:Freiflächen

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Ohne Freie kein Feinschmecker

Gestern hat Madeleine Jakits, "Feinschmecker"-Chefredakteurin, den Stellenwert der Freien in ihrem Magazin erklärt. Heute sagt ein Medienforscher, was er über diesen Stellenwert denkt: Michael Meyen ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München.

 

"Die Stärke des Feinschmeckers sind seine Spezialisten. Wer für dieses Magazin arbeitet, muss eine besondere Expertise mitbringen. Er muss sich mit gutem Essen, mit Wein und ähnlichen Themen der Kulinaristik auskennen. Es ist ein Magazin, das sich ohne Freie gar nicht produzieren ließe. Denn das hieße ja, der Verlag müsste einen Stamm von spezialisierten Autoren als feste Redakteure vorhalten, was den Preis enorm nach oben treiben würde.

Ein Beispiel für solches Spezialistenwissen ist im vorliegenden Feinschmecker die Geschichte über die Gastronomie in Berlin, „La dolce vita“: Hier hat sich der Autor offenbar lange und intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. Das kann zwar auch ein Redakteur leisten. Aber ich glaube, dass ein Freiberufler das besser macht. Einer, der möglicherweise auch in dieser Stadt lebt und seine ganze Lebenserfahrung mit einbringen kann.

Ohne freie Journalisten würde es den Feinschmecker wahrscheinlich gar nicht geben."

"Wir müssen wirtschaftlich arbeiten können"

Gestern haben wir den "Feinschmecker" ganz ohne freie Mitarbeiter gezeigt. Jetzt spricht Chefredakteurin Madeleine Jakits über die Bedeutung der Freien für ihr Magazin.

Freischreiber: Welchen Stellenwert haben freie Mitarbeiter beim "Feinschmecker"?
Jakits: Wir haben eine ganze Reihe von Freien, die meisten arbeiten schon seit Jahren für uns. Wer das erste Mal ein gutes Restaurant testet, findet alles lecker. Deshalb ist es wichtig, dass unsere Leute Erfahrung haben und damit die Kompetenz zum Vergleichen – und dass wir uns voll auf ihr Urteil verlassen können.

Freischreiber: Wieviel der Inhalte im "Feinschmecker" stammt denn von diesen Freien?
Jakits: Wenn man alles zusammenzählt, dann könnte es in mancher Ausgabe schon mal die Hälfte sein. Wir schreiben derzeit aus Kostengründen gerade größere Beiträge aber verstärkt selbst.

Freischreiber: Was sind in Ihren Augen freie Mitarbeiter? Überzeugungstäter? Oder gescheiterte Existenzen?
Jakits: Viele waren früher angestellt und haben sich dann selbstständig gemacht. Das sind auf keinen Fall gescheiterte Existenzen, die es einfach nicht bis in eine Redaktion geschafft haben. Manche unserer freien Mitarbeiter sind sogar anderswo fest angestellt und verdienen sich bei uns nur etwas dazu. Es ist ja nicht unangenehm, gut zu essen und dann drüber zu schreiben.

Freischreiber: Und was sind die Freien Ihnen wert? Was zahlen sie?
Jakits: Wir haben feste Preise für die unterschiedlichsten Formate, aber die werde ich hier nicht veröffentlichen. Selbstverständlich unterscheiden wir aber zwischen einem Auftrag, bei dem jemand einfach mal ein spezielles Restaurant testet, und einer großen Recherche, bei der es etwa um die gastronomische Entwicklung in Slowenien oder Los Angeles geht. Ganz wichtig ist, dass wir sämtliche Spesen fürs Essengehen und fürs Übernachten bezahlen. So ist der Autor nicht in der Versuchung, sich einladen zu lassen – was sein Urteil beeinflussen könnte. In letzter Zeit haben wir die Honorare allerdings um rund ein Zehntel drücken müssen, einfach weil unser Budget schrumpft.

