Einladung zum Freischreiber-Seminar: Interview mit Robert Sedlak

Europa kontrovers - Freischreiber diskutieren mit EU-Profis. Die Referenten sind hochkarätige Politiker, die uns einen Blick hinter die Kulissen geben werden. Das Seminar bietet die einmalige Möglichkeit, im kleinen Kreis mit Profis aus dem Polit-Geschäft ins Gespräch zu kommen und wertvolle Kontakte zu knüpfen. Ein paar wenige Plätze sind noch frei, die Anmeldung ist für Freischreiber-Mitglieder kostenlos, aber verbindlich. Robert Sedlak, Projektleiter der aktion europa und Journalistenberater im Auftrag der EU-Kommission, hat die Schwerpunkte des Seminars gemeinsam mit Freischreiber entwickelt. Im Kurzinterview erklärt er, warum sich der Tag für freie Journalisten lohnt.


Herr Sedlak, worum wird es im Europa-Seminar gehen?
Wir sehen uns an, was auf europäischer Ebene jetzt gerade passiert und wie es weitergehen soll rund um die Themen Datenschutz, Urheberrechte und Journalismus in Europa.

Wer sind die Dozenten?
Es sind wirklich europäische Köpfe, die viel zu entscheiden haben und denen man sonst nicht begegnet. Sie werden aus dem Nähkästchen plaudern, weil sie dicht und aktuell aus den Entscheidungsprozessen berichten können: Was steht an? Welche sind die heißen Themen? Manches ist vielleicht in Deutschland nicht so bekannt, wird aber auf EU-Ebene diskutiert.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Carl-Christian Buhr etwa sitzt im Kabinett von Neelie Kroes, Vizepräsidentin der EU-Kommission, die für die digitale Zukunft verantwortlich ist. Buhr ist Berater von Frau Kroes in Sachen Datenschutz und Cloud Computing, er kann zum Beispiel Auskunft geben zum Kartellverfahren gegen Microsoft, das derzeit läuft. Buhr wir auch Fragen zu Google oder zum Leistungsschutzrecht beantworten können. Zu diesen Themen wird auch Alexander Dix viel sagen, er ist Datenschutzbeauftragter des Landes Berlin.

Gibt es auch einen Referenten, der sich mit dem Berufbild des Journalisten beschäftigt?
Wilfried Rütten wird dabei sein, er steht als Leiter des Europäischen Zentrums für Journalismus in Maastricht in ständigem Austausch mit Institutionen und Journalisten. Er beschäftigt sich mit der Zukunft des Journalismus und mit den Arbeitsbedingungen, unter denen freie Journalisten tätig sein werden.

Was erwartet uns noch?
Christoph Hermes, Jurist bei der Europäische Kommission, wird darstellen, wie das Thema ACTA erst ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist und wie es dann ins Taumeln geriet, bis die Pläne schließlich im Parlament gekippt wurden. Herr Hermes hat viel Insider-Wissen, von dem er berichten kann: Wo und wie werden die Fragen, zum Beispiel zum Urheberrecht, angedacht und formuliert, was wird derzeit diskutiert, in welche Richtung wird sich die Diskussion vermutlich entwickeln?

Worauf freuen Sie sich persönlich besonders?
Ich bin allgemein sehr gespannt auf den Tag, es kommen viele Menschen mit großem Wissen über die inneren Vorgänge der EU zusammen. Es wird auch, das hatte ich noch nicht gesagt, um den Datenschutz gehen: Die Datenschutzverordnung ist ein komplexes Feld, in dem Alexander Alvaro, Vizepräsident des Europäischen Parlaments im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten sehr gut Bescheid weiß. Die Verordnung ist in der Mache, Herr Alvaro wird erklären, wie so etwas läuft im Parlament und sagen, wie so etwas Schritt für Schritt voran getrieben wird. Sicher wird auch Herr Dix etwas zur deutschen Position beitragen. Es gibt also genug zu diskutieren.

Herr Sedlak, danke fürs Gespräch. Wir sehen uns am Freitag, 21. September um 10 Uhr!

 

Verbindliche Anmeldung für das Seminar unter kontakt --ät -- freischreiber.de.

>> Zum Seminar-Programm

 

Reden ist Silber, Nominieren ist Gold – Start für den Himmel-und-Hölle-Preis 2012

 

Der :Freischreiber Himmel- und Hölle-PreisNur noch acht Wochen sind es bis zum Jüngsten Gericht: Am Samstag, 24. November, schickt Freischreiber zum zweiten Mal besonders unfaire oder faire Redaktionen und Verlage in die Hölle beziehungsweise in den Himmel. Das Fegefeuer brennt in diesem Jahr in München. Dort findet die Preisverleihung statt, die wir im Anschluss mit einer großen Party feiern.

Seit Mai sammelt unsere Vorjury Nominierungen, überprüft sie und recherchiert sie juristisch wasserdicht nach. In loser Reihenfolge stellen wir ab heute die für den Himmel oder die Hölle nominierten Kandidaten vor, aus denen die Hauptjury schließlich die Preisträger küren wird. Den Anfang macht ein Fall, der uns schon seit einiger Zeit beschäftigt.

„Im Schattenreich der grauen Herren“ oder „Phantom der Presse“ lauten die Artikelüberschriften, wenn von der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) in Stuttgart die Rede ist. Tatsächlich weiß kaum jemand, dass dort der größte deutsche Abozeitungs-Konzern sitzt, dessen Reich von der Pfalz bis nach Oberbayern und vom Bodensee bis nach Frankfurt an der Oder reicht.

