Christian Jungblut: "Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall"

Christian Jungblut ist ein Mann, der der Gefahr ins Gesicht zu blicken bereit ist. In seinem Buch "Die riskierte Katastrophe" berichtete er etwa von seinem Undercover-Einsatz auf einem Supertanker. In der vergangenen Woche hat er es mit einem Supertanker zu Lande aufgenommen: Vor dem Hamburger Landgericht stritt er mit dem Magazin GEO um das Recht am eigenen Stil. Gegenstand der Auseinandersetzung war ein Stück, das mit der Überschrift "Plan B" in der Dezemberausgabe 2009 veröffentlicht worden war und von den Folgen des Klimawandels in den Niederlanden handelt. Jungblut gewann. Wolfgang Michal berichtet über den Fall bei MAGDA, Stefan Niggemeier in seinem Blog. Hier kommt nun der Autor selbst zu Wort.

Nachtrag, 16.30 Uhr: Stefan Niggemeier hat das Urteil veröffentlicht.

 

Herr Jungblut, Sie haben für das Magazin GEO ein Stück verfasst, unter dem Sie nach der Redigatur nicht mehr Ihren Namen sehen wollten. Der Chefredakteur Peter-Matthias Gaede schrieb in einem Kommentar beim Kollegen Stefan Niggemeier, Sie seien ein Einzefall, 99,9 Prozent aller Autoren seien mit der Bearbeitung durch die GEO-Redaktion einverstanden. Sind Sie tatsächlich nur ein Einzelfall?

Nein, bestimmt nicht. Aber darauf möchte ich im Moment nicht näher eingehen. Nur eines dazu: Natürlich ist es ein Akt, gegen eine Redaktion gerichtlich vorzugehen. Ich habe das nur getan, weil die Eingriffe in Texte in letzter Zeit immer schlimmer wurden. Mit der Bearbeitung des Holland-Textes war für mich ein Punkt erreicht, der nicht mehr akzeptabel war. Bei der Chefredaktion war aber keine Bereitschaft vorhanden, darüber zu sprechen. Für die meisten Kollegen ist es natürlich ein Problem, sich auf eine solche Art gegen eine Redaktion zu wenden, weil sie verständlicherweise Angst haben, dass sie danach nie wieder einen Job bekommen.

Warum wollten Sie diesen Fall bis zu einer gerichtlichen Entscheidung führen?

Ich habe mich irgendwann gefragt: Mensch, kannst du dir eigentlich selbst noch ins Gesicht gucken? Was lässt du alles mit dir machen? Ich war einfach kühl abserviert worden, als ich monierte, dass der Text so nicht in Ordnung sei. Es geht in meinen Augen auch gar nicht darum, ob einer mit der Bearbeitung seines Textes unzufrieden ist und 99,9 Prozent zufrieden. Selbst wenn nur ein einziger unzufrieden ist, sollte man ihn ernst nehmen. Das ist in diesem Fall nicht geschehen. Und wenn dann ein Gericht sagt, dass das nicht hätte geschehen dürfen, sollte man sich das zu Gemüte führen.

Viele freie Journalisten beschweren sich darüber, dass sie nicht das Gefühl haben, mit Redakteuren auf Augenhöhe an ihren Texten arbeiten zu können. Was ist die Ursache für dieses Missverhältnis?

Ein großes Problem ist das gegenseitige Unverständnis. Die Redakteure haben einen sicheren Posten, beneiden aber die Freien um deren Freiheit, nicht jeden Morgen zur Arbeit antanzen zu müssen. Auf der anderen Seite beneiden die Freien die Festangestellten um deren sicheres Einkommen und um den Vorteil, bei der Bearbeitung eines Textes meist am längeren Hebel zu sitzen. Die Freien haben nicht so viele Machtmittel und müssen sich meistens beugen.

Geht es bei Auseinandersetzungen um eine Redigatur also gar nicht um das Stück selbst?

Jein. Es wird ja immer argumentiert mit „Das ist schlechtes Deutsch“ oder „Das ist nicht spannend.“. Das sind aber Parameter, die sich jeder Bewertung entziehen. Man kann einen Text nicht bewerten wie eine Schraube. Bei der kann ich mit einem Mikrometer genau messen, ob sie passt. Das können Sie mit einem Text nicht machen. Da spielen viele subjektive Bewertungsmaßstäbe hinein. Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall. Der eine findet das Stück gut, der nächste findet es beschissen – und beide haben recht. Man muss einfach akzeptieren, dass es so ist. Es gibt natürlich Autoren, die für sich beanspruchen können, eine größere Menge anzusprechen. Aber das heißt auch noch nicht, dass derjenige ein Wahnsinnsschreiber ist. Jemand, der nur fünf Leser anspricht, kann ein genauso guter Schreiber sein.

Redakteure argumentieren oft, dass durch ihre Arbeit die Texte meistens besser werden. Autoren reklamieren andererseits für sich, eine eigene Handschrift zu haben, die nicht kaputt gehen darf. Wer hat recht?

Beide. Natürlich ist eine Redaktion wichtig, ich habe deren Existenzberechtigung nie angezweifelt. Ich finde es gut, wenn jemand mein Stück gegenliest und sagt: Hör mal, das habe ich nicht verstanden. Und das hier klingt komisch. Ich hatte einen Kollegen bei GEO, Alexander Rost, der für mich der Idealfall eines guten Redakteurs war: Er las den Text, machte seine Bemerkungen dazu, und dann sind wir die einzelnen Kommentare durchgegangen. Und oft habe ich gesagt: Deine Formulierungen finde ich viel besser. Ich bin da offen. Wenn mir aber eine redigierte Fassung vorgelegt wird, die ich nur noch abnicken darf, ist das nur noch ein Verwaltungsakt – und keiner möchte gern verwaltet werden. Das Problem ist doch folgendes: Ich gebe einen Text ab, der dann etliche Instanzen durchläuft. Redakteur, stellvertretender Chefredakteur, die Verifikationsabteilung, am Ende der Chefredakteur. In diesem Durchlauf eignet sich die Redaktion den Text an, so dass im Laufe dieses Prozesses aus einem Text von Klaus Müller ein Stück des Blattes Pipapo wird.

Das Magazin Pipapo wird aber argumentieren, dass es sich um eine bestimmte Blattlinie zu kümmern habe.