Freischreiber: Sie verlangen also gleiche Leistung für weniger Geld? Führt das nicht dazu, dass die Autoren weniger Zeit für die Texte aufwenden und die Qualität sinkt?
Jakits: Im Vergleich etwa zu Tageszeitungen sind unsere Honorare immer noch stattlich. Und, nein, das Dämpfen der Honorare hat bis jetzt nicht zu schlechteren Leistungen geführt. Unsere Freien sind loyal und machen ihre Arbeit gut. Sie wissen auch: Die Konkurrenz schläft nicht. Außerdem kennt jeder, der das Tagesgeschehen verfolgt, die aktuelle wirtschaftliche Lage im Land.

Freischreiber: Wem gehört denn, was die freien Mitarbeiter beim "Feinschmecker" schreiben? Werden Mehrfachverwertungen bezahlt?
Jakits: Bislang wurden die Autoren beteiligt, wenn wir Texte an Dritte verkauft haben. Das kam aber so gut wie nie vor. Mit der Fotografenvereinigung Freelens hatten wir ziemlichen Ärger, weil der Verlag mit den neuen Fotografenverträgen sämtliche Rechte an den Bildern für die gesamte Verlagsgruppe beansprucht. So etwas könnte, wenn man den dahinter stehenden Gedanken weiter denkt, in Zukunft vielleicht auch auf die Schreiber zukommen. Aber mir ist da nichts Konkretes bekannt.

Freischreiber: Da könnten dann doch aber auch die Schreiber Ärger machen?
Jakits: Jeder muss doch sehen, dass es Magazine derzeit nicht ganz leicht haben. Der Verlag könnte wie bei den Fotografen argumentieren: Die Texte und auch der dafür nötige Reiseaufwand sind bezahlt, und wir müssen dann mit den Artikeln wirtschaftlich arbeiten können.

Der Feinschmecker: Freie sind die wichtigste Zutat

Immerhin knapp 87.000 Hefte seiner Genießer-Zeitschrift "Der Feinschmecker" verbreitet der Jahreszeiten-Verlag monatlich, nach eigener Aussage "Deutschlands bestes Food-Magazin". Grund genug für uns, genauer hinzuschauen. Der Feinschmecker besteht hauptsächlich aus Freien. Das heißt nicht nur, das Freie Feinschmecker sind. Sondern auch, dass der Jahreszeiten-Verlag Freie fair behandeln sollte. Denn ohne Freie sähe der Feinschmecker so aus:

 

                  


 

 

Ohne Freie kein "Brand Eins"

Gestern hat "Brand Eins"-Chefredakteurin Gabriele Fischer gesagt, was ihr Magazin ohne die Freien wäre: vor allem nicht so gut und sorgfältig recherchiert wie es ist. Michael Meyen, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, kann ihr da heute nur beipflichten:

"'Kartenhäuser, auf Sand gebaut', lautet die Überschrift der Titelgeschichte von 'Brand Eins', die mir vorliegt. Der Autor, ein Freiberufler, hat sich darin mit der Branche der Chiphersteller beschäftigt, mit Forschung und Entwicklung im IT-Bereich. Die Geschichte ist gut geschrieben. Sie belegt, dass sich der Autor lange und intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. Das deutet auf eine große Expertise hin. Und Expertise, Spezialwissen, ist etwas, dass Redaktionen von Freien erwarten können. Freiberufler sind Experten. Sie liefern Wissen, das die Redaktion so nicht vorhalten kann.

'Brand Eins' wäre nicht so gut wie es jetzt ist, wenn es alleine von festen Redakteuren produziert werden würde. Denn dann würde der Expertenanteil sinken. Und das Heft würde an Qualität verlieren. Ohne freie Journalisten würde es 'Brand Eins' in seiner jetzigen Form nicht geben."

"Freie sind die, die es geschafft haben ..."

Gestern haben wir gezeigt, wie "Brand Eins" ohne Freie aussehen würde: 68 Prozent des Magazins wären weiß. Jetzt spricht Gabriele Fischer, Chefredakteurin von "Brand Eins", im Interview mit Freischreiber über Qualität durch Freie, die "Brand Eins"-Honorare und negative Folgen, wenn man an den Freien spart.