Seit der Konzern im Jahr 2008 für über eine halbe Milliarde Euro die Mehrheit an der „Süddeutschen Zeitung“ übernahm, wird umstrukturiert, gebündelt, entlassen, gespart, outgesourct und weiterverwertet auf Teufel komm raus. SWMH-Verleger und Geschäftsführer Richard Rebmann sagt zu alledem seit Jahren nichts. Wenn es gar nicht anders geht, dementiert er oder erklärt sich für nicht zuständig. Interviews gibt der 54-Jährige, der auch Vizepräsident des Bundes Deutscher Zeitungsverleger ist, nur seinen eigenen Zeitungen. Man könnte sagen: Er scheut die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser. 

Zu schweigen, die Dinge auszusitzen, scheint bei der SWMH Programm zu sein. Dass erfuhren auch 31 Reisejournalisten, die im Januar 2012 einen offenen Brief an die Redaktionsleitung von „Sonntag Aktuell“ schickten, die zur SWMH gehört. „Sonntag Aktuell“ dient seit drei Jahrzehnten im Süden der Republik den Abonnenten von drei Dutzend Zeitungen als siebte Ausgabe. Sie wird vom sogenannten Themenpool der „Stuttgarter Nachrichten“ produziert. Seit letztem Jahr liefert die Redaktion Texte und Fotos ihrer Autoren ohne eine weitere Vergütung an die „Münchner Abendzeitung“ und an ihr neues Reiseportal www.fernweh-aktuell.com. AGBs oder einen (Buy-Out-)Vertrag gibt es nicht, sondern nur eine Mail, in der die Autoren darüber in Kenntnis gesetzt wurden. Wir berichteten.

„Im vergangenen Jahr blieben Anfragen in Sachen fernweh-aktuell.com unbeantwortet“, heißt es in dem Brief vom Januar.  „Aber für ein solches Gespräch ist es ja noch nicht zu spät. Deshalb bitten wir Sie, mit den freien Autoren von Sonntag Aktuell einen konstruktiven Dialog zu beginnen.“ Bis heute, 28. August, gibt es keine Reaktion darauf. Offenbar ist der Chefredaktion dieses Anliegen schnurz. Statt die ganze Bande einfach nur zum Teufel zu schicken, wollen wir, der Verband :Freischreiber, nun die Chefredaktion der „Stuttgarter Nachrichten“ wegen der Verweigerung eines Dialogs für den diesjährigen Hölle-Preis nominieren.

Einladung zum Freischreiber-Seminar "Strategien der EU zu Datenschutz und Urheberrecht" am 21. September 2012

Können Google, Facebook & Co. Europa neue Regeln zum Datenschutz aufzwingen? Ist „Privacy“ in der virtuellen Welt ein überholtes Konzept? Und wie sollen Kreative in Zukunft für ihre Arbeit entlohnt werden? Die Debatten toben, Gesetzesentwürfe werden diskutiert, Parteien, Verbände und Konzerne ringen um Positionen und um Rechte – das Internet hat die Arbeitswelt revolutioniert, alte Regeln gelten nicht länger. Doch welche sind richtig – und für wen?

Dieses Seminar richtet sich an Journalisten, die sich mit diesen Fragen im Kontext Europa auseinandersetzen wollen. Dazu lädt Freischreiber in Zusammenarbeit mit der aktion europa ein:

EU-Experten aus dem Europäischen Parlament, der Europäischen Kommission und der deutschen Politik informieren und diskutieren über Entwicklungen und Hintergründe sowie über Deutschlands Position im europäischen Umfeld. Im zweiten Teil geht es um die Praxis: Wo finden Journalisten Informationen zu Datenschutz und Urheberrecht? Welche Entwicklungen sollten Journalisten besonders aufmerksam verfolgen? Wo sind die Informationen innerhalb des EU-Apparats zu finden, welche sind die richtigen Ansprechpartner?


Referenten

  • Alexander Alvaro, Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Düsseldorf/Brüssel
  • Carl-Christian Buhr, Mitglied des Kabinetts von Neelie Kroes, Vizepräsidentin der EU-Kommission, zuständig für „Digitale Agenda“, Brüssel
  • Dr. Alexander Dix, Landesbeauftragter für Datenschutz, Berlin
  • Christoph Hermes, Europäische Kommission, Juristischer Dienst (Handel/WTO-Team), Brüssel
  • Wilfried Rütten, Direktor European Journalism Centre, Maastricht
  • Robert Sedlak, Projektleiter der aktion europa, Journalistenberater im Auftrag der EU-Kommission, Köln/Berlin


TERMIN        Tagesseminar am 21. September von 10.00 bis 17.00 Uhr

ORT                 Wir sind zu Gast bei der Klara Journalistenschule
                          Ritterstraße 3, 10969 Berlin

PREIS             Update: Aufgrund einer neuen EU-Regelung ist das
                          Seminar für alle Teilnehmer kostenlos.
                          Heiße und kalte Tagungsgetränke werden gestellt.

                          Mindestteilnehmerzahl: 12
                          Höchstteilnehmerzahl: 16

ANMELDUNG unter kontakt@freischreiber.de.

 

Die aktion europa ist eine Initiative des Auswärtigen Amts, des Bundespresseamts, der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments. Ihr Ziel: Die Vertiefung von Wissen über Aufgaben, Struktur und Leistungen der Europäischen Union. Einen Schwerpunkt des Jahres 2012 stellen Bildungsangebote für Journalist/innen von Fach-, Publikums- und Verbandsmedien dar. Nähere Informationen finden Sie unter www.aktion-europa.de.

Gesetzentwurf für ein Leistungsschutzrecht für Verlage: Rechtsunsicherheit für freie Journalisten

Nun ist er also da, der Vorschlag für ein Leistungsschutzrecht für Verlage. Seit drei Jahren lobbyiieren Verleger um ein solches Gesetz. Wir Freischreiber haben uns von Anfang an dagegen gewandt.

