaften haben die Hände offenbar in den Schoß gelegt. Das ist der Grund, warum die Verleger dem neuen Verteilungsplan der VG Wort (der „VG Wort-Revolution“) am 20. Mai in München mit einem Seufzer der Erleichterung zustimmen konnten.“

Das heißt: Wir Urheber werden verdammt gut aufpassen müssen, was sich in Zukunft bei der VG Wort tut! Und wir Freischreiber werden da streitbar bleiben!
 
Und nicht nur deshalb, sondern überhaupt möchten wir für heute dieses Kapitel VG Wort schließen mit einem großen Dankeschön an Martin Vogel! Denn ihm ist schließlich zu verdanken, dass diese ganz VG-Wort-Chose in Gang kam, und was hat er sich da nicht alles anhören und wie hat er sich beschimpfen lassen müssen!

Daher auch nochmal unsere Aufforderung an alle Wahrnehmungsberechtigten: werdet Mitglied in der VG Wort. Nur als Mitglied seid ihr stimmberechtigt. Einfach jetzt die Mitgliedschaft beantragen.

Und: wer hier mitliest und findet, die :Freischreiber leisten unterstützenswerte Arbeit, dem sein ans Herz gelegt, dass man bei Freischreiber nicht nur als freier Journalist oder freie Journalistin Mitglied werden kann, sondern dass man den Verband auch als Fördermitglied unterstützen kann.

Freischreiberiges und Termine
 
„Schwätzen kann jeder“, heißt es. Und weil das so falsch wie verbreitet ist, gehört das Interview zur schwierigsten journalistischen Darstellungsform überhaupt. Freischreiber Tim Farin und sein Kompagnon Mario Müller-Dofel stemmen sich gegen den Qualitätsabfall bei Interviews und betreiben zusammen das sehr lesenswerte Portal alles-ueber-interviews.de. Da geht es zum Beispiel darum, ob Journalisten nachträglich Interviewfragen ändern dürfen, wie es die Zeitung „Der Freitag“ getan hat

Unsere österreichischen Schwestern und Brüder von FreischreiberAT laden zum Freigrillen auf der Wiener Donauinsel ein: am 21. Juni 2017 ab 18 Uhr. Und wer sich von Wien einfach nicht wegbewegen kann, weil’s da im Sommer so schön ist, kann gleich noch am 26. Juni zum Stammtisch gehen, ab 18.30 Uhr. Ort wird noch bekannt gegeben, sonst hier erfragen

Hurtig sein heißt es für den Willi-Bleicher-Journalistenpreis 2017, dessen Bewerbungsfrist in wenigen Tagen abläuft. Ausgelobt wird er von der Gewerkschaft IG Metall. Sie sucht herausragende Print-, Hörfunk-, Fernseh- und Onlinebeiträge, die sich mit der Arbeitswelt auseinandersetzen. Zum ersten Mal ist auch eine Kategorie für Kurzbeiträge vertreten. Einsendeschluss ist der 31. Mai, Journalistinnen und Journalisten können sich mit zwei Beiträgen bewerben, die in der Zeit vom 1. Juni 2016 bis zum 31. Mai 2017 veröffentlicht worden sind. Zu gewinnen gibt es ein Preisgeld von 3000 Euro (plus ein Nachwuchspreis mit 2000 Euro). Mehr Infos hier

Und auch für das Stipendienprogramm der Right Livelihood Awards Stiftung läuft bald die Bewerbungsfrist ab, nämlich am 15. Juni 2017. Die Stiftung fördert die Berichterstattung über die Preisträger des „Alternativen Nobelpreises“. Auf der Seite der Stiftung heißt es: „Offen für Journalisten weltweit, werden die ,Reporting Right Livelihood‘-Stipendien Reise-, Unterkunfts- und Kommunikationskosten im Zusammenhang mit den ausgewählten Berichten sowie ein bescheidenes Honorar abdecken. Im Jahr 2017 werden insgesamt fünf Zuschüsse ausgezahlt.“ Näheres hier

In Hamburg findet am 30. Mai 2017 von 18 bis 21 Uhr das Forum „Coworking & Collaboration“ statt. Davor, um 13 Uhr, machen einige Betreiber von Coworking-Spaces im Rahmen einer Tour („Learning Journeys“) ihre Räume auf und zeigen ihre Welt der Arbeit. Initiator des Ganzen ist das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Infos zu Themen und Referenten sowie Anmeldemöglichkeiten hier

Das war’s schon wieder von uns. Jetzt noch rasch die letzten Tage vom Mai genießen – und dann ist Sommer!
 
