Markenbildung: Mit Selbsterkenntnis zum Erfolg
Viele freie Journalisten träumen diesen Traum: Sie unterhalten sich auf einer dieser Medienpartys, und jemand stellt ihnen die „Und was machen Sie so?“-Frage. Dann schauen sie extrem cool ins Partygewühl und sagen: „Ich bin freier Journalist.“ Worauf der andere aufgeregt gluckst: „Das ist ja irre spannend, so jemanden suche ich gerade. Ich bin nämlich Redakteur bei ZeitGeoSpiegelStern. Könnten Sie vielleicht morgen für uns nach Hongkong fliegen?“ Genau das passiert natürlich nicht.
„Freier Journalist“ ist als Berufsbezeichnung so attraktiv wie „Projektassistentin im Gebäudereinigungsmanagement“ oder „Bauschreiner“. Eine Marke ist es schon gar nicht. Sie als freier Kollege/freie Kollegin brauchen aber eine Marke – ihre Marke. Marken sorgen für Übersicht auf unübersichtlichen Märkten. Und wenn es einen unübersichtlichen Markt gibt, dann den für freien Journalismus: 20.000 Journalisten, vom Hobbyschreiber bis zum Wortkünstler. Extrem viele Themen, Mediensparten und Beitragssorten, zu schweigen vom Qualitätsniveau. Ihre Marke macht Sie mitten in diesem Gewusel erkennbar.
Gute Ausbildung und Talent reichen leider nicht
Zeigen Sie Profil! Holen Sie sich das Interesse potenzieller Kunden – zum Beispiel beim Partyplausch mit ZeitGeoSpiegelStern. In 20 Sekunden müssen Sie rüberbringen, was Sie als freien Journalisten ausmacht, was Sie von den anderen unterscheidet und warum es sich lohnt, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Legen Sie deshalb eine Mini-Präsentation in drei Schritten hin:
1. Kernsatz
2. Erläuterung
3. Veranschaulichung
Zum Beispiel so: „Ich bin Printjournalistin und habe das Büro TravelPort in Berlin gegründet. Ich schreibe Reisereportagen mit Schwerpunkt Service.“ Und, nach einer Reaktion Ihres Gesprächspartners oder einer kurzen Pause: „Für meine Kunden bin ich sowas wie die Nutzwert-Tante mit den spannenden Reisestorys.“ Merken Sie den Unterschied zu „Ich bin freie Journalistin“? ZeitGeoSpiegelStern wird Ihnen zwar nicht um den Hals fallen, hat aber auch keinen Anlass den „Na ja, hat’s eben nicht geschafft, die Kleine“-Blick aufzusetzen. Sie haben zwar keine leuchtende Medienmarke auf Ihrer Visitenkarte, aber immerhin einen eigenen Auftritt mitsamt Marke, Geschäftskonzept und Nutzenversprechen für den Kunden. Sie reden also AUF AUGENHÖHE mit dem RedakteursKOLLEGEN von ZeitGeo... Sie stehen nicht um Aufträge Schlange, sondern sind ein möglicher GeschäftsPARTNER. Aber ich bin doch einfach nur freier Journalist, sagen Sie jetzt vielleicht. Ich habe 'ne prima Ausbildung, kann recherchieren, schreibe gute Texte – reicht das nicht? Leider nicht.
Mit einer Ausnahme: Sie haben Edelfeder-Status: Ihnen eilt der Ruf voraus, dass Sie aus jedem Thema eine Geschichte machen, von der man noch lange spricht. Wenn Sie Edelfeder-Status haben, dann sagen Sie auf der Party nur: „Mein Name ist Anton Müller, ich arbeite frei.“ Worauf ZeitGeoSpiegelStern haucht: „Ach, das sind SIE.“ Läuft das bei Ihnen so? Wenn nicht, dann stellen Sie sich bitte folgende Fragen:
Spezialisierung: Welche Themenfelder haben Sie gut drauf? Was interessiert Sie brennend? Welche Gattungen und Stilformen liegen Ihnen? Welche Ausspielkanäle beherrschen Sie perfekt (Text, Ton, Bewegtbild, Blog etc.)?