Erstens, weil wir die Befürchtung hatten, ein solches Gesetz könne uns Freien schaden. Und zweitens, weil wir nicht verstehen, dass die Verlage ein Gesetz bekommen sollen, das Geld für den angeblichen Klau von Artikeln generieren soll, während die gleichen Verlage uns Freie seit Jahren mit Buyout-Verträgen erpressen, unsere Texte an Dritte weiterverkaufen und uns keinen Cent davon abgeben.

Der nun vorliegende Gesetzentwurf bestätigt unsere Skepsis.

Dessen Formulierungen sind so schwammig, dass Juristen eine Welle von Prozessen vorhersagen, mittels derer erst einmal geklärt werden muss, was überhaupt mit dem Gesetz gemeint ist.

Folgende Probleme für freie Journalisten sehen wir:

1. Verlage sollen für ein Jahr das ausschließliche Recht haben, Presseerzeugnisse öffentlich zu machen.

Die Abgrenzung zwischen Presseerzeugnis und Artikel bleibt dabei schwammig – das könnte die Zweitverwertung von Artikeln (und Fotos) beeinträchtigen oder sogar unmöglich machen.

Verschärft wird das durch die Begründung zum Gesetzestextvorschlag. Dort wird auf das „Metall auf Metall“-Urteil des Bundesgerichtshofs verwiesen: Der hatte in einem Urheberrechtsstreit um ein Musik-Sample geurteilt, dass schon kleinste Teile eines Stücks urheberrechtlich geschützt sind.

Wie das mit dem Recht von Autoren (und Fotografen) zusammen geht, ihre Werke selbst zweitverwerten zu können, ist uns nicht klar – selbst wenn der Gesetzentwurf vorsorglich schon einmal festlegt, das Leistungsschutzrecht könne nicht zum Nachteil der Urheber geltend gemacht werden.

Welcher Freie hat das Geld und den Mut, sich im Zweifelsfall auf einen Gerichtsprozess einzulassen, um das zu klären?

 

2. Künftig soll es lizenzpflichtig sein, wenn Presseerzeugnisse oder Teile von Presseerzeugnissen von anderen als den Verlagen selbst zu gewerblichen Zwecken öffentlich gemacht werden.

Der Begriff „gewerblich“ ist in der Vorschlagsbegründung extrem weit gefasst. Nicht nur, dass Blogger betroffen wären, wenn sie auf ihrem Blog minimale Einnahmen mit Flattr oder Kachingle erzielen.

Viel schwieriger wird die Lage für freie Journalisten. Denn deren Veröffentlichungen z.B. auf eigenen oder fremden Blogs sind der Begründung zufolge auch dann gewerblich, wenn sie keinen Cent Einnahmen mit ihrem Blog erzielen und nicht einmal einen Spendenbutton darauf haben. Es entstehen also Zusatzbelastungen für freie Journalisten.

Klar, schon bisher darf man keine Artikel anderer Autoren auf den eigenen Blog stellen. Kurze Schnipsel aus so einem Stück, etwa als Anreißer zu einem Link, waren aber bislang ebenso erlaubt wie Zitate. Letztere sollen auch weiterhin lizenzfrei erlaubt sein, setzen aber nach juristischem Verständnis eine eigenständige geistige Auseinandersetzung mit dem zitierten Text voraus.

Kurze Text-Schnipsel dagegen, eingeleitet von einem oder zwei eigenen Sätzen, wie wie sie z.B. häufig in unserem Freischreiber-Newsletter verwenden (Beispiele s.u.), um dann auf den ganzen Artikel zu verlinken, wären in Zukunft lizenzpflichtig.

 

3. Der Gesetzentwurf sieht keine Verwertungsgesellschaft vor, die sich um Lizenzvergabe und Verteilung der Gelder kümmern würde.

Es könnte also dazu kommen, dass Nutzer von Schnipsel-Zitaten in Zukunft direkt Lizenzverträge mit den Verlagen abschließen müssen. Auch das würde freie Journalisten zusätzlich belasten. Denn selbst wenn sie bereit wären, z.B. für eine kommentierte Linkliste zusätzliche Kosten in Kauf zu nehmen, dürfte es die meisten logistisch und zeitlich überfordern oder erhebliche Verwaltungsmehrkosten verursachen, mit jedem Verlag einzeln Lizenzverträge abzuschließen.

 

4. Die Urheber sollen von den erzielten Einnahmen etwas abbekommen. Steht im Entwurf, klingt erst mal gut. Leider gibt es überhaupt keine Angaben darüber, wie das zu geschehen hat.

Ist eine zusätzliche Vergütung für freie Autoren fällig und wenn ja: wie erfahren die davon, dass und wann sie Geld bekommen? Oder werden die Ansprüche aus dem Leistungsschutzrecht einfach in Buyout-Verträgen mit aufgeführt und mit einem Pauschalhonorar abgegolten? Das würde Freien überhaupt keinen Vorteil bringen.

 

Unser Fazit: Wir sehen keinerlei Vorteil durch das vorgeschlagene Gesetz und befürchten, dass die unklaren Formulierungen freien Journalisten in Zukunft viel Ärger machen werden.

Unsere Bitte an alle Bundestagsabgeordneten ist deshalb, sich mit der Situation freier Journalisten auseinanderzusetzen, bevor sie diesem Gesetzesvorschlag zustimmen. Viel wichtiger für freie Journalisten wäre eine Neufassung des Urhebervertragsrechts, um das strukturelle Ungleichgewicht zwischen Urhebern und Verwertern abzufedern. 

Wir stehen für Gespräche gerne zur Verfügung.