In diesem Sinne,
Ihre
:Freischreiber und :Freischreiberinnen!

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Freischreiber-Treffen in Hamburg am 29.5. im Klippkroog. Thema: BRING DEIN LIEBLINGSPROJEKT – Freischreiber stellen ihre publizistischen Babys vor. Infos und Anmeldung hier.


Freischreiber-Treffen am 7. Juni in Berlin. 20 Uhr im Wirtshaus Hasenheide. Zu Gast ist Mark Heywinkel, Thema: „Liebe deine Freien“. Fragen und Anmeldung hier.


12. Juni,19.30 Uhr: Freischreiber-Treffen in Köln. Weitere Infos in Kürze auf freischreiber.de oder bei Interesse hier.


Die beiden Laudationes auf Himmel-Preisträger Konrad Schwingenstein (von Katharina Jakob) und Hölle-Preisträger Süddeutsche Zeitung (von Benno Stieber) hier nachlesen.


Das ist unser neuer Vorstand: Steve Przybilla (Freiburg), Katharina Jakob (Hamburg), Gabriele Meister (Mainz), Jakob Vicari (Lüneburg), die neue Vorsitzende Carola Dorner (Berlin), Andreas Unger (München) und Frank Keil (Hamburg). Nicht im Bild: Peter Neitzsch (Hamburg).

Zur Hölle mit diesen Umgangsformen: die #mediasres-Kolumne von Silke Burmester über unsere Hölle-Kandidaten dpa und SZ vom 27.4.. Und hier für Interessierte nochmal die ausführliche Würdigung unseres Hölle-Preisträgers SZ von Kollege Max Muth vom 27.4.: Süddeutsche Zeitung: „Hölle-Preis“ für das Flagschiff des Qualitätsjournalismus? Das Fragezeichen können Sie dann jetzt weglassen.  

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[Der :Freischreiber-Newsletter]

vom 18.05.2017

Liebe Freischreiberinnen und Freischreiber,

am Wochenende tagt wieder die VG Wort in München: Freitagabend bei der Versammlung der Wahrnehmungsberechtigten (alle Urheber, die „nur“ einen Wahrnehmungsvertrag mit der VG Wort geschlossen haben. Mit einem Wahrnehmungsvertrag werden „zahlreiche Nutzungsrechte und Vergütungsansprüche zur treuhänderischen Wahrnehmung an die VG WORT übertragen“) und am Samstag bei der Mitgliederversammlung (für die Mitgliedschaft muss man einen gesonderten Antrag stellen und eine Aufnahmegebühr bezahlen).

Auf der Tagesordnung am Samstag steht (neben vielen anderen Dingen) die Verabschiedung eines neuen Verteilungsplanes. Dabei als Knackpunkt die Frage: Wie hoch soll der Anteil sein, den zukünftig die Verlage aus den allgemeinen Ausschüttungen bekommen – und soll es überhaupt einen Anteil geben?
 
Martin Vogel – unser Himmel-Preisträger von 2016 – bewertet auf perlentaucher.de die Ausgangssituation wie folgt:

„Bei der Mitgliederversammlung der VG Wort am 20. Mai geht es für die Urheber um viel Geld, das ihnen eigentlich nach dem Gesetz ohne Weiteres ausgezahlt werden müsste. Doch die Beschlussvorlagen des Vorstandes für diese Versammlung versprechen nichts Gutes.“
Und sehr detailiert führt er in seinem Essay auf, wo die Fallstricke liegen, wer welche Interessen verfolgt und worum es im Einzelnen geht. Sein Fazit: „Wer gehofft hatte, die VG Wort werde sich nach dem BGH-Urteil vom 21.4.2016 eines Besseren besinnen, hat sich getäuscht. Nicht die Interessen der Urheber, die bei ihr Rechte einbringen, bestimmen ihr Handeln, sondern die Interessen der Verleger, denen die einschlägigen Rechte fehlen. Es findet eine Umverteilung statt, die mit treuhänderischer Rechteverwaltung nur sehr bedingt zu tun hat.“

Das der VG Wort kritisch gegenüberstehende Portal vginfo.org legt außerdem besonderes Gewicht auf die Unterscheidung der VG Wort als Verwertungsgesellschaft versus Interessenvertretung. Und kommt zu folgendem Schluss: „Gewerkschaften, Autorenverbände und Autorenvertreter in der VG WORT werben derzeit für Stimmübertragungen mit dem Argument, man müsse in der VG WORT die Interessen der Autoren vertreten und die VG WORT als gemeinsame Interessenvertretung von Autoren und Verlagen erhalten. Das ist Augenwischerei: Die VG WORT ist keine Interessenvertretung, sondern eine Verwertungsgesellschaft. Ihre Kernaufgabe ist die Verwaltung des Treuhandvermögens der Urheber. Ihre Aufgaben sind im Verwertungsgesellschaftsgesetz (VGG) beschrieben.“