Das ist wahr. Aber wenn ein Stück vorliegt, das nicht zur Linie passt, muss man sich mit dem Autor zusammensetzen und ihm sagen: Das läuft so nicht ganz – kannst du das anders machen? Oder man muss ihm sagen: Nö, das wird nichts mit uns. Man darf einen Text aber nicht als Rohmaterial verstehen, aus dem man eine neue Version dichtet. Und darum ging es mir bei dieser Angelegenheit. Darum festzustellen, wie weit eine Redaktion eigentlich gehen darf und wie weit sie sich mit mir ins Benehmen setzen muss.

Sie sind ein renommierter Autor mit Jahrzehnte langer Erfahrung: Was ist Ihr Ratschlag für Redakteure einerseits und Autoren andererseits, um zu einer guten Basis zu finden?

Erstmal ist es wichtig, dass auf der Seite der Redaktion die Einsicht besteht, dass ein freier Journalist ein Autor ist, mit dem man sich verständigen muss und den man nicht einfach übergehen kann, indem man in seinem Text herum malt und ihm das dann vorsetzt. Die Einsicht, dass der Autor zwar ein Nutzungsrecht überträgt, aber ein persönliches Urheberrecht hat, ist der wichtigste Schritt.

Und was ist Ihr Rat an die Autoren?

Das ist sehr kompliziert. Die Autoren sind ja abhängig, werden immer schlechter bezahlt und verhalten sich dementsprechend immer vorsichtiger. Sie nicken Dinge ab, die sie nicht abnicken würden, wenn sie genug Geld hätten. Und wenn sie dann zudem noch eine Familie haben, ist es noch schwieriger. Natürlich ist es immer wichtig, das Rückgrat gerade zu machen. Aber wenn man das im falschen Moment tut, ist man seinen Job los und steht auf der Straße, das ist auch nicht so klug. Wichtig ist, dass jetzt das Wissen vorherrscht, dass – wenn dieses Urteil Bestand hat – man bestimmte Rechte hat. Bislang sind Redaktionen mit der Haltung aufgetreten: Wir können machen, was wir wollen. Dass das Wissen, dass das nicht stimmt, nun vorhanden ist, das macht schon viel aus. Aber abschließend muss ich auch sagen: Ich habe auch für viele andere Redaktionen außer GEO gearbeitet, und meistens habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich hatte mit vielen Leuten zu tun, die sich wirklich Mühe gegeben haben.

 

Was uns nun interessiert: Welche Erfahrungen machen andere Autoren, wenn sie mit Redakteuren an ihren Texten arbeiten? Wo läuft die Zusammenarbeit zwischen Freien und Redakteuren gut und wo sollte das Urteil des Landgerichts Hamburg sofort ans Schwarze Brett gehängt werden?

 

Weitere Stimmen:

Frau Elise im blog „offensichtlich“

Und Herr Widmer aus der Schweiz

David Denk in der taz

Reporter Andreas Altmann auf seiner Website

Reporter Reiner Luyken hier in Kommentar 36

 

 

Kommentare

Ich habe Geo-Saison für ihr Reiseheft eine renommierte Kinderbuchautorin vermittelt, die eine hübsche kleine Ich-Geschichte verfasst hat. Das, was unter ihrem Namen gedruckt werden sollte, hatte mit ihrem Text rein gar nichts mehr zu tun. Die redigierende Person hatte ihren Trennungsschmerz und Babywunsch hineingearbeitet und auch sonst noch allerlei Zeugs. Natürlich gab es Ärger. Und natürlich wurde der Text nicht unter dem Namen der Kinderbuchautorin veröffentlicht. So viel zum Thema, bei Geo seien 99,9 Prozent der AutorInnen zufrieden. Es sind also allenfalls 99,8 Prozent. Wobei das gelbe Geo unter den grünen Geo-Leuten mit Sicherheit nicht zählt.

Ich denke, die meisten von uns haben so etwas schon erlebt. Was nicht heißen soll: Get over it und mach' nicht so einen Wind, sondern im Gegenteil - gut, dass mal jemand so vehement dagegen vorgeht. Auch ich habe in den meisten Fällen gute Erfahrungen mit den Redaktionen gemacht, aber einige kennen eben ihre Grenzen nicht. Montesquieu wird der Ausspruch zugeschrieben: "Wo es nicht nötig ist, ein Gesetz zu erlassen, da ist es nötig, kein Gesetz zu erlassen." In Abwandlung davon sage ich: Wo es nicht nötig ist zu redigieren, ist es nötig, nicht zu redigieren. Ich versuche mich selber daran zu halten, wenn ich fremde Texte bearbeite. Da hilft diese Handlungsanleitung sehr.

Schwieriges Thema. Was man nicht vergessen darf: Nicht immer geht es um reine Stil- und Geschmacksfragen. Ich selbst bin Redakteur bei einem nicht allzu bekannten Magazin. Für uns schreiben in der Regel freie Autoren, die eben nicht mit Preisen dekoriert sind - weil wir kein renommiertes Blatt sind und weil wir nur mittelmäßig viel zahlen können. So kommt es regelmäßig vor, dass wir Artikel von freien Autoren bekommen, bei denen von vorne bis hinten handwerklich richtig viel nicht hinhaut: Texte, die - ich rede jetzt nur von Struktur und Sprache, nicht vom Inhalt - eigentlich nicht dem Standard "professionell" entsprechen.
In so einem Fall müssen wir einfach massiv redigieren - da geht es nicht um Stil- oder Geschmacksfragen, sondern darum, ob man es schafft, einen Text überhaupt auf ein Basisniveau zu bekommen.

Mein Eindruck ist: Wenn Redakteure selbst mal als Freie gearbeitet haben bzw. die Chefredaktion weiß, wie Freie arbeiten, profitiert davon die Zusammenarbeit genauso wie davon, dass Freie wissen, welchen Zwängen Redakteure bzw. Redaktionen ausgesetzt sind. Ich finde, Christian Jungblut hat genau den richtigen Punkt erwischt: Oft genug werden über die Redigatur Auseinandersetzungen ausgefochten, die mit der eigentlichen Arbeit am Text überhaupt nichts zu tun haben. Da geht es dann um Eitelkeit, Macht und die Leidenschaft, dem anderen zu zeigen, dass es immer noch ein bisschen arroganter geht. Aber das passiert nach meiner Erfahrung auf Redakteurs- wie auf Autorenseite. Und um hier deshalb auch mal ein Positivbeispiel anzuführen: Wenn man mit den Leuten von Neon zusammenarbeitet, hat man das Gefühl, dass es um nichts anderes geht als darum, das Beste aus einem Text herauszuholen. Aber wie gesagt: Das liegt vor allem daran, dass sowohl die Chefs als auch die Redakteure selbst frei gearbeitet haben.

