Der :Freischreiber-Newsletter

Köpfe behalten, Studienobjekt werden, Seminare besuchen

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir wünschen ein frohes Osterfest gehabt zu haben! Und weil bestimmt viele noch ganz erschöpft sind vom vielen Ostereiersuchen, fassen wir uns in dieser Woche kurz.

Vielleicht haben Sie vergangenes Wochenende von der "Mein Kopf gehört mir"-Kampagne des Handelsblatts gelesen. Dabei ging es darum, dass  Kreative und solche, die es gerne wären, für den Schutz von Urhebern warben.

Komisch nur, dass unter den angeblich so Kreativen auch jenand wie Christoph Keese, Cheflobbyist des Axel-Springer-Verlags war, der zuletzt mit der vielleicht kreativen, aber wohl nicht urheberrechtlich schützbaren Idee eines Leistungsschutzrechts für Presseverleger aufgefallen ist. Oder Bernd Buchholz, Vorstandvorsitzender des Verlags Gruner und Jahr, dessen Verlagshaus als letzte wirklich kreative Idee die eines "House of Content" entwickelte: ein digitales Archiv für Artikel mit dem Ziel, sie auf allen möglichen Kanälen weltweit zweit-, dritt- und viertverwerten zu können. Die Autoren wird's freuen...

Neben der zum Teil ärgerlichen, zum Teil wohl bösartig falschen und zum Teil einfach nur dummen Argumentation vieler Statements (Freischreiber-Mitglied Stefan Niggemeier meint dazu: Euren Kopf habt Ihr längst verloren) ärgert uns an der derzeit recht kopflos geführten Diskussion um das Urheberrecht vor allem, dass Verwerter alles daran setzen, sich selbst in die Position der Urheber zu drängen. Und so zu tun, als seien sie die Kreativen.

Neues von Freischreiber: Steingart, Brain Drain, Landspiegel etc.

Liebe Leserinnen und Leser,

vergangene Woche sah sich der Urheberrechts-Experte und Freischreiber Matthias Spielkamp genötigt, grundsätzlich zu werden. Er schrieb einen offenen Brief an den Chefredakteur des Handelsblatts, Gabor Steingart, in dem er ihn einer "dreisten Lüge" bezichtigt und seiner "Enttäuschung" darüber Luft macht, "dass Sie als Chefredakteur mit der Total-Buyout-Politik Ihres Verlages einverstanden sind (...). Es gab Zeiten, in denen sich Chefredakteure als Anwälte ihrer Journalisten verstanden haben und die sich, wenn es Not tat, auch gegen die Interessen ihres Verlages gestellt haben, um die Journalisten und den Journalismus zu schützen."

Anlass für Spielkamps Brief: Buyout-Konditionen für einen Handelsblatt-Beitrag, in dem er die Buyout-Praxis eines anderen Verlages gegeißelt hatte. So viel Ironie hätte man dem Handelsblatt nicht unbedingt zugetraut. Mehr dazu auf unserem Blog.

Bei dieser Gelegenheit erneut lesenswert und (mit Ausnahme winziger Details zu Syrien) nach wie vor uneingeschränkt aktuell: Spielkamps wegweisende Rede aus dem Frühjahr 2010 zum "Brain Drain in Verlagen", in der er unter anderem den Schluss zieht: "Wenn Verlage wollen, dass Journalismus bei ihnen stattfindet, dann müssen sie Journalisten wie Partner behandeln, nicht wie Bittsteller. Ob sie das wollen oder nicht, ist egal. Der Markt, da bin ich ganz zuversichtlich, wird es tatsächlich regeln."

 

Neues von Freischreiber: Doppelmoral, Google-Lobbyismus, Kontext etc.