Wenig optimistisch schaut „Irights“ nach München und sieht vier oder fünf Fraktionen am Wirken: „Die Situation für die VG Wort bleibt somit verworren. An den zwei Tagen in München – bei der Versammlung der „Wahrnehmungsberechtigten“ und dann der Mitglieder – könnte sich wiederholen, was bereits die letzten Versammlungen der Verwertungsgesellschaft prägte: Streiterei, Abstimmungsärger, vielleicht auch wieder blockierte Anträge, Tohuwabohu, Schuldzuweisungen.“

Nun, wir Freischreiber sind konstruktiv, aber kritisch gestimmt – und wir sind vor allem vor Ort und werden schauen, wie sich Gutes für die freien Autoren und Autorinnen durchsetzen und realisieren lässt. Und wer uns seine Stimme übertragen möchte, weil er sie bei uns gut aufgehoben sieht, wir nehmen sie gerne entgegen. Allerdings müsst ihr euch dann ein bisschen sputen: Deadline heute, 18 Uhr. Das Formular für die Stimmübertragung liegt der Einladung bei.

Freischreiberiges

„Mein Arbeitsalltag hatte mit Journalismus so viel zu tun, wie das Wort Freiheit für die Hühner in der Käfighaltung“, schreibt Freischreiberin Alexandra Borowski. Die gerade ziemlich in Feierlaune ist, denn ihr Portal „Luise von der Pelzwiese“ ist just ein Jahr alt und hat sich ganz prächtig entwickelt: „Ein großer Moment für mich, denn der Weg dorthin war sehr besonders. Ich hatte von Tuten, Social-Media und WordPress-Gedöns null Ahnung, bin jetzt nicht gerade die hellste Kerze am Technik-Leuchter, kein Budget – was für eine Unternehmensgründung auch spannend ist. Aber ich hatte Feuer im Herzen, den unbedingten Willen zur Autonomie und Unabhängigkeit und überhaupt keine Muße, weiter im journalistischen Jammertal zu wandern, um Honorare zu betteln oder meine Wertlosigkeit bescheinigt zu bekommen.“ Und so machte sie sich noch mal anders selbstständig und gründete eben ihr Portal. Und wir gratulieren kräftigst und empfehlen mal bei dieser Luise vorbei zu schauen. Vielleicht ist ja noch ein Stück Erdbeertorte übrig!
 
Und da es eben quasi raus aufs platte Land ging, nach Neumünster nämlich, schauen wir uns dort um und sehen – Kühe. Ja, Kühe. Und was haben die nun hier zu suchen? Einiges, denn die Freischreiber Jakob Vicari und Björn Erichsen haben ihr Projekt des Sensorjournalismus weitergetrieben und haben Kühe medial verdrahtet. Denn, so ihre These: Wer etwas über moderne Landwirtschaft erfahren will, muss nur die Kuh befragen. Ob das nur irre ist oder ganz im Gegenteil aufklärerisch (natürlich!), zeigt ein kleines Video

Ab September (schon mal vormerken) ist dann auch die passende Homepage freigeschaltet: www.superkuehe.de

„Die Idee kam ihr am Strand, kurz nachdem sie ihr erstes Studium abgeschlossen hatte und nicht wusste, was sie damit anfangen sollte: Sie wollte reisen, interessante Orte besuchen und ihren Freunden in Briefen davon erzählen. Um davon leben zu können, würde sie sich dem Journalismus zuwenden, beschloss Kelly Toughill, und schrieb sich kurzerhand für einen entsprechenden Studiengang an der San Francisco State University ein“. So das Intro zu dem Interview, das Freischreiber-Fördermitglied Oliver Schrott mit eben Kelly Toughill für seinen Medienblog geführt hat. Nun gibt es dieses Gespräch auch in Buchform – zusammen mit 24 weiteren Interviews. Der lockende Titel: „Übermorgen“. 

