Unternehmerjournalismus? Nein, Gründergeist!

Ulrike Langer, Freischreiber-Mitglied der ersten Stunde, hat für ihr Blog medialdigital ein aufschlussreiches Interview mit dem Fotografen Daniel Nauck geführt. Nauck, 33, hatte vor einem Jahr einen kleinen Animationsfilm für den Freischreiber-Zukunftskongress beigesteuert („Annas Traum“).

Nun erzählt Nauck, wie sich die Geschäftsidee, die er gemeinsam mit freien Kollegen in Hannover und Berlin umzusetzen versucht, in der Praxis entwickelt hat, konkret: wie das von ihnen als „Unternehmergesellschaft“ gegründete Produktionsstudio 2470media vorankommt. Spezialität des Teams sind „journalistische Multimedia-Reportagen“, das sind „Mischformen an der Schnittstelle zwischen Bewegtbild, Fotografie und Radio“.  

Nebenbei löste das Interview eine interessante Debatte über den Begriff „Unternehmerjournalismus“ aus. Denn wer will schon „Unternehmerjournalist“ sein? Das klingt doch nach Handwerksmesse und PR für den Arbeitgeberverband. Also reden wir lieber über Gründergeist. Nauck: „Die Frage lautet ja immer, warum haben deutsche Medienleute so wenig Gründergeist? Meine Antwort: Es gibt keine Förderung unternehmerisch denkender Journalisten.“

2470media hatte anfangs etwas Geld aus der niedersächsischen Hochschul-Förderinitiative Gründercampus erhalten, außerdem eine Anschubfinanzierung des Medienboard Berlin-Brandenburg. In ein, zwei Jahren will 2470media in den schwarzen Zahlen sein.

„Unser Geschäftsmodell“, sagt Nauck, „ist interessant für Leute, die jetzt gerade frisch von den Medienhochschulen auf den Markt kommen... Wir vernetzen uns mit Designern, Animationsprofis und Programmierern. Das kann man auch machen, wenn man zum Beispiel ein hyperlokales Blog starten will. Journalist sein heißt ja nicht auch noch unbedingt Producer, Verleger und Programmierer sein zu müssen. Das kann man gar nicht alles selbst können, sondern man muss sich die passenden Leute suchen und sich mit ihnen vernetzen.“

Das komplette Interview gibt’s bei medialdigital

Der Streik ist vorbei, doch den Festen wird es schlechter gehen, wenn es den Freien nicht bald besser geht.

Der Streik der Zeitungsredakteure ist zu Ende, der Manteltarifvertrag bleibt erhalten. Den Einstieg in einen Niedriglohnsektor für den Nachwuchs und für Stellenwechsler haben die Gewerkschaften mit den Streikenden für dieses Mal verhindert. Für die festen Redakteure haben sie 1,5 Prozent mehr Gehalt herausgehandelt. Wir freuen uns mit denen, die das erfochten haben. 

Doch Siege sehen anders aus. Sprachlos steht man vor einer beispiellosen Entfremdung zwischen Verlegern und Journalisten. Man reibt sich die Augen, wie blind und selbstgerecht die Verleger diesen „Arbeitskampf“ angezettelt haben. Ahnungslos, wie die Stimmung unter den Journalisten ist. Ideenlos, was die eigentliche Herausforderung angeht: nämlich die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie gemeinsam mit einem kritischen, aufregenden Journalismus in der digitalen Zukunft erfolgreich sein können. Stattdessen: verbohrtes Denken in Gegensätzen, Aufbau von Fronten, Festhalten an überkommenen Vorstellungen.  

Die Gewerkschaften haben gut gekämpft. Die besseren Ideen hatten sie nicht. Weiterführende Gedanken zur Zukunft der Branche - Fehlanzeige. Journalismus im Netz - nicht auf dem Schirm.