Zu SH

Ich habe etliche Jahre als freie Textchefin gearbeitet und weiß, was Du meinst. Keine Frage. Auch, war ich in meinem Eingreifen wohl nicht immer fair. Soll heißen, habe zu stark den Stil verändert, wenn ich ihn für nicht gelungen oder peinlich hielt. Ja, das ist eine schwierige Situation.

Was aber nicht geht, ist Texte so zu bearbeiten, dass sie mit dem Ursprungstext nichts mehr zu tun haben und zu meinen, man habe einen Anspruch darauf, mit den Texten so umgehen zu können. Wir sind doch keine Zulieferer, die die Bausteine liefern, aus denen andere die Gebäude bauen.

Im Übrigen war bei meiner Tätigkeit auch manches Mal ein Text dabei, der so vergurkt war, dass er vom Schreibtisch aus neu recherchiert werden und komplett neu geschrieben werden musste. Das war viel Arbeit. Zum Teil sind die Texte sehr schön geworden. Die Redaktionsleitung hat dann beschlossen, den Namen der ursprünglichen Autorin, des Autors drunter zu setzen. Das finde ich auch nicht richtig. Es gibt einfach Leute, die nicht besonders gut schreiben können. Wenn unter ihrem Namen tolle Texte erscheinen, ist das alljenen gegenüber unfair, die ihnen, weil sie ja so tolle Schreiber sind, im Anschluss Aufträge geben.

Natürlich ist die Qualität eines Textes zu großen Teilen objektivierbar – gerade bei Gebrauchstexten, zu denen die meisten journalistischen Darstellungsformen zählen. Deshalb wird redigiert, und das in der Regel aus gutem Grund.



Aber eben immer mit dem Einverständnis der Autoren und in Absprache mit ihnen. Nicht nur wegen ihres Urheberpersönlichkeitsrechts, sondern auch, weil es wirtschaftlich ist: Ein Autor, der gemeinsam mit Redaktion oder Lektorat an einem Text arbeitet, gewinnt dadurch an Qualifikation. Das hilft auf die Dauer dem Autor und macht dem Redakteur weniger Mühe – so jedenfalls meine Erfahrung.



Wer sich als Redakteur in Texten selbst verwirklichen möchte, soll sie auch selbst schreiben. Und wer wirklich Unbrauchbares auf den Tisch bekommt, bedankt sich freundlich, weist im besten Fall ein Ausfallhonorar an und verzichtet auf die weitere Zusammenarbeit mit diesem Autor.

Ich finde es immer gut, wenn sich jemand gegen die Content-Industrie durchsetzt. Das Traurige ist natürlich, dass Sie jetzt vermutlich gar keine Aufträge aus den grossen Konzernen mehr bekommen (ähnliches Beispiel siehe Jean-Marc Bosman, der Fussballer der auch ein wichtiges Urteil erstritten hatte).

 Die Fragestellung hier ist ja nicht nur eine theoretische, sondern sollte auch vor dem Hintergrund des Arbeitsalltags betrachtet werden. Die Redaktion unseres oben erwähnten Magazins besteht aus 3 Redakteuren, die für ein Print-Magazin und eine Webseite zuständig sind. Wenn wir freie Autoren beschäftigen, dann machen wir das, weil wir es zu dritt nicht schaffen, alle Inhalt selbst zu generieren. Freie Autoren sollen uns also Arbeit abnehmen. Das funktioniert aber nicht, wenn wir einen wirklich schlechten Text bekommen, bei dem die Mängelliste, die wir dem Autoren zurück senden, länger ist als der Text selbst. Die Versuchung, einfach im Alleingang zu redigieren, ist also groß: Es geht einfach viel, viel schneller, als x mal mit dem Autoren hin und her zu mailen, bis der Text schließlich passt.

Wenn der Autor zudem seinen Text nicht zum vereinbarten Termin abgegeben hat - was, ich schätze jetzt mal, etwa in der Hälfte der Fälle passiert, will man sich erst recht nicht auf eine tagelange gemeinsame Textarbeit einlassen.

Bei uns ist es so: Wenn ein freier Autor zum vereinbarten Zeitpunkt einen handwerklich ordentlichen Text, der im Großen und Ganzen den besprochenen Leitlinien entspricht, liefert, wird der gedruckt - mit sehr, sehr wenigen Änderungen. Und der Autor kriegt höchstwahrscheinliche Folgeaufträge. Auf diese Art arbeiten wir mit 3 Autoren seit Jahren gern zusammen.

Wer dagegen auch 3 Tage nach Abgabefrist nichts von sich hören lässt und dann auf Nachfrage ein zusammengenageltes Stück liefert, dessen Text wird halt unter Umständen stark verändert. Und es war sein letzter Auftrag bei uns.

 

Und bei all dem geht es nicht um Stilfragen. Wir schreiben für junge Erwachsene, dem sollten Sprache und ggf. Auswahl von Protagonisten etc. angepasst sein. Darüber hinaus verlangen wir einzig einen ordentlichen Text und haben wirklich besseres zu tun, als individuelle Stile abzubügeln und unseren eigenen (?) durchzudrücken.

Der entscheidende Hinweis von Jungblut oben ist, dass in vielen Redaktionen der Renommier-Zeitschriften etwa von G+J das Redigieren mittlerweile ein inhalts- und handwerksfremder Verwaltungsakt geworden ist, mit viel zu vielen Wichtigtuern auf diversen Ebenen, die den Texten einfach nicht gut tun. Die sind nämlich meistens am besten, wenn Autor und der Redakteur auf Ebene 1 mit ihrer Arbeit fertig sind. Und dann geht der Text-Terror aber erst richtig los, wochen- manchmal monatelang, und am Ende kommt meist nur Mist raus, den zudem auch niemand mehr nachvollziehen kann und der deshalb einfach (siehe Gaede) stumpf rechthaberisch verteidigt wird, um die eigene Bedeutung zu erhalten.