Dies & Das
Und da wollen wir uns hier mal selbst zitieren, denn wie schrieben wir Anfang dieses Jahres? „Auch das Schweizer Project R nimmt langsam Fahrt auf.“ Nimmt langsam Fahrt auf – was für eine schamlose Untertreibung! Denn kaum auf den Weg gebracht, ist das Projekt einer geplanten Online-Zeitung um den Journalisten Constantin Seibt regelrecht durch die Decke geschossen. Und legt ein Crowdfunding vor, mit Weltrekordmarken! Und so schreibt sein einstiger Arbeitgeber, Der Tagesanzeiger, mit unterdrücktem Neid: „Innert 12 Stunden hat das Genossenschaftsprojekt Project R über eine Million Franken von 5000 zukünftigen Abonnenten gesammelt. Bis heute sind es über 11 000 Mitglieder, die 2,8 Millionen Franken in ein Onlinemagazin investieren, von dem sie kaum mehr wissen als den Namen: «Republik».“

Wir gratulieren einfach und schlicht.

Glückwunsche gehen auch an „Piqd“:  Denn das Projekt unseres Himmel-Preisträgers Konrad Schwingenstein, das jeden Tag lesenswerte Beiträge aus verschiedensten Medien vorstellt und empfiehlt (und die dahinter stehenden Kuratoren anständig bezahlt!), ist für den Grimme Online Award nominiert. Voten darf dabei auch das Publikum. Wer Piqd unterstützen will und wer wissen will, wer noch ausgewählt wurde, bitte hier entlang.

Seminare, Termine, Preise

Das SZ-Magazin lobt drei Recherche-Stipendien in Höhe von je 5.000 Euro aus. Besonders und ausdrücklich angesprochen fühlen sollen sich freie Journalisten. Denn wie SZ-Magazin-Chefredakteur Michael Ebert dem Dienst „meedia“ erklärte, beobachte er immer wieder „dass sich Freie mit Themenvorschlägen zurückhalten, weil sie sich nicht sicher sind, ob sich die eigenen Ideen überhaupt realisieren lassen“. Also ran an die Buletten.

Einmal 5.000 Euro hat der Journalistenpreis PUNKT zu vergeben.  Und zwar in der Kategorie Multimedia. Worum es geht, wird etwas schwurbelig wie folgt erklärt: „Mit dem PUNKT prämiert acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften in diesem Jahr Formate, die die erweiterten Möglichkeiten multimedialer Darstellung im Internet nutzen, um Themen mit Technikbezug verständlich und erlebbar zu machen. Aus dem Zusammenführen verschiedener Kanäle soll ein Mehrwert entstehen, der über die Einzelkanäle nicht realisierbar wäre. Die Jury legt dabei besonderen Wert auf die Integration interaktiver und partizipativer Elemente.“ Einsendeschluss ist der 22.Mai. Und das ist ja bald.
 
Journalistenpreis Nummero drei: der Salus-Medienpreis 2017. Preissumme? Einmal 6.000 Euro für den Hauptpreis plus 2.000 für einen Nachwuchspreis. Gesucht werden Beiträge in Verlagen, Print- oder Onlinemedien, die sich mit ökologischen Themen beschäftigen: über die Folgen der Gentechnik in der Landwirtschaft, die negativen Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft, das Bienensterben bis hin zu Krankheiten bei Mensch und Tier. Und auch: „Der journalistische Einsatz lohnt sich, denn es gibt auch hoffnungsvolle Geschichten – von Natur, die sich mit ökologischer Landwirtschaft regeneriert oder von Wüsten, auf denen Pflanzenanbau möglich ist.“ Einsendeschluss ist der 9. Juni, hier geht’s zum Bewerberbogen.

Und alle guten Dinge sind vier, denn auch die Otto Brenner Stiftung schreibt ihren Preis für kritischen Journalismus aus – ein Klassiker unter den Journalistenpreisen. Das Motto diesmal ist nicht ganz überraschend: „Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten!“. Bewerbungen werden bis zum 30 Juni entgegengenommen. Im Topf liegen 47.000 Euro, darunter drei Recherchestipendien a jeweils 5.000 Euro. Da lohnt sich genaues Schauen, ob man nicht etwas hat, das preis- wie förderungswürdig sein könnte.
 
Kein Preis, sondern ein Barcamp ist noch zu vermelden. Allerdings für Women only, ist doch Veranstalterin der Journalistinnenbund. Und der schreibt: „Noch gibt es ja – gerade für Frauen – viel aufzuholen und zu ändern bei Aufstiegschancen, Bezahlung und Themensetzung. Ein guter Grund, sich mit dem Journalistinnenbund zu vernetzen. Moderation: Su Steiger vom Netzwerk Digital Media Women DMW. Anschließend Sektumtrunk im Hub und gemeinsames Abendessen (fakultativ). Jede kann sich gern direkt per Doodle anmelden. Ort: das Impact Hub in München. Und das Datum: der 27. Mai, von 14.00 bis 18.00 Uhr.
 