1,5 Prozent mehr Gehalt – das liegt unter dem Inflationsausgleich und entspricht einer Reallohnsenkung. Freie leben seit langem mit ganz anderen Einbußen. Sie bräuchten über mehrere Jahre eine Honorarsteigerung von jährlich mindestens zehn Prozent, damit sich an ihrer Lage spürbar etwas ändert. Sie brauchen einen Mindestlohn, Honorare nach Rechercheaufwand, eine Beteiligung an allen Einnahmen, die mit ihrer Arbeit erzielt werden und manches mehr. Wann streiken die festen Redakteure endlich für die Einhaltung der Vergütungsregeln? Wann setzen die Gewerkschaften ihre Verhandlungsmacht endlich für die Freien ein – und sei es, weil sie dadurch ihre eigene Position stärken würden? Wann weigern sich feste Redakteure endlich, die schamlose Honorardrückerei zu vollstrecken?

Der Angriff der Verleger auf den Manteltarif wurde vorbereitet durch das Honorardumping bei den Freien. Dass hier bereits ein Niedriglohnsektor entstanden ist, hat die Position der Festen mehr geschwächt, als sie sich je haben träumen lassen. Durch die unsolidarische, manchmal gar herablassende Art, in der gewisse Feste den Freien begegnen, haben sie den Lohndrückern in die Hände gespielt. Es ist ja nicht so, dass bei den Verlegern jetzt ein Gesinnungswandel zu beobachten wäre. Ihre Forderungen sind nicht vom Tisch. Es wurde lediglich eine zweijährige Waffenruhe vereinbart – für jene, die den Manteltarif noch nicht verlassen haben.

Den Festen wird es schlechter gehen, wenn es den Freien nicht bald besser geht.

Wer schreibt, der kommt - ins Gespräch

Früher, in einer Zeit, in der viele beim Wort Email noch an Porzellan dachten, warb die Deutsche Post mit dem Spruch „Wer schreibt, der bleibt.“ Inzwischen hat sich viel geändert. Wenn man in Behörden oder Firmen anruft und eine Frage hat, ist die Standardantwort nicht mehr „Tut mir leid, der ist gerade in einer Besprechung“, sondern: „Können Sie mir dazu eine Email schicken?“ SM steht nicht mehr für Sexualpraktiken mit Lack und Peitsche, sondern ist die Abkürzung für Social Media, also ist es auch Zeit für einen neuen Slogan: „Wer schreibt, der kommt.“ Und zwar: ins Gespräch.

Vor einigen Wochen haben über zwanzig Kollegen zusammen einen Brief an die Gruner+Jahr Wirtschaftsmedien geschrieben, in dem sie gegen die Rahmenvereinbarung protestiert haben, die der Verlag seit dem Frühjahr verschickt. Der Verlag reagierte und lud Freischreiber zu einem Treffen nach Hamburg, das in der vergangenen Woche stattfand. In diesem Gespräch haben Benno Stieber und Kai Schächtele aus dem Freischreiber-Vorstand nicht nur grundsätzlich klar gemacht, wie tief der Frust bei vielen Freien inzwischen angesichts von Rahmenvereinbarungen sitzt, die den Verlagen den größtmöglichen Handlungsspielraum zum niedrigstmöglichen Preis bescheren sollen. Sie haben auch mit der Geschäftsführenden Redakteurin Isabelle Arnold und dem stellvertretenden Leiter der Rechtsabteilung Martin Soppe über die einzelnen Punkte gesprochen, die aus unserer Sicht inakzeptabel sind (der DJV hat gegen die Vereinbarung Klage eingereicht, über die demnächst entschieden wird). Die für die Autorinnen und Autoren der Wirtschaftsmedien wichtigste Botschaft dieses Gesprächs lautet: Die Rahmenvereinbarung wird derzeit zwar noch verschickt, der Verlag besteht allerdings nicht aufs Unterzeichnen, weil im Hintergrund bereits an einer verlagsweiten Vereinbarung gearbeitet wird, die dann auch die der Wirtschaftsmedien ersetzen wird und hoffentlich um ein paar der Punkte ärmer sind, die so vielen Freien sauer aufstoßen.