Freischreiber: Wäre "Brand Eins" ohne freie Mitarbeiter das, was es ist? Könnten Sie überhaupt Ihr Blatt füllen?
Fischer: Es geht nicht darum, Seiten zu füllen – das ließe sich auch mit Pressetexten oder so genannten Gastbeiträgen erledigen. Es geht darum, sie mit guten und sorgfältig recherchierten Texten zu füllen, und das wäre bei "Brand Eins" ohne die freien Kollegen nicht möglich. Ohne sie könnten wir den Lesern nicht die Qualität bieten, die sie schätzen. Zudem bietet uns die Zusammenarbeit mit freien Mitarbeitern die Möglichkeit, Experten aus unterschiedlichen Gebieten zu beschäftigen: Wir haben in unserem Pool Korrespondenten in Südafrika, China oder Russland, aber auch Experten für Biotechnologie oder Telekommunikation – so viele verschiedene Fachkräfte könnten wir uns fest angestellt niemals leisten.


Freischreiber: Mancher Mediengewaltige erklärt aber hinter vorgehaltener Hand, freie Mitarbeiter seien jene, bei denen es nicht bis zum Redakteur gereicht hat. Sind freie Journalisten also Leute, die es halt nicht geschafft haben?
Fischer: Im Gegenteil, viele Freie sind genau die, die es geschafft haben – nämlich wirklich unternehmerisch zu arbeiten. Das kann nicht jeder. Viele unserer Freien bei "Brand Eins" sind auch Überzeugungstäter, die feste Jobs ablehnen, wenn man sie ihnen anbietet. Und: Freie sind meist unabhängige Köpfe. Sie schielen nicht ständig auf ihren Chef, sondern haben eine Vielzahl von Auftraggebern. Diese Unabhängigkeit ist gut für sie – und für uns.

 

Freischreiber: Was sind die Freien Ihnen denn wert? Wieviel zahlen Sie?
Fischer: Wir haben feste Sätze, die wir jedem vorab klar kommunizieren. Für 4000 Zeichen, das ist etwa eine Seite im Heft, gibt es 510 Euro. Bei langen Geschichten, bei denen der Rechercheaufwand nicht im selben Maße wie die Zeichenzahl steigt, halbiert sich ab 12000 Zeichen das Entgelt. Unsere Honorare sind im Vergleich zu anderen, so hören wir, ganz ordentlich.


Freischreiber: Aber sie entsprechen trotzdem eher nicht umgerechnet in Zeit dem Gehalt eines Redakteurs?
Fischer (lacht): Das kommt ganz drauf an, wie schnell und gut jemand arbeitet.


Freischreiber: Oft werden Freie nicht nach der redaktionellen Abnahme ihres Textes bezahlt, sondern erst nach Abdruck. Sie bekommen nicht den letzten Blick auf den redigierten Text. Was halten Sie von solchen Arbeitsbedingungen?
Fischer: Wir zahlen selbst erst nach Druck, weil wir erst dann wissen, wie lang ein Text wirklich ist und wie hoch das entsprechende Honorar. Wenn jemand zu viel Luft in sein Stück gepumpt hat, müssen wir die raus lassen. Wir stehen aber, so denke ich, nicht in dem Ruf, Artikel aus Geiz schrumpfen zu lassen. Den letzten Blick gewähren wir unseren Freien nicht, weil dafür in unserer knappen Produktionswoche einfach keine Zeit ist. In aller Regel wird das akzeptiert.


Freischreiber: Wem gehört das, was freie Journalisten schreiben? Ist es richtig, wenn ein Autor mit seiner Arbeit nur einmal Geld verdient, ein Medium aber mehrfach?
Fischer: In unserem Autorenbriefing sind die Verwertungsrechte klar geregelt, zum Beispiel stellen wir die Artikel aus "Brand Eins" grundsätzlich online, der Schwerpunkt wird zudem vertont. Aber damit verdienen wir bestenfalls Cent-Beträge, wichtiger ist der Marketingeffekt – für uns und übrigens auch für den Autor. Wenn wir hingegen Geschichten an Dritte weiter verkaufen, erhält der Autor zwei Drittel des Ertrags.