So, das war’s schon wieder. Und wir recken unsere vom Tippen und Recherchieren müden Knochen (ist nicht schön, wenn man alt wird, nächstes Jahr gibt es uns Freischreiber auch schon zehn Jahre!) und öffnen ein Buchpaket, das den neuen Roman von Mirko Bonné enthält, der da heißt „Lichter als der Tag“. Und worum es geht, verrät der gute, alte Klappentext: „Raimund Merz ist Familienvater und Angestellter beim Nachrichtenmagazin Der Tag. Die Arbeit bedeutet ihm nichts, und lichte Momente in seinem Alltag sind selten.“ Oha! Aber jetzt kommt’s!: „Da begegnet er unvermutet seiner Jugendliebe Inger wieder… ein lang gehütetes Geheimnis… Flut aufbrechender Gefühle reißt die Fassade seines überschatteten Daseins nieder… ein ungeheures Wagnis eingehen.“ Mann, Mann, Mann! Aber mit der Jugendliebe durchbrennen, statt lichtlos im Verlag zu schuften, das können wir uns nur zu gut ausmalen! Und so könnten wir jetzt immer weiter plaudern … aber nu‘ ist Schluss!

In diesem Sinne,
 
Ihre :Freischreiber

 

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12. Juni,19.30 Uhr: Freischreiber-Treffen in Köln. Weitere Infos in Kürze auf freischreiber.de oder bei Interesse hier.


Freischreiber-Treffen am 7. Juni in Berlin. 20 Uhr im Wirtshaus Hasenheide. Zu Gast ist Mark Heywinkel, Thema: „Liebe deine Freien“. Fragen und Anmeldung hier.


Die beiden Laudationes auf Himmel-Preisträger Konrad Schwingenstein (von Katharina Jakob) und Hölle-Preisträger Süddeutsche Zeitung (von Benno Stieber) hier nachlesen.


Das ist unser neuer Vorstand: Steve Przybilla (Freiburg), Katharina Jakob (Hamburg), Gabriele Meister (Mainz), Jakob Vicari (Lüneburg), die neue Vorsitzende Carola Dorner (Berlin), Andreas Unger (München) und Frank Keil (Hamburg). Nicht im Bild: Peter Neitzsch (Hamburg).

Zur Hölle mit diesen Umgangsformen: die #mediasres-Kolumne von Silke Burmester über unsere Hölle-Kandidaten dpa und SZ vom 27.4.. Und hier für Interessierte nochmal die ausführliche Würdigung unseres Hölle-Preisträgers SZ von Kollege Max Muth vom 27.4.: Süddeutsche Zeitung: „Hölle-Preis“ für das Flagschiff des Qualitätsjournalismus? Das Fragezeichen können Sie dann jetzt weglassen.  

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[Der :Freischreiber-Newsletter]

vom 03.05.2017

Liebe Freischreiberinnen und Freischreiber,
liebe Kolleginnen und Kollegen und alle Freunde des freischreibergrünen Verbandes,

bevor wir von großartigen Gästen, Himmel- und Hölle-Preisen, neuen Vorständen und ermatteten Barkeepern berichten, kommt zuerst das Allerwichtigste:

Heute ist der Tag der Pressefreiheit! Und bis zum heutigen Tag sitzen weltweit unsere Kollegen in Gefängnissen, weil sie ihrer und unserer Arbeit nachgegangen sind!

Laut Reporter ohne Grenzen sind derzeit 366 Journalisten, Online-Aktivisten und Medienmitarbeiter in Haft, darunter der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel, der in der Türkei eingesperrt ist, bislang ohne Anklage. 11 Kollegen haben in den ersten Monaten dieses Jahres sogar ihr Leben verloren. Das sind 377 Anschläge auf die Pressefreiheit, 377-mal unerträgliche Zustände, gegen die wir aufstehen müssen. Die Künstlerin Yoko Ono hat eine Titelseite gestaltet, die Sie heute (hoffentlich!) auf vielen Tageszeitungen sehen können. In Berlin finden folgende Aktionen statt:
 
Auf die Presse!“ heißt das Konzert am Brandenburger Tor, das um 17.30 Uhr beginnt, mit Jasmin Tabatabai, Jilet Ayse, Die Sterne, Peter Licht und vielen anderen. Die Journalisten Oliver Welke und Michel Friedman sind mit Wortbeiträgen dabei.
 