Profilierung: Wie unterscheiden Sie sich von der Konkurrenz? Was machen Sie anders? Warum wird man sich an Sie erinnern? Was ist Ihr Anliegen oder – eine Nummer größer – Ihre Mission?
Marktorientierung und unternehmerisches Denken: Haben Sie wirklich schon akzeptiert, dass Sie Unternehmer sind? Bemühen Sie sich ernsthaft, Ihre Wünsche und Kompetenzen mit dem Markt und der aktuellen Nachfrage in Einklang zu bringen? Sind Sie bereit, Kompromisse einzugehen, um auf dem Markt zum Zuge zu kommen?
Wenn Sie diese Selbsterforschung betrieben haben (oder sich dafür einen Coach leisten), stellen Sie sich nicht mehr auf eine Party und sagen: „Ich bin freier Journalist.“ Sie stellen Sich als „Reisestory-Nutzwert-Tante“ vor oder als „der seriöse Promi-Experte mit dem Psychodreh“ oder als „Fachjournalistin Stahl und Maschinenbau“ oder als „Porträtspezialist für Kundenmagazine“ – was auch immer, Hauptsache, Sie zeigen, dass Sie Ihren Markt kennen und auf diesem Markt ein ernstzunehmender Akteur sind.
Niemand vergibt gern Aufträge aus Mitleid
Menschen arbeiten lieber mit starken Partnern zusammen. Niemand vergibt gern Aufträge aus Mitleid. Jeder prüft vorher, ob die Zusammenarbeit ihm wirklich nützt. Schauen Sie also nicht in die Partymenge, schauen Sie Ihrer Medien-Bekanntschaft in die Augen und sagen Sie „Ich arbeite in einem Journalistenbüro, das auf Komplettlösungen spezialisiert ist.“ Oder: „Ich liefere Netzkolumnen und Podcasts für zwölf Regionalzeitungen.“ Das wäre nicht nur stärker als „Bauschreiner“, sondern auch um Längen besser als „freier Journalist“. P.S.: Und was tun, wenn ein Gesprächspartner sagt: „Schade, dann können wir nicht zusammenarbeiten, mit dem Bereich habe ich nichts zu tun“? Dann lächeln Sie ihn gönnerhaft an und sagen: „Ich wollte sowieso mal wieder nach Hongkong.“
Christian Sauer
Der Autor coacht Medienprofis und berät Medienunternehmen. Er betreibt seit 2006 das Büro Christian-Sauer.net (www.christian-sauer.net) in Hamburg. Zuvor war er 15 Jahre Reporter, Redakteur und Redaktionsleiter, zuletzt stellvertretender Chefredakteur bei „chrismon“. Er ist Autor des Ratgebers „Souverän schreiben. Klassetexte ohne Stress: Wie Medienprofis kreativ und effizient arbeiten“, Frankfurt/Main: FAZ-Buch 2007.
Literaturtipps:
Buschardt, Tom: Ratgeber Freie Journalisten. Ein Handbuch, Berlin: Vistas: 4., neubearb. u. erw. Aufl. Februar 2003
Haller, Michael u.a.: Mehrfachverwertung: Wenn das Honorar aus vielen Quellen sprudelt, sage und schreibe-Werkstatt Januar 2000
Hirschler, Michael/ Pöppelmann, Benno H./ Kühl, Helge/ Mühleisen, Stefan: DJV-Handbuch für Freie. DJV-Wissen 8, 2007 Hofert,
Svenja: Erfolgreich als freier Journalist, Konstanz: UVK 2003
Langer, Ulrike: Medium-Magazin Journalisten-Werkstatt Marktstrategie für Freie, Freilassing: Oberauer 1999