 

Was Freischreiber bisher zum Leistungsschutzrecht gesagt hat:

Stellungnahme am 14.5. 2009: „Was Google mit den Verlagen macht, machen die Verlage mit ihren Autoren

Zwischenruf 21.10.2009: „Kommt die Zwei-Klassen-Verwertung?

Freischreiber bei einer Podiumsdiskussion mit Christoph Keese zum Leistungsschutzrecht im Januar 2010

Stellungnahme 21.3. 2010: „Eine Zwangsabgabe beantwortet die Frage nach der Finanzierung von Qualitätsjournalismus nicht.“

Zwischenruf 6.6. 2010: „Warum die Freischreiber nicht über ein Leistungsschutzrecht verhandeln

Stellungnahme zum Expertengespräch „Zukunft des Qualitätsjournalismus“ im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien, 24.2.2011

Brief von Freischreiber an Kulturstaatsminister Michael Naumann, 28.3.2011

Treffen von Freischreiber und Freelens mit Referenten des Kulturstaatsministeriums, 24. Mai 2011

Außerdem waren wir zu Gesprächen im Bundesjustizministerium und haben an den beiden Anhörungen zum Leistungsschutzrecht im Bundestag teilgenommen. 

Und nicht zuletzt sind wir Mitglied der Initiative gegen ein Leistungschutzrecht IGEL

 

PS: Und zum Weiterlesen (übrigens: Genau solche Schnipsel-Zitate wären in Zukunft lizenzpflichtig.):

Rechtspolitische Analyse des Gesetzentwurfs von Till Kreutzer, irights.info: „Wenn das Leistungsschutzrecht in dieser Form verabschiedet wird, wird es zu neuen Abmahn- und Klagewellen und eine über viele Jahre andauernde Rechtsunsicherheit in ungekanntem Ausmaß führen.“

Juristische Analyse von Stephan Zimprich beim Medium Magazin: „Die eigentlichen Probleme entstehen für Journalisten aber dort, wo sie um den Absatz ihrer Produkte kämpfen: Künftig wird kein Zweitabnehmer mehr sicher sein können, neben dem urheberrechtlichen Nutzungsrecht nicht auch noch Leistungssschutzlizenzen für einen Text erwerben zu müssen. Da sich die Einnahmesituation nicht verändert, wird dies in der Kalkulation zwangsläufig dazu führen, dass die Honorare für Zweitverwertungen weiter sinken.“

Kommentar von Freischreiber-Mitglied Stefan Niggemeier: „Wie die Verleger glauben können, dass es ihnen nützen wird und nicht schaden, Hinweise auf ihre Artikel zu erschweren, ist eines der zentralen Rätsel dieser ganzen Angelegenheit und Ausweis des Irrsinns, in den sich die Branche in ihrem Überlebenskampf geflüchtet hat.“

Kommentar im Handelsblatt: „Mit dem Leistungsschutzrecht schafft der Gesetzgeber neue Zweideutigkeiten, wo Eindeutigkeiten gefragt sind. Auch das Justizministerium kann auf Anfrage strittige Punkte, die der Entwurf in jetziger Form aufwirft, nicht klären.“

Erfolg für Freischreiber: Ombudsleute für Freie bei Spiegel Online

Es gibt ja Leute, die uns für wirklungslose "Briefschreiber" halten oder der Meinung sind, dass "unverbindliche Gespräche" mit Chefredakteuren keine Verbesserungen für Freie bringen. Jetzt können wir vermelden, dass es bei Spiegel-Online dank Briefen und Gesprächen mit uns Freischreibern nicht nur bessere AGBs gibt (es wurde an verschiedenen Stellen darüber berichtet: hier, hier und hier nicht ). Es ist uns auch gelungen, eine weitere Freischreiber-Idee bei Spiegel-Online einzubringen, auf dass Freie und Redakteure auf Augenhöhe miteinander zusammenarbeiten.

Vor zwei Wochen war SpOn-Chefredakteur Rüdiger Ditz beim Treffen der Hamburger Freischreiber, um die neuen AGB vorzustellen. Dort sprachen wir ihn auch auf unseren Einfall an, Ombudsleute in der Redaktion zu installieren, als Ansprechpartner für freie Autoren, an die sie sich im Konfliktfall wenden können, ohne gleich den Chefredakteur ansprechen zu müssen.

Ditz fand die Idee gut und diesmal hat SpOn schnell reagiert. Die Chefredaktion hat zwei Redakteure benannt, die den Freien als Ansprechpartner für Fragen und in Konfliktfällen mit anderen Ressortleitern oder Redakteuren zur Verfügung stehen und vermitteln.  Es sind Jochen Leffers (jochen_leffers@spiegel.de) und Olaf Kanter (olaf_kanter@spiegel.de).

Jochen Leffers ist seit 2001 an Bord von Spiegel Online, lange bei Uni- und Schul-Spiegel, inzwischen Ressortleiter Karriere-Spiegel. Zuvor war er von 1991 bis 2000 freier Journalist in Bochum, für "Süddeutsche Zeitung", "Die Woche" und viele andere. Olaf Kanter lernte sein Handwerk bei der Welt und war Redakteur und Textchef bei Mare, seit 2008 ist er bei SpOn und heute stellvertretender Ressortleiter Politik.

Die Funktion des Ombudsmenschen ist neu und sie ist für beide Seiten ein Experiment. Wir werden die beiden Kollegen sicher in nächster Zeit zu einem gegenseitigen Kennenlernen beim Hamburger Stammtisch einladen und dann schauen, wie sich dieses Modell bewährt.

Bis dahin sind andere Redaktionen herzlich eingeladen, SpOn zu folgen und mit uns gemeinsam ebenfalls ein solches Experiment zu starten. Wir beraten dabei natürlich gerne (kontakt@freischreiber.de).