 

Freischreiber: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen freier Journalisten und der Qualität der Texte?
Fischer: Aber sicher. Ich bekomme Qualität, wenn ich bereit bin, dafür zu bezahlen. Ein Blatt auf Kosten der Freien gesund zu sparen, wäre nicht sehr klug. Denn es wäre Betrug am Leser. Und der merkt das.

Brnd Ens

Brand Eins wurde vor zehn Jahren von einem verwegenen Team um Gabriele Fischer gegründet. Zehn Jahre und 112 Ausgaben später ist es längst zur festen Größe auf dem Magazinmarkt geworden. Es sei " fast schon ein Treppenwitz der Geschichte, dass just zur 100. Ausgabe wieder einmal alles zusammenbricht", schrieb Gabriele Fischer im Editorial vor einem Jahr, als die Wirtschaft in die Knie ging. "Brand Eins" will den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft beschreiben, heißt es in der Selbstdarstellung, 100.000 Hefte werden jeden Monat verkauft - Tendenz steigend. Gelungen ist das mit der Parole "Qualitätsjournalismus!"

Grund genug für uns, genauer hinzuschauen, was Freie zu Brand Eins beitragen:

                        

Albträume in Weiß

Gestern hat "P.M."-Chefredakteur und -Herausgeber Hans-Hermann Sprado gesagt, dass die Freien bei "P.M." zunehmend den Job der Festen übernehmen.

Sabine Böhne, lange Jahre freie Wissenschaftsautorin für Magazine wie "Stern" oder "Geo", ist heute Professorin für Print-Journalismus an der Hochschule Ansbach. Sie hat sich für uns die Freifläche "P.M." angeschaut und schreibt über die Bedeutung freier Journalisten gerade im Wissenschaftsjournalismus:

 

"Weiße Seiten sind der Albtraum von Redakteuren. Ohne gedruckte Geschichten und Informationen ist das Papier so wertlos wie ein Kamm ohne Zinken. In jeder Ausgabe kämpfen die Blattmacher daher aufs Neue darum, die leeren Flächen mit relevanten Texten zu füllen. Die Herausforderung ist groß, denn besonders in den Wissensmagazinen steckt in jeder geschriebenen Zeile ein hoher Recherche- und Schreibaufwand. Für den Job kommen vor allem freie Profis zum Einsatz. Die "P.M."-Redaktion in München ließ beispielsweise für das Juni-Heft von seinen 86 Seiten weit über die Hälfte durch externe Autoren füllen. Ob das historische Stück über Geheimbünde oder der Report über den Abbau des Eisenerzes Coltan im Kongo: Alle großen Strecken im Blatt stammen aus der Feder von Freien.

„Sie sind für uns lebenswichtig – und werden gerade in der aktuellen Medienkrise immer wichtiger“, sagt Herausgeber Hans-Hermann Sprado. Der langjährige Chefredakteur von "P.M." kennt eben das Handwerk und die Last, weiße Seiten mit guten Geschichten zu füllen. Auch die Verlagsleiter müssten wissen, woraus sie ihren Mehrwert schöpfen."

"Freie sind für uns lebensnotwendig" – "P.M"-Chefredakteur Hans-Hermann Sprado im Interview

Gestern haben wir gezeigt, wie das "P.M."-Magazin ohne Freie aussähe. Heute spricht Herausgeber und Chefredakteur Hans-Hermann Sprado über die Bedeutung der Freien. „Freie Journalisten sind für uns lebensnotwendig“, sagt er.

Freischreiber: Was wäre das "P.M."-Magazin ohne freie Journalisten?
Sprado: Freie Journalisten sind für uns lebensnotwendig – und werden gerade in der aktuellen Medienkrise immer wichtiger. Ich kenne kein Blatt, bei dem Redakteursstellen von Leuten, die in den Ruhestand gehen, neu besetzt werden. Diese Arbeit wird von freien Autoren übernommen.