Auch der gute alte Brief wird also noch gelesen. 40 Autoren, die für SPIEGEL ONLINE arbeiten und unter anderem nicht mehr zufrieden sind damit, dass der SPIEGEL-Verlag seine Honorare seit zehn Jahren nicht verändert hat, haben sich an den Wirtschaftsautoren ein Beispiel genommen und einen Brief an Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron geschickt. Darin heißt es unter anderem: „Einige der in den ,Bedingungen über Nutzungsrechte‘ aufgeführten Punkte halten wir für nicht mehr zeitgemäß. Dieser Vertrag wurde uns gegenüber von Redakteuren aus Ihrem Haus auch als ,Knebelvertrag‘ bezeichnet. Wir lassen uns jedoch ungern knebeln und würden uns ein professionelles Arbeitsverhältnis auf Augenhöhe wünschen.“

Wir werden Sie darüber auf dem Laufenden halten, ob Müller von Blumencron mit einem Brief oder einer Email antworten wird.

Was geht freie Journalisten der Streik der Redakteure an? Sehr viel!

Seit September 2010 verhandeln DJV, dju in ver.di und BDZV, der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, über den neuen Gehalts- und Manteltarifvertrag für etwa 14.000 Zeitungsredakteure. Nach Warnstreiks im Frühjahr finden jetzt die Urabstimmungen über weitere Arbeitskampfmaßnahmen statt. Alles deutet darauf hin, dass es zum Streik kommen wird.

Und was geht das uns Freie an? Sehr viel.

Die Grenzen sind sowieso fließend: Freie waren oder gehen in Festanstellung, Feste werden frei – wir sind Kollegen, keine Gegner, wie die „Teile-und-herrsche“-Anhänger suggerieren möchten. Es ist auch nicht so, dass uns Freien die Arbeitsbedingungen in den Redaktionen fremd wären. Wir wissen,  wie und wie viel dort gearbeitet wird, und auch, welcher Druck auf manchen Redakteuren lastet – bis hin zu schierer Angst, beim nächsten Streichkonzert selber wegrationalisiert zu werden.

Es ist nicht einfach eine Frage von Mitgefühl und Solidarität, dass Freischreiber die festangestellten Kollegen im Tarifstreit unterstützt. Es ist eine Frage der Vernunft. Wenn auf Honorar-Dumping nun Lohn-Dumping folgt, dann ist das ein weiterer Schritt auf dem Weg in einen journalistischen Niedriglohnsektor, in dem zunehmend Textdiscounter mit Massenware die Preise bestimmen werden; in dem Autoren zu Contentproduzenten und Redakteure zu Produktionsknechten werden. Entwertet wird in diesem Prozess nicht nur ein ganzer  Berufsstand, sondern auch das Produkt der Arbeit. Was ist eine gute Geschichte noch wert? Und wer wird noch gute Geschichten recherchieren, wenn die klügsten Köpfe lieber für PR-Agenturen statt für Verlage arbeiten, weil die Arbeit als Journalist unzumutbar geworden ist?  

Heute verdient ein Jungredakteur knapp 3500 Euro brutto. Setzen sich die Zeitungsverleger durch, wird es in Zukunft bis zu einem Drittel weniger sein, also etwa 2400 Euro im Monat. Auch die Gehälter der älteren Zeitungsredakteure kann man ordentlich, aber nicht gigantisch nennen: 4.401 Euro sind es ab dem 11. Berufsjahr. Dass ein freier Journalist im Durchschnitt nur die Hälfte verdient, bedeutet lediglich: Die Honorare müssen steigen. Und nicht: Die Gehälter müssen sinken. Den Freien wird es nicht besser gehen, wenn es den Festen schlechter geht.

Vier Prozent mehr Gehalt für die Festen und vier Prozent mehr Honorar für die Freien – maßlose Forderungen sehen anders aus. 30 Prozent wären maßlos. 30 Prozent fordert der BDZV – 30 Prozent weniger für den Nachwuchs: Als kämen die Regionalzeitungen durch weitere Einsparungen in den Redaktionen aus ihrer Krise. Hätten sie Recht, müsste es all jenen Blättern, die Cent-Beträge pro Zeile zahlen, blendend gehen – ist aber nicht so. Vielleicht bräuchten gerade die Verleger den Nachwuchs, den sie verprellen, um herauszufinden, für welchen Lokaljournalismus die Leser überhaupt noch bereit sind, Geld auszugeben.