Und bei SpOn bleiben den Freien nur noch zwei Wünsche offen: Bessere Honorare und das Bekenntnis zu unserem Code of Fairness.

Nach Landgerichtsurteil gegen Verlage: Freischreiber fordert VG WORT zu mehr Transparenz auf

Jährlich verteilt die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) im Rahmen ihrer Ausschüttungen etwa 120 Millionen Euro. Dieses Geld wird im Verhältnis 70:30 zwischen Autoren und Verlagen geteilt. Im Bereich wissenschaftlicher Texte erhalten die Verlage sogar 50 Prozent.

Gegen die Ausschüttung an die Verlage im Bereich Wissenschaft hat der Urheberrechtler Martin Vogel geklagt und vor dem Landgericht München I Recht bekommen.

Da viele Autoren auf die Ausschüttungen der VG Wort angewiesen sind, fordern wir als Berufsverband der freien Journalistinnen und Journalisten die Verwertungsgesellschaft auf, alle strittigen Zahlungen an die Verlage so lange zurückzustellen, bis in der Sache ein rechtskräftiges Urteil vorliegt.

Außerdem fordern wir, dass die VG Wort über die Verteilung der Gelder in allen Kategorien transparent und allgemeinverständlich informiert. Es muss für alle Wahrnehmungsberechtigten ersichtlich sein, wie hoch der Betrag ist, der den Urhebern im Rahmen der jährlichen Ausschüttung entgeht, so lange die VG Wort ihre Ausschüttungspraxis nicht an die Grundsätze des Urteils anpasst.

Zur weiteren Erläuterung des Falls: Ein Beitrag von Ilja Braun im Perlentaucher, die Stellungnahme der VG Wort zum Gerichtsurteil und eine erklärende Übersicht bei der Netzpresse

 

Update 5.6.: Die VG Wort hat inzwischen auf die Kritik reagiert und schreibt in ihrem Newsletter vom Juni 2012:

„Derzeit ist offen, wann die VG WORT die Ausschüttungen im Jahr 2012 vornehmen kann. Das Landgericht München I hat in einem Urteil vom 24. Mai 2012 (Az.: 7 O 28640/11) gegen die VG WORT entschieden. Der Kläger wendet sich gegen einzelne Regelungen in den Verteilungsplänen Wissenschaft. Das Gericht hält die entsprechenden Bestimmungen in den Verteilungsplänen für rechtswidrig.

Die VG WORT hält das landgerichtliche Urteil im Ergebnis und der Begründung für verfehlt und wird gegen das Urteil Berufung einlegen. Sie hat ihre Aufsichtsbehörde, das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA), sofort über das Urteil informiert, um aufsichtsrechtliche Prüfung und einen unverzüglichen Bescheid gebeten. Bis dahin wird die VG WORT keine Ausschüttungen vornehmen.“

P.S. Die Zahl der Ausschüttungsempfänger lag im Jahr 2011 bei 148.415. Davon sind 142.243 Autoren und 6.172 Verlage. Weiß jemand, wie viel Geld an die Verlage geht und wie viel an die Autoren?

Die tollen Erfolge des DJV

Der DJV heftete sich gestern einen Erfolg an die Brust, den es so nicht gegeben hätte, wenn Freischreiber und 40 freie Journalisten nicht die Initiative ergriffen hätten. 

 

Im August letzten Jahres schrieben 40 freie Journalisten, die sich mit Hilfe von Freischreiber per Mailing-Liste ausgetauscht und zusammengeschlossen hatten, einen Brief an den Chefredakteur von Spiegel Online, Mathias Müller von Blumencron. Darin heißt es:

Wir freuen uns sehr, zu hören, dass für Spiegel Online auch 2011 wieder ein wirtschaftlich sehr erfolgreiches Jahr werden wird. Als freie Autoren sind wir stolz, unseren kleinen Teil zu diesem Erfolg beizusteuern. Jedoch machen uns manche Bedingungen, unter denen wir für Spiegel Online recherchieren und schreiben, ernsthafte Sorgen...“

Zu diesen Sorgen gehörten auch die seit zehn Jahren stagnierenden Honorare und – ganz besonders - die Buyout-Verträge (AGB), die freie Autoren bei Spiegel Online unterzeichnen müssen. Dazu schrieben die 40 Autoren:

Einige der in den ,Bedingungen über Nutzungsrechte‘ (AGB) aufgeführten Punkte halten wir für nicht mehr zeitgemäß. Dieser Vertrag wurde uns gegenüber von Redakteuren aus Ihrem Haus auch als ,Knebelvertrag‘ bezeichnet. Wir lassen uns jedoch ungern knebeln und würden uns ein professionelles Arbeitsverhältnis auf Augenhöhe wünschen.“

Der „Knebelvertrag“ von Spiegel Online schaffte es im vergangenen Herbst sogar auf die Shortlist des Freischreiber Himmel-und-Hölle-Preises – in der Kategorie „Hölle“. Chefredakteur Müller von Blumencron gab sich überrascht und bot den Freischreibern daraufhin Gespräche an. Er sicherte zu, die AGB zusammen mit uns zu ändern. Bei einer Freischreiber-Podiumsdiskussion im November 2011 sagte er: „Der Brief hat uns wachgerüttelt“.

Wachgerüttelt waren auch die beiden Journalistengewerkschaften ver.di und DJV. Sie suchten bei Müller von Blumencron um ein Gespräch nach und begannen zu verhandeln. Freischreiber und die 40 Spiegel Online-Autoren, die das Thema angeschnitten hatten, wurden zu diesen Gesprächen nicht hinzu gebeten. Nicht, dass uns das gewundert hätte. Wir sind derart unkollegiales Verhalten schon gewohnt.