Freischreiber: Was heißt das konkret für "P.M."?
Sprado: Bei unseren fünf Heften in der "P.M."-Gruppe arbeiten wir nur noch mit sehr kleinen Redaktionen. Im "P.M."-Magazin arbeiten gerade einmal drei Redakteure, die Hefte "P.M.- Biografie" und "P.M.-Perspektive" werden sogar komplett von freien Autoren betreut. Insgesamt werden mehr als die Hälfte der Texte in unseren Blättern von freien Journalisten geschrieben.

Freischreiber: Sind freie Journalisten denn nur verhinderte Redakteure – oder journalistische Überzeugungstäter mit Unternehmergeist?

Sprado: Da möchte ich mir kein Urteil anmaßen. Aber es gibt deutliche Qualitätsunterschiede – wie in den Redaktionen auch. Ich bekomme häufig schlechte Angebote von Autoren, die sich gar nicht mit dem Heft auseinandergesetzt haben. Da ist viel Unbedarftheit und wahrscheinlich auch Verzweiflung dabei. Gute Leute dagegen treffen Ton und Thema – je origineller und zielgerichteter, desto besser. Diese Autoren versuchen wir an unser Haus zu binden, wir kennen ihre Stärken und Schwächen und versorgen sie mit Aufträgen. Die Krise ist ja nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance für freie Journalisten: Denn die, die gut arbeiten, kriegen in Zukunft eine Menge zu tun.

Freischreiber: Aber wird diese Arbeit noch angemessen entlohnt?
Sprado: Natürlich sind die Honorare ein Problem, da haben auch wir Abstriche machen müssen. Früher war die Bezahlung sehr unterschiedlich und hing vom Autor ab. Unsere Top-Autoren haben damals zwischen 1800 und 2000 Euro für eine große Titelgeschichte bekommen. Heute liegt das Durchschnittshonorar bei 1500 Euro.

Freischreiber: … das in vielen Verlagen erst gezahlt wird, wenn der Text auch im Heft steht.

Sprado: Das finde ich falsch, schließlich sind die Autoren dann nur von der Willkür der Chefredakteure und dem Themen-Mix der einzelnen Hefte abhängig, auf den sie überhaupt keinen Einfluss haben. Wir bezahlen deshalb, sobald die Geschichte abgeliefert ist und vom Redakteur abgenommen wurde.

Freischreiber: Hat der Autor bei "P.M." einen letzten Blick auf den Text, bevor er veröffentlicht wird?

Sprado: Ja. Auf den redigierten Text guckt der Autor noch einmal drauf – das machen wir einerseits natürlich zum Selbstschutz, also um Fehler zu vermeiden. Andererseits finde ich aber auch, dass der Autor ein Recht hat zu wissen, in welcher Fassung sein Text erscheint.

Freischreiber: Wem gehört das, was freie Journalisten schreiben?
Sprado: Wenn ein Autor für uns arbeitet, dann müssen wir natürlich das Recht haben, seine Beiträge auch weiter nutzen zu können – zum Beispiel für unseren Internetauftritt. Sobald wir die Geschichten allerdings weiterverkaufen, wird der Autor an den Einnahmen beteiligt.

Freischreiber: Viele freie Journalisten machen die Erfahrung, dass ihre Themenvorschläge lange unbeantwortet bleiben – und deshalb woanders nicht angeboten werden können.
Sprado: Wir bearbeiten die Angebote freier Autoren in der Regel innerhalb von drei Tagen. Allerdings gehen bei uns die meisten Texte im Heft nicht auf externe Angebote zurück, in der Regel vergibt die Redaktion die Themen an die Autoren.