Natürlich unterstützen wir die Forderungen der angestellten Kollegen. Wenn die betroffenen Redaktionen uns anheuern, werden wir hinschauen, ob wir als Streikbrecher eingekauft werden sollen. Genauso selbstverständlich finden wir es, dass wir einander auf Augenhöhe begegnen. Und dass Redakteure ihre Spielräume, auch wenn sie klein sind, zugunsten der freien Autoren nutzen.   

Wie naiv sind eigentlich Realisten?

Luke Skywalker, pardon, Michael Stepper hat auf den Offenen Brief der 1727 Jung-Journalisten an die Zeitungsverleger (siehe den vorherigen Blogbeitrag) eine geharnischte Antwort geschrieben:

„Seid mir nicht böse, Ihr jungen Journalisten, aber vielleicht habe ich da auch einfach etwas falsch verstanden: Ihr fordert tatsächlich, dass Euch die Verleger die Hintern pudern, weil Ihr einen Traum vom unabhängigen Journalismus träumt?“

Stepper fordert die naiven „Jammerer“ auf, sich doch selbstständig zu machen mit eigenen Medien im Netz (Parole: Mach’s dir selbst). Was wiederum den Freien-Beauftragten des Deutschen Journalistenverbandes, Michael Hirschler, so in Wallung bringt, dass er sich ebenfalls zu einer geharnischten Antwort auf die geharnischte Antwort Michael Steppers bemüßigt fühlt:

„Die Arbeit liegt eben nicht auf der Straße. Auch im Web 2.0 und der Internetwirtschaft gibt es einen weiten Armutsgürtel aus ‚Web-2.0-/Social-Media-/Google+-‚ und sonstigen Beratern, die mit Startups von Wirtschaftsförderung zu Wirtschaftsförderung betteln gehen müssen und längst nicht immer einen Abnehmer bzw. ‚Inkubator’ finden. Hartz IV ist auch in der Digitalwirtschaft ein Schambegriff, über den die feinen Leute der Medienrevolution nicht zu sprechen wagen (könnte sich ja auch besonders schnell herumtwittern lassen).“

Allerdings muss Hirschler zugeben, dass die Vergütungsregeln, die in jahrelanger und mühevoller Kleinarbeit zwischen Zeitungsverlegern und Gewerkschaften ausgehandelt worden sind, nicht funktionieren: 

„Deutsche Zeitungsverleger haben auch Vergütungsregeln mit Wirkung vom 1. Februar 2010 unterschrieben, in denen von höheren Honoraren und besseren Vertragsbedingungen und Beteiligungen samt Spesengeldern für Fahrtkosten etc. die Rede war. Doch diese wurden seitdem nur an ganz wenigen Zeitungen umgesetzt. Auch an der Zeitung des damaligen Verhandlungsführers, dem Bonner Generalanzeiger, wird einem Kreis von rund vierzig interessierten Freien die Anwendung der sieben Jahre verhandelten Honorare verweigert.“

Bleibt die Frage, ob es nicht kontraproduktiv ist, wenn Journalisten sich nun gegenseitig Naivität unterstellen und berechtigte Forderungen oder diskutable Alternativen als „unrealistisch“ abqualifizieren. Vielleicht sollten die Steppers und Hirschlers erst mal ihre Realismus-Rüstungen (= Harnische) ablegen. 

Worüber Journalistenschüler und Spiegel-Leute in diesen Tagen so reden

Der Offene Brief, den 150 Journalistenschüler in dieser Woche an die deutschen Zeitungsverleger schickten, zieht Kreise. Bereits einen Tag nach ihrer Veröffentlichung hat die Online-Petition mehr als 1.100 Unterstützer gefunden (und hier kann man sie unterzeichnen). Mit der Bittschrift meldet sich eine Generation zu Wort, die aus den Ereignissen des letzten Jahres (Stichwort: Arabischer Frühling, Stéphane Hessel: Empört Euch!) etwas Entscheidendes gelernt hat: Man muss für seine Interessen einstehen.

