Das Post-Portal „Die Redaktion“: Eine sinnvolle Plattform für freie Journalisten oder bloße Text-Verramschung?
"DieRedaktion" heißt das Internetportal der Post AG, auf dem Verlage, Unternehmen und freie Autoren seit dem 3. März Texte anbieten oder erwerben können. Anders als bei com.box oder Spredder versucht diesmal ein Großunternehmen in Kooperation mit einem Großverlag aus vollen Festplatten Geld zu machen. 10.000 Texte bietet der Axel-Springer-Verlag für den Anfang zum Verkauf an. Ziel ist es, bereits veröffentlichte Texte weiter zu verwerten.
Die Post AG plant, das Portal auf ein bis zwei Millionen Texte auszubauen. Zurzeit stehen etwa 12 000 Artikel online, 420 Journalisten haben sich registriert. Freie Journalisten können auf dem Portal für 72 Euro Grundgebühr pro Jahr (2011 ist noch gebührenfrei) Artikel anbieten. Kauft jemand ein Nutzungsrecht, gehen 30 Prozent der Honorar-Einnahmen an die Post. Erhält ein Journalist über das Portal einen Auftrag, sind 15 Prozent des Honorars fällig. Die Post AG übernimmt die Zahlung und rechnet später mit dem Käufer ab.
Freie Journalisten können zwischen verschiedenen Lizenztypen wählen: Sollen die Rechte beim Autor bleiben oder dürfen diese auf Dritte übertragen werden? Muss der Urheber bei Veröffentlichung genannt werden? Darf der Text vom Käufer verändert werden?
Ob das Modell wie geplant funktionieren wird, können wir nach so kurzer Zeit noch nicht beurteilen. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat der Plattform sein Gütesiegel gegeben. In der Pressemitteilung der Portalbetreiber heißt es: „Axel Springer AG, IDG Communications Media AG und der Deutsche Journalisten-Verband unterstützen DieRedaktion.de“.
Wir Freischreiber haben jedoch noch einige Fragen und Einwände:
- Urheberrecht: Ungeprüft ist noch, ob die Verlage tatsächlich die Rechte an allen Texten, die sie dort anbieten, besitzen. Die Post AG hat bereits erklärt, dass sie sich für Urheberrechtsverletzungen nicht zuständig fühlt und die Verantwortung dafür den Verlagen überlässt.
- Honorare: Die Honorare für die bislang angebotenen Texte liegen bei etwa 90 Euro für 450 Wörter. Die Preise sind auch nicht an die Auflagenhöhe des Mediums gebunden. Völlig unklar ist, ob auf dem Portal ein weiterer Dumpingmarkt entsteht (siehe die Entwicklung bei den Bildagenturen zu so genannten Microstocks).
- Das Portal wird sich wahrscheinlich nur über die Masse rechnen – sowohl für die Verlage als auch für freie Journalisten. Als Textabwurfstelle könnte das Portal dem Ansehen journalistischer Arbeit schaden.
- Wer kauft die Texte? Regionale Tageszeitungen, die damit ihre Seiten „füllen“ (und dadurch die Vergütungsregeln für Tageszeitungsjournalisten unterlaufen)?
- Das Portal begünstigt eine Vermischung von Journalismus und PR. Es bezeichnet sich als „B2B-Plattform für Journalisten, Verlage, Corporate Publishing-Dienstleister sowie Unternehmen und Verbände“. Weiter heißt es: „Ihr Unternehmen benötigt eine neue Broschüre oder qualitativ hochwertige Pressetexte? DieRedaktion bietet Ihnen Zugang zu professionellen Journalisten aus allen Fachrichtungen.“
- Das Portal benutzt journalistische Begriffe, ohne sie ausfüllen zu können: "DieRedaktion" hat mit einer Redaktion nicht das Geringste zu tun. Das Portal betreibt ausschließlich Online-Verwaltung und -vermarktung. Es verwendet den Begriff Qualitätsjournalismus ungeprüft für alle Texte. Und stellt ihn in eine Reihe mit „Premium Content“.