Freischreiber: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen freier Journalisten und der Qualität der Texte?
Sprado: In der "P.M."-Gruppe habe ich bisher noch keinen Qualitätsverlust feststellen können. Ich glaube aber schon, dass es diesen Zusammenhang gibt. Ich kenne freie Kollegen, die mir sagen, sie können ihre Geschichten nur noch zu 80 oder 85 Prozent recherchieren, weil sonst der Tagessatz nicht mehr stimmt. Das ist ein Problem – aber da beißt sich die Katze natürlich auch in den Schwanz. Denn die Beziehung zwischen freien Journalisten und ihren Auftraggebern beruht ja auf Gegenseitigkeit. Die Verlage brauchen die freien Autoren – und umgekehrt. Und je mehr Publikationen wirtschaftlich gesund sind und sich am Markt halten können, desto mehr Arbeitsmöglichkeiten gibt es auch für freie Journalisten.

"P.M." – ohne Freie nur ein Wssnschftsmgzn

Ohne Freie fehlt was – weiter geht's mit unserer Freiflächen-Kampagne.

Die Behauptung, dass Journalismus ohne freie Journalisten nicht geht, mag kühn klingen. Aber sehen Sie selbst, diesmal am Beispiel des Wissenschaftsmagazins "P.M.":                 

[Um die Animation noch einmal anzuschauen, im Browser 'neu laden' klicken.]

                   

"P.M. – Die moderne Welt des Wissens" erscheint seit 1978 im Verlag Gruner & Jahr; knapp 345.000 Exemplare verkauft Europas größter Zeitschriftenverlag zur Zeit jeden Monat von dem Heft, das sich populärwissenschaftlich mit Themen aus Wissenschaft, Gesellschaft und Technologie beschäftigt. "P.M." ist der Klassiker unter den Wissenschaftsmagazinen und inzwischen mehrfache Mutter verschiedener "P.M."-Kinder (z.B. "P.M. History", "P.M. Perspektive", "P.M. Biografie").

Vierzig Mitarbeiter – Textchefs, Redakteure, Art-Direktoren, Sekretärinnen, Grafiker, Herausgeber, Chefredakteure – kümmern sich um "P.M." und ihre Töchter, aber sie schaffen natürlich nicht alles allein und sind auf die Arbeit freier Journalisten angewiesen. Andernfalls wäre viel Weißraum in "P.M."

Morgen lesen Sie, wie "P.M."-Chefredakteur Hans-Hermann Sprado die Arbeit der Freien für sein Magazin einschätzt.

Eine Predigt in der Wüste von Prof. Annette Leßmöllmann

Gestern hat Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, ein äußerst knappes Statement zur Arbeit mit Freien abgegeben.  Annette Leßmöllmann (TwitterBlog),Journalismusprofessorin an der Hochschule Darmstadt fällt deutlich mehr zur Situation der Freien bei der Stuttgarter Zeitung ein:


"Wenn Du Journalistin werden willst, heißt es: Geh zuerst in die Lokalredaktion. Ich tat es, und es stimmte: Das Lokale bietet nicht nur alle Themen – Kultur, Wirtschaft, Politik, sogar Wissenschaft –, sondern auch vom ersten Moment an die harte journalistische Schule. Themen in der Redaktionskonferenz durchbringen, von Termin zu Termin sausen, schnell schreiben und dabei bloß keinen Fehler machen. Denn sonst steht die Lehrerin, deren Namen man falsch geschrieben hat, am nächsten Tag gleich mit der gesamten Klasse auf der Matte der Redaktion, im Namen des Grundgesetzes! Man wird eben gelesen, und das schult. Und man wird bestochen, zumindest wird es versucht („naja, die Häppchen waren verschimmelt, aber wenn wir Ihnen einen Fresskorb mitgeben, müssen Sie’s dann schreiben…?!“). Oder die Zeitung wird bestochen: "Wenn die Anzeige von X kommt, müssen wir den kritischen Artikel über X vielleicht doch noch einmal überdenken, liebe Kollegen." Standhafte Lokalredakteure wehren sich hier.