Um die Mittagszeit protestieren Reporter ohne Grenzen und Amnesty International vor der Türkischen Botschaft gegen die Inhaftierung von Journalisten in der Türkei, dem Land, das weltweit die meisten von uns hinter Gitter bringt. 12.30–13 Uhr, Tiergartenstr. 19–21, 10785 Berlin
 
Wer nicht in Berlin ist, kann trotzdem Zeichen setzen, und zwar in den sozialen Medien. Wie das geht, erklärt Amnesty International in einer Schritt-für-Schritt-Anleitung.
 
Was bei Freischreiber geschah:
Der 29. April war ein verdammt langer Tag, zumindest bei uns in Frankfurt am Main. Es war der Tag der Himmel- und Hölle-Preisverleihung, der Freischreiber-Mitgliederversammlung, zweier Workshops und einer Feier mit großartigen Gästen, Rednern, Preisträgern und Kandidaten.
 
Das Warming-up kam in Form zweier Workshops. Eine „Wie machst du das?“-Runde, bei der Kollegen sich gegenseitig Tipps geben, charmant durch den Vormittag geführt von Ann-Christin Baßin und Alexandra Brosowski. Und einer zu Mobile Reporting, geleitet vom NDR-Reporter Daniel Sprehe.
 
In der anschließenden Mitgliederversammlung gingen zwei Vorstände von Bord. Benno Stieber, Vorsitzender und Freischreiber-Gründungsmitglied, wollte nach neun Jahren rastloser Tätigkeit für den Verband nur noch einfach Mitglied sein und stellte sich nicht mehr zur Wahl. Henry Steinhau, Experte für Urheberrecht und Medienjournalismus, will ebenfalls zu neuen Ufern aufbrechen. Beide haben jedoch versprochen, in Rufweite zu bleiben. Wir danken Benno und Henry für ihre großartige Arbeit und ihre engagierten Freischreiber-Herzen! Neue Vorstandsvorsitzende ist ab sofort Carola Dorner, bis vor Kurzem Vizechefin von Freischreiber. Neu in den Vorstand gewählt wurden der Freischreiber-Regionalleiter aus dem Südwesten, Steve Przybilla, der Hamburger Regionalleiter Peter Neitzsch, der seit Januar 2017 bereits kooptiert ist, sowie Sensorjournalist, Taliban-auf-dem-Fahrrad-Jäger und Urzeitkrebs Jakob Vicari, ehemaliges und jetzt wiedergekehrtes Vorstandsmitglied. Willkommen an Bord, ihr drei, wir sind froh!

Bei unserer Mitgliederversammlung hatten wir außerdem Besuch von Kollege Daniel Bouhs, der für den Deutschlandfunk (#mediasres) bei uns nachgehakt hat, was wir in den letzten neun Jahren als Verband eigentlich erreicht haben, wo wir noch feststecken und wo wir in Zukunft hinwollen: Journalistenverband „Freischreiber“: Lobbyist der Einzelkämpfer.

An den Rest des Abends werden wir noch lange denken. Constantin Seibt, Journalist und Autor von „Deadline“, ehemaliger Redaktor des Schweizer Tages-Anzeigers sowie die treibende Kraft hinter Republik, einer digitalen Zeitung in Gründung, stellte sich ans Rednerpult und berichtete, warum er eine gut bezahlte Festanstellung hat sausen lassen, um ins Freie zu treten. Nebenbei ließ er uns ein paar Sätze da für die Ewigkeit, zum Beispiel:

„Welches Budget streicht man als Erstes? Das von den Leuten, denen man nicht in die Augen schauen muss.“

Das würden wir gern unseren Hölle-Preiskandidaten aufs T-Shirt drucken. Allesamt.
 
Gewonnen hat den teuflischen Preis die Süddeutsche Zeitung, weil sie ihre freien Autoren um deren Zweitverwertungshonorare beim Schweizer Tages-Anzeiger prellt. Das nennen wir kalte Enteignung. Der Gewinner hat es vorgezogen, der Veranstaltung fernzubleiben, muss aber dennoch nicht auf seinen Preis verzichten. „Don’t call us. We call you“, sagte dazu der ehemalige Freischreiber-Vorstandsvorsitzende Benno Stieber, der eine flammende Rede gegen die Enteignungspraxis des Verlags hielt. Was heißt: Wir kommen in München vorbei und überreichen unsere Auszeichnung selbst. Denn wie immer gilt: Wir verstehen sie nicht zuletzt als Förderpreis, der dazu anregen soll, über die Arbeitsbedingungen freier Journalisten ins Gespräch zu kommen. Das gilt übrigens genauso für alle anderen Nominierten, die man hier nochmal nachlesen kann. Als da wären: der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Der Freitag, die Deutsche Presse-Agentur (dpa) und
Travel House Media GmbH.
 