Als Spiegel-Online uns dann aber um unsere Meinung zu dem Verhandlungsergebnis bat, war das, was Chefredaktion und Gewerkschaften abgeschlossen hatten, an einigen Stellen doch recht ernüchternd. Wir - zwei der 40 Autoren und ein Freischreiber-Vorstandsmitglied - konnten noch einige Verbesserungen erreichen. Den endgültigen Vertrag werden wir bewerten, sobald uns ein Exemplar vorliegt. 

Überrascht hat uns aber die gestrige Meldung, die ausgehandelten Verträge seien ein Riesenerfolg des DJV. In der Pressemitteilung des DJV liest sich die Selbstbeweihräucherung so:

Die Spiegel Online GmbH gewährt (sic!) ihren freien Schreibern neue AGB. Und zwar solche, "die in ihrer Struktur als Vorbild dienen" könnten, wie Benno Pöppelmann lobt. Nun kann das der Justiziar des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) leicht sagen, war er es doch, der für den DJV gemeinsam mit ver.di die Verhandlungen mit dem Hamburger Medienkonzern führte.“

In seiner Euphorie hat der DJV offenbar Freischreiber und die 40 SpOn-Autoren, die den Abschluss erst möglich gemacht haben, einfach „vergessen“.

Das ist bedauerlich. Denn eine Politik, in der es ganz offenbar mehr um Verbandsinteressen geht als um Inhalte, schadet der Sache der Freien.

Himmel- und Hölle-Preis 2012 - Es darf nominiert werden

Einige hatten sich vielleicht schon zu früh gefreut: Doch auch im Jahr 2012 verleihen wir wieder einen „Himmel- und Hölle-Preis“, und wir Freischreiber geben hiermit den Startschuss für das Nominierungsverfahren.

Im vergangenen Jahr gab es viel Wirbel um den “Hölle-Preis”, den wir daraufhin aussetzten; statt dessen luden wir die Chefredakteure der nominierten Medien zur Podiumsdiskussion.

Die Kritik haben wir uns zu Herzen genommen und ein neues und transparentes Verfahren zur Auszeichnung von besonders unfairen Redaktions- oder Verlagspraktiken gegenüber Freien entwickelt. Ein paar heiße Kandidaten haben sich in den vergangenen Monaten bereits aufgedrängt: das Handelsblatt beispielsweise, der Madsack-Verlag oder die Südwest-Medienholding.

Da viele der Umstände, die freien Journalisten das Leben schwer machen, nicht in den Redaktionen selbst beschlossen werden, sondern in höheren Verlagsebenen, können diesmal ausdrücklich auch ganze Medienhäuser nominiert werden.

Die weiteren entscheidenden Neuerungen im diesjährigen Verfahren: Es wird eine Vor- und eine Hauptjury geben, zur Hauptjury werden auch externe Kenner des Journalismus und seiner Arbeitsbedingungen gehören. Die Kollegen in der Vorjury werden alle Vorschläge und Hinweise intensiv auf eindeutige Belegbarkeit und Nachvollziehbarkeit prüfen.

Die Arbeit der Vorjury, also das Sammeln, Sichten und Prüfen der Einreichungen, beginnt mit dem heutigen Tag: Wir haben die Emailadresse nominierung -ät- freischreiber.de eingerichtet, unter der freie Journalisten Himmel- und Hölle-Kandidaten vorschlagen können.

Schicken Sie uns, was Ihnen negativ auffällt: Konditionen, Arbeitsbedingungen, Verträge, krude Absprachen, etc. Und für den Himmel-Preis schicken Sie uns an dieselbe Adresse, was Sie freut: Hinweise auf gute Vereinbarungen, faire Bezahlung; auf Redaktionen, die den Code of Fairness umsetzen.

Redaktionen, die in diesem Jahr in den Himmel kommen möchten, haben  allerbeste Karten: Noch gibt es die Chance, die erste Redaktion zu werden, die den Freischreiber Code of Fairness unterschreibt - zehn  Selbstverständlichkeiten für die Zusammenarbeit zwischen Redaktionen und Freien, die leider vielerorts dann doch nicht so selbstverständlich sind.

Interessante Kandidaten für beide Preise stellen wir in loser Folge auf dem Freischreiber-Blog vor.

Ganz wichtig: Merken Sie sich schon jetzt das Datum vor – am Samstag, den 24. November, wird der Himmel- und Hölle-Preis verliehen, diesmal in München. Wir freuen uns auf ein rauschendes Fest - und auf fruchtbare Debatten über die Zukunft des Journalismus.
 

Ihre Freischreiber

 

> Die Statuten des Freischreiber Himmel- und Hölle-Preises

> Der Code of Fairness

> Das war der Himmel- und Hölle-Preis 2011.

 

Warum wir uns nicht an der Wir sind die Urheber-Aktion beteiligt haben

 

Immer wieder sind wir in der vergangenen Woche gefragt, worden, warum sich die Vorstandsmitglieder von Freischreiber nicht an der Aktion "Wir sind die Urheber" beteiligt haben, von der die "Zeit" vergangenen Donnerstag groß berichtete. Ursprünglich 100 Schriftsteller und Autoren hatten einen Aufruf unterzeichnet, in dem sie die Stärkung des Urheberrechts fordern und gegen den "Diebstahl" geistigen Eigentums protestieren.

Wir vom Freischreiber-Vorstand könnten vieles von dem unterschreiben, was in diesem Aufruf steht. Auch wir halten ein starkes Urheberrecht für wichtig, auch wir sind gegen die "Entrechtung von Künstlern und Autoren", wie es dort heißt.

Sehr verwundert hat uns aber ein Satz in dem Appell, der dazu im Widerspruch steht. "Der [...] behauptete Interessensgegensatz zwischen Urhebern und Verwerten entwirft ein abwegiges Bild unserer Arbeitsrealität" steht in der Mitte des Textes.