Ich hatte kürzlich auch ein feines Erlebnis: Gab meinen Text ab und bekam ein überaus positives Feedback, nur eine Passage sollte etwas umgestellt werden. Danach sollte der Text in die Freigabe zu den Protagonisten. Als ich die Freigabe erhalten hatte, hatte der Redakteur zwischendurch leider bereits am Text "gearbeitet". Was bedeutet: den Text so komplett umgeschrieben, das vom Ursprungstext, von den Ursprungszitaten, ganz zu schweigen vom Ursprungsflair nichts mehr übrig geblieben war. Erklärung des Redakteurs: "Ich habe angefangen zu redigieren - und dann hat sich immer mehr ergeben." Sämtliche Zitate mussten neu freigegeben werden, was die Protagonisten damit quittierten, nicht mehr namentlich erwähnt werden zu wollen, weil es absolut nicht mehr dem entsprach, was sie gesagt hatten. Sie erkannten sich nicht wieder - ebenso wenig wie ich meinen Text wiedererkannte. Er ist unter meinem Namen erschienen, aber ich würde ihn niemals als Arbeitsprobe angeben oder darauf hinweisen, sondern vielmehr darauf hoffen, dass ihn niemand liest (nicht wahrscheinlich bei über 400.000 verkauften Exemplaren). 

Ich kenne beide Seiten, habe viele Jahre als Redakteurin gearbeitet, mit guten und weniger guten Autoren. Ich habe immer versucht, nur das Nötigste zu redigieren und den Stil zu bewahren. Ich habe auch wirklich viel Grütze gelesen und manches mal gedacht, dass ich das besser gekonnt hätte. Das ist aber noch lange kein Grund, sich aus fremden Texten nur Stichpunkte zu nehmen und daraus Brei zu machen.

Ich kenne als freier Journalist beide Seiten, arbeite als Redakteur wie als Textlieferant. Ich denke, die Redaktionen sollten über ihren Schatten springen und Jungblut danken. Er ist für einen weiteren Medienpreis fällig, weil er eine wichtige Qualitätsdiskussion auf den Weg gebracht hat. Welche Jury will die erste sein?

Ich begrüße dieses Urteil natürlich sehr, das steht außer Frage - aber ich würde gerne mal die Diskussion um einen Seitenaspekt erweitern: das Honorar. Frage also: Wenn mir eine Redaktion Reisekosten zahlt und ein Honorar, hat sie dann nicht auch das Recht, von mir genau das zu bekommen, was sie möchte - und auch so, wie sie es möchte? Schließlich trägt der Verlag das wirtschaftliche Risiko, nicht ich. 

Ich habe das bisher immer so gesehen und mich bemüht, meinem Auftraggeber genau das zu liefern, was er bestellt und bezahlt hat. Ich habe mich immer als Dienstleister verstanden, ähnlich wie ein Architekt/Handwerker etc. Ich habe mich nie als Künstler verstanden, der ein "Werk" abliefert, einem Komponisten vergleichbar, der einen Kompositionsauftrag bekommt und dann dem Opernhaus die heilige Partitur überreicht.

Bedeutet dieses Urteil offenbar, um es mal ein bisschen überspitzt zu sagen, dass ich mich als Journalist sehr wohl als Künstler verstehen darf, weil ich ja offenbar urheberrechtlich geschützte "Werke" schaffe? Scheint ja irgendwie so zu sein. Sollte ich an meinem Selbstbild arbeiten müssen?

Oder ist es nicht doch so, dass "geo"-Reportage durchaus ein solches "Werk" sein kann - ein Artikel auf www.hallohund.de o.ä. aber nicht?

 

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

Sie, auch Herr Niggemeier, auch Herr Michal bei Magda, auch sämtliche Blogger in den angehängten Foren kennen bisher nur ein Gerichtsurteil in erster Instanz - und zu dessen Vorgeschichte die Version von Herrn Jungblut. Das sollten Sie bitte berücksichtigen, wenn Sie selber urteilen.

Zum Gerichtsurteil äußern wir uns nicht in der Öffentlichkeit, sondern dort, wo es hingehört. Und zur tatsächlichen Vorgeschichte und zu Herrn Jungblut äußern wir uns, ein Gebot der Höflichkeit, ebenfalls nicht auf dem Marktplatz der Anonymen.

Über einige Rufmord-Versuche jener in den Hecken und hinter den Mauern tröstet uns das Urteil der Leser, das GEO seit vielen Jahren an der Spitze der deutschen Monats-Magazine hält.

Mit besten Grüßen

Peter-Matthias Gaede

GEO

"Das ist nicht spannend".

Genau dies momentane Modeadjektiv "spannend" scheint ja gaaaanz wichtig für Kleingeister zu sein, wenn ich all die Artikel in diversen Zeitungen und Magazinen so täglich lese.

Sehr geehrter Herr Gaede,

genau deshalb hat sich Christian Jungblut in unserem Interview ja auch kaum zum Urteil selbst und viel mehr zu den generellen Aspekten der Zusammenarbeit zwischen Redaktionen und Autoren geäußert. Natürlich finden wir auch Ihre Sicht erhellend, gerade, weil es uns um eine Diskussion geht, die über das Verhältnis zwischen der GEO-Redaktion und ihren Autoren hinausreicht. Wir würden uns deshalb freuen, wenn wir auch Sie dazu, nicht zum Urteil, interviewen könnten. Was meinen Sie?

Herzlichen Gruß,

Kai Schächtele

Freischreiber

Sehr geehrter Herr Schächtele,

lassen Sie uns das dann machen, wenn dieser eine - im Moment so dominante, aus meiner Sicht aber zu spezielle - Fall komplett über die Bühne ist. Dann stehe ich jederzeit und sehr gern zur Verfügung.

Mit besten Grüßen

Peter-Matthias Gaede

GEO

@Margot

Ja, das ist eine interessante Frage, ob es einen Unterschied gibt zwischen GEO und hallohund.de. Die Urheberrechtsspezialisten fragen dann, ob ein Werk eine gewisse "Schöpfungshöhe" erreicht. In Paragraph 2 Urhebergesetz werden Beispiele genannt, da zählen dann auch Architektenentwürfe, Karten, Reden, Computerprogramme, Tabellen und... Schriftwerke dazu. D.h. ein Urheber kann, muss aber kein Künstler sein. Reporter genügt. 