Um Himmel und Hölle schlingen sich manchmal familiäre Bande, so auch bei uns. Der Himmel-Preisträger des Jahres 2017 ist der Mäzen und Medien-Pionier Konrad Schwingenstein. Er steckt als Verlagserbe der Süddeutschen Zeitung nicht nur sein Geld in die Zukunft des Journalismus, was heißt: in digitale Projekte. Sondern gibt uns freien Journalisten auch den Glauben an die Sache zurück, den wir bei unseren klassischen Auftraggebern viel zu oft vermissen. „Wir haben eines gemeinsam“, sagte Konrad Schwingenstein in seiner Rede zu den Freischreibern. „Wir akzeptieren die Spielregeln der neuen Zeit.“ Und dann beschrieb er, wie die journalistische Zukunft aussehen kann: offen, durchlässig, flexibel und ohne die alten Hierarchien. So wie bei seinen Projekten Torial, piqd und log.os social.
 
Was noch geschah: Im Lauf des Abends diskutierte Petra Reski mit Moderatorin Caroline Schmidt-Gross über das Risiko, das freie Autoren eingehen, wenn sie brisante Themen recherchieren. Reski hatte eine Klage gegen ihren Text über Mafia-Aktivitäten in Deutschland verloren. Dieser Text war in der Wochenzeitung Freitag erschienen. Verleger Jakob Augstein hatte sich nicht vor seine Autorin gestellt, was ihm eine Hölle-Preis-Nominierung von Freischreiber eingetragen hatte. Wir fragten Reski: Wie können sich freie Autoren schützen, wenn sie heiße Eisen anfassen? Wie stellen sie sicher, dass die Redaktionen ihren Teil der Verantwortung tragen? Zu unserem Bedauern konnte Jakob Augstein nicht in Frankfurt dabei sein, er las am selben Abend in Coburg.
 
Anschließend erläuterte Sandra Uschtrin, die einzige Himmel-Preiskandidatin neben Konrad Schwingenstein, warum sie sich auf die Seite der Autoren gestellt hatte, als es um die VG-Wort-Ausschüttungen ging, die den Verlegern zu Unrecht ausbezahlt wurden. Nach ihrem Beitrag müssen wir wieder an das Gute im Verleger glauben, auch wenn es schwerfällt. Danke, Sandra Uschtrin, für Ihre Fairness.
 
Als um Mitternacht Schluss war im Tagungshaus, hat Freischreiber im Dreikönigskeller weitergetanzt, bis der Wirt kam und sagte: „Der Barkeeper kann nicht mehr, bitte geht nach Hause.“ Was Freischreiber dann auch tat.
 
 
Scheinselbstständigkeit:
 
Unsere alte Bekannte, die Scheinselbstständigkeit, hebt wieder ihr graues Haupt. Wo man Journalisten nicht mehr kostengünstig frei beschäftigen kann, weil man sie jetzt anstellen muss, wer soll da die Mehrkosten des Auftraggebers schultern? Wir ahnen es: der Freie, na klar. So kündigt das Filmfest München in einer Rundmail an seine „Programm-Präsentatoren“ an (das sind die freien Journalisten, die während des Filmfests interviewen und moderieren), dass ihr Honorar von 60 Euro (!) netto pro Moderation nun leider auf 50 Euro gekürzt werden müsse. Es entstünden ja Zusatzkosten durch die Abführung der Lohnsteuer. Ein betroffener Kollege hat bei der kaufmännischen Leitung nachgefragt und folgende Antwort erhalten:
 
„Da wir nun die Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung und darüberhinaus weitere gesetzliche Abgaben tragen, muss selbstverständlich dieser Anteil, der in einem Honorar enthalten ist, gemindert werden.“
 
Als wäre es ein Naturgesetz. Doch das ist ein Irrtum, liebes Filmfest und liebe andere Auftraggeber, die ihr freie Journalisten beschäftigt. Selbstverständlich muss nicht das Honorar der Freien gekürzt werden. Es darf nicht mehr so billig gewirtschaftet werden. Und Freie dürfen so etwas nicht länger mit sich machen lassen.
 
Dazu passt auch das Urteil des Bundessozialgerichts vom 31. März 2017: Danach ist die Höhe des Honorars ein wichtiges Kriterium bei der Beurteilung, ob eine Scheinselbstständigkeit vorliegt oder nicht. Das Honorar eines freiberuflich Tätigen muss demnach so hoch sein, dass es Eigenvorsorge zulässt. Das ist vielversprechend. Wir kommen darauf zurück.