Wirklich? 

Nun mag das für diejenigen stimmen, die den Aufruf initiiert und zuerst unterschrieben haben - es sind Literaturagenten und Buchautoren, und soweit wir wissen, herrschen in der Buchbranche zumindest zum Teil tatsächlich noch andere Sitten als in den Medien.

Doch die Arbeitsrealität freier Journalisten sieht anders aus. Wir hören jeden Tag von neuen Buyout-Verträgen, die Freie von Verlagen vorgelegt bekommen und mit denen sie gezwungen werden, sämtliche Rechte an ihren Stücken abzutreten. Sogar an Dritte werden die Artikel weiterverkauft, ohne dass Freie noch einmal Geld sehen oder auch nur informiert werden. Und die Honorare stagnieren oder sinken bei alledem seit Jahren. (Hier gibt es einen aktuellen Bericht über die Umsonst-Mentalität deutscher Fachzeitschriften-Verlage.)

Nach unserer Wahrnehmung haben freie Autoren (für Fotografen mag das anders aussehen) gerade ziemlich selten das Problem, von gierigen Nutzern "entrechtet" zu werden. Für ihre wiederholte "Entrechtung" dagegen sorgen die Verlage. 

Es gibt also unserer Ansicht nach sehr wohl einen Interessengegensatz zwischen Verlagen und freien Journalisten, und wir halten es für gefährlich, den in der aufgeheizten Debatte um das Urheberrecht zu überdecken. Denn in den vergangenen Jahren ist es den Verwertern (= Verlage, Plattenfirmen etc.) immer wieder gelungen, das Urheberrecht in ihrem Sinne zu verändern, während die eigentlichen Urheber, die Freien, in die Röhre schauten.

Wenn wir also so tun, als gebe es keinen Interessensgegensatz zwischen Autoren und Verwertern, schwächen wir die ohnehin schon schwache Position der eigentlichen Urheber.

Deshalb haben wir nicht unterschrieben. 

Wir sind übrigens nicht die einzigen Urheber, die den Aufruf kritisch sehen.

Die Schriftstellerin und Sachbuchautorin Petra van Cronenburg meint in einem lesenswerten Blogeintrag: "Es geht mir nicht schlecht, weil ich meinen Buchtrailer bei youtube verschenke oder 1000 Menschen meinen Roman kostenlos herunterladen. Es geht mir schlecht, weil die Vorschüsse kontinuierlich sinken, sich die Tantiemen an keine Inflation anpassen, Buchhandlungen Lesehonorare verweigern, ich am Ende der Nahrungskette Buch stehe, obwohl ich mein Buch überhaupt erst ermögliche."

Und die Autorin Cora Stephan schreibt in der Welt, dass erstens Urheber und Verlage mitnichten immer gut miteinander klar kommen und dass zweitens zwischen Urhebern und Lesern eigentlich eine ziemlich enge Verbindung besteht (oder bestehen sollte), die in Zeiten von Internet und Ebooks eher noch stärker werden kann. Dann nämlich, wenn man seine Texte und Bücher direkt ohne Umweg über einen Verlag an Leser verkaufen kann. 

Die Bloggerin Opalkatze macht darauf aufmerksam, dass die Forderung nach starkem Urheberschutz im Internet auch Nebenwirkungen hat, die uns dann vielleicht doch gar nicht so recht sind.

Und der Rechtsanwald Thomas Stadler fragt sich, wer eigentlich die Strippenzieher hinter den Forderungen nach mehr Urheberschutz sind. Seine Vermutung: Dahinter steht eine gelungene PR-Offensive der Verlage:  "Fest steht für mich jedenfalls [...] dass es den Verlagen gelungen ist, die Aufmerksamkeit von sich selbst abzulenken. Hierzu passt auch der Umstand, dass der Aufruf "Wir sind die Urheber" auf den Interessengegensatz zwischen Urhebern und  Verwertern eingeht und diesen in Abrede stellt. Das kann man angesichts dessen, dass es gerade die Verlage waren, die vor 10 Jahren ein vernünftiges und faires Urhebervertragsrecht verhindert haben und es deshalb immer noch genügend Verlage gibt, die ihren Autoren Knebelverträge aufzwingen, nur als gelungene Lobbyarbeit bezeichnen."

Auch bei E-Book-News findet sich ein kritischer Artikel über mögliche Interessen hinter der ganzen Aktion. 

Immerhin: Die Appelle und Aufrufe der vergangenen Wochen haben dafür gesorgt, dass das Thema Urheberrecht nun wirklich DAS Thema des Jahres ist, wie wir ja schon im Januar vorhergesagt haben (vielleicht verdienen wir in Zukunft unser Geld mit Zukunftsvorhersagen?). Allerdings führt die Kommunikation mittels Unterschriftenlisten nur zu einer immer weiteren Aufrüstung der Debatte, die der Sache nicht dienlich ist.

Schlau fanden wir deshalb Artikel, die ein bisschen Luft aus der ganzen Debatte lassen.

Klug hat zum Beispiel Spiegel Online die "fünf größten Irrtümer" im Urheberrechtsstreit herausgearbeitet: Doch, es gibt auch jetzt schon Möglichkeiten, gegen Urheberrechtsverletzungen im Internet vorzugehen. Und nein, das Geschäftsmodell der allermeisten bislang erfolgreichen Urheber ist vom Internet nicht bedroht, meint Christian Stöcker. Sein wichtigstes Argument: Die Abschaffung des Urheberrechts ist akut bestimmt nicht zu befürchten. Es gibt dafür keinen gesellschaftlichen Konsens und schon gar keinen im Parlament.