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Daniel Bröckerhoff hat für die NDR-Sendung ZAPP einen Film über die Situation freier Journalisten gedreht. Autoren des Madsack-Verlags berichten darin, dass sie für die Online-Verwertung ihrer Geschichten kein Honorar, sondern stattdessen die Drohung erhalten, keine Aufträge mehr zu bekommen, wenn sie aufgrund dieser Praxis prozessieren sollten.  Freischreiber-Mitglied Christian Tröster berichtet über ähnliche Kostenlos-Methoden bei der Welt am Sonntag. Zu deutsch: Verlage betreiben gegenüber freien Journalisten exakt jene Kostenlos-Kultur, die sie im Netz lautstark beklagen. Dass die Verleger rechtswidrig handeln, ist ihnen offenbar bewusst. Denn sie würden eine Klage der Journalisten vor Gericht verlieren. Das Hamburger Landgericht hat festgestellt:

„Das Prinzip der angemessenen Vergütung hat gemäß § 11 Satz 2 Urhebergesetz Leitbildfunktion. Der durch das Gesetz zur Stärkung der vertraglichen Stellung von Urhebern und ausübenden Künstlern vom 22.3.2002 eingefügte § 11 Satz 2 UrhG enthält den seit jeher im gesamten Urheberrecht geltenden Grundsatz, dass der Urheber tunlichst an dem wirtschaftlichen Nutzen zu beteiligen ist, der aus seinem Werk gezogen wird, und zwar bei jeder einzelnen Nutzung des Werkes.“

Neues von Freischreiber: Wirklichkeit, Daten und Selbstgemachtes

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

vielleicht haben Sie in der vergangenen Woche die Diskussionen rund um den Film "Kony 2012" verfolgt, eine Kampagne gegen den Ugandischen Kriegsherrn Joseph Kony? Rasend schnell wurde der Film zu einem der meistgeklickten auf Youtube, betroffene Zuschauer, die durch das Video nicht selten zum ersten Mal etwas über die Situation in Uganda erfuhren, empörten sich, nahmen den Film für bare Münze. Was er nicht ist. Denn er ist schließlich eine Kampagne mit bestimmter Wirkungs-Absicht - und hat mit der aktuellen Wirklichkeit Ugandas nur sehr am Rande zu tun (hier ein Bericht der taz, hier ein Kommentar der Zeit und hier ein Bericht vom englischen Al Jazeera über ein Public Viewing des Films in Uganda selbst).

Was das uns Journalisten angeht? Indirekt eine ganze Menge. Denn die empörte Atemlosigkeit, mit der die Medien einen Skandal nach dem nächsten durch die Arena treiben, die Tendenz zum zwischentonfreien schwarz-weiß-Malen, die zum "Storytelling" und die zur Personalisierung und Emotionalisierung von Artikeln birgt durchaus die Gefahr, dass die Wirklichkeit, die Wahrheit einer Geschichte hinter der beabsichtigten Wirkung zurückbleibt.

Neues von Freischreiber: Piraten, Unterstützer, Ordensgemeinschaften etc.

Liebe Leserinnen und Leser,

was genau wollen die Piraten? Ein Internet als rechtsfreien Raum, in dem unsere Texte beliebig (und honorarfrei) kopiert, remixed und in "Mashups" weiterverwurstet werden können? Oder doch letztendlich mit uns Urhebern gemeinsam an einem Strang ziehen und Urheber wie Nutzer gemeinsam vor Übergriffen durch die "Content-Industrie" schützen? Da gibt es viele offene Fragen und auch Vorurteile - weshalb die Berliner Regionalgruppe der Freischreiber am vergangenen Dienstagabend zum offenen Schlagabtausch zum Thema Urheberrecht geladen hatte: mit einem Vertreter der "Digitalen Gesellschaft" sowie zweien der Piratenpartei: Stefan Urbach, Referent für Wissens- und Informationsmanagement, und Enno Lenze, Pressesprecher. Es wurde eine leidenschaftliche Diskussion, bei der, wie es Gemma Pörzgen von den Berliner Freischreibern formuliert, "Kulturunterschiede zwischen den technikbestimmten Piraten und uns Journalisten deutlich wurden."

