Über das Prinzip "Haltet den Dieb!"
Die vergangene Woche war die Woche der Urheberrechtsschützer. In der ZEIT feuerte Susanne Gaschke im Leitartikel eine Breitseite gegen die Internet-Piraten von Pirate Bay (23.4.), im Feuilleton-Aufmacher der FAZ schrieb der Initiator des „Heidelberger Appells“, Roland Reuß, einen abermaligen Appell an die Politik (25.4.). Tenor in beiden Texten: Wenn das Urheberrecht fällt (oder nicht beachtet wird), ist „unsere Kultur“ (respektive das Abendland) in Gefahr. Dann werden die Produzenten geistiger Güter schutzlos, rechtlos – und vielleicht sogar obdachlos.
Möglicherweise ist diese Einschätzung ein wenig pathetisch, aber grundsätzlich kann man beiden Autoren nur zustimmen. Die eine ist eine wohlbestallte Redakteurin, der andere ein Hochschulprofessor mit gutem Gehalt vom Staat.
Das mag vielleicht der Grund sein, warum beide eine seltsam naive Auffassung von den Realitäten haben. Sie glauben offenbar, die Paragraphen des Urheberrechts würden hierzulande die Autoren vor Ausbeutung schützen. Reuß etwa zitiert zur Untermauerung seiner Streitschrift den Paragraphen 12 UrhG: „Der Urheber hat das Recht zu bestimmen, ob und wie sein Werk zu veröffentlichen ist.“ Und mit Blick auf Google schreibt er: „Man kann sich nur wundern, wie der Gedanke populär werden konnte, dass man sich um die Geltung dieses Satzes nicht weiter kümmern müsse und urheberrechtlich geschützte Werke in einer Form publiziert werden, die der Autor nicht wünscht.“
Gaschke und Reuß verdrängen, dass die Realität für – freie – Autoren anders aussieht. Ihnen werden Verträge diktiert, die ihnen sämtliche Rechte abkaufen, und zwar inhaltlich, räumlich und zeitlich unbeschränkt. Die Urheber dürfen weder Beschränkungen geltend machen, noch haben sie Einfluss darauf, wo, wann und in welcher Form ihre Beiträge erscheinen. Man nennt solche Verträge in der Branche "Total-Buy-Out"-Verträge, denn es sind keine normalen Verträge, in die beide Seiten ihre Interessen einbringen. Es sind Diktate nach dem Motto: Friss oder stirb!
Roland Reuß und Susanne Gaschke leben sicher nicht in einem Wolkenkuckucksheim. Sie müssten die Autoren-Verträge von FAZ und ZEIT also kennen. Wir sind deshalb sehr gespannt, ob sie die Urheberrechte freier Autoren bei den Verlagen ebenso mutig und entschlossen einfordern wie in ihren flammenden Appellen an die Berliner Politik.
Kommentare
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