Statt sich von diffusen Ängsten in Grabenkämpfe verwickeln zu lassen, sollten gerade wir freien Journalisten versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen und zu verstehen, worum es eigentlich geht und wer was warum will - wozu haben wir schließlich unseren Job gelernt.

Auch Frank Schirrmacher schlägt in der FAS vor, dass alle Beteiligten doch mal das tun sollten, was am Anfang eines Verständigungsprozesses steht: Versuchen, die Position der Gegenseite überhaupt zu verstehen: "Wenn wir fordern, die Produktionsbedingungen von Kunst zu respektieren, dann müssen wir auch ihre heutigen Rezeptionsbedingungen kennen und respektieren."

In der FAZ signalisiert der innen- und kulturpolitische Sprecher der Berliner Piratenpartei, Christopher Lauer, Bereitschaft zu eben so einem Dialog: "Ich habe keine Lust, jede Woche einen weiteren Aufruf für oder gegen das Urheberrecht zu lesen. Lasst uns endlich vernünftig miteinander reden." 

Freischreiber steht bereit.


Nachtrag 20.5.2012: Einen Dialog zwischen Urhebern und Nutzern hat übrigens irights.info in der vorvergangenen Woche angestoßen. Ein erstes Treffen gab es bereits, weitere werden folgen.

Springer? 1,70 Euro pro Zeile! Äh … Anteilsschein!

Die Stimmung in der Vorstandsetage des Axel Springer-Verlags stellen wir uns ziemlich spritzig vor. Schließlich kommt man da gar nicht heraus aus dem Champagnertrinken: Auch für dieses Jahr rechnet das Unternehmen wieder mit einer Steigerung des Gewinns gegenüber dem Vorjahr, der da 289 Millionen Euro betrug. Gewiss – es könnte noch etwas mehr sein. Aber mit so einem Sümmchen lässt sich schon einiges anfangen. Zum Beispiel den Aktionären pro Anteilsschein die Rekorddividende von 1,70 Euro auszuzahlen. So ist es geplant.

Die freien Mitarbeiter im Print-Sektor werden dagegen weiterhin mit ihrem ausgespülten Senfglas zum Wasserhahn schlappen müssen. In Hamburg etwa – so sickerte gerade durch – wurde passenderweise genau am Tag der Verkündung der Gewinnprognose den Freien der dortigen Regionalausgaben von WELT und WELT AM SONNTAG die Kürzung ihrer Honorare bekannt gegeben. Gab es vor einigen Monaten für sie eine moderate Erhöhung des Zeilengeldes auf etwa 1,10 €, sollen sie jetzt wieder für 82 Cent die Zeile schreiben dürfen. So viel wie übrigens auch die freien Kollegen beim HAMBURGER ABENDBLATT seit langem bekommen.

Dass vor inzwischen auch schon wieder zweieinhalb Jahren unter Beteiligung auch des Springer-Verlags die gemeinsamen Vergütungsregeln für Tageszeitungen verabschiedet wurden, die für alle drei Blätter Sätze deutlich über den von Springer gezahlten Honoraren vorsehen, ignoriert man einfach.

Das wundert nicht nur ob der durchaus ansehnlichen Gewinne des Verlags. Noch verwunderlicher wird es, bedenkt man das große Geschrei von Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer „Public Affairs“ bei Springer. Der lobbyiert seit nun ziemlich genau drei Jahren vehement für ein Leistungsschutzrecht der Verlage – und begründet das damit, dass die Leistung der Kreativen auch im Internet bezahlt werden müsse (hier sein Blog mit jeder Menge Einträgen dazu).

Mit „den Kreativen“ allerdings meint er nicht die eigentlichen Urheber - die Journalisten -, sondern die Verlage, die über das Leistungsschutzrecht gerne ein bisschen mehr Geld verdienen würden. Und während man in Berlin noch kräftig für diese praktische neue Einnahmequelle wirbt, kürzt man den Freien die Honorare. Bigotter geht‘s nimmer.

Aber natürlich wollen wir wissen, ob der Verlag wirklich so schlimm ist. Schließlich haftet dem Imperium ein schlechter Ruf an wie sonst nur Bayern München oder der FDP. Vielleicht sind die Redaktionen in Wahrheit ja ganz nett zu ihren Freien? Zahlen Ausfallhonorare, zahlen für die Zeilen so wie bestellt und nicht nur wie sie abgedruckt wurden? Beteiligen ihre Autoren an der Online-Version ihrer Texte und lassen sich auch nicht lumpen, wenn Texte aus der WELT zu WELT KOMPAKT hinüber wandern? Übernehmen selbstverständlich Fahrtkosten und sind spendabel, wenn der freie Sportreporter nach 90 Minuten noch in die Verlängerung und dann ins Elfmeterschießen muss und der Arbeitstag nicht enden will?

Weiß man‘s?

Deshalb wollen wir jetzt Fakten und Erfahrungsberichte sammeln über Zeilenhonorare und Vergütungen. Dafür haben wir eine Mailingliste eingerichtet, unter der Springer-Autoren (auch Nicht-Mitglieder von Freischreiber) diskutieren und sich auf den Stand der Dinge bringen können. Hier kann man sich auf der Liste eintragen. Natürlich haben wir ein Auge darauf, wer sich darauf versammelt, damit alle Autoren sicher sein können, sich in enem geschützten Rahmen austauschen zu können. 

Denn wie hat der Verlagsgründer Axel Cäsar Springer, der am 2. Mai 100 Jahre alt geworden wäre, einst gesagt: „Ich weiß, dass zum Erfolg der Mitwirkende, der Mitdenkende und Mitfühlende nötig ist, dem ich nie aufhöre zu danken - übers Grab hinaus."

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