Aber was ist, wenn es kaum noch Lokalredakteure gibt? Sondern Freie, die sich mit einem Zeilenhonorar rund um einen Euro durchschlagen? Die, selbst wenn sie sich die Finger wundschreiben, über ein Tageshonorar von 100 Euro kaum hinauskommen? Rechnen wir’s durch: 100 Euro mal 15 Arbeitstage, an denen man wirklich journalistisch arbeiten kann – denn der Rest der Zeit geht für Steuererklärung drauf und für sonstige Büroarbeit, Akquise und vielleicht auch mal einen Krankheitstag. Macht 1500 Euro, minus Betriebskosten, minus Steuer, minus Krankenversicherung. Und schon sind die Freien, die zum Zeilentarif schreiben, bei der Armutsgrenze angelangt.
 

Was macht also ein Freier, der dieser Falle entkommen will?
Er wird Magazinjournalist (s. GEO und Zeit-Magazin) und verlässt damit das Lokale (rette sich, wer kann!). Oder er verzweifelt. Oder er besinnt sich auf seine Metzgerausbildung, er hat ja mal was Ordentliches gelernt, und schreibt nur noch zum Spaß für die Zeitung, das Geld braucht er jetzt nicht mehr. Wenn es ganz schlimm kommt, läßt er sich von Firmen dafür bezahlen, dass er bestimmte Dinge in der Zeitung positiv darstellt. Diese letztgenannten Auswüchse kennen viele in der Branche, aber man redet nicht drüber. Eines jedenfalls steht fest:
 

Leben kann man von der Lokalberichterstattung als Freier nicht.


Was hat das alles mit der Stuttgarter Zeitung zu tun? Schauen wir sie uns an: Sie kommt auch „entfreit“ noch ganz manierlich daher. Konservativ geschätzt (z. B. unter der Annahme, dass die Korrespondenten alle fest angestellt sind, was nicht so sein muss), fielen 25 Prozent der Zeitung weg, wenn die Freien mal streikten. Kein Vergleich also mit dem Zeit-Magazin, aber: Die entfreite Stuttgarter ist genau da angenagt, wo es den Lesern weh tut, die z.B. die Seite-Drei-Reportage schätzen (so wie ich). Und ach, wie sieht es erst im Lokalteil aus? Lauter weiße Stellen.

Ich weiß nicht genau, unter welchen Bedingungen die Freien bei der Stuttgarter Zeitung arbeiten, die für den Lokalteil schreiben. Aber ich weiß, dass es ein hohes Gut ist, eine gute Lokalberichterstattung zu haben. Und dass es ein Unding ist, wie schlecht Lokalberichterstatter bezahlt werden. Das kommunale Miteinander ist für viele Menschen der zentrale Bezugspunkt, wo sie arbeiten, sich ehrenamtlich engagieren, Politik machen, wirtschaftlich und kulturell aktiv sind (und politische und wirtschaftlich Entscheidungen erleben oder ausbaden müssen). Hier eine unabhängig agierende Presse zu haben, entscheidet nicht nur darüber, wie gut Menschen informiert werden, sondern auch darüber, welches Bild sie von der Presse haben. Wenn die Lokalberichterstattung nur noch von Freizeitschreibern übernommen wird oder, wenn es ganz schlimm kommt, nur noch in Form von Sponsorentexten daherkommt, dann haben wir ein demokratisches Problem. Und dann haben auch die Lokal- und Regionalzeitungen ein Problem. Denn so schön Seite-Drei-Reportagen auch sind: Wozu kaufen Leser sich eine Zeitung, die aus ihrer Region stammt? Um über diese Region informiert zu werden. Diese Informationen sind ihnen wichtig. Deswegen sollten uns die, die darüber berichten, auch wichtig sein. Und wir sollten sie ordentlich bezahlen.

Ich weiß genau, dass dies eine Predigt in der Wüste ist. Auch ich bin – rette sich, wer kann! – der schlechtbezahlten Lokalberichterstattung entflohen und in die Arme der Magazine und Wochenzeitungen geflüchtet. Aber mein Handwerk habe ich bei den Lokalen gelernt. Sorgen wir dafür, dass zumindest das so bleiben kann."