Eine Zeitschrift kauft aber keine Dienstleistung wie bei einem Handwerker, sondern ein Nutzungsrecht an einem Werk. Und zu diesem Werk steht der Urheber in einem persönlichen Verhältnis. Deshalb gibt es - zumindest in Europa - dieses Urheberpersönlichkeitsrecht. Und seine persönlichen Interessen darf ein Autor gemäß Paragraf 14 Urhebergesetz verteidigen. Das ist eigentlich auch schon alles.

Manche Autoren sind tolerant, was Änderungen an ihren Texten angeht (einige sind vielleicht sogar dankbar dafür), andere wiederum nehmen es mit jeder Zeile sehr genau. Aus meiner Erfahrung als Geo-Redakteur weiß ich, dass die "schwierigeren" Autoren oft die besseren sind. (Und hier gilt natürlich - wie immer in solchen Fragen - auch das Gegenteil: pflegeleichte Autoren können besser sein als schwierige). 

Das Urteil sagt nur: Da haben wir einen interessanten Fall, in dem sich die beiden Seiten nicht einigen konnten. Und deshalb ist eine klärende Stellungnahme zum Urheberpersönlichkeitsrecht eine große Hilfe.

Es ist sozusagen ein Wink mit dem Zaunpfahl, die Zusammenarbeit zwischen Autoren und Redakteuren zu verbessern.

 

 

@wolfgang @margot

Vieles wäre ja auch schon damit gewonnen, wenn Redaktionen das Recht auf den letzten Blick des Autors vor der Drucklegung gewähren würden. Das hat GEO ja offenbar getan. Dann müßte die Redaktion allerdings auch akzeptieren, wenn ein Autor nicht mehr mit seinem Namen unter (oder über) so einen Artikel stehen möchte. Das hat man bei GEO offenbar nicht getan. Warum eigentlich nicht Herr @Gaede?

@  Wolfgang

Danke für die Erläuterungen und die Paragraphenhinweise - das habe ich alles nicht gewusst! 

@ Benno

Ja, das habe ich mich auch gefragt. Ich persönlich habe schon öfter in so einem Fall meinen Namen zurück gezogen (würde mich aber, nach Wolfgangs Hinweisen, künftig sicher auch mal anders verhalten) - aber ich habe es noch nie erlebt, dass eine Redaktion DAS dann nicht akzeptiert hat.

Was ich allerdings auch schon erlebt habe - aber nur ein einziges Mal, um ehrlich zu sein: Eine fest angestellte Redakteurin bestellte bei mir, ich war damals noch eine kleine Berufsanfängerin, eine große Geschichte - einen Report, drei "Fälle", langer Lauftext, insgesamt drei Doppelseiten. Dann schrieb sie zwei Halbsätze um und den vierten Absatz neu und warf einen Kasten raus - und als das Belegexemplar im Briefkaste lag, stand über der Geschichte der Name der Redakteurin. Meiner stand hinten unten drunter in 5 punkt als "Mitarbeit" (nein, es war nicht der "stern", sondern eine Zeitschrift, die das heute meines Wissens so auch nicht mehr macht). Ich habe mich darüber in der Chefredaktion beschwert und als Beweis meinen Originaltext mitgeschickt. Ich habe nie eine Antwort bekommen und nie wieder einen Auftrag von denen erhalten.

 

Guten Abend, Herr Gaede,

gut, so machen wir das. Nur eines noch: Es geht uns gar nicht um die Vorgeschichte der Auseinandersetzung zwischen Ihnen und Herrn Jungblut, über die er selbst ja auch nicht gesprochen hat, jedenfalls nicht bei uns.

Worum es uns geht, ist vielmehr die Nachgeschichte: Was kann man aus diesem Fall lernen? Denn letztlich haben wir ja alle dasselbe Ziel: so gut zusammenzuarbeiten, dass am Ende spannender Journalismus herauskommt. Die Frage ist nur, wie wir das unter immer schwieriger werdenden Bedingungen hinbekommen. 

Wir freuen uns auf das Interview.

Herzlichen Gruß,

Kai Schächtele

Freischreiber

@Benno: Du schreibst: "Vieles wäre ja auch schon damit gewonnen, wenn Redaktionen das Recht auf den letzten Blick des Autors vor der Drucklegung gewähren würden."

Ja, das sollte im Zeitalter des E-Mail-Anhangs eigentlich Standard sein (Meldungen in hallohund.de mal ausgenommen;-). 

Allerdings müsste das Recht auf den letzten Blick gar nicht "gewährt" werden. Es existiert nämlich bereits. § 23 Urhebergesetz, 1. Satz: "Bearbeitungen oder andere Umgestaltungen des Werkes dürfen nur mit Einwilligung des Urhebers des bearbeiteten oder umgestalteten Werkes veröffentlicht oder verwertet werden."

 

Christian Jungblut kann ich nur beglückwünschen, dass er seinen Text so konsequent verteidigt hat. Ich selbst hatte vor einiger Zeit ein ähnliches Erlebnis mit einer Fachzeitschrift, mit der ich schon viele Jahre überwiegend gut zusammengearbeitet hatte. Es ging um einen Text, für den ich mehrere Monate recherchiert hatte. Er behandelte ein Thema, das für meine Region sehr wichtig war. Dieser Text sollte plötzlich mit einer riesigen Fotomotage erscheinen, in der zwei wichtige Akteure in einer ziemlich entwürdigenden Situation gezeigt wurden. Sie hätte die Grundaussage meines Textes ins Gegenteil verkehrt.

Zunächst bemühte ich mich bei dem Chefredakteur darum, dass er auf die Fotomontage verzichtet oder sie zumindest in kleinerem Maßstab gemeinsam mit anderen Fotos veröffentlicht. Als er das verweigerte, wollte ich meinen Text zurückziehen. Das lehnte er ebenfalls ab. Daraufhin holte ich eine Rechtsauskunft ein und untersagte den Abdruck. Das hat dann gewirkt. Allerdings wurde auch mein langfristiger Vertrag fristlos gekündigt.

Den damit verbundenen Umsatzausfall konnte ich trotz großer Akquise-Bemühungen bisher nicht durch neue Aufträge bei anderen Redaktionen ausgleichen. Ob das nur an der Medienkrise liegt, oder ob da auch noch andere Mechanismen wirken, kann ich nicht eindeutig beurteilen.

Herr Gaede soll doch mal endlich erklären, wie Geo zum Urheberrecht steht.