Einige Mitglieder des Freischreiber-Vorstands haben sich in der Beta-Phase auf dem Portal registrieren lassen, um es besser kennenzulernen und in der praktischen Erprobung zu testen. Dies ist kein „Ja“ zu diesem Experiment. Wir möchten die freien Journalisten vielmehr auffordern, ihre Einschätzungen, aber auch ihre konkreten Erfahrungen mit dem neuen Portal in der Kommentarspalte zu beschreiben.
Nachtrag: Thomas Hillenbrand vom Netzfundbuero hat eine interessante Beobachtung gemacht: "DieRedaktion" wirbt für ihren "Online-Marktplatz für Qualitätsjournalismus" mit einem PR-Berater.
Nachtrag II: Einen ersten Testbericht von Daniel Drepper gibt es hier.
Nachtrag III: Eine erste Einschätzung durch die DJV-Zeitschrift journalist.

Kommentare
Mir ist unklar, was eine Textvermarktungsplattform generell bringen soll, außer die absolute Beliebigkeit.
Welches seriöse und an Qualität interessierte Medium wird auf solche den Massen zugänglichen Texte zurückgreifen? Richtig! Keins. Das, was man dort kauft, kann schließlich auch gleichzeitig in der Apotheken-Zeitschrift oder im Häkel-Journal erscheinen. Wie unangenehm! Deshalb frage ich mich ernsthaft: Wo besteht eigentlich der Markt dafür? Wer will Texte haben, die auch überall anders erscheinen? Im Normalfall besteht doch immer noch der Anspruch, sich als Blatt oder Magazin abzuheben, anders zu sein als die anderen.
Reichtum und Ehre wird demnach keinem Autor bzw. freischaffendem Journalisten damit gewährt, höchstens ein paar Euronen Zweitverwertung und das zu dem Preis, nicht zu wissen, was wie und vor allem wo erscheint. Puh, gefährlich!
Dies ist nicht der erste Versuch, mit Texten Freier Journalisten Geld zu verdienen - und es wird nicht der Letzte sein!
Bislang ist aber noch jeder damit gescheitert, auch weil es sich für die Freien kaum rechnet!
Außerdem sucht doch kein ernst zu nehmendes Medium eauf den Wühltischen nach Resten, bloß weil es dort billig ist ...
Ich sehe dieses neue Portal lediglich als Geldmaschine für die Post. Die großen Verlage wie Axel Springer & Co versuchen hier billig Texte zu bekommen und Texte von Freien, die Artikel bei Springer veröffentlicht haben, zu verscheppern. Sieht man sich die Dumpinghonorare an, die Freie derzeit auf dem Markt erhalten, ist eine solche Abzocke, wie sie auf diesem neuen Portal betrieben wird, verwerflich. Hier geht es nicht um guten Journalismus, sondern um Profit. Das kommt gleich nach dem "Bürgerjournalismus", der ja für Umme betrieben wird. Was da als "große Hilfe" für Journalistinnen und Journalisten hingestellt wird, ist nichts weiter als Geschäftemacherei hinter dem Rücken der eh´ geknebelten Freien.
Ich habe mir die Sache schon vor einigen Tagen angesehen. Die Texte dort sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Teilweise gut bis sehr gut geschriebene Stücke, teilweise aber auch Ansammlungen von Laienfehlern, wie man sie von suite 101 kennt.
Die Provision von 30 Prozent ist durch nichts zu rechtfertigen, vor allem nicht in Verbindung mit einer Jahresgebühr und angesichts des auf der Plattform herrschenden niedrigen Honorar-Niveaus. Diese Preisstruktur ist für freie Journalisten prohibitiv.
Ich kann mich irren, aber ich gebe der Sache keine große Zukunft. Möglicherweise werden da Verlage Archiv-Texte auf Halde legen – auch wenn sie sich nicht verkaufen, fressen sie dabei kein Brot. Was einem Freien dieser Textfriedhof bieten kann, muss sich erst noch zeigen.
