Neues von Freischreiber: Champagner, Senfgläser, Schlagersänger etc.
Liebe Leserinnen und Leser,
die Stimmung in der Vorstandsetage des Axel Springer-Verlags stellen wir uns ziemlich spritzig vor. Schließlich kommt man da gar nicht heraus aus dem Champagnertrinken: Auch für dieses Jahr rechnet das Unternehmen wieder mit einer Steigerung des Gewinns gegenüber dem Vorjahr, der da 289 Millionen Euro betrug. Gewiss – es könnte noch etwas mehr sein. Aber mit so einem Sümmchen lässt sich schon einiges anfangen. Zum Beispiel den Aktionären pro Anteilsschein die Rekorddividende von 1,70 Euro auszuzahlen. So ist es geplant.
Die freien Mitarbeiter im Print-Sektor werden dagegen weiterhin mit ihrem ausgespülten Senfglas zum Wasserhahn schlappen müssen. In Hamburg etwa – so sickerte gerade durch – wurde passenderweise genau am Tag der Verkündung der Gewinnprognose den Freien der dortigen Regionalausgaben von WELT und WELT AM SONNTAG die Kürzung ihrer Honorare bekannt gegeben. Gab es vor einigen Monaten für sie eine moderate Erhöhung des Zeilengeldes auf etwa 1,10 €, sollen sie jetzt wieder für 82 Cent die Zeile schreiben dürfen. So viel wie übrigens auch die freien Kollegen beim HAMBURGER ABENDBLATT seit langem bekommen.
Es scheint alles ins Bild zu passen: Schließlich haftet dem Imperium ein schlechter Ruf an wie sonst nur Bayern München oder der FDP. Aber ist der Verlag wirklich so schlimm? Vielleicht sind die Redaktionen in Wahrheit ja ganz nett zu ihren Freien? Deshalb wollen wir jetzt Fakten und Erfahrungsberichte sammeln über Zeilenhonorare und Vergütungen. Dafür haben wir eine Mailingliste eingerichtet, unter der Springer-Autoren (auch Nicht-Mitglieder von Freischreiber) diskutieren und sich auf den Stand der Dinge bringen können. Mehr dazu auf unserem Blog.
Springer-Chef Mathias Döpfner lässt jedenfalls keinerlei Selbstzweifel erkennen: "Wir sind die Guten!" rief er vergangene Woche seinen Aktionären zu. Und auf Youtube lässt er hübsch animiert verbreiten, warum es für "Leistung und Leidenschaft der Verleger" unbedingt ein Leistungsschutzrecht brauche.
Was wir davon halten, haben wir schon vor geraumer Zeit klargemacht. Was im Jahr 2030 davon zu halten sein dürfte, malt sich Thomas Knüwer auf seinem Blog aus.
Gerne zitieren wir an dieser Stelle ja Spiegel-Chef Mathias Müller von Blumencron. Auf einer Konferenz zur Finanzierbarkeit von Recherche verbreitete er kürzlich Optimismus: „Die etablierten Medien sind doch immer noch verdammt stark, deutsche Verlage verdienen zum Teil weiter sehr gut, auch im Regionalen.“ Wasser auf unsere Mühlen also, wenn wir gebetsmühlenhaft für bessere Honorare streiten. Nicht nur bei Spiegel Online.
Was wir Printjournalisten mit alternden Schlagersängern gemeinsam haben, erörtert Constantin Seibt in seinen "15 Thesen zum Journalismus im 21. Jahrhundert."
Die "längste Rechnung der Welt" hat die US-amerikanische Freelancers Union im Internet aufgemacht: Auf der Website tragen Freiberufler zusammen, welche Außenstände sie aus nicht bezahlten Aufträgen haben.
A propos: Zu guter Letzt wollen wir noch unsere Schulden bei Ihnen begleichen. Letzte Woche in der Newsletter-Überschrift versprochen, dann leider als Meldung vergessen - hier ist es nun: das Bier für die SPD.
TERMINE
Die Münchner Freischreiber laden zum nächsten Stammtisch am 7. Mai um 19.30 Uhr im Ladenbüro von Anna Fuhrmann und Heidi Schmidt, Senftlstraße 2. Diesmal ist der Freienvertreter Bernd Mann von Ver.di zu Gast und für alle Fragen und Diskussionen offen. Knabbereien und Getränke sind willkommen; um Anmeldung bis 28. April wird gebeten: mail - at - heidischmidt - Punkt - eu.
Die Berliner Freischreiber treffen sich das nächste Mal am Mittwoch, 16. Mai um 19.30 Uhr an Gemmas Wohnzimmertafel. Eingeladen ist diesmal Jörg Sundermeier vom Berliner Verbrecher-Verlag. Es geht um die Zusammenarbeit von Verlagen mit freien Autoren, aktuelle Entwicklungen in der Branche und die Frage, ob die Marketingstrategien der großen Verlage die klassische Rezension nicht längst abgelöst haben. Anmeldungen bitte an gemma - Punkt - poerzgen - att - gmx - Punkt - net
Das nächste Treffen der Hamburger Freischreiber findet am Freitag, 18. Mai, um 19.30 im Betahaus in der Schanze statt. Zu Gast ist Rüdiger Ditz, Chefredakteur von Spiegel Online, mit dem wir über die Zusammenarbeit zwischen freien Journalisten und seiner Redaktion sprechen wollen. Auch Nicht-Mitglieder sind herzlich willkommen, hinterher geht's wie immer zum Kennenlernen und Austauschen in eine Kneipe in der Nachbarschaft.
Bei der Jahreskonferenz von netzwerk Recherche () am 1. und 2. Juni in Hamburg sind wir Freischreiber in mehreren Veranstaltungen präsent - etwa: "Warum Feste nicht zuhören und Freie nicht auf Zeile schreiben", "Recherche umsonst?" und "Der Journalist als Ich-AG".
Und die Freifunker und die Berliner Freischreiber versammeln sich gemeinsam am 14. Juni, ebenfalls um 19.30 Uhr an Gemmas Tafel. Zu Gast ist der Steuerberater Rüdiger Schaar, der darüber spricht, wie man als freier Journalist sein Geld mehren kann: von Künstlersozialkasse bis zu den steuerlichen Vorteilen von Rentenversicherungen. Anmeldungen an gemma - PUNKT- poerzgen - ättt - gmx. - net.
Eine Woche voller Frühlings- und Champagnerlaune wünschen
Ihre Freischreiber