„Wer in Zukunft als Journalist bei einer Zeitung eingestellt wird“, schreibt der Journalisten-Nachwuchs, „soll nach den Plänen der Verleger bis zu 30 Prozent weniger verdienen als bisher.“

Damit werfen die Zeitungsverleger ihrer eigenen Zukunft den Fehdehandschuh hin.

„Bei allem Respekt“, schreibt der Nachwuchs, „wir glauben, dass derzeit von den Universitäten und Journalistenschulen der am besten ausgebildete Journalistennachwuchs kommt, den es in Deutschland jemals gab. Viele von uns arbeiten seit Jahren zielstrebig auf einen Beruf als Reporter oder Redakteur hin. Wir haben schlecht bezahlte Praktika in Ihren Verlagen gemacht und jahrelang für Zeilengeld gearbeitet. Wir haben studiert, kennen uns in Spezialgebieten in Politik, Wirtschaft oder Kultur aus, haben Auslandserfahrung, sprechen mehrere Sprachen. Wir können schreiben, Videos drehen, kennen uns mit den Techniken des Web 2.0 aus. Wir sollen in den Verlagen Wochenenddienste schieben, Abendtermine wahrnehmen, uns tief in gesellschaftliche Probleme einarbeiten und Überstunden machen, die wir natürlich niemals bezahlt bekommen. Und jetzt soll auch noch das Einstiegsgehalt für junge Journalisten um 30 Prozent gekürzt werden?

Wir sind Idealisten. Wir lieben diesen Beruf. Und wir glauben, dass Medien eine wichtige Rolle in der Demokratie spielen. Aber wissen Sie was? Wenn Sie die Löhne so drastisch senken, geben Sie uns das Gefühl, dass Sie nicht mehr so recht an den Journalismus glauben.“

Das mag stimmen. Vor allem die Regionalzeitungsverleger scheinen resigniert zu haben. Doch bei Spiegel-TV glaubt man noch fest an den Journalismus. Zwar schreiben die Mitarbeiter dort keine Petitionen, aber ein Whistleblower leakte jetzt die Gehaltsabrechnungen der angestellten Führungskräfte. Mit mutmaßlichen Jahressalären von 160.000 bis 350.000 Euro brauchen sich diese Topleute der Medienbranche (die „leider“ immer mehr Leute entlassen „müssen“) keine Sorgen um die gestiegenen Kantinenpreise zu machen.

Und so ballt man auch bei Spiegel-TV die Faust (vorerst in der Tasche). Man möchte den bedrohten Kollegen zurufen: Empört euch! Habt endlich so viel Mut wie der Nachwuchs, der euch eines Tages ablösen wird! 

Update: Heute, am 14. Juli, starten die Nachwuchsjournalisten die Aktion "Worte sind wertvoll" in Augsburg. Also: Kommt alle da hin!

Die G+J-Wirtschaftsmedien bitten zum Gespräch / Mailingliste zum neuen SpOn-Vertrag

Vor einigen Wochen haben wir alle Autoren der Wirtschaftsmedien von Gruner & Jahr aufgerufen, sich zusammenzuschließen und gegen den Rahmenvertrag zu protestieren, der damals verschickt wurde (mehr dazu steht hier).

 Anfang Juni ging ein von 22 Autoren unterzeichnetes Schreiben an die Chefredaktion, in dem alle Kritikpunkte zusammengefasst sind, verbunden mit der Bitte um ein Gespräch. Dieser Bitte kommt der Verlag nun nach.

Anfang August wird sich der Freischreiber-Vorstand mit der geschäftsführenden Redakteurin Isabelle Arnold treffen, um die Kritikpunkte an diesem Rahmenvertrag zu präzisieren. Außerdem hat die Chefredaktion die Honorarabteilung angewiesen, die Auszahlung der Honorare bis auf Weiteres nicht von der Unterschrift unter diesen Vertrag abhängig zu machen. Er ist damit de facto ausgesetzt. Ein schöner Anfangserfolg, wie wir finden.