Neues von Freischreiber: Lobbyerfolge, Leistungsschutzrecht und jede Menge Glück

Liebe Leserin, lieber Leser,

am Wochenende saß der Freischreiber-Vorstand in Berlin über Brezeln, Brötchen und Butterbroten zusammen und diskutierte sich zehn Stunden lang die Köpfe heiß und die Zungen fransig. Das machen wir regelmäßig, nicht nur (aber auch), weil wir uns so nett finden und jede Menge Spaß miteinander haben (es kam kurz die Idee auf, die besten Witze der Vorstandsrunde im Newsletter zu verbreiten. Wir verzichten aber darauf - es muss ja schließlich Anreize für bislang außenstehende Freischreiber geben, sich im Herbst in den Vorstand wählen zu lassen). Vor allem machen wir das, weil sich in unseren wöchentlichen Telefonkonferenzen zwar die laufende Arbeit gut absprechen lässt, aber große Pläne nur schlecht zu schmieden sind. Die haben wir aber natürlich auch für dieses Jahr wieder, bleiben Sie dran, dann erfahren Sie in den nächsten Wochen, worum es geht.

Ob der Koalitionsausschuss, der am Wochenende ebenfalls in Berlin tagte, es auch so lustig hatte wie wir? Das Ergebnis von deren Verhandlungen finden wir jedenfalls deutlich weniger erfreulich als die Ergebnisse unserer Diskussionen: Man hat bekräftigt, das ominöse Leistungsschutzrecht nun doch einführen zu wollen.

Im Ergebnispapier des Koalitionsausschusses heißt es dazu:

Neues von Freischreiber: Digitale Journalisten, Raubritter, Orchideen etc.

Liebe Leserinnen und Leser,

wozu machen wir das hier eigentlich alles noch? Die Frage kann man sich stellen, wenn man Meldungen wie diese hier liest: Ein US-Unternehmen entwickelt den "digitalen Journalisten"; eine Software, die Nachrichten aus Datenbank-Material "komponiert" – und der Firmengründer frohlockt schon, in nicht allzu ferner Zukunft werde eins seiner Computerprogramme den Pulitzer-Preis gewinnen.

Nun gut, gehen wir mal davon aus, dass doch noch ein paar Jahrzehnte bis Jahrhunderte verstreichen werden, bis wir komplett durch Maschinen ersetzbar sind - und bis dahin streiten wir weiter für unsere Rechte als Autoren. Mit einem davon, dem Urheberrecht, haben wir uns ja zuletzt an dieser Stelle ziemlich intensiv befasst - und eine breite Debatte mitangestoßen, in der jetzt immer mehr Verbände (und Medienjournalisten) sich an unserer Stellungnahme orientieren, deren zentraler Gedanke lautet: Die Urheber als dritte und wichtigste Gruppe müssen ihre Interessen sowohl gegenüber den Verwerten als auch gegenüber den Nutzern klarstellen und verdeutlich. Mehr dazu auf unserem Blog.

Auch die Fotografen-Kollegen von Freelens stellen in ihrem Positionspapier zu Urheberdebatte fest: "Die viel gerühmte Partnerschaft zwischen Urheber und Verwerter im Interesse z.B. eines Qualitätsjournalismus ist Vergangenheit."

Rücktritt, Rabatte, Rechte - und neue Kunden?!

Liebe Leserin, lieber Leser,

hui, war das eine Woche: Wulff weg. Merkel erpresst. Gauck gekürt. Schlechter Traum vorbei. Wobei: Die ersten Partyfotos des vermutlich Neuen kursierten ja ebenso wie empörende Aufregerzitate. Dass ein Blick auf den Kontext solcher Zitate durchaus etwas die Luft aus der Sache nehmen kann, hat Patrick Breitenbach für den Blog der Karlshochschule recherchiert.

Eine Frage steht nach der ganzen Sache noch im Raum: sind Journalisten nicht eigentlich die Letzten, die sich moralische Urteile anmaßen sollten, wo sie doch selbst ständig Rabatte in Anspruch nehmen? Das jedenfalls fragt der Wirtschaftswoche-Blogger Sebastian Matthes. Billige Bahncard, billige Flüge, rabattierter Handyvertrag... Fast drei Viertel der Journalisten hätten solche Rabatte schon in Anspruch genommen, schreibt Matthes.