Eine andere alte Bekannte, die VG Wort, muss sich mit zwei neuen Klagen auseinandersetzen. Zum einen gegen das Verzichtsmodell, das Autoren die Möglichkeit einräumte, zugunsten ihrer Verlage auf den Ausschüttungsanteil zu verzichten, der ihnen von Rechts wegen zustand. Doch dieses Geld, auf das verzichtet wurde, ist ja nicht weg. Es muss, so der Kläger, wieder in den großen Topf zurück, aus dem dann die Urheber ihren Anteil erhalten. Die zweite Klage befasst sich mit den Rückstellungen, die die VG Wort gebildet hat, falls Verlage nicht imstande sein sollten, ihre zu Unrecht erhaltenen Ausschüttungen zurückzuzahlen. Auch dieses Geld steht laut der Klage den Urhebern zu, Näheres unter vginfo.org.
 
Augen auf, Lesetipps!
 
Julia Jäkel, Gruner+Jahr-Verlagschefin, fragt sich in einem Thesenpapier, das sie für den European Newsletter Congress (21.–23. Mai 2017 in Wien) vorbereitet hat, ob Content Marketing eventuell vom Teufel stammt. Vielleicht findet sie hier eine Antwort. Ein lesenswertes Stück über die Wirkungen von Content Marketing, vor allem auf den Journalismus.

Was fürs journalistische Herz: Print ist der am meisten unterschätzte Medienkanal! Ein wunderbares Interview mit dem russischen Publizisten Vasily Gatow.

Unsere Himmel-Preiskandidatin Sandra Uschtrin ist Buch- und Zeitschriftenverlegerin. Aber sie gibt auch einen tollen Newsletter heraus: für News aus dem Literaturbetrieb und für Preise & Stipendien. Empfehlung für Kolleginnen und Kollegen, die gern mal ins fiktive Fach hinüberschnuppern.

Und von Freischreiber-Mitglied Martin Henze ist ein Liebhaber-Buch für alle Oldtimer-Fans erschienen, die „Oldtimer-Fahrschule“. Mit vielen Fotos und jeder Menge Tipps zu heißgeliebten alten Karossen. Mehr unter www.oldtimer-fahrschule.de
 
Seminare:

Kurzfristig!
Zwei Workshops aus der Journalisten-Akademie der Bonner Friedrich-Ebert-Stiftung:
Basic Instinct: ein kompakter Recherche-Grundkurs, 15.–16. Mai, in Bonn. Der Schwerpunkt liegt auf aktuellen praktischen Beispielen und einem Blick hinter die Kulissen erfolgreicher Recherchen. Infos hier.
 
Berichten, beschreiben, bewerten: Grundkurs zu den journalistischen Darstellungsformen, 17.–19. Mai, in Würzburg. Ziel ist es, die verschiedenen Textsorten genau dafür einzusetzen, wofür sie sich am besten eignen. Infos hier.
 
 Huch!
„Je älter man wird, desto mehr ähnelt die Geburtstagstorte einem Fackelzug“, sagte einst die großartige Katherine Hepburn. Merken Sie sich schon mal unseren eigenen Fackelzug vor. Im nächsten Jahr wird Freischreiber runde zehn Jahre alt. Und wird natürlich ein rauschendes Fest feiern, das jeden Barmann in die Knie zwingt.
 
In diesem Sinne,
 
Ihre :Freischreiber
 

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Die beiden Laudationes auf Himmel-Preisträger Konrad Schwingenstein (von Katharina Jakob) und Hölle-Preisträger Süddeutsche Zeitung (von Benno Stieber) hier nachlesen.


Das ist unser neuer Vorstand: Steve Przybilla (Freiburg), Katharina Jakob (Hamburg), Gabriele Meister (Mainz), Jakob Vicari (Lüneburg), die neue Vorsitzende Carola Dorner (Berlin), Andreas Unger (München) und Frank Keil (Hamburg). Nicht im Bild: Peter Neitzsch (Hamburg).


Heute, 19 Uhr: Freischreiber-Treffen in Freiburg. Mit dem frisch gewählten neuen Vorstandskollegen Steve Przybilla. Infos und Anmeldung hier.

Zur Hölle mit diesen Umgangsformen: die #mediasres-Kolumne von Silke Burmester über unsere Hölle-Kandidaten dpa und SZ vom 27.4.. Und hier für Interessierte nochmal die ausführliche Würdigung unseres Hölle-Preisträgers SZ von Kollege Max Muth vom 27.4.: Süddeutsche Zeitung: „Hölle-Preis“ für das Flagschiff des Qualitätsjournalismus? Das Fragezeichen können Sie dann jetzt weglassen.  

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