SH, der weiter oben mehrmals kommentiert, kann ich vollständig zustimmen. Recht hat er. Und überhaupt: Wieso eigentlich ist da ein Freier Autor angep...t, wenn man ihm als Redakteur einen Haufen (Recherche-; Stil-; etc.)-Arbeit abnimmt, die er doch hätte gefälligst selbst erledigen müssen? Ja, wieso eigentlich? 

Die einzige Alternative dazu ist doch: Reklamieren, zurückschicken, nochmal schreiben lassen. Dass sich in diesem Fall das Honorar pro Zeiteinheit bis in die roten Zahlen verdünnen kann, scheinen manche hier nicht zu sehen. Ebensowenig, dass in den meisten Fällen aus schlechten Texten kein guter wird, sondern oftmals ein verschlimmbesserter.

Die Scheinalternative, in trauter Zweisamkeit (Redakteur + Autor) stundenlang an einem miesen Text zu feilen, bis er gut ist, ist doch in der Praxis keine. Wer soll das bezahlen? - und nochmal: Ein Redakteur ist weder Journalistenschullehrer noch Sozialarbeiter. Der hat auch noch anderes zu tun.

Das einzige, was ich am Verhalten der GEO-Leute allerdings klar falsch & verwerflich finde, ist das Veröffentlichen des Jungbluth-Textes unter dessen Namen, obwohl er das nicht wollte. Das ist m.E. der eigentliche Knackpunkt. GEO hätte den Text entweder komplett canceln oder zumindest nicht unter CJ veröffentlichen dürfen. Den Rest kann ich allerdings nachvollziehen (auch wenn ich viele Details anders gehandhabt hätte und es dort in Hamburg ziemlich bürokratisch-hierarchisch-zäh zuzugehen scheint).

„Reklamieren, zurückschicken, nochmal schreiben lassen“ – damit macht man es sich ein wenig einfach, wenn man dem Autor nicht zugleich sagt, wo es bei seinem Text hakt.

Und wenn Redakteur und Autor gemeinsam an einem Text arbeiten (wer hat gesagt, dass es sich lohnt, an einem miesen Text zu arbeiten?), heißt das nichts anders, als dem Autor genau diese Information zu geben und gegebenenfalls seine Einwendungen zu bedenken. Das dauert auch keine Stunden, sondern ist per Telefon und/oder E-Mail schnell zu erledigen. Gelesen werden muss der Text ja ohnehin. Und ganz nebenbei ist es gut investierte Zeit, einen Autor mit Potenzial zu entwickeln.

Ach ja: „Der hat auch noch anderes zu tun.“ Das bringt eine verbreitete Mentalität genau auf den Punkt.

Lieber Hans,

natürlich sage ich dem Autor, woran es hakt. Das allerdings ist schwierig sowie extrem zeitaufwändig, wenn jeder einzelne Satz belegbar Fehler aufweist sowie der Text als Ganzes ein Problem darstellt... und genau deswegen eben "habe ich auch noch anderes zu tun".

Übrigens ist "langweilig" nicht so furchtbar individuell subjektiv, wie einige hier glauben machen wollen. Für Langeweile bzw. langweilige Texte gibt's durchaus einen Konsens in der westlichen Gesellschaft.

Aber zum Thema. Doch, es dauert im allgemeinen Stunden, gemeinsam an einem Text zu arbeiten. Und: es geht wesentlich schneller, das in Eigenregie selbst zu tun. Zwei Personen quasseln eben mehr als einer - und dann muß auch noch jedesmal ein Kompromiss gefunden werden.

Der Irrmeinung, gemeinsame Redigierzeit sei gut investiert, um einen Autor mit Potenzial (eher: mit Format) zu entwickeln, hing ich auch jahrelang an. Leider fälschlicherweise. Inzwischen bin ich der Meinung: Entweder jemand kann schreiben (dann investiere ich diese Zeit mit solchen Rohdiamanten sehr, sehr gerne) - oder er kann's eben nicht. Und im zweiten Fall ist leider jegliche Liebesmüh vergebens. Das ist wie bei Lehrern. Ein guter Lehrer zu sein, kann man nicht lernen. Man ist es - und wird höchstens geringfügig besser oder schlechter.

Bei Journalisten ist's genauso. Wer anders drüber denkt, ist Optimist, Theoretiker oder Weltverbesserer.

@Wissenschaftsjournalist

Wenn wie in Deinem Beispiel jeder Satz belegbare Fehler aufweist, hat man offenbar den falschen Autor beauftragt, der Text ist ohnehin nicht mehr zu retten. Das ist aber doch kein Urheberproblem, da muss man gegebenenfalls einen neuen Autor beauftragen. Bei Geo geht es aber um die Frage, ob gestandene Reporter in einem renommierten Magazin nur "Steinbruchlieferanten" sind. Das Problem ist dabei, dass Redakteure bei der Beauftragung häufig selber nicht so genau wissen, was für einen Text mit welcher These sie eigentlich haben wollen. Die Willensbildung fängt häufig erst dann an, wenn Sie einen Text vorliegen haben, von dem sie dann aber ganz sicher wissen, dass sie ihn sooo nicht haben wollten und dann selber daran herumschnitzen. In diesen Fällen ist es doch nur recht (wie das Urteil zeigt) und billig, dass der Autor sagt, ihr könnt gerne bei jemandem anderen einen neuen Text in Auftrag geben, oder aus meinem Text eine neuen schreiben und unter eigenem Namen veröffentlichen. Aber es geht eben nicht, dass mein Text bis zur Unkenntlichkeit redigiert wird, und unter meinem Namen veröffentlicht wird. Nicht zuletzt haftet ja der Autor auch für Fehler die in seinem Text stehen. Was passiert also wenn ich als Autor von einem Interviewpartner verklagt werde, wegen eines Zitat-Fehlers den mir die Redaktion reinredigiert hat?  Am Ende ist das Urteil eine Aufforderung an die Redaktionen, professioneller mit Texten umzugehen: Vorher klären, was man will, sich das gegebenenfalls auch schriftlich vom Autor bestätigen zu lassen. Im Redaktionsablauf einberechnen, dass auch mal eine Text versemmelt wird und womöglich auch sogar unrettbar verloren ist und ein neuer in Auftrag vergeben werden muss. Dazu kommt, dass Redaktionen diejenigen Autoren, die zuverlässige Qualität liefern eben auch entsprechend pflegen sollte. Auch das ist Qualitätssicherung.  Das klingt weltfremd angesichts der angespannten Lage? Mag sein, aber Qualität kann man halt nicht nur behaupten. Man muss auch die Strukturen dafür schaffen und erhalten.