Wenn Sie Freischreiber-Mitglied sind, gehören Sie vielleicht zu dem anderen Viertel, denn wir vergeben bekanntermaßen keinen Presseausweis, den man ja zur Schnäppchenjagd meistens braucht. Und finden das auch ganz gut so.

Tja, man könnte über so einiges nachdenken als Journalist, hätte man bloß Zeit dazu.... Dass Journalisten Selbstreflexion betreiben, kommt deshalb laut einer Holländischen Studie eher selten vor, sie bescheinigt Redaktionen "fehlende Kritikkultur". Vermutlich sieht das hierzulande nicht viel anders aus - in unseren Gesprächen mit Redaktionen merken wir diese fehlende Kritikkultur leider allzu häufig.

Neues von Freischreiber: Silber und Gold, Metamphetamin, Nannen-Preis etc.

Liebe Leserinnen und Leser,

vergangene Woche beschäftigten wir uns an dieser Stelle ausführlich mit dem Urheberrecht, und auch heute besteht kein Anlass, die Sache ad ACTA zu legen. Wir werden weiter darauf hinarbeiten, dass die Debatte differenzierter geführt wird und nicht - wie so häufig - wir Urheber mit der "Content-Industrie" in einen Topf geworfen werden. Einen erstaunlichen Beitrag in unserem Sinne gab es dazu übrigens gerade auf Spiegel Online. Klingt ja immer wahnsinnig unsexy, diese Sache mit dem Urheberrecht. Aber eigentlich ist es ganz einfach: Es geht um Kohle. Nämlich darum, ob und wie wir freien im und außerhalb des Internet noch Geld verdienen werden.

Was aber nicht heißt, dass man andere, eher handfesten Gedanken zum Thema bei all der Juristerei zu kurz kommen lassen sollte. Aber wir müssen ja zum Glück nicht alles selbst machen, sondern haben unser tolles treues Netzwerk, bestehend zum Beispiel aus Freischreiberin und taz-Kriegsreporterin Silke Burmester. Sie fragt in ihrer Kolumne,"wo eigentlich die Honorarerhöhungen bei der Zeit bleiben, die nicht müde wird, mit stolzer Brust ihre Umsatzrekorde zu vermelden. Also Zeit: Nehmen ist Silber, die Urheber teilhaben lassen Gold!"

 

Neues von Freischreiber: Wasserdrachen, Rechteschlucker, Prokrastination etc.

Liebe Leserin, lieber Leser,

na, spüren Sie es schon? Die Kreativität, die sich Bahn bricht? Oder gar die neuen Jobmöglichkeiten? Na, das kommt schon noch, schließlich ist das chinesische "Jahr des Wasserdrachen", das all das mit sich bringen soll, gerade mal zwei Wochen alt.

Wir jedenfalls glauben fest dran, schließlich schaden ein, zwei Strohhalme zum Klammern ja nie, wenn man sich als freier Journalist so durchschlägt.

Zumal das Jahr mit recht viel Gegenwind begann. Das Urheberrecht ist schon jetzt das große Thema für 2012, darüber ist sich der Freischreiber-Vorstand einig. Im Moment gibt es da eine klare Front: Die Nutzer (aka "Netzgemeinde") gegen die Verwerter (Verlage, Plattenfirmen etc.). Dass wir Urheber auch ein Wörtchen mitreden wollen, weil wir Interessen haben, die weder mit der einen noch der anderen Seite zu tun haben, haben wir kürzlich in einem Positionspapier deutlich gemacht (und ja schon im letzten Newsletter darüber berichtet).

Mit unserem Hinweis auf die Interessen der Urheber haben wir ganz offenbar einen Nerv getroffen. Die Taz hat dazu eine vertiefende Meldung gebracht, das Informationsportal Irights hat noch einmal präzisierend nachgefragt.

Unser Positionspapier ploppte genau zum rechten Zeitpunkt mitten in eine Debatte, die gerade heftig tobt. In der geht es um nichts weniger als die Frage, ob es eigentlich gesetzt ist, dass man mit Kunst (und allem anderen urheberrechtlich Relevanten, also auch Journalismus) Geld verdienen kann.

 

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