Tanzen bevor der Sekt verdunstet
Mann, was war das für eine Party am vergangenen Samstag in der Münchener Kranhalle, bei der Preisverleihung des zweiten Himmel- und Höllepreises. Marc Winkelmann Stellvertretender Chefredakteur von Enorm hatte besonders gut feiern, weil er von uns den Preis für die freienfreundlichste Redaktion in Empfang nehmen konnte. Höllepreisträger Christoph Reisinger Chefredakteur von Sonntag Aktuell kam leider nicht. Auf seinen Preis soll er aber nicht verzichten müssen. Wir werden ihn bei nächste Gelegenheit nach Stuttgart liefern.
Feiern, in diesen Zeiten, mögen Sie fragen? Genau, wir Freien feiern die Feste wie sie fallen. Würden wir auf passende Anlässe in unserer Branche warten, wäre der Sekt schon seit Jahren verdunstet.
Trotzdem fühlen wir mit den Kollegen, die von Entlassungen betroffen sind und trauern um Auftraggeber, die wir verlieren. Letzte Woche meldete nun also auch Gruner & Jahr - kommunikativ wenig professionell - scheibchenweise das Ende der Financial Times Deutschland.
Anlass für Frank Schirrmacher, mit den Versprechen der digitalen Zukunft abzurechnen. Eine ausführliche Antwort auf Schirrmachers vermeintliche Fehleinschätzung gibt Martin Weiss und etwas polemischer auch Thomas Knüwer auf Indiskretion Ehrensache. Staatsrechtsblogger Maxilmilan Steinbeiß nimmt derweil mit einem leisen Servus Abschied vom Zeitalter der "tollen Zeitung" und hofft auf die Initiative der einzelnen Autoren, die dann ihre tollen Geschichten bloggen, so wie er. Wo die weltweit stecken und welche Zukunft der Journalismus sonst noch hat, erforschen zwei junge Kolleginnen hier.
Ist man selber klamm, ärgert man sich leicht mal über jene, die in diesen Zeiten Geld verdienen. Kein guter Charakterzug aber verständlich. Vor allem, wenn das Geld mit den eigenen Inhalten verdient wird, darf man sich schon betrogen fühlen. Wir Freien empfinden diesen Ärger seit Jahren gegenüber den Verlagen, die unsere Texte ohne weitere Vergütung ins netz stellen. Inzwischen kennen die Velage das Gefühl selbst - gegenüber Google, das angeblich nur so erfolgreich ist, weil es kostenlos die Inhalte der Verlage (also auch unsere) auffindbar macht. Deshalb haben sie sich das Leistungsschutzrecht ausgedacht, das derzeit im Bundestag verhandelt wird.
Dagegen das Gesetz zieht jetzt Google als Hauptbetroffener mit einem Film zu Felde. Üble Propaganda sei der Film, schelten Alpha-Journalisten von SZ bis FAZ.
Wer da wohl von wem gelernt hat? Freischreiber Stefan Niggemeier hat da so eine Idee. Er schreibt: "Jetzt schreien sie (die Verlage) auf, wie unlauter das Vorgehen von Google sei, was für ein Machtmissbrauch. Wo waren die flammenden Kommentare oder auch nur die kritischen Berichte, als die deutschen Verlage eine Kampagne für das Leistungsschutzrecht fuhren, als sie zu Mikrofonständern mutierten, als Zeitungen wie die »Welt« und »FAZ« ihre eigenen Lobbyvertreter als unabhängige Experten ausgaben?" Gute Frage, finden wir.
Warum dieses erfundene Recht gefährlicher Unsinn ist und uns Autoren womöglich sogar schadet, haben wir bereits 2009 erkannt. Die wichtigsten Punkte fassen diese Woche namhafte Urheberrechtler noch einmal hier zusammen.
Damit zu unserem wöchentlichen Handwerkskasten:
Dass Journalismus im Netz wahrscheinlich mehr Handwerk den je braucht, und dass Twitter nur dann eine Schwatzbude ist, wenn man Schwätzern folgt sind längst Binsenweisheiten der digitalen Welt. Deshalb sollte man spätestens ab dieser Woche Marcus Lindemanns Tweets folgen. Der Berliner Rechercheur und Filmproduzent twitter täglich einen Recherchetipp.
Auch ein Recherchetipp, nämlich wie man RSS-Feeds für sich besser nutzen kann, steht hier:
Und hier noch ein paar Tipps für Seminare und Stipendien:
Am 5. und 6. Dezember findet in Frankfurt zusammen mit der Vertretung der Europäischen Kommission ein Seminar für Journalisten über die EU statt. Ein Schwerpunkt soll hierbei unter anderem auf die europäischen Entwicklungen in der digitalen Wirtschaft gelegt werden. Ein Thema zu dem auch Freischreiber bereits ein Seminar angeboten hat. Interessierte Journalisten können sich online bewerben oder eine Email an Lisa Bushart (bushart@ejc.net) schreiben.
Journalists.Network lädt ein zu zwei Reisen in entgegengesetzte Hemisphären: Bereits im Januar geht es unter dem Motto "Brasiliens Boom: Strohfeuer oder Zeitenwende" für zehn Tage nach Rio und Sao Paulo, im März auf der Suche nach den "Schätzen am Polarkreis" nach Lappland. Bewerben können sich freie und fest angestellte Kollegen, Journalistenschüler und Volontäre. Alle Infos zu den Reisen und zur Bewerbung hier.
Das International Media Center Hamburg (IMCH) schreibt in Kooperation mit der Robert Bosch Stiftung bereits zum sechsten Mal dreimonatige Auslandsstipendien für Journalisten aus. Deutsche Journalisten mit sehr guten Englischkenntnissen können sich hier bis zum 15. März 2013 für ein dreimonatiges China-Stipendium bewerben.
Bereits zum zweiten Mal schreiben Dirk Kurbjuweit (Spiegel) und Claus Kleber (ZDF), gemeinsam mit dem Reporterforum, das mit 10.000 Euro dotierte Seminyak-Stipendium aus.Es soll drei Reportern unter 35 Jahren ermöglichen, eine große Geschichte zu recherchieren und zu schreiben - unterstützt von Dirk Kurbjuweit. Kontakt: Stefanie_Golla@spiegel.de
Hier unsere Termine:
Die Hamburger Regionalgruppe trifft sich am Montag, den 10.12.2012 um 19.30 Uhr zur traditionellen Weihnachtsfeier. Nähere Infos gibt Björn Erichsen (bjoern.erichsen@gmail.com)
Um "Ghostwriter oder Co-Autoren" geht es beim letzten Berliner Freischreiber-Treffen in diesem Jahr. Aus ihrer Praxis erzählen bei diesem Erfahrungsaustausch die Sachbuch-Autorin Nataly Bleuel und die Literatur-Agentin Rebekka Göpfert . Das Regionaltreffen ist am Mittwoch, 12. Dezember um 19.30 Uhr an Gemmas Wohnzimmertafel. Anmeldungen bitte an: gemma.poerzgen@gmx.net
Damit eine schöne Woche mit hoffentlich besseren Nachrichten,
Ihre Freischreiber