Derweil steht bereits der nächste Vertrag vor der Tür: diesmal von Spiegel Online. In den „Bedingungen über Nutzungsrechte“, die der Spiegel-Verlag derzeit verschickt, bieten nach unserer Auffassung drei Punkte Anlass für ein Gespräch:



a) die Übertragung der „ausschließlichen urheberrechtlichen, leistungsschutzrechtlichen und sonstigen Nutzungsrechte“. Zum einen wird darin bereits Bezug genommen auf ein Leistungsschutzrecht, von dem keiner weiß, wann es kommt und wie es aussehen wird. Zum anderen ist dieser Punkt ein Verstoß gegen den Grundsatz „Jede Nutzung muss vergütet werden.“



b) Auch hier sollen „sonstige Nutzungsrechte“ abgetreten werden. Diese Vereinbarung ist eine Blankovollmacht für die Zukunft.



Und c) Einerseits sollen die „ausschließlichen Nutzungsrechte“ übertragen werden, andererseits gestattet Spiegel Online seinen Autoren, Texte nach Ablauf einer bestimmten Frist weiterzuverkaufen. In unseren Augen ist das ein Widerspruch, der aufgelöst werden sollte. 

In bewährter Manier haben wir eine Mailingliste eingerichtet, auf der sich alle Autorinnen und Autoren von Spiegel Online zusammenschließen können, die gemeinsam gegen diese Nutzungsvereinbarung protestieren wollen.

Sie hat die Adresse spon@freischreiber.de und steht auch allen Nicht-Mitgliedern von Freischreiber offen. Hier kann man sich dafür anmelden.

Flink verlinkt: Jakob Augstein über das Pauken und Trompeten im Panik-Orchester

Jakob Augstein, Verleger des Freitag, nimmt die Klage von acht Verlagen gegen die "Tagesschau-App" zum Anlass für eine grundsätzliche Abrechnung mit der Strategie von Springer und Co., ihre Position aus der alten Welt ins digitale Zeitalter hinüberzuretten:

"Es geht aber nicht um das Überleben der Verlage. Es geht um die Vorherrschaft im Internet. Um die Frage, ob das Netz öffentlich bleibt oder privatisiert wird."

In seinem Stück über das "Panik-Orchester" geht er auch auf das von den Verlagen geforderte Leistungsschutzrecht ein:

"Das Urheberrecht ist in seiner Weiterung kompliziert, in seinem Kern aber einfach: Es liegt beim Urheber. Und das ist der Autor. Nicht der Verlag. Ein Leistungsschutzrecht würde den Verlagen die Möglichkeit geben, das Recht am Text anstelle des Autors wahrzunehmen."

Weiterlesen? Bitteschön: Das Panik-Orchester

GeoSaison: Wir machen ein Best-of-Album. Bitte nicht böse sein, wenn es kein Honorar dafür gibt!

Wenn ein Verlag wie Gruner+Jahr Rekordgewinne feiert, dann ist offenbar die Zeit gekommen, verlegerisch mal neues Terrain zu betreten und etwas bis dato noch nicht Gewagtes auszuprobieren. So geschehen vor einigen Wochen, als mehrere freie Autoren von GEO Saison eine Mail des Chefredakteurs erhielten, in der er ein "Experiment" ankündigte: eine "Art Best-of-Album" sei in der Mache, ein Sonderheft mit 17 zuvor in GEO Saison erschienenen Kurzreise-Reportagen. "Keine Ahnung, ob die Leser das gut finden und kaufen", räumte er darin ein, aber: "Wir hoffen es sehr, denn durch die mehrfache Verwendung von Geschichten werden wir auch in Zukunft die Möglichkeit haben, auf unserem Qualitätsniveau Hefte zu produzieren und möglichst viele Aufträge an unsere Autoren zu vergeben. Darum bitte auch nicht böse sein, wenn es für diesen Abdruck kein zweites Honorar gibt!"