 @ Wissenschaftsjournalist

Die von dir geschilderten Probleme haben mit dem, was wir hier diskutieren, nämlich dem Urheberrecht bei Werken, die eine gewisse "Schöpfungseben erreicht haben (Danke, Wolfgang!), wohl doch eher wenig zu tun, oder? Du hast einfach schlechte Autoren beauftragt. Soll's ja geben. Muss man dann meiden.

@ Wissenschaftsjournalist

Ich saß auch schon oft genug am Redakteurs- oder Textchefschleifstein und konnte die Lektüre vor lauter Kopfschütteln kaum fortsetzen angesichts des Textes, den ich vor mir hatte. Allerdings: Bei einem Text, bei dem in jedem Satz ein Fehler steckt, als wäre die Fehlersuche ein Spiel für gelangweilte Redakteure, stellt sich die Frage, ob nicht, wie Benno richtig schreibt, im Vorfeld etwas schief gelaufen ist, bei der Beauftragung nämlich. Ich bringe mein Auto ja auch nicht zur nächstbesten Werkstatt, sondern informiere mich vorab über die beste, damit hinterher nicht in jedem Teil ein Fehler steckt.

Ich weiß, dass die Autorenakquise inzwischen auch darunter leidet, dass Redaktionen der Handlungsspielraum fehlt, auch der finanzielle. Und dort ist Textarbeit dann keine Redigatur mehr, sondern Mangelverwaltung. Vielleicht liest ja jemand aus den Verlagen mit, in denen es oft genug heißt: Schlechte Autoren? Man kann doch jeden Text hochredigieren. Die Antwort ist: Nö, kann man nicht. Aber wir schweifen ab: Das wird bei Christian Jungblut nun wirklich nicht das Problem gewesen sein.

Naja, jetzt machst Du dir's aber etwas einfach, lieber Benno - ich tu mir jedenfalls schwer damit zu sagen: "Sorry, aber Deinen Text kannst Du dir abschminken, lieber Freier, der ist einfach zu schlecht...". Selbst Redakteure sind, zumindest in einigne Fällen, keine Aufträge und Geld-verteilenden Roboter.

Unsd zum Thema "falscher Autor beauftragt": Woher soll ich denn wissen, was irgendein Neueinsteiger draufhat? Klar, hinterher ist man immer schlauer.

 

"Bei Geo geht es aber um die Frage, ob gestandene Reporter in einem renommierten Magazin nur "Steinbruchlieferanten" sind."

--- Das Wort "renommiert" geht gar nicht. Was soll diese hohle Blabla-Phrase bedeuten? Dass jeder dieses Blättle kennt? Dann ist die Bild auch renommiert. Oder dass die Texte in diesem Blättle i.A. gute Qualität aufweisen? Dann ist auch so manches junge Wald- und Wiesen-Blatt, das bisher keiner kennt, "renommiert".

- Abgesehen davon: Wenn der "gestandene" Reporter Mist abliefert, dann ist er das wohl: Steinbruchlieferant. Ob's bei CJ allerdings so war, kann erst beurteilt werden, wenn man beide Texte gesehen hat - die Urfassung und die abgedruckte. Bisher hab ich den ursprünglichen nirgends gesehen. Wie wäre es, wenn CJ diesen auf seine Website stellen würde, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann? Andernfalls ist das hier doch ne Schattendebatte.

 

"Das Problem ist dabei, dass Redakteure bei der Beauftragung häufig selber nicht so genau wissen, was für einen Text mit welcher These sie eigentlich haben wollen."

--- Problem?? Wieso denn das? Das ist doch genial: völlige Arbeitsfreiheit. Eine "These" verlange ich nie. Das wäre dann ja auch kein Journalismus, sondern - wie nennen wir das? - Lobbyismus? Meinungsmache? Kampagnenjournalismus? PR?

Nein, ich gebe den Auftrag, zu einem konkreten Thema/Anlass komplett ergebnisoffen(!) nachzuforschen und einen guten Text dazu abzuliefern. Was dann kommt, wird abgedruckt - sofern die Fakten stimmen und einem beim Lesen nicht die Augen zufallen. "Thesen" stelle ich höchstens dahingehend auf, dass man diese gerne auch widerlegen kann, sofern die recherchierten Fakten diese Widerlegung bestätigen.

 

"Aber es geht eben nicht, dass mein Text bis zur Unkenntlichkeit redigiert wird, und unter meinem Namen veröffentlicht wird."

--- D'accord!

 

"Was passiert also wenn ich als Autor von einem Interviewpartner verklagt werde, wegen eines Zitat-Fehlers den mir die Redaktion reinredigiert hat?"

--- Dann haftet die Redaktion, die ist ja auch V.i.S.d.P.

 

"Aufforderung an die Redaktionen, professioneller mit Texten umzugehen: Vorher klären, was man will[...]"

--- Nochmal: Da Journalismus ergebnisoffen sein muss(!), ist das nicht möglich. Kann höchstens für die "soft skills" (Spannend/langweilig etc.) gelten.

 

"Dazu kommt, dass Redaktionen diejenigen Autoren, die zuverlässige Qualität liefern eben auch entsprechend pflegen sollten."

--- D'accord!!! - und gar nicht weltfremd.

 

 

 

 

 

 

@ Wissenschaftsjournalist

1. Ja, stimmt schon, irgendwie ist "renommiert" ein blödes Wort. Aber es doch wohl klar, was das meint, oder? Das ist ein Magazin, das in der breiten Öffentlichkeit ein gutes Ansehen genießt ob seiner über einen längeren Zeitraum nachweisbaren Qualität. In diesem Sinne ist "Geo" renommiert und "BILD" nicht. Ein "junges Wald- und Wiesen-Blatt" kann also per definitionem nicht "renommiert" sein, eben weil es keiner kennt.

 

2. Natürlich können Redaktion und Autor vorher exakt gemeinsam klären, was die Redaktion will. Profis haben vorher ein Exposee abgeliefert, das Thema ist also anrecherchiert und damit ist klar, wohin die Reise gehen wird.