Der DJV hat dem neuen Portal keineswegs sein "Gütesiegel", was immer das sein mag, verpasst, sondern betont, dass er die Plattform begrüßt - nicht mehr und nicht weniger. Ob dieRedaktion.de ein geeignetes Instrument zum Artikelverkauf und zur Auftragsgewinnung ist, entscheidet jeder freie Journalist für sich individuell. Diejenigen DJV-Mitglieder, die das Portal vor dem offiziellen Start testen durften, haben sich durchweg positiv geäußert.
Aber ist es nicht ein Gütesiegel, wenn DER Journalistenverband (zumindest DER größte) das Portal "begrüßt"? Ich finde, dass es sich wie ein Siegel anhört. Komisch, dass der DJV da gemeinsame Sache mit Springer und Post macht.
Angesichts der hier aufgelaufenen Fragen und Kritikpunkte, fände ich es angebracht, wenn sich die Verantwortlichen der Deutschen Post AG hier zu Wort melden würden.
Lieber Kollege Zörner,
tut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen. Auch auf mich wirkt das wie ein Gütesiegel. Die Post beschreibt dieses gewiss gut gemeinte "Begrüßen" immerhin so...
"Die Deutsche Post konnte mit den Verlagen Axel Springer AG, der IDG Communications Media AG sowie dem Deutschen Journalisten-Verband zum Start gleich drei starke Unterstützer für dieses Projekt gewinnen."
...und setzt noch drauf:
"Aus der Sicht des Unternehmens ist dies auch eine Bestätigung dafür, mit DieRedaktion.de die Bedürfnisse des Marktes getroffen zu haben."
Ich sehe mich als Teil dieses Marktes, meine Bedürfnisse trifft das Angebot nicht. Deshalb unterstütze ich das Portal nicht, ich begrüße es nicht einmal, und als DJV-Mitglied wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie bei der Post dafür sorgen könnten, dass nicht mehr der Eindruck erweckt wird, wir seien alle dafür. Da "DieRedaktion.de" kein Thema auf dem Verbandstag war und ergo nicht darüber abgestimmt wurde, begrüßt meines Erachtens auch nicht "der DJV" das Projekt, sondern beispielsweise der Bundesvorstand oder der Bundesgeschäftsführer.
Als einer derjenigen, die sich im DJV ehrenamtlich um Urheberrechtsfragen kümmern, sehe ich solche Portale im allgemeinen und dieses im besonderen als kontraproduktiv an. Das heißt nicht, dass wir uns keine Gedanken über Vermarktungsportale mehr machen sollten. Mein Anspruch wäre aber, dass freie Journalisten sich da mit ihren Stärken, Spezialgebieten, Leistungen und Referenzen in einer für Redakteure komfortablen Weise darstellen können. Marketing ja, unkontrollierter Verkauf zu vom Portalbetreiber definierten AGB nein.
Zur Rolle des DJV bei der ganzen Geschichte und zu Sinn und Zweck dieser Plattform schreibt die Post:
"Die Redaktion ist eine Plattform im Internet für Inhalte, die Journalisten erstellen. Die Deutsche Post hat dies in Kooperation mit dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) entwickelt. Sie richtet sich an Journalisten, Verlage und Corporate Publishing-Dienstleister. Auch Unternehmen und Verbänden bietet sie Zugang zu professionellen Beiträgen für die interne und externe Kommunikation sowie die Gelegenheit, Aufträge für Artikel individuell einzustellen."
Wer gesehen hat, was Springer wie in diesen Content-Container kippt, dürfte restlos desillusioniert sein. Allein schon, dass die Burschen Berichte, Interviews und Features unterschiedslos als "Meldungen" verklappen - darunter vor allem typische Tageszeitungsware aus dem Welt-WamS-MoPo-Pool, deren Verfallsdatum längst überschritten ist! Grotesk wird es, wenn man die Preise anschaut. Ein paar Beispiele dazu in meinem Blog.
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