Nicht böse sein - ein bisschen viel verlangt, fand unter anderem Freischreiber-Kollegin Petra Reski, eine der Empfängerinnen der Mail. Sie legte Widerspruch ein, mit Rückendeckung des Freischreiber-Vorstands und mit Verweis auf den Autorenvertrag, in dem zum Thema Zweitverwertungen steht: "Für die Nutzung in anderen deutschsprachigen GEO-Ausgaben erhält der Autor ein Honorar von 20 Prozent des Ursprungshonorars."

Es dauerte nicht lang, und die Chefredaktion antwortete in einer launig-zerknischten Mail: "Sie haben Recht." Das habe die Rechtsabteilung von Gruner+Jahr bestätigt. Also: "Kohle kommt, kein Problem." Und zwar nicht nur für Petra Reski, sondern auch für die anderen Kollegen.

Was lernen wir daraus:  1. Es lohnt sich, Verträge zu lesen. 2. Es lohnt sich, in derlei Fällen den Mund aufzumachen. Und 3. Solidarität unter Freischreibern zahlt sich aus - mitunter in barer Münze.

 

Auch wir können Lobby: Freischreiber und Freelens treffen sich mit dem BKM

Es ist inzwischen über zwei Jahre her, dass die Diskussion um das Leistungsschutzrecht für Presseverlage begann. Damals veröffentlichte der Berliner Rechtsanwalt Jan Hegemann ein Stück mit dem Titel „Schutzlos ausgeliefert im Internet“. Zwischen dem 9. April 2009 und heute lagen: eine Bundestagswahl, in deren Folge das Leistungsschutzrecht im Koalitionsvertrag festgeschrieben wurde. Unzählige Podiumsdiskussionen und Artikel, auf und in denen um Sinn und Unsinn eines solchen Rechts gestritten wurde. Und schließlich ein Interview mit der amtierenden Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, aus dem herauszuhören war, dass der Entwurf für das Leistungsschutzrecht wohl bald kommen wird.

Auch wir von Freischreiber saßen in den vergangenen zwei Jahren auf einigen dieser Podien und haben unsere Bedenken an die zuständigen Ministerien adressiert – zunächst in Gesprächen mit dem für den Entwurf eines Leistungsschutzrechtes federführenden Justizminsterium und dann bei der großen Anhörung der Urheber zum "Leistungsschutzrecht für Verleger" im Rahmen des sogenannten "3. Gesetzes zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft". Im März schrieben wir schließlich einen Brief an den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann, in dem wir unsere Erkenntnisse aus den vergangenen zwei Jahren auf einer Seite zusammenfassten. Daraufhin erhielten wir die Einladung zu einem Gespräch mit Dr. Stephanie Schulz-Hombach, Leiterin des Referats K11, „Grundsatzfragen der Kulturpolitik; Kulturelle Bildung; Recht und Kultur“, und dem Referenten Dr. Christian Groni.

Dieses Treffen hat jetzt stattgefunden. Wir waren zu dritt: Bertram Solcher, Vorsitzender von Freelens, Julia Schoon, Vorstandsmitglied bei Freischreiber, und Kai Schächtele, Vorsitzender von Freischreiber. Es war ein sehr gutes Gespräch, in dem wir ausführlich geschildert haben, was vom Versprechen der Verlage, die infrastrukturellen und finanziellen Grundlagen für Qualitätsjournalismus zu liefern, bei den Fotografen und Journalisten tatsächlich ankommt. Wir wiesen darauf hin, dass wir uns nicht als Gegner der Verlage verstehen, aber nicht mehr recht überzeugt sind von der einst in Stein gemeißelten Regel, dass es den Journalisten gut gehe, solange es den Verlagen gut geht. Wir hatten den Eindruck, dass unsere Argumente auf fruchtbaren Boden fielen, und haben vereinbart, weiter in Kontakt zu bleiben.

