Die neue Rolle freier Journalisten
Einen der ersten freien Journalisten hat Thomas Mann in seinem vierbändigen Roman „Joseph und seine Brüder“ verewigt: Naphtali, sechster Sohn des biblischen Jakob, sorgte dafür, dass Informationen frei zirkulieren können, er ließ die Gesellschaft miteinander kommunizieren, ohne dass die miteinander hätte sprechen müssen, und überwand so soziale wie zeitliche Hürden.
Naphtali erhielt dafür kein Honorar, er musste sich nicht mit Nutzungsbedingungen für den Umgang mit seiner Arbeit beschäftigen und auch nicht damit, dass andere versuchten, damit Geld zu verdienen. Der Beruf, den Naphtalis Nachfolger ausüben, ist für den Medienmarkt unverzichtbar geworden. In Zeiten, in denen Redaktionen immer weiter ausgedünnt werden, sind vor allem sie es, die die Inhalte für Zeitungen und Magazine, für Hörfunk- und Fernsehsendungen liefern.
Freie Journalisten – Es werden immer mehr
Der Anteil, der von Freien kommt, ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden und wird auch in Zukunft steigen. Denn während der Alltag der Kollegen in vielen Redaktionen mittlerweile vor allem aus Konferieren, Organisieren und Redigieren besteht, kommen die Reportagen, Porträts und Berichte von den Freien. Wer tun möchte, was den Beruf des Journalisten so spannend und reizvoll macht – Menschen beobachten, Interviews führen und die Essenz daraus in einen Text gießen –, kann das oft nur noch, wenn er frei arbeitet.
Viele Kollegen beschließen deshalb bewusst, sich selbstständig zu machen. Mit dieser Entwicklung geht eine zunehmende Professionlisierung einher. Viele Freie begreifen sich als Journalistenunternehmer, sie schließen sich zu Netzwerken zusammen und gründen Büros mit gemeinsamem Namen, einheitlichen Visitenkarten und Emailadressen, um sich in einem härter werdenden Markt besser behaupten zu können.
Denn die Kehrseite ihrer Freiheit ist: In einem sich umwälzenden Medienmarkt werden die Bedingungen, unter denen Freie arbeiten, immer härter. Die Honorare sind seit Jahren entweder nicht gestiegen oder wurden gar gesenkt. Die Verlage sichern sich in ihren Geschäftsbedingungen sämtliche Verwertungsrechte, ohne die Freien an den Erlösen zu beteiligen, die ihre Arbeit einbringt.
Eingebunden zu sein in ein Netz von Kollegen, bedeutet aber nicht nur, den Widrigkeiten nicht hilf- und machtlos ausgesetzt zu sein. Der ständige Austausch schärft zudem die Sinne dafür, auf die Veränderungen des Marktes im Stile von Unternehmern zu reagieren. Von Zeitungen allein kann kaum ein Freier leben. Die Folgen der Strukturkrise der Medien werden von Dauer sein.
Früher Bodensatz heute Nährschlamm
Vor allem Zeitungsverlage werden nicht so viel erwirtschaften können, dass freie Journalisten allein davon leben könnten, für Tageszeitungen zu schreiben. Schon jetzt sind die Honorare vielerorts so niedrig, dass sie über das Niveau einer Aufwandsentschädigung kaum hinausgehen. Aber auch im Magazinmarkt und beim Rundfunk reicht es nicht aus, sich allein auf den Verkauf von Inhalten zu beschränken. Viele Freie erschließen sich deshalb neue Geschäftsfelder. Sie bauen sich ein zweites Standbein im Bereich der PR auf, sie übernehmen regelmäßige Schichten in Redaktionen, die ohne den Einsatz von Freien oft gar nicht mehr arbeitsfähig wären, und stricken an Konzepten, um ihre Inhalte unabhängig von den Verlagen vermarkten zu können. Und sie tun das gern.
Denn trotz aller ökonomischen Schwierigkeiten verschafft ihnen ihr Beruf oft eine Befriedigung, die am Redakteursschreibtisch kaum noch aufkommt. Früher seien freie Journalisten der Bodensatz im deutschen Medienmarkt gewesen, sagt der Hamburger Dozent und Berater Christian Sauer. „Heute sind sie der Nährschlamm.“ Das ist eine gute Ausgangsbasis dafür, in diesem Beruf dauerhaft erfolgreich zu arbeiten – wenn man ihn wirklich professionell betreibt. Was dazu notwendig ist, illustrieren die Beiträge auf dieser Seite.
Kai Schächtele
Linktipps:
Honorardatenbank: Mediafon, Verdis umfangreiche Sammlung von Honorarsätzen von Zeitungen und Zeitschriften, die man auch selbst weiter bestücken sollte.
Zweitverwertungs-Möglichkeit: Combox ist eine Plattform zur Vermarktung von Texten. Dabei können die Autoren die Honorare selbst mit den Verlagen ausmachen. Die Kosten sind überschaubar, die Einnahmen leider auch.