 

3. Das Briefing könne höchstens die "soft skills" (spannend/langweilig etc.) umfassen? Mit Verlaub: Das ist nicht nur sprachlich schief, sondern auch noch inhaltlich unsinnig. Niemals hat irgendjemand jemals irgendwo einen "langweiligen" Text bestellt. Und wenn doch, hat er völlig zu Recht einen solchen bekommen und danach hoffentlich seinen Arbeitsplatz verloren. "Spannend" und "langweilig" sind ebenjene "hohlen Blabla-Phrasen", die du selber beklagst. 

"Und zum Thema "falscher Autor beauftragt": Woher soll ich denn wissen, was irgendein Neueinsteiger draufhat? Klar, hinterher ist man immer schlauer."

--> Das trifft den Nagel auf den Kopf! Ich würde das nicht mal auf Neueinsteiger begrenzen. Vor einigen Wochen wollte ich einen Auftrag vergeben und habe in der DJV-Datenbank freier Journalisten einen Autor gefunden, dessen Fachgebiet genau passte und der zudem auch noch eine Fremdsprache spricht, deren Beherrschung für die Recherche von großem Vorteil war. Auf seiner Webseite sah ich, dass er mehrere Jahre Erfahrung und einige namhafte Referenzen hat. Unter anderem hat er an mehreren Artikeln im SPIEGEL mitgearbeitet (unter den Texten waren jeweils mehrere Autoren angegeben, darunter auch er.

Ich habe ihn also beauftragt - und einige Wochen später einen undruckbaren Text bekommen: logische Brüche, holprige Sätze, Rechtschreib- und Zeichenfehler en masse... Wenn ich so einen Text das erste Mal lese, bin ich nicht nur enttäuscht, sondern manchmal sogar geradezu beleidigt, weil ich mich Frage, ob mich hier jemand mit dem Produkt einer Auf-den-letzten-Drücker-Nachtschicht-Arbeit abspeisen will.

In diesem Fall möchte ich gern die Möglichkeit haben, den Text als "Steinbruch" zu begreifen und stilistisch und - wenn nötig - inhaltlich selbst zu überarbeiten. Meinetwegen kann der Autor sich dann am Ende aussuchen, ob sein Name drunter steht oder nicht, das fände ich in Ordnung.

Lieber Wissenschaftsjournalist/SH, schreiben Sie doch lieber im Laborjournal, da ist doch genug Platz.  

@ Konstantin Profiler: Den Kommentar verstehe ich nicht.

"Das Briefing könne höchstens die "soft skills" (spannend/langweilig etc.) umfassen? Mit Verlaub: Das ist nicht nur sprachlich schief, ... "

--- D'accord, liebe Margot. Allerdings schreibe ich hier, wie mir der Schnabel gewachsen ist - ist das nicht Sinn und Zweck eines Forums bzw. Blogs? Und es ist ja hoffentlich den meisten klar, was gemeint ist.

 

"... sondern auch noch inhaltlich unsinnig. Niemals hat irgendjemand jemals irgendwo einen "langweiligen" Text bestellt. Und wenn doch, hat er völlig zu Recht einen solchen bekommen und danach hoffentlich seinen Arbeitsplatz verloren. "Spannend" und "langweilig" sind ebenjene "hohlen Blabla-Phrasen", die du selber beklagst."

--- Hmja, auch hier gilt: es sollte schlicht klar sein, was mit dem Geschriebenen gemeint ist. War bei meinem vorigen Posting wohl nicht so. Mir fällt bloß gerade kein Ein-Wort-Synonym ein zu einem Text, der pfiffig ist, den man gerne liest, der überraschende Wendungen enthält, der neugierig auf den nächsten Absatz macht, der gut recherchiert ist und nicht zum x-ten Male das erzählt, was bereits anderswo erzählt wurde. Hm, vielleicht nennen wir sowas einfach einen GUTEN Text?

 

Aber egal. Mir fällt nur auf, dass hier im Forum einerseits eine Heile Welt beschrieben wird, bevölkert von freien Top-Profis, die pünktlich gute Texte abliefern. Die reale Welt sieht sehr, sehr anders aus. Vielleicht sollte manch einer hier auch mal Verständnis für die andere Seite des Schreibtischs mitbringen (nicht unbedingt für das, was GEO mit CJ gemacht hat; auch nicht für knickrige Verlage und Knebelverträge; nein, mehr so Verständnis für Redakteure im allgemeinen...). Denn jeder Redakteur war auch mal Freier, und die meisten haben sehr viel Verständnis für die Freien - viel mehr, als manch einer hier vermutlich glaubt.

Ein kleiner Seitenaspekt zur Qualitätsdebatte. Ich verfasste im Auftrag von GEO einmal für sehr gute Bezahlung eine reine Fantasiegeschichte. Der Redaktion lagen spektakuläre Fotos eines französischen Fotografen vor. Was fehlte, war ein Text. Ich schrieb eine abgesehen von den spärlichenen Angaben des Fotografen frei erfundene, nicht recherchierte Story. Sie spielte in Bhutan, das damals von der Außenwelt abgeschnitten war. Die Geschichte hieß „Die Straße der Tränen” und erschien mit der Autorenangabe „Text und Fotos von John Degret”, einem, soweit ich mich entsinne, fiktiven Namen. Ich glaube nicht, dass der Text durch die Dokumentation ging. Sein ihm innewohnendes Pathos erübrigte merkliche Redigaturen. Das war 1989, der Chefredakteur hieß Hermann Schreiber. Peter-Matthias Gaede war Chefreporter.

nach meiner Erfahrung kommt es leider häufig vor, dass Redakteur/innen auch Fehler in die Texte hineinredigieren. Wegen der permanenten Hektik in den unterbesetzten Redaktionen kommen die wenigsten dazu, den Autoren den Text nochmal zum Gegenchecken zu schicken. 

Lieber Reiner Luyken, dieses Geständnis ist ja ein Hammer. Wie hieß der Fotograf denn wirklich? John Degret ist ja schon seltsam genug für einen Franzosen, Jean wäre logischer. Zumindest wohnt in Mumbai ein Facebook-Mitglied dieses Namens. Im Bildnachweis auf Seite 220 steht allerdings ein Karl-Gustav Gruber als Urheber. Der ist wohl wirklich ein Komplett-Fake.

Noch eine Frage: Konnte man den wahren Monsieur Gruber-Degret nicht anrufen und fragen???

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