Für dieses Treffen haben wir eine Stellungnahme vorbereitet, die wir hier im Wortlaut dokumentieren:

"Der Kampf um die Rechte an den Texten und damit um eine angemessene Honorierung der Autoren geht in die nächste Runde: Die großen Verlage sind gerade dabei, mit der Mehrfachverwertung ein weiteres Geschäftsfeld zu etablieren, indem sie Bezahlschranken einrichten oder die Texte in verlagseigenen Datenbanken und online-Archiven gegen Gebühr anbieten.

Wieder wollen sich die Verlage weitere Rechte sichern, und wieder soll dies auf Kosten der Autoren geschehen. Die Verlage, welche einmal als Partner ihrer Autoren galten, fordern von der Politik ein Leistungsschutzrecht, während sie selber die Leistung ihrer Autoren vom Gewinn, den die Verlage mit dieser Leistung machen, abkoppeln. Das Problem ist nicht nur, dass viele Medien die Arbeit ihrer freien Journalisten unangemessen bezahlen, sondern dass selbst renommierte Verlagshäuser dazu übergehen, sie gar nicht mehr zu bezahlen. Die Umsonst-Mentalität, welche die Verleger in Bezug auf das Internet beklagen, herrscht zunehmend in ihren eigenen Häusern.

Die Situation freier Autoren aber wird sich erst verbessern, wenn diese durch Buyout-Verträge entstandene Wettbewerbsverzerrung, die aus der Entkoppelung von Leistung und Gewinn entsteht, beseitigt wird. Ein Verlag, der zum Beispiel einen bereits gedruckten Text noch einmal online anbietet und dafür Honorare kassiert, sollte einen angemessenen Prozentsatz der aus der Mehrfachverwertung stammenden Einnahmen an den Autor geben. Geld gegen Leistung: In einer Marktwirtschaft sollte dieses Prinzip eigentlich selbstverständlich sein.

Deshalb wendet sich Freischreiber e.V., der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten, seit seiner Gründung gegen die Praxis der Buyout-Verträge: Mit ihnen sichern sich die Verlage umfassende Nutzungsrechte an Texten, ohne den Autor für die Mehrfachverwertung angemessen oder auch überhaupt zu bezahlen. Buyout-Verträge sichern sich Rechte für alle Gelegenheiten und alle Zeiten, etwa für online-Nutzung, Nachdrucke in Büchern oder Übersetzungen, aber auch für bisher noch unbekannte Nutzungsarten. Häufig beinhalten die Buyout-Verträge sogar das Recht zur Weitergabe des Textes an Dritte. In der Regel muss der Autor über die weitere Nutzung seines Textes nicht einmal benachrichtigt, geschweige denn seine Einwilligung eingeholt werden.

Freischreiber e.V. hält die Praxis der Buyout-Verträge für unsittlich, weil sie die Rechte des Urhebers an seinem Text durch den Vertragsabschluss faktisch aufheben und die Unterschrift unter einen Buyout-Vertrag zur Bedingung für eine Zusammenarbeit machen. Das Wesen von Verträgen ist, dass beide Seiten sie aushandeln. Buyout-Verträge aber diktieren den freien Journalisten einseitig die Bedingungen für einen Vertragsabschluss – natürlich zu ihren Ungunsten.

Deshalb fordert Freischreiber e.V.:

- eine Beteiligung der Autoren am Gewinn aus der Mehrfachverwertung und hierfür eine nachvollziehbare Offenlegung der Erlöse

- Standardverträge, in welchen der Autor lediglich Rechte für die einmalige Nutzung und klar definierte, zeitlich begrenzte Zusatznutzung einräumt (etwa für die Online-Ausgabe und die Aufnahme in ein kostenfreies, allgemein zugängliches Archiv des Verlages oder eine App)

- die Pflicht des Verlages, für weitere Verwertungen das Einverständnis des Autors einzuholen und diese zu honorieren

- eine Informationspflicht des Verlages gegenüber dem Autor über alle tatsächlichen Nutzungen seines Textes

Berlin, den 23.5.2011 -  Freischreiber e.V.

Inhalt abgleichen